Schiedsrichterpfeife
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Den Ressourcenverbrauch durch Gleichheit drosseln

Gleichheit ist ein Schlüsselfaktor zu Ansätzen solidarischer Postwachstumsökonomie und von Commons, mit dem im post-fossilen Zeitalter die herrschende nicht-nachhaltige Wirtschaftsordnung und Rebound-Effekte überwunden werden können. 

Von Andreas Exner

Wachstums- und Rebound-Effekte werden in der Diskussion um eine zukunftsfähige und gerechte Wirtschaftsweise häufig als Beleg dafür verwendet, dass mit der bisherigen Wirtschaftsordnung eine ressourenschonende Ökonomie nicht möglich ist. Häufig wird danach gefragt, was eigentlich das Wachstum der Wirtschaft so antreibt, dass es durch den damit verbundenen wachsenden Ressourcenverbrauch ersichtlich negative Folgen für Umwelt und Lebensqualität hat. Den gegenwärtigen Diskurs prägen zwei Erzählungen: Das technizistische Narrativ macht ineffiziente Technologien dafür verantwortlich, dass sich das Wachstum als ökologisch problematisch erweist, das anti-konsumistische sieht im wachsenden Konsum die Ursache für den zunehmenden Ressourcenverbrauch. Die  technologische Argumentation fokussiert dabei vor allem auf weitere Effizienzsteigerungen und eine Ablösung nicht erneuerbarer durch erneuerbare Energieträger.
Für die technologischen Lösungen spricht die Hoffnung, dass auf ein einzelnes Produkt bezogen mit steigender Ressourceneffizienz der Ressourcenverbrauch abnimmt. Daraus wird geschlossen, dass sich auch gesamtgesellschaftlich der Ressourcenverbrauch und damit Umweltschäden durch einen entsprechenden technologischen Fortschritt reduzieren müssten. Auch das anti-konsumistische Narrativ wirkt zunächst überzeugend: Kaufen die Konsumierenden weniger ein, so die Annahme, sollte auch die Produktion zurückgehen. Auf diesem Wege wäre ebenfalls ein Nachlassen von Umweltbelastungen zu erwarten.

Diese Annahmen erweisen sich bei näherer Betrachtung als fragwürdig. Die technisch orientierte Strategie der Effizienzsteigerung übersieht den so genannten Rebound-Effekt. Dieser zeigt sich empirisch als parallele Entwicklung eines sinkenden Ressourcenverbrauchs pro Produkteinheit oder Transportkilometer mit in der Regel insgesamt wachsenden Verbräuchen. Auch das Konsumargument ist wenig plausibel: Löhne und Gehälter und deren Anteil am Volkseinkommen sinken seit den 1980er Jahren in sehr vielen westlich-industrialisierten Ländern – während die Ressourcenverbräuche steigen.

In beiden Argumentationsweisen zeigt sich ein gemeinsames Defizit: Ihnen fehlen Sensorium und Begrifflichkeiten für die existierende Wirtschaftsstruktur und die damit verbundene spezifische Form sozialer Beziehungen. Denn charakteristisch für die herrschende Produktionsweise sind die Produktion von Profit und die sich daraus ergebende umfassende Marktorientierung.

Eine ökologische Konsequenz dieser Wirtschaftsweise ist die Funktionalisierung konkreter Bedürfnisse, die an sich begrenzt sind. Das eingesetzte Kapital muss jedoch wachsen, die Konkurrenz am Markt verlangt nach einem Überschuss – und zwar an Geld. Ein Unternehmen, das mangels Rentabilität nicht in neue, produktivere Maschinen, Marketing, eine Rationalisierung der Arbeitsabläufe und höher qualifizierte Mitarbeiter investieren kann, wird profitableren Betrieben im Wettbewerb unterliegen. Neben diesem Wachstumszwang durch Konkurrenz wirkt auch der Wachstumsdrang: mit einer Investition nur gleich hohe Einnahmen zu erzielen macht keinen Sinn, wenn der Zweck der Produktion nicht primär der Bedürfnisbefriedigung dient.

Ressourcenreduzierung ermöglicht neue Investitionen

Die Grenzen beider Positionen sind offensichtlich: Die Technik löst das Problem des nachhaltigen Wirtschaftens insoweit nicht, als durch die Ersparnis an Ressourcen ersparte Ausgaben als vermehrte Geldmittel für erneute Investitionen erscheinen, die sich letztlich in neuen Produktionsmitteln oder neuen Produkten materialisieren. So werden Effizienzsteigerungen konterkariert oder sogar überkompensiert. Ein ähnlicher Effekt wirkt auch auf Seiten der Konsumierenden, die bei steigender Effizienz von Neuwagen oder Rechnerleistung mehr davon nachfragen, angetrieben nicht durch eine Konkurrenz am Markt, sondern durch den Zwang zum Status­erhalt und -zugewinn.

