• Emissionswende und Meeresspiegelanstieg
Mittwoch, 21. Februar 2018

Dauerhafter Meeresspiegel-Anstieg um mehrere Meter, wenn sich die Emissionswende weiter verzögert

Mit rund einem Meter höherem Meeresspiegel rechnen die Klimaforscher schon jetzt, selbst wenn sich die Erwärmung auf unter 2 Grad Celsius begrenzen lässt. Entscheidend ist jedoch der Zeitpunkt, wann die globalen CO2-Emissionen endlich sinken. Spätestens 2020 muss es soweit sein. Eine neue Studie zeigt, dass mit der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens das Ende des Anstiegs nicht erreicht ist, doch weitere Verzögerungen extreme Folgen hätten.

Vor rund einer Woche bestätigten Wissenschaftler, dass sich der Meeresspiegelanstieg beschleunigt – um rund 0,1 Millimeter pro Jahr. Das klingt nach nicht besonders viel und wenig dramatisch. Im globalen Mittel wären das 65 Zentimeter mehr – konservativ gerechnet, denn sie gehen davon aus, dass die Beschleunigungsraten der letzten 25 Jahre auch so bleiben. "Angesichts der großen Veränderungen, die wir schon heute an den Eisdecken sehen, ist das aber nicht sehr wahrscheinlich", sagte Steve Nerem von der University of Colorado.

In einer jetzt vorgelegten Studie kommen Wissenschaftler*innen auf einen Anstieg zwischen 0,7 und 1,2 Meter – wenn das Pariser Klimaabkommen von 2015 vollständig umgesetzt wird. Bis spätestens 2020 müssten dafür die weltweiten Treibhausgasemissionen ihren Höhepunkt erreichen und anschließend pro Jahrzehnt halbiert werden. 2050 dürften sie nur noch bei 5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid liegen – heute liegen sie knapp unter 40 Milliarden Tonnen. Mit Stand Oktober 2017 haben die Staaten jedoch erst ein Drittel der notwendigen Reduktionsmaßnahmen geplant.

Wird das Pariser Abkommen tatsächlich eingehalten – die Emissionen sinken ab 2020, die Erneuerbaren Energien verdoppeln sich alle 6 Jahre, die Energieeffizienz ebenfalls, die Aufforstung greift, während die Abholzung stoppt – heißt das nicht, dass der Meeresspiegelanstieg auf einen Meter bis Ende des Jahrhunderts begrenzt bleibt. Er steigt weiter und pendelt sich erst über Jahrhunderte ein. Wie hoch und wann, darüber entscheidet der Zeitpunkt des Rückgangs der Emissionen. Jede Verzögerung des Emissions-Peaks um fünf Jahre könnte hier eine Erhöhung des Meeresspiegels um weitere 20 Zentimeter bedeuten, zeigt die Arbeit der Forscher.

„Der menschgemachte Klimawandel hat bereits jetzt einen gewissen Anstieg des Meeresspiegels für die kommenden Jahrhunderte vorprogrammiert, aber das bedeutet nicht, dass unser heutiges Handeln keinen großen Unterschied macht“, erklärt der Leitautor der Studie Matthias Mengel vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Beim Höchststand der CO2-Emissionen kann jede Verzögerung um fünf Jahre zwischen 2020 und 2035 einen zusätzlichen Anstieg des Meeresspiegels von 20 Zentimetern bedeuten – das entspricht dem Meeresspiegelanstieg, den wir seit Beginn der vorindustriellen Ära insgesamt erlebt haben.“

Treiber des globalen Meeresspiegelanstiegs sind die Erwärmung und Ausdehnung der Ozeane, sowie das Abschmelzen von Gletschern, Eiskappen und den riesigen Eisschilden Grönlands und der Antarktis. Diese Faktoren reagieren auf unterschiedliche Weise und unterschiedlich schnell auf ein wärmeres Klima, die Zeitskalen reichen von Jahrhunderten bis zu Jahrtausenden. Um den Meeresspiegelanstieg unter dem Pariser Abkommen und die Folgen verzögerter Emissionsminderungen zu analysieren, verwendeten die Wissenschaftler ein kombiniertes Klima-Meeresspiegel-Modell. Sie fütterten es mit einer Reihe von Emissionsszenarien gemäß der Pariser Ziele, die verschiedene Reduktionsquoten und Emissionswendejahre umfassen.

Im neuen Modell reagiert das antarktische Eisschild sehr empfindlich auf die atmosphärische Erwärmung. „Tatsächlich wird die Unsicherheit des künftigen Meeresspiegelanstiegs derzeit von der Reaktion der Antarktis dominiert. Nach unserem heutigen Kenntnisstand zur Instabilität der Eisschilde könnten große Eismasseverluste der Antarktis selbst bei einer mäßigen Erwärmung möglich sein, die im Einklang mit dem Pariser Abkommen wäre“, sagt Matthias Mengel. „Selbst ein Meeresspiegelanstieg von bis zu drei Metern bis 2300 kann nicht völlig ausgeschlossen werden, da wir noch nicht mit Sicherheit sagen können, wie das antarktische Eisschild auf die globale Erwärmung reagieren wird.“

„Im Pariser Klima-Abkommen ist ein möglichst früher Scheitelpunkt der Emissionen festgeschrieben“, ergänzt Ko-Autor Carl-Friedrich Schleussner vom PIK und Climate Analytics. „Das mag wie eine leere Phrase klingen, doch unsere Ergebnisse zeigen, dass es quantifizierbare Folgen gibt, wenn die entsprechenden Maßnahmen verzögert werden. Deshalb sind sogar innerhalb der Ziele des Pariser Abkommens schnelle Klimaschutzmaßnahmen von maßgeblicher Bedeutung, um zusätzliche Risiken zu begrenzen. Für Millionen von Menschen in Küstengebieten auf der ganzen Welt kann jeder Zentimeter den Unterschied machen – zur Begrenzung des Meeresspiegelanstiegs ist daher die unmittelbare Senkung der CO2-Emissionen entscheidend.

Dass der Meeresspiegelanstieg heftige Folgen für die Menschheit hat, ist logisch. Immerhin liegen acht der zehn größten und am schnellsten wachsenden Städte der Welt in niedrigen Küstenbereichen. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts werden wahrscheinlich 130 Millionen Menschen in den tiefen Küstenbereichen bis zu einem Meter und 410 Millionen bis fünf Meter über dem Meer leben, so der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Zwischen 200 und 1.000 Millionen Menschen könnten Opfer der Veränderungen werden.

"Die letzte Zwischeneiszeit, als die Temperaturen rund ein Grad Celsius höher waren als heute, war durch einen 5 bis 9 Meter höheren Meeresspiegel und extreme Stürme gekennzeichnet", darauf weist Joachim Spangenberg im factory-Magazin Baden gehen hin. Das Magazin beschäftigt sich mit den nötigen Gegenmaßnahmen und zeigt, wie Menschen, Stadtverwaltungen und Unternehmen reagieren können, um sich vor dem steigenden Wasser zu schützen – aber auch, wie schön das Baden gehen in historischen Badehäusern sein kann.



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