• Titel der Zusammenfassung des WBGU-Gutachtens 2016 zum UN-Gipfel Habitat III
Mittwoch, 27. April 2016

Die Welt zieht in die Städte: Urbanisierung nachhaltig gestalten

Wenige Tage nach der Unterzeichnung des Paris Abkommens hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ein Gutachten vorgelegt, das die ressourcen- und klimarelevanten Auswirkungen der globalen Urbanisierung beschreibt – und Lösungen für ihre Begrenzung vorschlägt.

Weltweit leben heute etwa 50 Prozent der Menschen in Städten. 2050 werden es vermutlich 70 bis 80 Prozent sein. In Deutschland sind es heute schon so viel. Das bedeutet, dass mehr als zwei bis drei Milliarden Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte weltweit vom Land in die Städte drängen. Die Einwohnerzahl der globalen Slums wird sich mit dieser größten Migrationsbewegung unserer Zeit verdoppeln. Die Wucht dieses Urbanisierungsschubs ist der zentrale Treiber globalen Wandels im 21. Jahrhundert. Das zeigt das in dieser Woche vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) übergebene Gutachten „Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte“.

Denn Städte tragen unverhältnismäßig stark zum Ausstoß von Treibhausgasen bei, global mehr als zwei Drittel. Gleichzeitig werden sie von den Folgen der globalen Erwärmung besonders hart getroffen. Städtebauer und Politik haben deswegen eine besondere Verantwortung. Statt auf immer mehr Verdichtung sollten sie auf die Entwicklung in der Region setzen: Statt wuchernder Megastädte viele Mittelzentren, das steigert die Widerstandsfähigkeit gegen Krisen und senkt den Druck auf örtliche Ressourcen wie Wasser oder Landressourcen, empfehlen die Gutachter.

„Das Wachstum der Städte ist so ungeheuer, dass es dringend in neue Bahnen geleitet werden muss“, sagt der WBGU Ko-Vorsitzende Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Schon im Interview zum factory-Magazin Handeln betonte Messner, dass die Städte aufgrund ihres hohen Anteils an Emissionen auch zu den Hauptakteuren der globalen Klimaschutzpolitik gehören. Hinzu kommt der Ressourcenaufwand für den Neubau: Würden in den Städten der Entwicklungs- und Schwellenländer immer neue Siedlungen mit Zement und Stahl gebaut, könnte allein die energieaufwändige Herstellung dieses Baumaterials bis 2050 soviel Treibhausgase freisetzen, dass damit das weltweite Emissionsbudget unter dem 1,5 °C Ziel bereits beinahe aufgebraucht wäre. Dabei gibt es Alternativen, etwa den Bau mit Holz und anderen natürlichen Baumaterialien, wie zum Beispiel nach dem Cree-Konzept der österreichischen Holzhausbauer Rhomberg. „Ohne entschlossenes politisches Handeln und internationale Zusammenarbeit würden durch den Ressourcenbedarf und den CO2-Ausstoß des Städtebaus die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit gefährdet“, warnt Messner.

Streben nach Nachhaltigkeit in Metropolen und Slums 

Dabei geht es auch um die Lebensbedingungen der Menschen in den Städten. Bereits heute leben mehr als 850 Millionen Menschen in unzumutbaren Wohnverhältnissen. In Afrika südlich der Sahara wohnen rund zwei Drittel der Stadtbevölkerung in Slums, in Asien etwa ein Drittel. In Asien und Afrika ist der Urbanisierungsdruck besonders stark, 90 Prozent des Wachstums der globalen Stadtbevölkerung werden hier erwartet. Die aktuellen Fluchtbewegungen zeigen, wie schwer es selbst wohlhabenden Staaten fällt, raschen Zuzug in ihre Städte zu bewältigen. Bis 2050 könnte sich die Zahl der in unzumutbaren Wohnverhältnissen lebenden Menschen um 1 bis 2 Milliarden erhöhen. 

„Daher müssen besonders die Lebensbedingungen der Ärmsten in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung rücken“, so Messner. Diesen fundamentalen Perspektivwechsel der urbanen Agenda will der WBGU auf der anstehenden UN-Konferenz Habitat III anstoßen. Das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen HABITAT wird von alle 20 Jahre seit 1976 stattfindenden Konferenzen bestimmt. Die dritte Konferenz findet vom 17. bis 20. Oktober 2016 in Quito in Ecuador statt, dabei wird es besonders um die nachhaltige Urbanisierung gehen.

„Eine Stadt wie Hong Kong in ihrer extremen Verdichtung ist nur lebensfähig, weil sie Erdöl, Metalle, Lebensmittel aus dem Umland und der ganzen Welt aufsaugt, verdaut und die Rückstände wie Müll, Schmutzwasser, Abgase ins Umland ausstößt“, erklärt Hans Joachim Schellnhuber, WBGU Ko-Vorsitzender und Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Die Dezentralität der Erzeugung erneuerbarer Energien, der Kreislaufwirtschaft und auch etwa der digitalen Ökonomie ermöglicht aber die Entdichtung – und erfordert diese teils. Die polyzentrische Integration in Regionen wie das sich neu erfindende deutsche Ruhrgebiet oder die San Francisco Bay Area können Modelle für Urbanität der Zukunft sein.“ 

Globale Bedingungen für nachhaltige Stadtgesellschaften schaffen 

Im Gegensatz zur großen Bedeutung des Themas Urbanisierung für die Transformation zur Nachhaltigkeit sind die entsprechenden internationalen Institutionen nur schwach aufgestellt. 