Eine Position, die den Konsum für die ökologische Krise verantwortlich macht, ohne seine wirtschaftliche Funktion und Einbettung zu berücksichtigen, verkennt wiederum zweierlei: Erstens ist nicht der Konsum das Motiv kapitalistischen Wirtschaftens, sondern der Profit. Dieses Motiv setzt Konsum voraus, hat jedoch die Vermehrung von Kapital durch die Akkumulation von Geldüberschüssen zum Inhalt (als Unternehmergewinn, Grundrente und Aktiendividende). Diese Überschüsse in Form von Profit treten als genau jener Teil des Volkseinkommens in Erscheinung, der eben nicht konsumiert wird, sondern in der Folge stattdessen investiert wird. Ein Konsum, der das gesamte Volkseinkommen „aufisst“, würde zugleich den Profit annullieren und damit weitere Produktion unter kapitalistischen Bedingungen.

Die Voraussetzungen von Suffizienz

Welcher Weg zur Nachhaltigkeit wäre also einzuschlagen, wenn technologische Entwicklung allein zu kurz greift und der Konsum als solcher noch nicht sein eigentliches Hindernis darstellt? Die Antwort ergibt sich, wenn man den Mechanismus des Wachstumszwangs in den Blick nimmt, die Konkurrenz um den Profit, die aus der Konkurrenz der Unternehmen um ihr wirtschaftliches Überleben resultiert. Diese Konkurrenz wirkt zwangsläufig, wenn diese sich über ihre Produktion nicht absprechen, sondern gegeneinander rücksichtslos verfahren. Und das kann auf einem Markt anders auch nicht sein. Eine nur scheinbare Alternative besteht in einer autoritären, den Konkurrenzmechanismus oberflächlich aussetzenden staatlichen Planung des Marktes wie im Modell des Realsozialismus, worin sich die Konkurrenz in „negativer Form“ fortsetzte. Eine wirkliche Alternative bestünde in einer demokratischen, bedürfnisorientierten Regulierung der Produktion ohne staatliche Intervention. Für diesen letzteren Weg sind grundsätzlich neue Wirtschaftsweisen erforderlich und eine Große Transformation zu einer historisch neuen Form von Gesellschaft. 

Sekundär spielt auch die Konkurrenz der Konsumierenden für den Wachstumszwang eine Rolle, die symbolisches Kapital in Form von Prestigegütern akkumulieren; allerdings insbesondere auf den unteren Stufen der sozialen Rangleiter auch schlicht um einen Arbeitsplatz überhaupt kämpfen. Die Statusleiter, die sich vom Investor bis zur Erwerbslosen aufspannt, verlängert sich unter dem Wirken der Konkurrenz beständig, nachdem diese systematisch die Reichen belohnt und die Armen straft. Je mehr ein Individuum über ökonomisches und kulturelles Kapital verfügt, desto eher wird es in der Konkurrenz reüssieren und weiteres Kapital akkumulieren können. Die Statuskonkurrenz auf Seiten der Investoren und Firmeneigentümer, sekundär auch die zwischen den Lohnabhängigen, ist die subjektive Triebkraft des Wachstumszwangs, dem folgerichtig nur durch den Abbau von sozialer Ungleichheit begegnet werden kann. Dies ist eine wesentliche, wenngleich noch keine hinreichende Bedingung für Nachhaltigkeit.

Soweit die kurz gefasste Analyse der Ursachen und Folgen des Wachstums. Doch ist der Wunsch nach einer neuen Wirtschaftsordnung der Suffizienz praktisch mehr als eine vage Hoffnung?

Nicht unbedingt. Wirtschaftsweisen, die nicht der Logik von Konkurrenz und Profitmaximierung folgen, sondern sich an konkreten Bedürfnissen orientieren und daher suffizienzfähig sind, werden vermehrt unter dem Titel einer Solidarischen Ökonomie oder als Commons diskutiert. Sie reichen beispielsweise von gemeinschaftsgestützten Landwirtschaftsprojekten über foodcoops bis hin zu vernetzten demokratischen Genossenschaften. Historische Beispiele gehen zurück bis zu den ersten Jahrzehnten der israelischen Kibbuz-Siedlungen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Während sich Israel insgesamt kapitalistisch entwickelte, verfolgte der wirtschaftlich bedeutende Kibbuz-Sektor bis in die 1980er Jahre einen anderen Weg. Aber auch die vielfältigen subsistenzorientierten Praktiken, die global immer noch einen großen Teil des Alltags sehr vieler, wenn nicht der meisten Menschen bilden, gehören in dieses Spektrum. 

