• Eine Welt, die sich selbst genügt, ist möglich. 2016 sind 1,6 Planeten für sie nötig.

Montag, 08. August 2016

Earth Overshoot Day 2016 wieder ein paar Tage früher

Bis zum heutigen Tag sind die jährlich nutzbaren Ressourcen, die die Erde regenerieren kann verbraucht. Ab jetzt gehen die Menschen weiter an ihre Reserven, die unwiederbringbar verloren sind. Trotz aller Bemühungen wächst der globale Ressourcenverbrauch stetig – dabei ließen sich mit einer konsequente Suffizienzpolitik weitere Ökoschulden vermeiden.

Jedes Jahr wandert der Erdüberlastungstag, wie er im Deutschen heißt, ein paar Tage im Kalender nach vorn. 2015 fiel der Earth Overshoot Day noch auf den 13. August, in diesem Jahr ist er bereits am achten August. Bis zu diesem Zeitpunkt hat die Menschheit die gesamten ohne langfristige Folgen nutzbaren, nachwachsenden Rohstoffe verbraucht. Jeder weitere Verbrauch bedeutet Schuldenmachen: An der Natur, am Klima, an der Gesundheit, an der Zukunft. Die Reserven werden kleiner, die Aufnahmekapazität für die Folgen wird geringer, die Widerstandskraft schwächer, weil zum Beispiel die geschädigten Meere und Böden weniger Kohlendioxid aufnehmen können.

Weitere Schlagworte des Overshoot Days: 1,6 Erden wären nötig, um den derzeitigen Jahresverbrauch der Menschen zu decken. Würden alle Menschen den gleichen Ressourcenverbrauch wie die deutsche Bevölkerung praktizieren, bräuchten sie 3,1 Planeten. Und so weiter und so fort, die Botschaft ist klar – allein, es fehlt die Umkehr. Dennoch scheint der Tag, datengespeist seit Jahrzehnten vom Global Footprint Network, zunehmend ins Licht der Medienöffentlichkeit zu gelangen. Auch wenn niemand entzückt ist, auf seine eigenen Schulden aufmerksam gemacht zu werden: Von Jahr zu Jahr mehren sich die Stimmen, die die mahnenden Worte zum wachsenden Ressourcenverbrauch wiederholen. Selbst den Mainstream-Medien ist er den ein oder anderen Beitrag wert – anknüpfend an die Aufmerksamkeit, die der historische Pariser Klimavertrag von 2015 ausgelöst hat.

Schließlich sind Klimawandel und Rohstoffverbrauch unmittelbar miteinander verknüpft. Der Erfinder des ökologischen Rucksacks, Friedrich Schmidt-Bleek, predigt seit langem den Ressourcenschutz als den besten Klimaschutz. "Jedes Kilo Material, das nicht abgebaut, transportiert, verarbeitet wird oder auf dem Müll bzw. im Meer landet, bedeutet mehr Klimaschutz", heißt es bei ihm sinngemäß. Nicht Kohlendioxid ist für ihn die kritische Kenngröße, sondern Masse (siehe auch Den Rucksack erkennen im factory-Magazin Wir müssen reden).

Vor dem Bundestag starten heute mehrere Nichtregierungsorganisationen eine entsprechende Aktion: Sie lassen den Planeten mehrfach platzen, in Form von Luftballons. „Unsere Gesellschaft scheint den Knall nicht gehört zu haben: Das Limit ist überschritten, wir leben ab heute für den Rest des Jahres allein auf Kosten der Jungen und künftiger Generationen“, erklärt Celia Zoe Wicher von der BUNDjugend. „Die Bundesregierung setzt auf Energie- und Rohstoffeffizienz, aber das geht nicht weit genug“, kritisiert Beate Schurath vom entwicklungspolitischen INKOTA-netzwerk. „Es ist höchste Zeit für eine konsequente Suffizienzpolitik, aber der politische Wille dazu scheint bislang zu fehlen.“

Die Rezepte für eine konsequente Ressourcen- und Klimaschutzpolitik liegen eigentlich seit langem auf den bundesdeutschen Regierungstischen, doch statt ihrer Umsetzung geht es weiter mit den Verschlechterungen: Ausnahmegenehmigungen für die Kohle- und Kraftwerksindustrie, Ausnahmen bei den Automobilbauern, Reduzierung der Energiewende und Teilhabemöglichkeiten daran, keine Ökologisierung der Landwirtschaft, weitere Subvention energieintensiver Produktion und Produkte. Dabei haben gerade die vermögenden Staaten eine besondere Verantwortung zu handeln. Schließlich gilt die Faustformel "Mehr Reichtum = mehr Verbrauch" auch in Deutschland, wie eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes zeigt: Wer mehr Geld hat, verbraucht auch mehr Ressourcen und Energie, ob umweltbewusst oder nicht. „Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen – auch wenn die Menschen sich ansonsten im Alltag umweltbewusst verhalten. Aber gerade diese ‚Big Points‘ beeinflussen die Ökobilanz des Menschen am stärksten. Der Kauf von Bio-Lebensmitteln oder eine gute Mülltrennung wiegen das nicht auf", sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger.

Auch der Gründer und Präsident des Global Footprint Network, Mathis Wackernagel, sieht die Grenzen des Wachstums. "Nachhaltigere Praktiken sind nötig, aber nicht hinreichend. Nehmen sie die Ökolandwirtschaft. Die ist ressourcenschonender als die konventionelle. Aber wenn die Menschen mehr wollen, als die Erde regenerieren kann, dann geht das auch mit Biolandwirtschaft nicht. Wir brauchen Qualität, aber Quantität sticht Qualität", sagt er im taz-Interview.

Wie sich mit einer konsequenten Suffizienpolitik etwas erreichen ließe, hat Manfred Linz in seinem Katalog der Suffizienz als politische Praxis zusammengestellt. 30 politische Maßnehmen, bewertet nach Eingriffstiefe und vermutlicher Akzeptanz, hat er ausgewählt. Das reicht von Car-Sharing bis Urban Agriculture im ersten Teil, über City-Maut bis Tempolimit im zweiten, bis zu ökologischer Steuerreform und dem Abbau umweltschädlicher Subventionen im dritten Teil. Machbar wäre das alles längst selbst im großen Maßstab, und sogar finanziell leistbar: Über eine geringere ökologische Schuldenaufnahme, so dass der Erdüberlastungstag in den nächsten Jahren wieder weiter nach hinten im Kalender wandert.

Mehr zu ökologischen Schulden und ihrer Vermeidung im factory-Magazin Schuld & Sühne, das reich illustriert und mit vielen Zahlen und Zitaten ausgestattet kostenlos als PDF-Magazin zum Download zur Verfügung steht. Einige Beiträge finden sich auch im Themenbereich online.



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