Thema

Teilhabe


Teilhaben – teilen, um mehr zu haben

Despoten fallen, Piraten kommen, Wutbürger protestieren und bei der Energiewende machen alle mit. Teilhabe ist das neu entdeckte Ding für mehr Demokratie im zweiten Jahrtausendjahrzehnt. Ob Occupy Wallstreet und Platzbesetzungen, ob Open Data oder die eigene Dachanlage: Weltweit wollen immer mehr Menschen mitentscheiden, welche Bedingungen ihr Leben und ihre Zukunft bestimmen.

Die bisherigen Teilhabebedingungen sind bei der so notwendigen nachhaltigen Entwicklung zum Erhalt der Lebensgrundlagen aller nicht ausreichend. Denn die Beachtung ökologischer, ökonomischer und sozialer Teilhabe ist eigentlich der Schlüssel für die Gerechtigkeit zwischen und über Generationen.

Dass wir mit Teilhabe mehr Nachhaltigkeit erreichen können, dazu soll dieser Themenbereich bei factory anregen.

Im Einführungsbeitrag behandelt der Philosoph Bernd Draser die Grundbedingungen der Teilhabe, die Bürgerbeteiligung in all seinen Formen stellt Simon Wiggen vor, wie man als Anteilseigner teilnimmt und mitentwickelt, zeigt die Handwerks-Philosophin Christine Ax und ob Mikrokredite Teilhabe ermöglichen diskutieren die Frauenrechtlerin Christine Wichterich und der Ökonom Martin Herrndorf.

Mehr Beiträge und Informationen zum Thema, schön aufbereitet und schmuck layoutet, gibt es in unserem PDF-Magazin Teilhabe, das hier zum Download bereit steht. Es lässt sich wunderbar am Bildschirm oder auf dem Tablet-Computer lesen.

Dort führen außerdem fein recherchierte Zahlen in die Teilhabe-Situation ein, eine Wordcloud zeigt die differenzierte Teilhabe-Wortwelt und schön gewählte Zitate prominenter und bemerkenswerter Personen werfen einen anderen Blick auf die Welt der Teilhabe. Dazu gibt es neben den hier im Themenbereich veröffentlichten Beiträgen eine Reportage über das ungewöhnliche Bauunternehmen Komm-Bau der Kommune Niederkaufungen, das Plädoyer für mehr Geschlechtergerechtigkeit bei der Bezahlung, einen Bericht darüber, wie ein Betrieb die Bestimmung vom Kopf auf die Füße stellt und ein Beitrag dazu, warum Genossenschaften das Ideal des modernen demokratisch-nachhaltigen Unternehmens sind.

Im Themenbereich sind ebenfalls aktuelle News unter den jeweiligen Beiträgen zum Thema genannt.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Teilhabe, Partizipation und Beteiligung finden Sie nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Teilhabe. Hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen enthält das PDF-Magazin sämtliche Beiträge und Fotos sowie zusätzliche Zahlen und Zitate.

Haben zum Teilhaben


Es gibt Begriffe wie Skalpelle: kalt, scharf, präzis. Es gibt auch Begriffe wie große Handtaschen: man kann viel Zeug hineinstopfen. Der Begriff der Teilhabe gleicht eher einer Dobostorte: traditionsreich, gehaltvoll, vielschichtig. Darauf muss sich eine Betrachtung des Begriffs einlassen.

Von Bernd Draser

Beginnen könnte diese Betrachtung so: Als man im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts begann, die problematischen Konsequenzen des industriellen Wirtschaftens zu diskutieren stand zunächst die beschädigte Umwelt im Mittelpunkt. Die soziale Gerechtigkeit blieb ein Diskurs der Tarifpartner und des so genannten Fürsorgeapparats, des Staates. Erst mit dem Begriff der Nachhaltigkeit, der sich in den Neunzigern zum Leitbegriff mauserte verstand man die ökologischen mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen komplex wechselwirkend zu denken. Heute nutzt man die Teilhabe zur Beschreibung der sozialen Dimension der Nachhaltigkeit in ihrer Gesamtheit.

Aktuell reden wir, wenn wir Teilhabe sagen, von Vielem auf einmal: Von gesellschaftlicher und politischer Partizipation, von Existenzsicherung und Geschlechtergerechtigkeit, von Integration und Inklusion, von Bildung und seit kurzem auch von liquid democracy und Netzpolitik.


