Den Wert der Dinge schätzen lernen

Räderwerk einer Uhr
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Es ist ein Weg aus der ressourcenverschlingenden Konsumfalle: die andere Form der Wertschätzung von Produkten, der investierten Arbeit und der Ressourcen. Mit einem wirklich wertschätzenden, materialverliebten Konsumverhalten belohnen wir uns und andere, sowohl betriebswirtschaftlich als auch ästhetisch. Ein Plädoyer

von Christine Ax

So kreislauffähig Produkte auch sein mögen: Der Zweck eines Produktes kann es niemals sein, Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, indem es „recyclebar“ wird oder „kreislauffähig“. Ihr Zweck kann immer nur der Nutzen sein, oder das Vergnügen, das eine Sache bereitet. Ihr Gebrauch und nicht der Verbrauch. Selbst für Recyclebares gilt: Weniger ist mehr. Denn die Herstellung aller Artefakte und ihr Erhalt erfordern neben Energie und Rohstoffen auch menschliche Lebenszeit, bei der Herstellung und beim Gebrauch. Lebenszeit, die kostbar ist. 

Wer Produkte, ihre Herstellungsweise und die ressourcengebende Natur wirklich wertschätzen will, der fragt nach ihrem Nutzen, ihrem Sinn. Welche Dinge machen wirklich zufrieden? Dazu müssen wir nicht zwanghaft abwägen, was wirklich nutzt. Im Gegenteil, wir können der Welt auch anders entgegentreten, in einem positiven Sinne „liebend materialistisch“, wie der Dichter Pablo Neruda empfiehlt. In seinem Loblied auf die kleinen und großen Dinge beschwört er die Vielfalt der Formen, Farben und Materialien. Jedes Stück hat für ihn einen eigenen Wert, zusammen bestimmen sie sein Leben. “Ich liebe die Dinge über alles (…), nicht nur die höher stehenden, sondern auch die unendlich kleinen (…), bei meiner Seele, ist der Planet schön (…), voll von allem, was Menschen erschaffen haben,“ schreibt Neruda. „Keiner kann sagen, ich hätte nur geliebt, was hüpft, klettert, überlebt und seufzt. (…) Mir sagen Dinge vieles, so dicht liefen sie neben meinem Dasein her, dass sie mir da waren, dass sie ein halbes Leben mit mir lebten und dereinst einen halben Tod mit mir sterben.“ Nur was wir wirklich lieben, ist uns die Mühe des Gebrauchs und des Erhaltens wert.

Dinge als lebenslange Begleiter

Wäre es also nicht sinnvoller, wir würden unser Konsumverhalten entschleunigen und besäßen weniger aber bessere Dinge? Gut fürs Leben und fürs Leben gemacht? Objekte, zu denen wir eine persönliche Beziehung haben? Dinge die mit den Jahren für uns oder andere an Wert und Patina gewinnen. Und sollten wir nicht, bevor wir ihnen erlauben, eine Rolle in unserem Leben einzunehmen, ein wenig genauer darüber nachdenken, was sie tatsächlich für unser Leben bedeuten?

Wie solche anderen Wertmaßstäbe funktionieren, zeigt uns zum Beispiel Ivan Illich. Der Autor, Philosoph und Theologe hat mit seinen Schriften Ansätze dazu geliefert, Dinge gegen den Strich zu denken. 1978 rechnete er als einer der ersten in seinem Buch Energy and Equity vor, dass das Auto ein Lebenszeitfresser ist. Wir sparen mit ihm keineswegs Lebenszeit oder gewinnen Freizeit, wie man annehmen wurde. Illich kalkulierte die Zeit, die wir aufwenden müssen, um das Auto mit Hilfe unseres Einkommens finanzieren zu können, ebenso mit ein wie die, die anschließend für die Finanzierung des Betriebs, für Treibstoff, Reparaturen, Versicherung usw. notwendig sind.

Arbeitszeit ist gleich Lebenszeit, so die Gleichung von Illich. Sie hilft nicht nur beim Autokauf, sondern auch, wenn es um Konsum im Allgemeinen geht. Kaum haben wir etwas gekauft, sind wir schon wieder auf der Suche nach dem nächsten Schnäppchen. Weil es Spaß macht, weil wir uns einreden, wir bräuchten dieses und jenes unbedingt, oder schlicht, weil wir es uns leisten können.

