Auf eigenen Füßen stehen

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Selbermachen ist die Erhaltung der Ressourcen, nicht die Aufgabe der Arbeitsteilung. Eine moderne Subsistenzwirtschaft kommt nicht ohne sie aus.

Von Gerhard Scherhorn 

Eine Digitalkamera kann ich nicht selbst herstellen, nicht einmal selbst reparieren kann ich sie. Aber ginge es mit rechten Dingen zu, müsste der Hersteller ein Produkt mit derart raffinierten Funktionen und mit derart hochwertigen Bestandteilen so konstruieren, dass er es am Ende des Gebrauchs zurücknehmen und die Materialien wiedergewinnen und neu verwenden kann! Wie kann ich mit gutem Gewissen ein neues Gerät kaufen, wenn ich annehmen muss, dass das Alte zu Abfall wird, entwertet und vernichtet? Tatsache ist, ich kaufe das Neue trotz schlechten Gewissens. Das halte ich aber nicht gut aus, also verdränge ich den Ärger, schiebe ihn auf die Zuständigen, die Hersteller, die Regierung. Doch dadurch wird diese Welt noch lange nicht die, in der ich leben möchte. Ich wünsche mir eine Welt, in der ich das Gefühl haben kann, dass sie standhält, dass sie auch in Zukunft Bestand hat. Eine Welt der Subsistenz

Viele Leser verbinden wahrscheinlich mit Subsistenz die Schreckensherrschaft des ständigen Selbermachens. Doch ein subsistentes System funktioniert anders. Das lateinische subsistere bedeutet Standhalten. Eine Subsistenzwirtschaft ist daher eine, die sich selbst erhält. Sicher, früher meinte man damit die Selbstversorgungswirtschaft der Natur- und Agrarvölker. Heute wendet man das Wort jedoch auf die sich entwickelnden Formen eines modernen Wirtschaftens an, das seine eigenen Lebensgrundlagen erhält.

Auch eine Subsistenzwirtschaft ist arbeitsteilig, denn auch dort kann ich die meisten Produkte, die ich zum Leben brauche, nicht allein herstellen. Das hölzerne Regal vielleicht noch, und selbst dafür brauche ich Bretter, Nägel, Hammer und Säge. Aber wenn alle neuen Produkte entweder aus erneuerbaren Materialien bestehen wie das Regal oder aus wiedergewinnbaren Stoffen wie eines Tages die Digitalkamera, und wenn die nicht erneuerbaren Stoffe in geschlossenen Kreisläufen rückgeführt (oder durch erneuerbare ersetzt) werden, dann kann ich Teil eines Systems sein, das nicht von der Produktion von Produkten abhängig ist, die dazu bestimmt sind, Abfall zu werden.

Die Nachhaltigkeit industrieller Produkte

In Ansätzen ist Rückgabe schon möglich: Man kann ein Kfz leasen, der Hersteller oder die Leasingfirma nimmt es nach einiger Zeit des Gebrauchs zurück und liefert ein neues. Was fehlt, ist ein Recycling des alten Autos, bei dem alle Stoffe wiederverwertet werden. Das fehlt auch bei Mobiltelefonen; laut Nachhaltigkeitsrat liegen allein in Deutschland rund 60 Millionen alte Handys herum. Darin stecken drei Tonnen Gold, 30 Tonnen Silber, 1900 Tonnen Kupfer, 151 Tonnen Aluminium und 105 Tonnen Zinn. Unbegreiflich, dass immer noch niemand diesen Schatz hebt. Noch viel mehr Ressourcen waren nötig, um diesen zu produzieren – sie könnten geschont werden. Wiederverwertbar sind sogar so zunächst unökologisch erscheinende Dinge wie Teppichböden aus Kunststoff: Mit geeigneter Technik könnten sie nach Verschleiß zurückgeholt, in ihre Moleküle zerlegt und neu zusammengesetzt werden. Selbst bei langem Nachdenken wird man kein wichtiges Industrieprodukt finden, das nicht kreislauffähig ist oder gemacht werden kann.

