Dienstag, 28. Februar 2017

Die Strompreise müssen die regionale Wahrheit sagen

Die Stromerzeugung der Zukunft wird weitgehend eine dezentrale sein. Eine zentrale Steuerung, stärkerer Netzausbau und ein einheitlicher Großhandelspreis sind jedoch weder ökonomisch noch ökologisch die richtigen Systemlösungen dafür. Regionale Stromerzeugung brauche auch regionale Märkte und Preise, schlägt der Thinktank Agora Energiewende vor.

Stromerzeugung in Deutschland ist seit der Energiewende nicht länger eine Sache von Energiemonopolisten und ihren Großkraftwerken. Während es noch in den 1990er Jahren lediglich eine dreistellige Anzahl von Kraftwerken gab, die ganz Deutschland mit Strom beliefert haben, gibt es heute bereits mehr als 1,5 Millionen Solarstromerzeuger. Windkraft- und Photovoltaikanlagen sind über das ganze Land verteilt und in der Hand von Hausbesitzern, Genossenschaften, Unternehmen und Beteiligungsgesellschaften. Die Digitalsierung macht es möglich, dass dezentrale Anlagen und unterschiedliche Verbrauchernachfragen relativ kostengünstig zusammenarbeiten können. "Dezentralität wird also dauerhaft ein neues Strukturmerkmal der Stromwirtschaft bleiben", stellt Gerd Rosenkranz fest – und eröffnet so die Debatte in dem neuen Band des Thinktanks Agora Energiewende. Die Autoren analysieren darin grundlegend die Aspekte dezentraler Stromerzeugung und formulieren Thesen zu einem effektiveren, angepassten Ordnungsrahmen. Denn ein funktionierendes dezentrales System kann entscheidend dazu beitragen, den Bedarf an kosten- und ressourcenintensiven Speicherlösungen und Überlandleitungen zu reduzieren.

So sei das Netzkonzept der zentralen Kupferplatte in Form der Netze in Zukunft nicht mehr zu halten – hier seien neue Konzepte gefragt. Dezentralität habe ebenfalls Auswirkungen auf den Strommarkt, auf die Bürger, die zu Prosumern würden, die gleichzeitig die Rolle von Produzenten und Konsumenten einnehmen und auf die lokale und regionale Politik, die die Energiewende mitgestalten kann. Gleichzeitig beziehen gerade die Prosumenten immer weniger Strom aus dem öffentlichen Netz und beteiligen sich auch weniger an den Kosten für Netze und Ausbau der Erneuerbaren – diese werden zunehmend von denen getragen, die diese Möglichkeit zur Eigenversorgung nicht haben.

Hinzu kommt die zunehmende regionale Grünstromvermarktung, für die weder ein gefestigtes Geschäftsmodell noch ein ordnungspolitischer Rahmen existiere, stellen die Autoren fest. Von Lösungsmöglichkeiten wie Smart Grids und Smart Markets, die mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien die steigende Zahl der Akteure koordinieren und den Netzbetrieb intelligent steuern, sind die neuen Vermarkter, Verbraucher, Erzeuger und Prosumer aber noch weit entfernt – "zumal es im deutschen Energierecht bisher noch nicht einmal eine Definition des Smart Grids gibt", so Stephanie Ropenus, die die Rolle der Digitalisierung untersucht hat.

Weil im neuen dezentralen Stromsystem die Akteure ganz neue Rollen entstehen und die alten Rollenteilungen nicht mehr gelten, könnte diese für die gesellschaftliche Teilhabe und damit auch die öffentliche Unterstützung der Energiewende entscheidend sein. Eine revitalisierte, starke Rolle nehmen dabei die jeweiligen örtlichen Stadtwerke ein. Sie könnten jedoch einerseits von den neuen Netzaufgaben überfordert sein und andererseits ihre Privilegien gegenüber den neuen Prosumenten ausnutzen.

Im Schlusskapitel fordert Patrick Graichen eine echte Dezentralitätswende: Der Bund solle alle bisherigen Dezentralitätselemente in den energiewirtschaftlichen Gesetzen und Verord- nungen streichen und durch ein neues System ersetzen. Das sollte lediglich zwischen drei Ebenen unterscheiden, auf denen zeitgleich Erzeugung und Verbrauch synchronisiert werden: Stromerzeugung und -verbrauch unmittelbar vor Ort ohne Nutzung des öffentlichen Netzes (Ebene 1), innerhalb einer Stromregion (Ebene 2), von denen es bundesweit 20 bis 40 geben soll und überregional bzw. bundesweit (Ebene 3), wenn von einer Region in die andere geliefert bzw. angefordert wird. Die Höhe der zu zahlenden Abgaben und Umlagen auf Strom (beispielsweise EEG-Umlage, KWK-Umlage, Konzessionsabgabe) sollte, je nach sinnvoller ökonomisch-technischer Differenzierung beziehungsweise politischer Priorität zwischen diesen drei Ebenen unterscheiden. Das hieße, dass es keinen einheitlichen Großhandelspreis mehr gäbe, sondern 20 bis 40 Stromregionen, in denen unterschiedliche Preise entstünden.

Die Politik könnte durch ihre Gestaltung dafür sorgen, dass der lokale und regionale Verbrauch günstiger ist. Dennoch würde Strom im Norden wahrscheinlich günstiger als im Süden, wo der Ausbau der Windkraftanlagen praktisch durch neue Abstandsregeln wie in Bayern praktisch zum Erliegen gekommen ist.

Nicht nur die CSU, auch die Bundesregierung dürfte diesen Vorschlag ablehnen. Bereits eine von der EU angeregte Zweiteilung des deutschen Strommarktes war im Bundeswirtschaftsministerium auf Widerstand gestoßen. Prosumenten, die selbst Strom erzeugen und nutzen, möchten die Agora-Experten stärker an den Kosten ihres Netzanschlusses beteiligen, das wäre "notwendig und sachlogisch".

Sind die Stromregionen also das richtige Konzept für die erneuerbare Energiewende? Ist regionaler Strom der neue Hit, der sie erst möglich macht – immerhin stammt bisher erst 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen? Deutlich wird, dass eine ganze Menge Fragen diskutiert werden müssen: Wie wird z. B. eine Stromregion geographisch abgegrenzt? Nach welchen Kriterien könnte der Strompreis gegenüber dem überregionalen geregelt werden? Die Autoren hoffen, dass mit ihrem Band eine Debatte entsteht, die darauf Antworten findet.

Bild: Windpark Sehnde/Klein Lobke, Windwärts Energie, Flickr.com



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