Was wir nicht kaufen, braucht nicht hergestellt werden, müssen wir nicht verdienen. Je weniger wir erwerben und produzieren, desto weniger Arbeitsplätze muss die Wirtschaft bereitstellen oder immer wieder neu schaffen. Denn je produktiver wir sind, desto mehr müssen wir konsumieren, um arbeiten zu dürfen.

Den Grenznutzen berechnen

Um zu einer anderen Wertschätzung der Dinge und unseres Konsums zu kommen, können wir auch knallhart betriebswirtschaftlich argumentieren. Ökonomen haben dafür den Begriff vom „Grenznutzen der Dinge“ entwickelt. Damit ist gemeint, dass sich der Nutzen einer Ware nicht proportional zu ihrer Zahl steigern lasst. Kaufen wir für unser Sonntagsfrühstück zehn Semmeln, sind aber schon nach der zweiten satt, verliert jedes weitere Brötchen damit für uns an Wert. Ähnlich geht es einem durstigen Zecher, der nach dem ersten Bier einen „hohen positiven Grenznutzen“ feststellt, nach dem fünften einen gegen Null gehenden und nach dem zehnten wird aus dem Vergnügen das Gegenteil.

Die gleiche Rechnung gilt für den Kauf von Waren. Wenn wir zwanzig T-Shirts kaufen, können wir doch immer nur eines tragen, der Nutzen der anderen, die im Schrank liegen, reduziert sich entsprechend. Auf diese Tendenz zur Marktsättigung muss eine wachstums­orientierte Konsumgüterindustrie immer reagieren. Sie versucht, Konsum in Gang zu halten. Denn nicht die Produkte sind knapp und auch nicht das Geld, sondern die Bedürfnisse. Für mehr und dauerhaften Absatz sind heute Marketing- und Werbefachleute sowie Designer zuständig. Weil die Funktion eines neuen Gegenstands oder Geräts im Wesentlichen gleich bleibt, kommt es auf die Optik und Image an, auf das Lebensgefühl, das ein Produkt transportiert. Diese Faktoren sind zur entscheidenden Triebfeder für Neukäufe stilisiert, obwohl der alte Toaster, das alte Auto, die Winterjacke noch gut in Schuss sind. Inszeniert wird ein sozialer Druck auf die Konsumenten, ein Distinktions- ein Ansehensgewinn suggeriert, eine höhere soziale Wertschätzung versprochen.

Der Absatzförderung dient auch die technische Obsoleszenz. Eine lange Nutzungsphase durch die Verbraucher ist kontraproduktiv für das wirtschaftliche Wachstum. Die Liste der Beispiele geplanter Obsoleszenz ist lang: Angefangen bei Glühbirnen, die ursprünglich viel langlebiger waren, über Feinstrumpfhosen, die schon das erste Anziehen nicht überleben bis hin zu Druckern oder Waschmaschinen, die in der Regel nach Ablauf der Garantiephase die gleichen Defekte aufweisen. Es gibt Kamera- oder Handy-Akkus, die schon nach zwei Jahren nicht mehr funktionieren und entweder ohnehin nicht ausgetauscht werden können oder aber schlicht nicht mehr lieferbar sind. Ob das von der Industrie bewusst so geplant wird oder ob es ein Zufall ist, darüber streiten Verbraucherschützer und Hersteller. Ein neues Projekt des Umweltbundesamtes will nun bei elektrischen und elektronischen Geräten mehr Licht in dieses Dunkel bringen. Tatsache ist: Die Hersteller unternehmen nichts, um daran etwas zu andern. Wozu auch, sichert die Obsoleszenz doch beständige Nachkäufe. Die Industrie hat naturgemäß kein Interesse Dinge dauerhaft zu erhalten.

Die Nebenkosten des Konsums

Haben wir den Grenznutzen und seine Wirkung verstanden, sind wir in der Lage, Dinge anders wertzuschätzen – und unser wachstumsförderndes Konsumverhalten zu verändern. Werfen wir noch einen Blick auf die Grenzkosten, wird unser bisheriges Verhalten völlig unsinnig.