Der bekannte US-amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin hat schon vor zwölf Jahren eine künftige Gesellschaft des Access skizziert, in der das Wirtschaften nicht vom Kaufen bestimmt wird, sondern vom Leasen, Teilen, Tauschen, vom Zurückgeben, Trennen, Wiederverwenden, Wiedergewinnen. Kurz: von möglichst geschlossenen Kreisläufen, in denen Herstellung, Gebrauch, Schonen und Reparieren, Rückgabe und Wiederverwertung aufeinander folgen. Sie stehen von Anfang an unter dem Imperativ, dass nichts zu Abfall wird. In diesen Kreisläufen wirken alle verantwortlich am Prozess des Selbermachens mit: die Hersteller, die Händler, die Konsumenten.

Das nachhaltige Selbermachen

Was wir in einer Subsistenzwirtschaft selbermachen, ist letztlich die Erhaltung der Substanz. Die natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen sind nun einmal irdisch und damit begrenzt. Selberma chen ist die Erhaltung der Rohstoffe, der Ökosysteme, des Klimas, der Gesundheit, der Bildung, der gesellschaftlichen Integration, also letztlich der Gemeinressourcen. Sie können wir verwenden, um damit zu wirtschaften. Sie sind aber als solche nicht zum Verbrauch bestimmt, sondern müssen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Nachhaltig wirtschaften wir nur, in dem wir sie erhalten und nach Möglichkeit kultivieren. Anders ausgedrückt: Nur indem wir wieder in ihre Erhaltung und Erneuerung investieren, statt die Kosten dafür einzusparen und zu „externalisieren“. Das gilt auch bei den Produkten und Diensten, die wir als einzelne Person selbermachen können. Indem wir KOCHEN, BACKEN oder Salat ZUBEREITEN; indem wir Kartoffeln ANBAUEN, Blumen und Kräuter ZIEHEN, Gänse oder Schweine MÄSTEN; indem wir Pullover STRICKEN, Kleider NÄHEN und Strümpfe FLICKEN; Wäsche WASCHEN, Geschirr SPÜLEN, die Wohnung REINIGEN; Spielzeug BASTELN, Fliesen VERLEGEN, das Fahrrad REPARIEREN, mit einer PV-Anlage auf dem Dach erneuerbare Energie ERZEUGEN.

Alle diese Leistungen erbringen wir als Einzelne. Doch wenn sich dahinter keine fördernde Infrastruktur und keine gesellschaftliche Bewegung entwickelt, bleiben sie die Liebhaberei Weniger. Beispiel: das Selbermachen gesundheitsbezogener Tätigkeiten. Für viele Arzneimittel, Arztbesuche und Operationen entstünde kein Bedarf, würden sich alle gesund ERNÄHREN und BEWEGEN. Tatsächlich tut das nur eine Minderheit, und das liegt auch am Fehlen gesundheitsfördernder Strukturen.

Mit den haushälterischen, gärtnerischen, züchterischen, handwerklichen und gesundheitsbezogenen Tätigkeiten machen wir eine Fülle von Produkten und Diensten selbst, auch wenn jeder und jede einzelne nur einige beiträgt. Diese Tätigkeiten können so angelegt werden, dass ihre Herstellung und Verwendung mit erneuerbaren Stoffen und erneuerbarer Energie geschieht. Dann tragen sie zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen bei.

Dasselbe gilt für die sozialen Lebensgrundlagen, den Bereich des sozialen und kulturellen Miteinanders. Sie erschaffen und bewahren wir durch musische und künstlerische, schriftstellerische und dichterische Tätigkeiten des nichtberuflichen SINGENS, MALENS, DRUCKENS, SCHREIBENS, FORMENS und MUSIZIERENS, des nichtberuflichen ERZIEHENS und BILDENS, LESENS und LERNENS, und nicht zuletzt durch private KINDER-, KRANKEN-UND ALTENPFLEGE, durch NACHBARSCHAFTSHILFE und freiwillige GEMEINDEARBEIT, durch ehrenamtliche Tätigkeit in INITIATIVEN und VEREINEN. Wir machen das selbst.

