Getrennt analysieren, gemeinsam denken – und handeln!

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Wir behandeln die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit viel zu sehr isoliert. Tatsächlich sind sie in den Dimensionen Raum und Zeit unmitellbar und wechselwirkend miteinander verbunden. Statt getrenntem brauchen wir mehr grenzenloses Denken und Handeln.

Der Trenn-Standpunkt von Prof. Dr. Angelika Zahrnt

Da stehen sie, die drei Säulen der Nachhaltigkeit Ökonomie, Ökologie, Soziales und darüber das Dach der Nachhaltigkeit – ein ordentlicher, akkurater griechischer Tempel. Das gängige Bild der Nachhaltigkeit ist ein Trugbild: Die drei Säulen sind nicht gleich stark und gleich hoch und sie tragen nicht brüderlich-schwesterlich das Dach der Nachhaltigkeit. Sondern die ökonomische Säule ist breit und hoch und drückt im Konfliktfall die beiden anderen Säulen zur Seite und das Dach der Nachhaltigkeit hängt schief.

Aber auch das Bild der auf Abstand stehenden Säulen, unverbunden und jede für sich, gibt einen falschen Eindruck wieder – als ob es darauf ankäme, jede Säule als einzelne zur perfekten Schönheit zu bringen. Und schließlich ist das gängige Tempelbild auch deswegen ungeeignet, weil die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit nicht von gleicher Qualität und Bedeutung sind. Die natürlichen Lebensgrundlagen sind die Basis für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft und bilden die ökologischen Grenzen ab. Und nachhaltige Entwicklung ist ein Prozess, in dem wirtschaftliche und technische, soziale und kulturelle Faktoren, die Entwicklung von Natur und Landschaft miteinander verbunden sind.

Diese komplexen Zusammenhänge sind nur mühsam zu erfassen und zu erforschen. Sicher, das Ausblenden von Einflussfaktoren kann helfen, einzelne Wirkungszusammenhänge zu analysieren. Die Wirtschaftswissenschaften haben dieses Vorgehen, die Komplexität zu reduzieren, um damit Modelle zu konstruieren, diese zu optimieren und die Wirklichkeit in mathematische Formeln zu überführen, weit voran getrieben.

Aber das Leben, das Wirtschaften, die Natur sind nicht fein säuberlich getrennte Abteilungen, sondern sie sind miteinander verbunden und interagieren. Und die Abtrennung oder das Ausblenden von räumlichen und zeitlichen Folgewirkungen lässt sich zwar im Forschungsdesign vornehmen – nicht aber in der Realität.

Die Realität unserer vernetzten Welt und die Folgen des Ignorierens zeigen sich zunehmend: Wenn die ökologischen Folgen unseres Wirtschaftens mit den hohen CO2-Emissionen sich im Klimawandel niederschlagen, wenn durch Standortverlagerungen zwar Umweltbelastungen in Deutschland verringert werden, in anderen Teilen der Welt aber zunehmen, wenn durch Biosprit zwar (vielleicht) bei uns die CO2-Bilanz verbessert wird, in den Anbaugebieten der Ölpalmen aber verschlechtert wird und sozial negative Folgen für die Bevölkerung hat, wenn billige Textilien unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen fabriziert werden, wenn bei uns verbotene Pestizide in importierten Lebensmitteln auftauchen, wenn unser (Gift) Müll auf Müllhalden in den Ländern des Südens auftaucht und dort lebensgefährdend zerlegt und gesammelt wird.

Die Komplexität menschlichen Lebens macht sich ebenfalls bemerkbar und streut Sand in die rational getrennte Sichtweise:

  • wenn das Menschenbild des Homo oeconomicus, der auf seine individuelle Nutzenmaximierung ausgerichtet ist, in der Realität zunehmend auf Menschen trifft, die nicht mehr vorrangig an Karriere und Einkommen orientiert sind, sondern meinen, eine ausgeglichene Work-Life-Balance sei ihrem Glück zuträglicher,
  • wenn die geschlechtsspezifische Trennung zwischen Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit in Familie und Haushalt hinterfragt wird und erkennbar wird, dass ohne neue Regelungen und Infrastrukturen die Reproduktion in einer Gesellschaft (und in Folge auch die Produktion der Wirtschaft) in Frage gestellt wird,
  • wenn der Rebound-Effekt uns zeigt, dass es nicht nur auf technisch effiziente Produkte ankommt, sondern auch auf den klugen, achtsamen Umgang mit ihnen.

Auch wenn es mühsam ist: wir müssen lernen, sehr viel stärker in komplexen Zusammenhängen zu denken und zu handeln. Zu trennen, um analytische Erkenntnisse zu gewinnen, die aber dann in komplexen Zusammenhängen zu überprüfen sind.

Nicht nur bei den Inhalten sind räumliche und fachliche Grenzen zu überwinden. Auch beim gesellschaftlichen Wandel kommt es darauf an, dass Akteure „grenzüberschreitend“ tätig werden: Wenn Unternehmen lokale Kooperationsnetzwerke gründen, wenn in Runden Tischen zur Energiewende Stadtverwaltung, Energieversorger, Umweltverbände, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger zusammen sitzen, wenn Unternehmen und Konsumenten statt sich den schwarzen Peter für nicht-nachhaltige Produkte zuzuschieben, gemeinsam Ideen für neue nachhaltige Produkte entwickeln, wenn Experten und Alltagspraktiker zusammen arbeiten.

Gerade ein Transformationsprozess von einer auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaft und Gesellschaft zu einer Postwachstumsgesellschaft – die durch eine Unabhängigkeit von Wachstum oder Schrumpfung wirtschaftlicher Leistungsindikatoren gekennzeichnet ist – muss in diesem komplexen Wandlungsprozess Vieles zusammen führen: Fachwissen aus unterschiedlichen Disziplinen, Experten und Praktiker, Effizienz und Suffizienz, soziale Gerechtigkeit bei uns und weltweit. Es wird auf ganzheitliches Denken und gemeinsames Handeln ankommen und nicht auf isolierte Säulenpflege.

Weitere Beiträge zum Thema Trennen mit erläuternden Zahlen und Zitaten, schön illustriert und gut lesbar auf Bildschirmen und Tablets in unserem PDF-Magazin Trennen.

Angelika Zahrnt

Prof. Dr. Angelika Zahrnt ist Ehrenvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) und Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung.

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