• Titel des Emissions Gap Reports 2022 des Umweltprogramms der Vereinten Nationen
Donnerstag, 03. November 2022

UN-Klimagipfel COP 27: Geplante Maßnahmen reichen nur für 2,5 Grad

Auf 1,5 bis zwei Grad wollte die Weltgemeinschaft die Erderwärmung 2015 in Paris begrenzen. Vor dem 27. Klimagipfel mahnen erneut mehrere Berichte, dass die bisher beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen der Staaten dafür längst nicht reichen. Nur ein tiefgreifender Wirtschaftswandel könne die sich beschleunigende Klimakatastrophe aufhalten, heißt es.

"Kein Handeln ohne Verhandeln", schreibt der Philosoph Bernd Draser im factory-Magazin Handeln.  Immerhin ermögliche erst Kooperation dem Menschen das Überleben – nicht Konkurrenz. Doch angesichts der Überschreitung der planetaren Grenzen zähle bei den UN-Klimakonferenzen nur das Ergebnis, nicht die Absicht.

Und tatsächlich war das Übereinkommen von Paris wegweisend und ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit. Seitdem erzeugen die Klimagipfel zwar weitere Ergebnisse und Bekenntnisse wie zur Klimaneutralität bis 2050 und zum 1,5-Grad-Ziel, die geplanten und umgesetzten Maßnahmen bleiben aber weit hinter dem zurück, was notwendig wäre, um das vereinbarte Ziel der Begrenzung der Erderhitzung zu erreichen.

Nun steht nach 2015, der damals 21. Conference of the Parties, COP) der mittlerweile 27. Gipfel der UN-Staaten an, diesmal im ägyptischen Sharm asch-Schaich, auch als Scharm El-Scheich bekannt, einem isolierten reichen Urlaubsort an der Südspitze des Sinai am Toten Meer. Vom 7. bis zum 18. November 2022 erwarten die ägyptischen Gastgeber nach eigenen Angaben 35.000 Teilnehmer*innen.

 

Gipfel der Kritik

Das diesjährige Treffen steht besonders in der Kritik, weil es in einem Polizeistaat stattfinde, in dem Demonstranten ermordet und Menschen gefoltert wurden und es 60.000 politische Gefangene gäbe. Zudem würden Aktivist*innen nicht zugelassen oder sogar inhaftiert.

Doch auch für diesen Klimagipfel – wie vor einem Jahr in Glasgow beim COP 26 – zeigen alle Berichte, dass die Verhandler*innen mehr erreichen müssen, als bei den bisherigen Konferenzen. Die Erkenntnisse sind nicht neu, auch die Warnungen vor den Folgen des Nicht- oder zu-geringen Handelns nicht.

So beschreibt der zweite Teil des sechsten IPCC-Berichts, welche Gefährdungen auf die Menschen zukommen, wenn sie ihre Wirtschaftsweise nicht schneller ressourcenleichter gestalten, und dass schon in nächster Zeit die globale Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad Celsius ansteige und 3,6 Milliarden Menschen in besonders anfälligen Gebieten betreffen werde.

Schon jetzt seien viele Klimafolgen für Ökosysteme irreversibel, die Auswirkungen würden immer komplexer und vernetzter. Extremwetter, Hitzewellen, Trinkwasserverluste, Überschwemmungen, Verlust landwirtschaftlicher Flächen, Ernteausfälle, beschleunigtes Artensterben, Hunger, Konflikte – im Verlauf diesen Jahres konnte man all das auch in Europa beobachten, das sich sogar doppelt so schnell erwärmt, wie andere Erdteile.

Denn die derzeitigen Klimaschutzmaßnahmen, die die Staaten bis 2030 umsetzen wollen, würden die Erderwärmung nur auf 2,4 bis 2,6 Grad begrenzen helfen. Auch der aktuelle Emissions Gap Report 2022 der Vereinten Nationen bestätigt das. Das Fenster schließt sich, so sein Titel.

"Wir hatten unsere Chance, schrittweise Änderungen vorzunehmen, aber diese Zeit ist vorbei. Nur eine tiefgreifende Umgestaltung unserer Wirtschaft und Gesellschaft kann uns vor einer sich beschleunigenden Klimakatastrophe bewahren", sagte UN-Umweltprogramm-Chefin Inger Andersen.

 

Möglich, aber nicht wahrscheinlich

Auch der aktuelle Bericht des UN-Klimasekretariats in Bonn kommt auf 2,5 Grad, die Fortsetzung der zu Maßnahmen gewordenen aktuellen Schutzpolitik führe sogar zu 2,8 Grad mehr. Theoretisch könnte die Welt immer noch die Begrenzung auf 1,8 Grad erreichen – dazu müssten aber Staaten wie die USA, China und der EU ihre meist noch unverbindlichen Maßnahmenankündigungen zur Klimaneutralität bis 2050 bzw. 2060 auch umsetzen.

"Allerdings ist dieses Szenario aufgrund der Diskrepanz zwischen den derzeitigen Emissionen, den kurzfristigen NDC-Zielen und den langfristigen Netto-Null-Zielen derzeit nicht glaubwürdig," schränkte Anderson aber ein.

Um das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen, das als Haltelinie vor dem Überschreiten von Kipppunkten mit unübersehbaren Folgen gilt, müssten die globalen Treibhausgas-Emissionen bis 2030 gegenüber dem Stand von 2010 um 50 Prozent fallen, hatte der Weltklimarat festgestellt.