Vom Sinn der Subsistenz

Schließlich geht es in der Subsistenzwirtschaft da rum, die Grundlagen menschlichen Lebens, seine natürliche und soziale Mitwelt so zu erhalten und zu erneuern, dass sie nicht eines Tages verbraucht, entwertet und nicht mehr zukunftsfähig sind, weil wir an ihnen Raubbau getrieben haben. Darum ging es schon in der Subsistenzwirtschaft der „primitiven“ Völker der Steinzeit. Sie passten ihre Bedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Behausung) so an die jährlichen Schwankungen der Witterung, des Pflanzenwuchses und Tierbe standes an, dass sie in schlechten Jahren genug zu essen hatten. In guten Jahren ernteten sie deshalb nur einen Teil von dem, was die Natur ihnen bot.

Heute ermöglicht uns die Technik, jederzeit mehr zu verbrauchen als die irdischen Lebensgrundlagen abwerfen, indem wir diese selbst aufzehren. Moderne Technik macht jedoch ebenso gut Subsistenz möglich: auch das individuelle Selbermachen wird ja durch sie erleichtert. Wird Selbermachen mit Industrieprodukten kombiniert, die aus geschlossenen Stoffkreisläufen kommen und in sie zurückkehren, werden alle lebenswichtigen Produkte und Dienste nach dem Subsistenzprinzip hergestellt. Als Konsumenten beteiligen wir uns daran, indem wir Dienste und Produkte zum Teil selbst herstellen und industrielle Produkte und Dienste nach Gebrauch in den Kreislauf zurückführen. Und auf all diejenigen, die nicht im Kreislauf geführt werden, verzichten wir nach und nach. Dies muss das Ziel sein: dass die Subsistenzwirtschaft nicht auf Dauer neben einer auf Substanzverzehr angelegten Industriewirtschaft existiert, sondern der „Subsistenzgrad“ der Gesamtwirtschaft Schritt für Schritt erhöht wird.

Gerhard Scherhorn ist Wirtschaftswissenschaftler und war Professor für Konsumtheorie und Verbraucherpolitik an der Universität Hohenheim und bis 2005 Leiter der Forschungsgruppe „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“ am Wuppertal Institut. Sein jüngstes Buch ist „Geld soll dienen, nicht herrschen. Die aufhaltsame Expansion des Finanzkapitals“, 2008 erschien von ihm und Daniel Dahm „Urbane Subsistenz. Die zweite Quelle des Wohlstands.“

Leseempfehlungen

Bennholdt-Thomsen, Veronika, Holzer, Brigitte & Müller, Christa 1999): Das Subsistenzhandbuch. Wien: Promedia

Daniel Dahm & Gerhard Scherhorn, Urbane Subsistenz. Die zweite Quelle des Wohlstands. München 2008: oekom Verlag

Müller, Christa (2011): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München: oekom Verlag

Heinze, Rolf G. & Off, Claus (1990): Formen der Eigenarbeit. Theorie, Empirie, Vorschläge. Opladen: Westdeutscher Verlag

Hoffmann, Günter (1998): Tausche Marmelade gegen Steuererklärung. Ganz ohne Geld - Die Praxis der Tauschringe und Talentbörsen. München: Piper

Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg zur Postwachstumsgesellschaft. München: oekom Verlag

Schneider, Friedrich & Badekow, Helmut (2006): Ein Herz für Schwarzarbeit. Warum die Schattenwirtschaft unseren Wohlstand steigert. Berlin: Econ (Ullstein)

Schweppe, Ronald B. & Schwarz, Aljoscha A. (2009): Einfach gut. 99 Dinge, die nichts kosten und uns bereichern. München: Riemann

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