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Freitag, 11. Oktober 2013

Geht doch: Deutschland treibhausgasneutral bis 2050

Ein treibhausgasneutrales Deutschland ist möglich, stellt das Umweltbundesamt in einer aktuellen Untersuchung fest. Schon mit heute verfügbaren Technologien lassen sich die Emissionen um 95 Prozent verringern.

Es ist keine Utopie, sondern machbar. Die Deutschen könnten ihren Treibhausgasausstoß massiv reduzieren, um fast 100 Prozent bis zum Jahr 2050 gegenüber 1990. Anlässlich eines zweitägigen Kongress in Berlin stellt das Umweltbundesamt (UBA) eine Studie vor, mit der sie das Szenario einer beinahe vollständig klimaneutralen Industrienation durchgerechnet hat - dessen Beispiel sich durchaus auf andere Industrienationen übertragen lasse.

Von heute über zehn Tonnen CO2-Äquivalent pro Kopf und Jahr könnten die Deutschen ihre Treibhausgasproduktion auf weniger als eine Tonne reduzieren. Das entspricht einer Reduzierung um 95 Prozent gegenüber dem internationalen Bezugsjahr 1990. Entscheidend sei der Energiesektor: Weil der heutige Ausstoß zu 80 Prozent durch Strom, Wärme und herkömmliche Kraftstoffe verursacht wird, der Verbrauch aber bis 2050 um 50 Prozent gegenüber 2010 vermindert werden könnte und vollständig durch erneuerbare Energien gedeckt werden, ließen sich mehr als Dreiviertel der Emissionen vermeiden und die Deutschen könnten dennoch auf teure Risikotechnologien wie Atomkraft und CO2-Verklappung im Untergrund verzichten, betonte UBA-Präsident Jochen Flasbarth bei der Präsentation der UBA-Studie Treibhausgasneutrales Deutschland 2050.

Vollständig regenerativ ist Voraussetzung

Doch 95 Prozent weniger Treibhausgasemissionen seien nur möglich, wenn alle Sektoren einen Beitrag leisten. Neben dem Energiesektor (inklusive Verkehr) sind Industrie, Abfall- und Abwasserwirtschaft sowie Land- und Forstwirtschaft gefragt. Die Emissionen der Landwirtschaft und aus bestimmten Industrieprozessen lassen sich leider nicht vollständig vermeiden. Daher ist eine vollständig regenerative Energieversorgung das Kernstück des UBA-Szenarios – und zwar sowohl für die Strom-, als auch für die Wärme- und Kraftstoffversorgung. Für das Jahr 2050 setzt das UBA vor allem auf Wind- und Solarenergie. Keine Zukunft hat dagegen die so genannte Anbaubiomasse: „Statt Pflanzen wie Mais und Raps allein zum Zweck der Energieerzeugung anzubauen, empfehlen wir auf Biomassen aus Abfall und Reststoffen zu setzen. Diese stehen auch nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion“, sagte Flasbarth.

Wärme und Treibstoff aus Strom

Zentral für eine fast treibhausgasneutrales Deutschland ist, den künftig zu 100 Prozent erneuerbar erzeugten Strom in Wasserstoff, Methan und langkettige Kohlenwasserstoffe umzuwandeln. Bei diesen Power-to-Gas und Power-to-Liquid genannten Verfahren wird Solar- und Windstrom genutzt, um mittels Elektrolyse von Wasser und weiterer katalytischer Prozesse das Gas Methan oder flüssige Kraftstoffe herzustellen. Diese können dann als Ersatz für Diesel oder Benzin genutzt werden, ebenso als Ersatz für Erdgas zum Heizen von Wohnungen eingesetzt sowie als Rohstoffe in der chemischen Industrie dienen. Erste erfolgreiche Pilotprojekte zu dieser Technik gibt es bereits in Deutschland. Allerdings ist dieser Prozess mit hohen Umwandlungsverlusten verbunden und derzeit noch teuer. Weitere Forschung – auch zu anderen Optionen bei der Mobilität und Wärmeversorgung – ist nötig.

