• Sighard Neckel, Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. Bild: Sighard Neckel Privatfotosammlung, Wikipedia

Mittwoch, 14. August 2013

Die Utopie beginnt jetzt

Der Kapitalismus lässt sich auch durch Reformen nicht zähmen, nur mit lokal gelebten Gesellschaftsänderungen lassen sich "reale Utopien" verwirklichen. Sagt der Frankfurter Soziologe Sighard Neckel in seinem Zwischenruf für das Denkwerk Zukunft.

Wir leben in einer vierfachen Krise, die jede Aussicht auf einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel scheinbar verstellt. Ökonomisch zeigt die Finanzkrise des europäischen Staatensystems, dass die unbegrenzte Expansion von Märkten, Gewinnen und Konsum in das Desaster einer rettungslosen Verschuldung mündet. Ökologisch führt das ökonomische Wachstumsregime zur Vernutzung der Biosphäre und ihrer Ressourcen. Sozial scheitern zahlreiche Bevölkerungsgruppen daran, den Gefahren wirtschaftlicher Deklassierung zu entgehen, während sich im Erschöpfungssyndrom des Burnout die Auszehrung individueller Kräfte manifestiert, im Wettbewerb um Lebenschancen durchhalten zu können. 

Trotz dieser Krisenkonzentration scheint eine Politik gesellschaftlicher Veränderung heute kaum zu überzeugen. Nur wenige Menschen versprechen sich von einem abrupten "revolutionären" Wandel eine bessere Welt. Eher im Gegenteil. Aber auch der "reformerische" Versuch, den Kapitalismus zu "zähmen", ließ zumeist nur Enttäuschung zurück. Doch haben sich überall (nicht nur) in den westlichen Ländern Projekte "gelebter Alternativen" entwickelt, die der amerikanische Soziologe Erik Olin Wright "Real Utopias" nennt. Solche Utopien einer anderen Wirklichkeit streben eine "lokale" Gesellschaftsveränderung an, den Aufbau von Lebens- und Arbeitsformen, die sich den Krisenprozessen entziehen und widersetzen. Solidarische Ökonomien (auch neue Banken!) entstehen. Grundlegende ökonomische Prinzipien wie Gegenseitigkeit und Subsistenz werden (wieder)entdeckt. Neue Kollektivgüter entstehen und Millionen von Menschen beteiligen sich weltweit an einer Ökonomie der Gabe, die den freien Zugang zu Musik, Filmen, Daten, Software und Informationen betreibt. Tauschbörsen, Regionalhandel und nachhaltige Produzenten verwandeln alltägliche Praktiken. Solche "realen Utopien" verändern die Gesellschaft in dem Maße, wie sie andere Wirklichkeiten schaffen und somit Alternativen zu dem, was sich als unveränderlich begreift. Die Utopie beginnt jetzt. 

Sighard Neckel ist Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. und Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung. Sein Zwischenruf wird von der Stiftung Denkwerk Zukunft verbreitet.

Mehr zu Utopien, Zukünften, Visionen und Vorsehungen lesen Sie im factory-Magazin Vorsicht oder in einigen Beiträgen daraus online.



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