Um die Auseinandersetzung mit Urbanisierung und Transformation weltweit zu intensivieren, sollten sich die G20 des Themas dauerhaft annehmen. Dabei kommt der deutschen Bundesregierung mit ihrer G20-Präsidentschaft 2017 eine Schlüsselrolle zu. Sie sollte das Thema auf die Agenda setzen. 

Das UN-Programm für Siedlungswesen (UN-Habitat) sollte reformiert und gestärkt werden, so dass dessen Gestaltungsmöglichkeiten und Wirkmächtigkeit mindestens auf Augenhöhe mit Programmen wie UNEP sind. 

Regelmäßige wissenschaftliche Sachstandsberichte würden helfen, in der internationalen Staatengemeinschaft das Bewusstsein für Urbanisierung zu fördern und den bestehenden Handlungsbedarf für die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit zu präzisieren. Ein solcher Ausschuss könnte, ähnlich wie der Weltklimarat (IPCC), eine integrierte Begutachtung des wissenschaftlichen Sachstands zur globalen Urbanisierungsdynamik durchführen. 

Ausgewählte Kernempfehlungen für urbane Transformationsfelder 

Klima und Ressourcen  

  • Alle fossilen CO2-Emissionsquellen in Städten bis 2070 durch Alternativen ersetzen und Energieverbrauch senken, etwa auch durch dezentrale Solaranlagen in informellen Siedlungen; dabei die Verkehrssysteme ebenfalls vollständig dekarbonisieren, vor allem durch die Stadt der kurzen Wege mit Durchmischung von Wohn- und Arbeitsviertel sowie durch den massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs;
  • Anpassung an den Klimawandel vorantreiben, vulnerable Zonen in Städten identifizieren und ihre Bebauung vermeiden, informelle Siedlungen klimaresilient umgestalten;
  • Kreislaufwirtschaft in den Städten etablieren, nicht nur etwa bei Elektroschrott, sondern auch beispielsweise im Baurecht durch Vorschriften zur Rückbaubarkeit und Recyclingfähigkeit von Gebäuden. 

Menschenorientierte Städte  

  • Ungleichheiten zwischen Arm und Reich abbauen durch Neuorientierung des Städtebaus an den Bedürfnissen der 30 bis 40 Prozent Einkommensschwächsten; zugleich muss der zunehmenden Konzentration von Grundbesitz und Vermögen entgegengewirkt werden, etwa durch steuerliche Regelungen;
  • Eine sektorübergreifende Perspektive für die Stadtgesundheit entwickeln, die die Bekämpfung von Stressoren und Umweltschutz mit dem Erhalt und Ausbau gesunder urbaner Lebensräume verbindet;
  • Die städtische Flächennutzung an eine Gemeinwohlverträglichkeitsprüfung binden und Immobilienspekulation eindämmen. 

Städte und internationale Politik 

  • Stadtgesellschaften als politische Akteure global anerkennen und stärken, etwa durch Rederecht;
  • Auf nationaler Ebene die Selbstbestimmungsrechte von Städten ausbauen und Beteiligung der Bevölkerung an lokalen Entscheidungsprozessen stärken;
  • Entwicklungsfinanzierung international stärker auf die Städte und an Nachhaltigkeitskriterien ausrichten. 

Forschung 

  • Stärkung nationaler und internationaler Forschung zur nachhaltigen Gestaltung des Jahrhunderts der Städte.
  • Einrichtung eines Max-Planck-Instituts für urbane Transformation, um die Forschung zum Thema weiter voranzutreiben sowie Einrichtung globaler urbaner Reallabore.

Mit welchen Auswirkungen Städte aufgrund des steigenden Meeresspiegels rechnen müssen und wie sie sich dagegen schützen wollen, zeigen zwei Beiträge im factory-Magazin Baden gehen, das kostenlos zum Download zur Verfügung steht. Im factory-Magazin Handeln spricht Dirk Messner über Städte als Klimaakteure und welche Wirkung der Umbau der Städte hat (auch online).

Quelle: www.wbgu.de
Weitere News: Dirk Messner im Interview in DIE ZEIT



Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 4.0 von 5. 1 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.

« 2015 erstmals mehr als 400 ppm CO2 in der Atmosphäre
« News

Kommentare

14. Juni 2016 um 13:06 Uhr | Dietmar Webing

Die Langfassung des Gutachtens steht nun zum Download bereit: http://wupperinst.org/a/wi/a/s/ad/3499


Kommentar hinzufügen






  • drucken
 
© 2018 factory - Magazin für nachhaltiges Wirtschaften