In der Betriebswirtschaftslehre und der Mikroökonomik sind die Grenzkosten, auch Marginalkosten genannt, die Kosten, die durch die Produktion einer zusätzlichen Einheit eines Produktes entstehen. Wir Konsumenten müssen mit ihnen ebenfalls rechnen: Je mehr Dinge wir erwerben, besitzen, instand halten und später auch entsorgen müssen, desto höher sind die psychologischen, sozialen und ökologischen Kosten, die mit dieser Art von Überfluss verbunden sind.

Begreifen wir unsere Wirtschaft als eine Art Flussschema, müssen auf der einen Seite Energie, Rohstoffe, Arbeit und Zeit hinein fließen, damit auf der anderen Seite Produkte herauskommen. Eine gewaltige Maschinerie, die in Gang gehalten werden muss – je schneller sie läuft, desto schneller müssen wir arbeiten und konsumieren und desto mehr Energie und Rohstoffe werden verschwendet – nur damit wir am Ende Gegenstände erworben haben, die wir eigentlich nicht brauchen, geschweige denn schätzen.

Mit Hilfe von Grenznutzen und Grenzkosten sind wir schon ein Stück weiter in der Veränderung unserer Wertschätzung. Wir verstehen jetzt die Zwänge des Konsums und können auch anders. Fehlt nur noch der Faktor Arbeit. Lösen wir den gordischen Knoten der Bewertung von eigener und fremder Arbeit, um zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu kommen.

Ein Geschenk für die Restschuld

Viele Menschen verrichten heute schon ihre Arbeit mit hohem Ethos und sind zu Recht stolz auf das, was sie können und leisten. Dabei spielt der Preis, der als Entlohnung durchgesetzt werden kann, eine wichtige Rolle. Doch wer in Gesprächen über Arbeit genau hinhört, versteht, dass hinter der Dimension des Geldes etwas aufscheint, das nichts mit Geld zu tun hat und auch nicht mit Geld reguliert werden kann. Die so genannte Arbeitsfreude muss nicht entgolten werden, sie trägt ihren Lohn in sich selbst: den Stolz und die Freude über das gelungene, auf Wertschätzung stoßende, sinnstiftende Werk. Das damit manchmal verbundene Arbeitsleid hingegen kann und muss adäquat entgolten werden. Dies kann jedoch nicht alleine in der Währung ‚Geld‘ gelingen. Der relative Wert einer Arbeit mag sich im Marktpreis objektivieren, doch gilt dies niemals für den absoluten Wert des Menschen, der diese Arbeit für uns vollbringt. So wichtig es ist, einen fairen Preis für das Werk und die Arbeitszeit zu zahlen, so wichtig ist es, zu verstehen, dass die monetäre Abgeltung einer Leistung den Aspekt der Abwertung der Arbeit und des Menschen in sich trägt.

Denn alles, was der Mensch an Können, an Arbeitsfreude und Gutem freiwillig in seine Arbeit hinein gelegt hat, ist unbezahlbar, es ist und bleibt ein Stück von ihm. Beim Erwerb bleibt daher ein Rest an ‚Schuld‘, der nur in der Währung Wertschätzung, Respekt und Dankbarkeit beglichen werden kann. Dass dies unterschwellig Teil unseres Empfindens und unserer Kultur ist, drückt sich im Alltag oft in einer höflichen Geste, einem Geschenk oder dem Trinkgeld aus, um beide Seiten zu ehren: diejenigen, die ihre Wertschätzung ausdrücken und diejenigen, die ihre Arbeit der Bewertung preisgeben.

Christine Ax ist Philosophin und Autorin. In ihren Büchern Handwerk der Zukunft, Die Könnensgesellschaft - Mit guter Arbeit aus der Krise und Wachstumswahn: Was uns in die Krise führt und wie wir wieder herauskommen (zusammen mit Friedrich Hinterberger) sind Arbeit, Konsum und Wertschätzung zentrale Themen. Für factory schrieb sie über Teilhabe und Wachstum.

Weitere Aspekte der Wertschätzung von Menschen, ihrer Arbeit und der Natur finden Sie im  Themenbereich und noch ausführlicher im factory-Magazin Wert-Schätzung. Das kostenlose PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist schön illustriert und optimiert für die Lesbarkeit auf Tablets und Bildschirmen.

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