• Bilder: Global Footprint Network

Donnerstag, 13. August 2015

Ab heute leben wir weltweit auf Pump

Für den Rest des Jahres müssen die Menschen weltweit Kredit aufnehmen. Die nachwachsenden Ressourcen sind verbraucht, die nächsten viereinhalb Monate geht es an die Reserven. Der Earth Overshoot Day ist in diesem Jahr schon wieder etwas weiter nach vorn im Kalender gerückt.

Sechs Tage früher als im letzten Jahr ist heute der Earth Overshoot Day. Nach Berechnungen des Global Footprint Network markiert er den Tag, an dem das Natur-Budget der Erde für die Versorgung der Menschen verbraucht ist, das es in einem Jahr produzieren kann. Ab heute leben die Menschen weltweit auf Kredit. Sie machen Schulden, die sie kaum zurückzahlen können, denn der weitere Verbrauch an Ressourcen, Wäldern, Böden, Wasserreserven, biologischer Vielfalt, Ozeanen belastet die Reserven so stark, dass sich diese kaum regenerieren können. Die Kapazität der Erde, die natürlichen Ressourcen zu erneuern, ist erschöpft.

Der im Kalender weiter nach vorn rückende Tag kennzeichnet in den letzten fünfzehn Jahren einen zunehmenden Ressourcenverbrauch – wachsende Ressourcenschulden, für die es keinen Schuldenschnitt gibt. Noch im Jahr 1987 lag der Tag auf dem 19. Dezember. Und das Defizit wächst in den letzten Jahren wieder schneller. Verschob sich der Tag 2012 bis 2014 nur vom 22. auf den 19. August, so liegt er in diesem Jahr bereits auf dem 13. August. Berechnet wird das jeweilige Datum, in dem der globale ökologische Fußabdruck, die menschliche Nachfrage an Ressourcen innerhalb eines Jahres, zu gesamten globalen Biokapazität ins Verhältnis gesetzt wird. Damit wollen Umwelt- und Naturschützer den wachsenden Ressourcenverbrauch und die planetarischen Grenzen ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit rücken.

Allein der Carbon-Footprint, der den menschen-gemachten CO2-Ausstoß misst, hat sich seit 1970 verdoppelt. Er kennzeichnet den größten und am schnellsten wachsenden Anteil am ökologischen Fußabdruck, erklärte Mathis Wackernagel, Präsident des Global Footprint Networks und Miterfinder des Ökologischen Fußabdrucks. Der größte Teil der jährlichen Biokapazität der Erde, 85 Prozent, würde allein für die Aufnahme des Kohlenstoffs aus den fossilen Brennstoffen benötigt.

1,6 Erden bräuchte die Weltbevölkerung derzeit, um den weltweiten Bedarf an Rohstoffen, Ackerland, Wasser und Wäldern nachhaltig zu decken. Würden alle Länder weltweit so wirtschaften wie Deutschland, wären sogar 2,6 Planeten notwendig. Der ökologische Fußabdruck eines Deutschen ist damit zwar deutlich kleiner als der eines US-Amerikaners. Dennoch liegt Deutschland im obersten Viertel aller Länder weltweit. Beim derzeitigen ökologischen Fußabdruck eines Inders würde hingegen nur die Hälfte der jährlich nachhaltig nutzbaren Ressourcen der Erde verbraucht, fasst das Inkota-Netzwerk von verschiedenen Umwelt- und Naturschutzorganisationen zusammen. Kaum ein Land könnte sich inzwischen jedoch auf der Grundlage der eigenen Fläche versorgen. China bräuchte 2,7 Chinas, Frankreich 1,4 Frankreichs, Deutschland 2,1 Deutschlands, die Schweiz 3,5 Schweizen.

„Unsere Wirtschaftsweise ist weder ökologisch nachhaltig noch global gerecht“, erklärt Julia Otten, Referentin bei Germanwatch. „Damit beuten wir die Erde auf Kosten künftiger Generationen und der in Armut lebenden Menschen aus, die insbesondere im globalen Süden leben.“ Neben weltweiter Landübernutzung und dem Rückgang der Biodiversität in schrumpfenden Wäldern und überfischten Meeren, ist der globale Klimawandel eine der spürbarsten Auswirkungen der ökologischen Überlastung. Extreme Hitzewellen, Dürren, Stürme und Überschwemmungen treffen schon heute die Menschen im globalen Süden besonders hart. Dadurch und durch den Kampf um Rohstoffe verlieren immer mehr Menschen ihre Lebensgrundlage, müssen ihr Land verlassen oder vor Konflikten fliehen.

„Die Bundesregierung unterstützt zwar bessere Energie- und Rohstoffeffizienz der deutschen Wirtschaft, bezieht aber die Einhaltung globaler Umweltgrenzen nicht konsequent in ihre Rohstoffpolitik ein“, erklärt Christoph Röttgers, Bundesjugendsprecher von der Naturschutzjugend. Es fehle bisher an verbindlichen Aussagen, den absoluten Ressourcenverbrauch in Deutschland zu senken. Die Organisationen fordern die Bundesregierung deshalb auf, endlich auch die Frage nach Suffizienz auf die politische Agenda zu setzen. „Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die nicht mehr nach Wachstum um jeden Preis strebt, sondern die dem übermäßigen Ressourcenverbrauch ein Ende setzt und ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen ermöglicht“, so Röttgers weiter.

"Ressourcenschutz braucht mehr als nur den effizienteren oder sparsameren Umgang mit Rohstoffen und Energie, der deren Verfügbarkeit lediglich über einen längeren Zeitraum streckt. Der Raubbau an natürlichen Rohstoffen und die negativen Auswirkungen des Rohstoffverbrauchs werden so nicht entscheidend verhindert", kritisiert Rolf Buschmann, Experte für Ressourcenschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). "Auch die Zerstörung der Umwelt und die Schadstoffbelastung von Wasser, Boden und Luft führen zum Verlust von Artenvielfalt und dazu, dass wertvolle Ressourcen schwinden", so der BUND-Experte. Der BUND präsentiert deswegen seine Broschüre Ressourcenschutz ist mehr als Rohstoffeffizienz, in der Fakten zu einem zukunftsfähigen Umgang mit begrenzten Ressourcen dargestellt, Zusammenhänge erklärt sowie Entscheidungshilfen für Politiker und Anregungen für gesellschaftliche Initiativen gegeben werden.

Dass der Weg für einen Ressourcenschuldenrückgang noch lang ist, zeigt der Overshoot Day ebenfalls. Würden die CO2-Emissionen bis 2030 um 30 Prozent vom heutigen Ausstoß reduziert, um das Zwei-Grad-Ziel der Erwärmung einzuhalten, würde das Datum auf den 16. September zurückgedrängt, die Welt bräuchte nur noch 1,5 Erden. Geschieht nichts dergleichen erinnern wir uns an den Tag 2030 am 28. Juni 2030 und die Menschheit bräuchte inzwischen zwei Erden für ihre Versorgung.

Wie wir mit Ressourcenschulden umgehen und welche nachhaltigen Lösungen es für eine Schuldenreduzierung gibt, lesen Sie im factory-Magazin Schuld & Sühne oder online in einzelnen Beiträgen.



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