Soziale Nähe reduziert den Umweltverbrauch

Untersuchungen zu den Folgen von sozialer Gleichheit belegen, dass schon allein reduzierte Einkommensspannen in einer Volkswirtschaft die Lebensqualität stark erhöhen. Das BIP hat dagegen keinen statistisch messbaren Einfluss auf die Lebensqualität in den reicheren Ländern. Länder mit mehr Gleichheit zeigen zudem einen geringeren Anteil von absatzfördernden Werbeausgaben am BIP und einen höheren an Entwicklungshilfe; auch ihr Friedensindex schneidet besser ab. Mehr Lebensqualität erfordert daher nicht eine höhere Wirtschaftsleistung und ihren im Schnitt größeren Umweltverbrauch sondern mehr Gleichheit. Wichtige Indikatoren eines ökologisch positiven Naturverhältnisses im Vergleich reicher Länder korrelieren positiv mit sozialer Gleichheit. So korreliert die Zahl der Kraftfahrzeuge pro Kopf in einem Land mit dem Grad sozialer Ungleichheit, während diese Quote mit dem BIP pro Kopf keine Korrelation aufweist. Die Größe von Wohnungen am neueren Gebäudebestand ist negativ mit dem Grad sozialer Gleichheit korreliert, die durchschnittlich gefahrenen Radkilometer pro Person und der Anteil von Radfahrten auf alle Fahrten bezogen korrelieren dagegen positiv mit dieser Variable. Der direkte Materialverbrauch im Vergleich reicher Volkswirtschaften korreliert positiv mit steigender sozialer Ungleichheit.

Mehr Gleichheit würde zudem die Schwierigkeiten einer insgesamt schrumpfenden Wirtschaft erheblich mildern. In einer ungleichen Gesellschaft fallen die Lasten einer solchen Reduktion unverhältnismäßig stark auf jene Gruppen, die ohnehin schon benachteiligt sind. Weil der Grad der sozialen Gleichheit über die Lebensqualität entscheidet, haben gleichere Gesellschaften bessere Voraussetzungen, mit weniger Produkten mehr Wohlstand für alle zu erzielen als ungleichere. Eine deutlich stärkere Besteuerung von Vermögen, Spitzeneinkommen und Kapitalgewinnen ist also aus sozialen wie ökologischen Gründen nötig.

Dazu parallel sollten staatliche Politiken und soziale Bewegungen jedoch auf eine Veränderung der Wirtschaftsordnung selbst abzielen. Und zwar durch eine Förderung von Betrieben und Projekten, die sich allenfalls in demokratisch gebändigter, sozial regulierter Form auf den Markt hin ausrichten müssen, und stattdessen möglichst weitgehend auf konkrete Bedarfsdeckung hin abzielen können und solidarisch produzieren. Nicht zuletzt zeichnen sich demokratische Genossenschaften und ähnliche Organisations­typen durch ein höheres Maß an pro-sozialen und demokratischen Haltungen ihrer Mitglieder aus. Dies ist lediglich eine Voraussetzung solcher Wirtschaftsweisen, keineswegs schon eine zureichende Bedingung. Im Rahmen der vom Markt geprägten Wirtschaftsordnung kann es keine stationäre Wirtschaft geben, und schon gar keine schrumpfende, die nicht mit massiven sozialen Verwerfungen einhergehen würde. Kooperatives, auf Gleichheit beruhendes Wirtschaften erfordert daher letzten Endes eine weitgehende Ablösung des Marktes durch Formen bedürfnisorientierter, demokratischer Regulierungen des Wirtschaftens jenseits staatlicher Planung.

Andreas Exner ist Ökologe und Sozialwissenschafter in Graz und Wien. Zur Zeit  ist er Co-Leiter des Projekts Green Urban Commons am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und forscht derzeit zu Gemeinschaftsgärten. Er leitete die Forschungsprojekte des Österreichischen Klima- und Energiefonds Save our Surface, Feasible Futures und Resilienz Österreich. Zusammen mit Martin Held und Klaus Kümmerer gibt er den Sammelband „Kritische Metalle in der Großen Transformation“ heraus, der 2015 bei Springer erscheinen wird.

Literaturempfehlungen

Zum Wirtschaftssystem: 

Altvater, E. (2005): Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Westfälisches Dampfboot, Münster.

Binswanger, H. C. (2006): Die Wachstumsspirale. Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. Metropolis-Verlag, Marburg.

Exner, A., Zittel, W., Fleissner, P., Kranzl, L. (Hrsg., 2013): Land and Resource Scarcity. Capitalism, Struggle and Well-being in a World without Fossil Fuels. Routledge, London

Zu Alternativen:

Exner, A.; Kratzwald, B. (2012): Solidarische Ökonomie & Commons. Mandelbaum-Verlag, Wien.

Zu sozialer Gleichheit:

Wilkinson, R.; Pickett, K. (2009): The Spirit Level. Why Equality is Better for Every­one. Penguin Books, London.

Mehr Beiträge zum Thema gibt es nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Rebound. Das ist reich illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen und enthält zudem sämtliche Beiträge und Fotos sowie Zahlen und Zitate.

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