Ein Zirkel zeichnet Kreise
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Die Ressourcen zirkulieren lassen

Die „Circular Economy“ gilt als die neue Heilslehre des Ressourcenschonens. Werden die Stoffe im Kreislauf geführt, ist ihr Verbrauch gering und die Rohstoffeffizienz hoch, Klima- und Umweltschutz profitieren, Wirtschaft und Verbraucher ebenfalls – so die Idee. Mit dem deutschen Kreislaufwirtschaftsgesetz hat die neue Kreislaufwirtschaft allerdings wenig zu tun. Auch sonst herrscht Verwirrung um Cradle-to-Cradle, Einsparpotenzial und Methoden. Doch fest steht: Die Wirtschaft der Zukunft wird in jedem Fall zirkular sein.

Von Henning Wilts

 

Die Circular Economy scheint das neue Zauberwort unserer Zeit zu sein; alle wollen „circular“ werden und Ressourcen zirkulieren lassen: Die Europäische Kommission hat ihren Aktionsplan Circular Economy vorgelegt, der neben der Schließung von Stoffkreisläufen gleich auch verbesserte Innovationsfähigkeit, neue Arbeitsplätze und anhaltendes Wirtschaftswachstum verspricht. Immer mehr Länder wie Großbritannien oder die Niederlande, aber auch Regionen und einzelne Städte erarbeiten Kreislaufwirtschaftsstrategien. Schließlich erscheint es doch logisch, sich von linearen Mustern des Produzierens-Nutzen-Wegwerfens zu verabschieden und stattdessen in Kreisläufen zu wirtschaften: dort wo Produkte bereits so konzipiert werden, dass sie am Ende ihrer Nutzungsphase direkt wieder zu „Nährstoff“ werden und als Sekundärrohstoff in Produktionsprozesse eingeschleust werden können.

Im allgemeinen Hype geht jedoch unter, dass viele Akteure – aus gut nachvollziehbaren Gründen – unter dem Begriff der Kreislaufwirtschaft sehr unterschiedliche Dinge verstehen. In Deutschland wird gerne darauf verwiesen, dass man mit dem Kreislaufwirtschafts- (und Abfall)gesetz schon seit den 1980er Jahren praktisch keine Probleme mehr mit dem Abfall hat. Dieser wird zuverlässig, vergleichsweise billig und umweltfreundlich entsorgt. Dass das mit Kreislaufwirtschaft nur am Rande zu tun hat und Deutschland beispielsweise nur 14 Prozent seines Rohstoffbedarfs aus Abfällen deckt, wird dabei gerne übersehen. Kreislaufwirtschaft bedeutet, den ökologischen und ökonomischen Wert von Produkten und Teilen am Ende ihrer Nutzungsphase so weit wie möglich zu erhalten. ReUse, Remanufacturing und Upgrading sind die Begriffe, die andeuten, wie weit wir uns damit vom klassischen Abfallgeschäft entfernt haben, das in Abfallschlüsseln denkt und nicht in komplexen Produkten. Die Ellen MacArthur Stiftung hat mit Unterstützung von McKinsey das Konzept einer Kreislaufwirtschaft entwickelt, das die Debatte speziell in Brüssel stark beeinflusst: Dabei werden die sogenannten technischen Kreisläufe der Wiederverwendung und des Recyclings durch biobasierte Kreisläufe ergänzt, indem Produkte aus erneuerbaren Rohstoffen direkt wieder in natürliche Kreisläufe zurückgeführt werden können. Wieder andere Konzepte fokussieren auf kollaborativen Konsum wie Teilen, Handeln und Tauschen, auf Dienstleistungen statt Produkten oder das Vermeiden von Abfall durch innovatives Produktdesign. Klar ist, dass es das eine Konzept der Kreislaufwirtschaft nicht gibt und erst die kommenden Monate zeigen werden, welche Vorstellungen sich dabei durchsetzen werden. Grund genug also, mögliche Vorteile aber auch Risiken der Kreislaufwirtschaft zu beleuchten.

