Donnerstag, 09. Februar 2012

Statt BIP: Ein Wohlstandsquintett mit fünf Indikatoren

Wachstum ist nicht gleich Wohlstand, wird aber von Politik und Wirtschaft gleich gesetzt. Weil die Wachstumsmessung weltweit ausschließlich auf dem Bruttoinlandsprodukt, dem BIP, basiert, sind konkrete Alternativen gefragt. Bisher konnte sich kein anderer Wohlstandsindikator wirklich durchsetzen. Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel präsentiert jetzt fünf Indikatoren in einem Wohlstandsquintett - mit BIP.

Professor Meinhard Miegel ist Sachverständiger der Bundestags-Kommission Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität. Er ist Mitbegründer des Denkwerk Zukunft, einer Stiftung, die sich nach eigener Zielsetzung um die Erneuerung der westlichen Kultur bemüht. Sie soll wieder Vorbild für die Zukunft und für andere Kulturen sein. Dazu gehört offenbar auch, Begriffe wie Wachstum und Wohlstand anders als bisher zu definieren und zu messen. Seit Jahren beschäftigten sich Miegel und andere mit Wachstumsgrößen, die auch die Lebensqualität hinzuziehen.

Nun gibt es etwas Neues: Das Wohlstandsquintett. Am 7. Februar 2012 stellten Professor Dr. Meinhard Miegel und Geschäftsführerin Stefanie Wahl den neuen Fünfer-Satz von Wohlstandsindikatoren in Berlin vor.

Miegel und Co. haben den bereits 2010 vorgeschlagenen Satz aus vier ökonomischen und ökologischen Instrumenten nun um eine Schuldenquote ergänzt. Enthalten sind wie bisher das Pro-Kopf-BIP als Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes, die 80/20-Relation (das Verhältnis der verfügbaren Einkommen des wirtschaftlich stärksten zum wirtschaftlich schwächsten Fünftel der Bevölkerung), die gesellschaftliche Ausgrenzungsquote (Bevölkerungsanteil, der sich aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt) und der ökologische Fußabdruck im Verhältnis zur globalen Biokapazität (inländischer Verbrauch natürlicher Ressourcen im Verhältnis zur ökologischen Tragfähigkeit der Erde).

Das frühere Wohlstandsquartett haben die Denkwerker um die Schuldenquote der öffentlichen Hand (Gesamtschuldenstand im Verhältnis zum BIP) als Maßstab für Zukunftsfähigkeit zu einem Wohlstandsquintett erweitert. Damit soll noch deutlicher als bisher erkennbar werden, in welchem Umfang der materielle Wohlstand eines Landes auf Kosten der Zukunft, erwirtschaftet wird.

Die Autoren hoffen, dass dieses Quintett überschaubar genug ist, um gut kommuniziert zu werden - und zutreffend genug, um das BIP als alleinigen Wohlstandsindikator zu ersetzen. Andere alternative Indikatoren decken die Wohlstandsmessung zwar genauer ab, seien aber zu schwer zu vermitteln. Sprich: Das Quintett könnte sich durchsetzen.

Die vereinten fünf Indikatoren machen deutlich, wie Umwelt, Gesellschaft und Zukunft durch die Art des Wirtschaftens beansprucht werden und offenbare Wohlstandsmehrung unter Umständen sogar Wohlstandsminderung bedeuten kann. So weist jedes der EU-Länder einen ökologischen Fußabdruck auf, der höher ist als die ökologische Tragfähigkeitsgrenze. Und die Hälfte der EU-Länder erkauft ihr Wachstum in erheblichem Maße durch öffentliche Schulden, die die Maastricht-Grenze weit übersteigen.

Misst man Deutschlands Wohlstandsbilanz mit dem Wohlstandsquintett, geht es uns ebenfalls schlechter. Die Wirtschaftskraft ist zwar überdurchschnittlich und die 80/20-Relation und gesellschaftliche Ausgrenzungsquote unterdurchschnittlich. Doch der materielle Wohlstand wird mit einem viel zu hohen ökologischen Fußabdruck und mit einer überdurchschnittlichen Schuldenquote erkauft.

Strikte öffentliche Haushaltsdisziplin und ein Auskommen mit dem, was Deutschland erwirtschafte empfiehlt das Denkwerk Zukunft für eine Erhöhung des Wohlstandsquintetts. Ob damit weitere Deregulierung, weniger Staat und Privatisierung gemeint sind oder der Verzicht auf ökonomisch und ökologische unsinnige Bauvorhaben, ist nicht ganz klar. Wir ergänzen gern, dass öffentliche Haushalte auch selbst für die Höhe der Einkommen und Verteilung verantwortlich sind.

Das komplette Memorandum kann unter www.wohlstandsquintett.de heruntergeladen werden.



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