Donnerstag, 14. September 2017

Belgien ist besser als Deutschland – in der Wiederverwendung

Re-Use, die Wieder- und Weiterverwendung von reparierten Produkten, ist ein wesentliches Element der Circular Economy, die mehr Ressourcen als die bisherige Wirtschaftsweise und damit das Klima schützen soll. Doch es gibt Unterschiede in der Kultur der Reparatur – bedingt durch die Kulturförderung, wie das Beispiel Belgien zeigt.

Lieber ein Alt- als ein Neugerät kaufen? Eine Waschmaschine, eine Hifi-Anlage, ein Fahrrad? Sie sind weit günstiger in der Anschaffung, langlebiger und häufig länger reparierbarer als Neugeräte – und der Retro-Chic ist in. Und selbst wenn ihr Energie- oder Wasserverbrauch etwas höher liegt: So viele Ressourcen, wie sie bei ihrer Produktion verbrauchen, sparen die Neugeräte häufig erst in Jahrzehnten ein. Und so lange halten die oft günstig produzierten neuen Geräte dagegen kaum noch, sind dafür jedoch auch schlechter und kostenintensiver zu reparieren.

Wer reparierte Altgeräte kauft, verringert seinen ökologischen Fußabdruck – und auch seinen sozialen. Denn die Geräte werden von echten Handwerker*innen liebevoll wieder in Schuss gebracht, die sie oft sogar mit einer Garantie ausgestatten. Die Reparateure setzen hochwertige Ersatzteile ein, auch verbrauchsärmere Motoren und Pumpen, und verbessern so auch die Qualität der Geräte.

Bundesweit kümmern sich rund 400 gemeinnützige so genannte Re-Use-Einrichtungen um die Weiter- und Wiederverwendung von vermeintlichem Elektroschrott bis Wohnungseinrichtungen. Für die Qualitätssicherung gibt es sogar ein eigenes Label WIRD, die die Herforder Recyclingbörse gemeinsam mit Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt entwickelte. Aus alt wird neu lautet der Slogan der Dachmarke, die für "Wiederverwendungs- und Reparaturzentren in Deutschland" steht.

WIRD definiert die garantierten Qualitäts- und Kooperationsstandards, die die Akteure aus Kommunen, gemeinnützigen Einrichtungen und Handel einhalten müssen. Orientiert haben sich die Initiatoren dabei an den Beispielen aus Belgien und Österreich, geholfen haben ihnen das Wuppertal Institut und das Öko-Institut Österreich. Dort sorgt das Label "ReVital" für Zuverlässigkeit und Vertrauen bei den Käufer*innen und Weiternutzer*innen, in Belgien das Label "De Kringwinkel".

Während in Belgien, Frankreich, England und Österreich die gemeinwirtschaftlichen Reparaturbetriebe und Verkaufsstellen auch von der Politik unterstützt werden, ist Deutschland davon noch weit entfernt – auch wenn es für sein seit 2013 geltendes Kreislaufwirtschaftsgesetz berühmt ist. So finanzierte Belgien den Start von Kringwinkel mit 0,15 Cent pro Einwohner und Österreich ReVital mit 0,10 Cent. Zum Vergleich: Deutschland setzte für die Re-Use-Initiative nur 0,001 Cent pro Einwohner ein.

Dabei ist das Potenzial in Deutschland groß: Rund 10 Prozent des Sperrmülls lässt sich aufbereiten und weiterverwenden und fünf Prozent der Elektro-Altgeräte – gegenwärtig ist es ein Prozent. Allein in NRW arbeiten mittlerweile 5000 Beschäftigte in gemeinwirtschaftlichen Re-Use-Betrieben, das Wachstum für Beschäftigung und Erlöse soll sich innerhalb einer Dekade verdoppeln können, schreibt das RecyclingMagazin.

Was aber noch fehlt, ist eine stärkere Wahrnehmung und Kultur der Reparatur in Deutschland, das mit einen der höchsten Ressourcenverbräuche der privaten Haushalte weltweit hat. Zwischen 30 und 40 Tonnen pro Kopf und Jahr liegt dieser, hat das Wuppertal Institut ermittelt. Nachhaltig wäre dagegen ein Verbrauch von acht Tonnen pro Kopf und Jahr.

Wie anders dagegen in Belgien eine Kultur der Reparatur funktioniert, zeigt der Beitrag im factory-Magazin Circular Economy. Im schicken Design gestaltet, haben die Kringwinkel-Shops in den Fußgängerzonen ein ganz anderes Image als hierzulande die Re-Use-Kaufhäuser am Rande verlassener Gewerbegebiete, in denen vermeintlich nur das Prekariat einkauft. Mit einem gut gestalteten Magazin und einer ebensolchen Website und angeschlossenem Shop zieht der Kringwinkel sämtliche Schichten an. Die Quote der wiederaufbereiteten Elektrogeräte liegt demzufolge in Belgien bei 12 Prozent, erzählt Nadja von Gries vom Wuppertal Institut im factory-Magazin. Zur Erinnerung: Deutschland schafft lediglich ein Prozent. Entsprechend hoch ist die Einsparung von klimaschädlichem Treibhausgas.

Wie die Politik diese Kultur auch befördern kann, zum Beispiel durch eine Mehrwertsteuerabsenkung oder sogar Steuerbefreiung von reparierten Geräten wie in Schweden oder einem Siegel für reparaturfreundliche Produkte, lesen Sie im factory-Beitrag Kultur der Reparatur oder schön illustriert im factory-Magazin Circular Economy.



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