Unendliche Produktion

Unbestritten ist, dass die klassische Kreislaufwirtschaft dazu beitragen kann, die wirtschaftliche Entwicklung vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Bereits heute brauchen wir dank Recycling entlang der kompletten Wertschöpfungsketten ca. 18 Prozent  weniger natürlicher Ressourcen; ein optimiertes Produktdesign könnte dazu beitragen, diese Einsparpotentiale noch deutlich zu erhöhen. Aber die Idee vollständig kreislauffähiger Produkte verleitet auch dazu, die Notwendigkeit eines reduzierten Ressourcenverbrauchs grundsätzlich in Frage zu stellen: Wenn Häuser, Handys, Möbel oder Verpackungen perfekt recycelt und alle Rohstoffe zurückgewonnen werden können, wieso sollten wir dann nicht im Sinne des Crade to Cradle-Gedankens und der damit verbundenen Idee einer „intelligenten Verschwendung“ beliebig viel davon konsumieren können? Die Idee geschlossener Kreisläufe beantwortet jedoch nicht die Frage, wie groß diese sein dürfen, um im globalen Maßstab nachhaltig zu sein. 100 Prozent Recyclingquoten sind schon thermodynamisch gesehen nicht zu erreichen, denn jeder Verwertungsprozess führt zu Materialverlusten und erfordert gleichzeitig den Einsatz von Energie, deren Gewinnung wiederum Ressourcen benötigt. Hinzu kommt: Einzelne Rohstoffe stehen leider nicht so unbegrenzt zur Verfügung, dass wir beliebig viele Produkte in immerwährenden Kreisläufen zirkulieren lassen könnten. Auch die biobasierten Produkte lösen dabei nur einen Teil des Problems, weil erneuerbar nicht automatisch unbegrenzt verfügbar bedeutet: Auf einer global zunehmend knapperen Ackerfläche, die in Zukunft bis zu 11 Milliarden Menschen ernähren muss, können wir nicht beliebig Rohstoffe für Einwegprodukte anbauen. Trotzdem geraten selbst die fortschrittlichsten Vertreter von Ressourceneffizienz und insbesondere Suffizienz durch den Fokus auf das Thema Kreislaufwirtschaft und den Eindruck perfekt geschlossener Stoffkreisläufe unter Rechtfertigungsdruck. Denn in der konventionellen Wirtschaft stößt die Circular Economy auf größtes Interesse: Hier wittert man die Chance, der Diskussion um einen reduzierten Ressourcenverbrauch oder weniger ressourcenintensive Lebensstilen zu entkommen und stattdessen durch Designänderungen unbegrenzte Absatzmärkte zu erschließen.

Dieser wirtschaftsgetriebene Aspekt zeigt sich auch in den Debatten, den Einsatz von Sekundärrohstoffen durch die Reduktion von Grenzwerten für einzelne Schadstoffe zu senken. Wer von dem Gedanken getrieben ist, das Recycling zu maximieren, wird dafür auch Abfallströme berücksichtigen wollen, die aufgrund ihrer Schadstoffbelastungen eigentlich aussortiert und entsorgt gehören. So zielte die Abfallgesetzgebung in Europa und speziell in Deutschland immer darauf ab, die durch die Entstehung und Behandlung von Abfällen verursachten Risiken für den Menschen und die Umwelt so weit wie möglich zu minimieren. Bei dieser zu gewährleistenden „Entsorgungssicherheit“ war es eher ein schöner Nebeneffekt, wenn dabei auch Stoffe zurückgewonnen werden konnten – im Zweifel verzichtete man aber lieber darauf. Mit der wirtschaftsgetriebenen Circular Economy verändert sich diese Risiko-Einschätzung: Um Stoffkreisläufe zu schließen, will man zum Beispiel den Einsatz schadstoffbelasteter Kunststoffe vereinfachen, wenn sichergestellt ist, dass diese Schadstoffe nicht in die Umwelt oder in Kontakt mit dem Menschen gelangen. Das kann aus einer Ressourcenperspektive durchaus sinnvoll sein, wenn dafür etwa bei Kunststoffen die Erdölgewinnung reduziert werden kann. Trotzdem ist es wichtig zu erkennen, dass die Kreislaufwirtschaft nicht notwendigerweise ein Umweltprojekt sein muss. Sie kann erheblich zur Ressourcenreduktion beitragen, braucht dafür aber die richtigen Indikatoren, Ziele und Rahmenbedingungen.