Die Staaten müssten dafür die bisher geplanten Emissionsminderensmaßnahmen um 45 Prozent verschärfen, für das Zwei-Grad-Ziel wären es 30 Prozent, so der UNEP-Bericht. Gegenwärtig sei bis 2030 laut UNEP aber eine Emissionssteigerung um 10,3 Prouzent gegenüber gegenüber 2010 zu erwarten.

Noch beim letzten COP 26 in Glasgow hatten zwar alle Staaten das 1,5 Grad-Ziel mühsam bestätigt, jedoch nur 24 von ihnen legten verbesserte Klimaschutzpläne vor. Der neue UN-Klimachef Simon Stiell forderte deswegen, dass die Staaten beim COP 27 unbedingt nachbessern müssten.

Energiekrise nutzen

Dass das während der durch den Krieg gegen die Ukraine ausgelösten Energiekrise und der andauernden Corona-Pandemie gelingt, erscheint illusorisch. So hat die über die Klimaverhandlungen verantwortliche Bundesaußenministerin Annalena Baerbock die Erwartungen vorsorglich gedämpft – sogar auf eine gemeinsame Abschlusserklärung.

Allerdings führe die kriegsbedingte Energiekrise auch zu einer beschleunigten Energiewende, machte die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem aktuellen World Energy Outlook Hoffnung. Sie erwartet die globale Emissionswende deswegen bereits im Jahr 2025.

Für das 1,5-Grad-Ziel reiche das jedoch nicht, betonte auch die IEA. Dazu müssten die Investitionen in erneuerbare Energien von derzeit 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr auf etwa vier Billionen bis 2030 steigen.

Nach einem konsequenten Divestment, dem Ausstieg der Investoren aus den fossilen Energien, sieht es jedoch bisher nicht aus.

So habe die Deutsche Bank in diesem Jahr trotz Bekenntnis zur Nachhaltigkeit im Konsortium mit elf anderen Banken acht Milliarden Euro an den Öl- und Gaskonzern TotalEnergies vergeben, schreibt die Klimaschutz-Organisation 350.org: "Jener Konzern, dessen fossile Expansionspläne im starken Kontrast zur notwendigen Dekarbonisierung stehen. So wird weiterhin an der Ölpipeline in Ostafrika (EACOP) festgehalten, ferner sind Flüssiggasprojekte in Mosambik und Ölbohrungen vor Guyana und in der norwegischen Barentsee geplant."

Dass die Öl- und Gasindustrie weiter auf Expansion statt Energiewende setzt, zeigt auch ein Bericht aus dem Mai 2022. Obwohl die acht untersuchten "Big-Oil"-Konzerne alle Netto-Null-Ziel zur Klimaneutralität bekundeten, sei keiner dabei, seine Geschäfte auf die Erfordernisse des 1,5-Grad-Ziels einzurichten.

Auch das Wuppertal Institut fordert dazu auf, die Investitionen auf die erneuerbaren Energien umzuleiten. Die jetzigen Investitionen in fossile Brennstoffe zur Bewältigung der Energiekrise würden hingegen zu neuen Lock-in-Effekten führen und es noch schwieriger machen, das 1,5-Grad-Limit einzuhalten", sagt Wolfgang Obergassel, Co-Leiter der Forschungsgruppe Global Climate Governance.

 

Gerechtigkeit geht anders

Und obwohl die Industrieländer sich beim Kopenhagener Klimagipfel 2009 verpflichtet hatten, die Entwicklungsländer ab 2020 mit 100 Milliarden US-Dollar jährlich im Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen, hätten sie im Jahr nur 83,3 Milliarden US-Dollar laut OECD mobilisiert.

"Dieses Versäumnis der Industrieländer, ihren Verpflichtungen nachzukommen, beeinträchtigt nicht nur die Fähigkeit der Entwicklungsländer, ihre Emissionen zu reduzieren und sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen, sondern vergiftet auch das Verhandlungsklima auf der Klimakonferenz", so Obergassel.

Die Expert*innen des Wuppertal Instituts haben ein ausführlicheres Statement zu ihren Erwartungen zu der Konferenz verfasst. Das Statement diskutiert auch noch weitere Themen, die auf der Tagesordnung des COP 27 stehen, wie den Global Stocktake und freiwillige Kooperation unter Artikel 6 des Pariser Abkommens.

Die Vorkämpferin des Klimastreiks und dadurch 2018 Gründerin der Fridays-for-future-Bewegung Greta Thunberg wird jedenfalls nicht in Sharm asch-Schaich beim Gipfel sein. "Hört auf die Wissenschaft, bevor es zu spät ist", appelliert sie und macht Werbung für ihr "Klima-Buch". In dem stellt sie mit Wissenschaftler*innen vor, wie eine CO2-neutrale Welt gelingen kann.

Die COPs, die Klimagipfel, seien jedenfalls nur Trippelschritte in die richtige Richtung und nicht wirklich dazu gedacht, "das ganze System zu ändern".


Mit welchen Maßnahmen sich Klimaneutralität effektiv erreichen ließe, lesen Sie im factory-Magazin Klimaneutral. Welchen Beitrag die Industrie dazu leisten kann, im entsprechenden Magazin. Dass Ressourcenschutz der beste Lösungsansatz ist, zeigt das kommende factory-Magazin Ressourcen – von dessen Erscheinen Sie über den Newsletter erfahren.


Dateien:
factory-magazin-klimaneutral_1_2022_33.pdf [5.9 M]
factory_2_2021_industrie_web_22.pdf [7.6 M]
factory_2_2020_change_final_25.pdf [5.0 M]
factory_1_2016_handeln_web.pdf [5.6 M]

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