Wenig Verkehr, individuell elektrisch

Der Verkehrssektor verursacht heute rund 20 Prozent der Klimagase. Diese können bis zum Jahr 2050 auf null sinken. Ganz wichtig dazu ist, unnötigen Verkehr überhaupt zu vermeiden. Nicht vermeidbare Mobilität sollte möglichst auf Fahrrad, Bus und Bahn verlagert werden. Bei Pkw und Lkw muss zudem die technische Effizienz der Fahrzeuge deutlich besser werden. Der wesentliche Schlüssel für null Emissionen im Verkehrssektor ist die Umstellung auf erneuerbare Energien: „Autos werden im Szenario des Umweltbundesamtes für das Jahr 2050 knapp 60 Prozent der Fahrleistung elektrisch erbringen. Flugzeuge, Schiffe und schwere Lkw werden in Zukunft zu einem großen Teil weiterhin auf flüssige Kraftstoffe angewiesen sein – dann aber als klimaverträglich hergestellte, synthetische Flüssigkraftstoffe, hergestellt im Power-to-Liquid-Verfahren.“, sagte Flasbarth. Ob und in welcher Form die strombasierten Kraftstoffe dann für einzelne Verkehrsträger bereitgestellt werden können, bedarf der weiteren Forschung.

Industriewärme aus regenerativem Gas

Sämtliche Raum- und Prozesswärme für die Industrie wird laut UBA-Szenario bis zum Jahr 2050 aus erneuerbaren Strom und regenerativ erzeugtem Methan erzeugt. Hierdurch sinken die energiebedingten Treibhausgasemissionen vollständig auf null. Die prozess- bzw. rohstoffbedingten Treibhausgasemissionen sinken immerhin um 75 Prozent auf etwa 14 Millionen Tonnen. Die heute sehr stark erdölbasierte Rohstoffversorgung der chemischen Industrie müsste dazu auf regenerativ erzeugte Kohlenwasserstoffe umgestellt werden; so entstünden künftig fast keine Treibhausgasemissionen etwa bei der Ammoniakherstellung oder anderen chemischen Synthesen.

Noch mehr Methan aus Abfall

Die Emissionen aus dem Sektor Abfall und Abwasser sind bis heute schon stark gesunken und liegen laut UBA im Jahr 2050 bei nur noch drei Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Nötig wäre dazu, noch mehr Deponiegase zu erfassen und in Blockheizkraftwerken zu nutzen. Auch eine bessere Belüftung von Kompostanlagen für Bioabfall kann künftig noch stärker helfen, dass sich kein klimaschädliches Methan in den Anlagen bildet.

Weniger Tiere essen

Der größte Emittent im Jahr 2050 könnte die Landwirtschaft mit 35 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten sein. Da technische Maßnahmen alleine nicht ausreichen, um diese Minderung zu erreichen, ist es notwendig, den Tierbestand vor allem der Wiederkäuer zu verringern.

Möglich- und Notwendigkeiten

Das Umweltbundesamt ist in seinem Szenario davon ausgegangen, dass Deutschland im Jahr 2050 weiterhin eines der führenden Industrieländer der Welt ist. Die Studie stellt nur ein technisch mögliches Szenario dar – und ist keine sichere Prognose dessen, was kommen wird. Dargestellt wird eine technisch mögliche Zukunft im Jahr 2050. Der Transformationspfad von heute bis 2050 wird ebenso wenig betrachtet, wie ökonomische Fragen zu Kosten und Nutzen. Außerdem wurde angenommen, dass das Konsumverhalten der Bevölkerung sich nicht grundlegend ändert. Mit klima- und umweltfreundlicheren Lebensstilen ließen sich die Klimaschutzziele deshalb natürlich noch leichter erreichen.

Die 95-prozentige Treibhausgasminderung leitet sich aus Erkenntnissen der Wissenschaft ab. Auf diesen Erkenntnissen basiert auch die internationale Vereinbarung, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf maximal 2 Grad zu begrenzen. Dazu muss der weltweite Ausstoß an Klimagasen bis zur Mitte des Jahrhunderts um 50 Prozent sinken, für die Industrieländer entspricht das um 80-95 Prozent weniger als 1990. Entsprechende Klimaschutzziele haben sich Deutschland und die EU gesetzt.

Wie und dass Szenarien funktionieren, haben wir schon im factory-Magazin Vor-Sicht zu Visionen und Utopien und möglichen Zukünften beschrieben. In Was wäre wenn beschreibt Klaus Dosch wie die Szenariotechnik große und kleine Zukunftsmöglichkeiten vorstellbar machen.



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Kommentare

15. Oktober 2013 um 15:10 Uhr | factory editor

You can download it here: http://www.uba.de/sites/default/files/medien/376/publikationen/hintergrundpapier_thgnd_englisch_lang.pdf

14. Oktober 2013 um 23:10 Uhr | Gelcon Limited

Please send me the English version of the above Green House projects.


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