Verteilte Verantwortung 

In vielerlei Hinsicht bleibt unklar, wer für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft verantwortlich sein soll. In Brüssel streiten unter anderem die Abteilungen Wirtschaft, Umwelt und Forschung – und in der Regel geht es eher darum, lieber andere für die hoch ambitionierten Ziele verantwortlich sein zu lassen, wie beispielsweise die Halbierung der Lebensmittelabfälle oder die Deponierung auf 10 Prozent von aktuell noch mehr als der Hälfte aller Siedlungsabfälle zu begrenzen. Aber auch für konkrete Maßnahmen ist die Umsetzung unklar: „Wirtschaftsteilnehmer wie Unternehmen und Verbraucher spielen bei diesem Prozess eine ausschlaggebende Rolle. Auch wenn lokale, regionale und nationale Behörden die eigentlichen Triebkräfte der Kreislaufwirtschaft sind, nimmt die EU doch eine fundamentale Unterstützungsfunktion wahr.“ Noch Fragen?

Im Gegensatz zum ersten, von der Kommission nach großem Streit wieder zurückgezogenen Entwurf wird es nicht mehr in erster Linie die Abfallwirtschaft sein, die für das Erreichen der Ziele aktiv werden muss. Stattdessen stehen Produktdesign und Produktionsprozesse im Fokus vieler der fünfzig vorgeschlagenen Einzelmaßnahmen der Europäischen Kommission. Auch in Deutschland wird jetzt viel über „recyclingfähiges Design“ als Voraussetzung für die Kreislaufwirtschaft gesprochen – obwohl es schon seit gefühlt hundert Jahren Normen für recyclinggerechtes Konstruieren gibt. Doch welchen Anreiz sollten Unternehmen haben, ihre Produkte und Prozesse unter hohen Kosten zu verändern? Die dabei immer wieder angeführte ÖkoDesign-Richtlinie hatte  beim Verbot der Glühbirne einen klaren Maßstab, den Stromverbrauch. Wer aber will bestimmen, nach welchen Regeln der Recyclingfähigkeit in Europa ein Produkt nicht auf den Markt kommen darf? Und überschätzen wir dabei nicht auch die Bedeutung Europas für Produktdesigner, die zunehmend in Asien Produkte für den Weltmarkt konzipieren? Es mangelt dabei immer wieder an der Kommunikation entlang der Wertschöpfungskette, von den Recyclern zurück zu den Produktdesignern: Was ist aus welchem Grund nicht zu recyceln? Und selbst wenn das geklärt ist, wieso sollte der Hersteller seine Prozesse ändern, damit am Ende der Recycler mehr Umsatz machen kann? Der EU-Aktionsplan führt dazu noch einmal die Idee einer individuellen Herstellerverantwortung an: Jeder Produzent soll für die Kosten seiner eigenen Produkte verantwortlich bleiben und somit Anreize haben, möglichst einfach zu recycelnde Produkte auf den Markt zu bringen. Die Idee ist nicht neu, die alten Probleme aber noch immer nicht gelöst: Wie soll der Hersteller in China zu vertretbaren Kosten seine quer über die Welt verteilten Produkte zurückbekommen? Oder wie können ihm zumindest die dabei anfallenden Kosten in Rechnung gestellt werden?

Den Kreislauf wagen

Ein ebenso immer noch offene Frage ist die Rolle der Abfallverbrennung in der Kreislaufwirtschaft: Viele Produkte wie dünne Folien oder mehrlagige Verpackungen lassen sich heute weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll recyceln – die dann beste Lösung ist die sogenannte thermische Verwertung in der Müllverbrennungsanlage. Bei den heutigen Umweltstandards stellt die Müllverbrennungsanlage in der Nachbarschaft auch keine unmittelbare Bedrohung für die Gesundheit dar, wie dies durch Dioxin-Emissionen in der Vergangenheit noch der Fall war. Da dabei auch noch Strom und Dampf gewonnen werden, ergeben sich im Vergleich zur Deponierung erhebliche Klimaentlastungspotentiale. Selbst die meisten Metalle können heute aus den entstehenden Schlacken wieder zurückgewonnen werden. Wir sind also auch zur Ausschleusung von Schadstoffen auf die Müllverbrennung angewiesen, doch wie kann der Weg aus dieser „Brückentechnologie“ aussehen? Kurzfristig werden wir in Europa sicherlich noch mehr dieser Anlagen brauchen, wenn in vielen osteuropäischen Ländern heute die meisten Abfälle noch immer ohne jede Behandlung einfach abgelagert werden – hier stellt die Verbrennung sicherlich die bessere Alternative dar. Klar ist aber auch, dass die Klimaschutz- und Ressourceneinsparpotenziale im Recycling oder der Wiederverwendung noch deutlich höher sind. Der Wert der bei der Herstellung von Produkten eingesetzten Energie und Rohstoffe wird in der Verbrennung zu großen Teilen vernichtet. Wie verhindern wir vor diesem Hintergrund, dass z. B. Plastikprodukte weiter aus einer immer komplexer werdenden und nicht sinnvoll zu recycelnden Mischung aus Kunststoffen hergestellt werden – wenn diese am Ende ja problemlos verbrannt werden können? Wie sorgen wir also dafür, dass keine recyclingfähigen Produkte in die Müllverbrennung gehen und der Anteil solcher Produkte sich möglichst verringert? Insbesondere wenn uns zur Gewinnung von Strom und Dampf zunehmend erneuerbare Energien zur Verfügung stehen. Mit der Wirtschaftswende zum Kreislauf verhält es sich in etwa so wie mit der Energiewende: Die alten Technologien verstopfen die Strukturen für die neuen.

Es wird also auch bei der Kreislaufwirtschaft knifflig, sobald man auf die Details blickt. Immerhin hat der Übergang vom linearen zum zirkulären Wirtschaften das Potenzial, sämtliche unserer Vorstellungen davon, wie wir konsumieren, auf den Kopf zu stellen. Wenn Produkte in Zukunft ewig halten sollen, wie soll davon noch ein Hersteller leben können, sobald er die erste Auflage verkauft hat? Die Kreislaufwirtschaft ist also auch aufs engste verknüpft mit der Leasing Economy, wo der Hersteller davon profitiert, sein Produkt immer wieder verleihen zu können. Produzenten profitieren nicht länger vom Produktverkauf, sondern vom Serviceangebot des Nutzens. Sie wird in vielen Bereichen auch nur durch neue Industrie 4.0-Anwendungen möglich, wenn Milliarden Produkte und die in ihnen enthaltenen Rohstoffe sowie die immer noch zahlreichen in der Produktion anfallenden Abfallströme dorthin gelenkt werden sollen, wo sie optimal aufbereitet und direkt wieder eingesetzt werden können. Schon jetzt sind retrofitte Maschinen oder refabrizierte Produkte hochwertiger und langlebiger als ihre Originale. Jedes Unternehmen kann mehr Kreislauf wagen, in dem es mehr derartige Produkte verwendet oder sogar seine Geschäftsmodelle dahingehend verändert, in dem es selbst mehr Service statt Produkt anbietet. Im Kern geht es also in der Kreislaufwirtschaft um weit mehr als um Abfall, es geht um eine Vielzahl angestrebter, umwälzender Innovationen, um einen radikalen Transformationsprozess, dessen Ausgang noch keiner wirklich absehen kann. Mit entsprechendem Transformations-Know-how wird daraus ein zentraler Ansatzpunkte für eine gesteigerte Ressourceneffizienz.

Dr. Henning Wilts ist Volkswirt und leitet das Geschäftsfeld Kreislaufwirtschaft im Wuppertal Institut. Im factory-Magazin Schuld & Sühne schrieb er in Dauerplastik über Plastikmüll und seine Reduzierung in einer Circular Economy.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Circular Economy oder Kreislaufwirtschaft, zu Remanufacturing, Repair und ReUse, zu Zero-Waste und Möglichkeiten einer neuen Wirtschaftsordnung finden Sie im factory-Magazin Circular Economy. Das PDF-Magazin ist kostenlos herunterladbar und lässt sich besonders gut auf Tablet-Computern und am Bildschirm betrachten. Vorteil des Magazins: Es ist durchgehend gestaltet und enthält sämtliche Beiträge, Fotos und Illustrationen sowie zusätzliche Zahlen, Zitate und eine Wordcloud – während online zunächst nur wenige Beiträge verfügbar sind.

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