Gleichberechtigung und Gesellschaft

Zunächst etablierte sich die Rede von der Teilhabe als Strategie zur Normalisierung der Lebensumstände behinderter Menschen; dieser Gebrauch klingt aus dem neunten Sozialgesetzbuch, SGB IX, nach, wo von der Förderung der „gleichberechtigten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“ und der Selbstbestimmung die Rede ist.

Nehmen wir die Teilhabe beim Wort: Das Haben klingt an, und das Teilen, oder der Teil. Was den Begriff so appetitlich macht, ist einerseits der Beiklang des Teilhabers, der als wirtschaftlicher Akteur mit anderen zusammen Eigner von Habe ist: die ökonomische Dimension; andererseits schwingt das gemeinschaftliche Teilen (communio) mit, sei es liturgisch, als Mitteilen (communicatio) oder sozialpolitisch als Umverteilen.

In der Zeit der Netzwerke erscheint Teilhabe vor allem als das Mitteilen der je eigenen Haltung im Sinne politischer Partizipation bis hin zur liquid democracy, aber auch blind und wütend im Shitstorm, der Botnet-Attacke, in Occupy Everything, im Lynch-Flashmob. Dieses Spektrum ist denkbar weit und der Differenzierung wert. Am einen Ende die Entladung in der Masse, Nicht­identisches ausschaltend, Gleichheit in der Vernichtung des Ungleichen erhoffend.


Demokratie und Delegation

Am anderen Ende die liquid democracy, die das Paradoxon direkter Demokratie lösen will: In einer Gesellschaft, deren Komplexität inflationär anwächst, müsse gerade der Laie Experte in Allem werden. Die liquid democracy aber möchte nicht einfach nur jeden gleich laut zu Worte kommen lassen, sondern will jedem zumuten, sein Stimmrecht zu delegieren, wenn er nicht nur die eigenen Interessen vertreten, sondern auch die Expertise gegeben sieht. Das schließt die Pflicht mit ein, die eigenen (In-)Kompetenzen zu reflektieren und die eigene Stimme in einem stets im Fluss bleibenden Verfahren verständig zu delegieren.

An dieser Stelle wird aus drei Gründen eine klassische Denkbewegung nötig, nämlich ein Blick ins antike Athen. Erstens ist das Konzept der liquid democracy, das eigene Stimmrecht nach sorgfältiger Selbstprüfung gegebenenfalls an Kompetentere zu delegieren, nichts anderes als die alte sokratische Frage nach Wissen und Nichtwissen, wobei Sokrates zum Schluss kommt, er wisse wenigstens, dass er nichts weiß, und damit entscheidend mehr als die von ihm befragten Experten. Daraus folgt als Grundbedingung für politische Partizipation die Bildung, und zwar nicht im Sinne von Expertenwissen, sondern Bildung als das Erahnen all dessen, was man nicht weiß. Bildung ist dann nicht ein Ziel von Teilhabe, sondern deren Vorbedingung.


Ganzes und Wahres

Zweitens kannte Athen einen Mechanismus, der die Bürger zur politischen Partizipation motivierte: Wer sich an den demokratischen Entscheidungen beteiligte, wurde mit einer Münze, dem sprichwörtlichen obolós entlohnt, so dass die Demokratie das nötige Publikum gewann. Das war pragmatischer gedacht als unsere Parteienfinanzierung gemäß Wählerstimmen oder die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen, das durch die komfortable Versorgung Freiheit für gesellschaftlichen Einsatz erst schaffen will, anstatt den erbrachten Einsatz für die öffentliche Sache zu entlohnen.

Drittens setzt der Begriff der Teilhabe ein Ganzes voraus, an dem dann Teil gehabt werden kann. Das Wahre sei das Ganze, schreibt Hegel. In der Tat ist die Rede vom Ganzen und vom Wahren die andere Seite der Rede vom Teil-haben oder Teil-sein als eine ontologisch defizitäre Seinsweise. Platon bezeichnet mit Teilhabe (methexis) die Art und Weise, wie Dinge an den Ideen teilhaben. Ideen sind die abstrakten und ewig wahren Urbilder für die konkreten und endlichen, mit Mängeln behafteten Dinge, die uns umgeben und die wir selbst sind. Schon sein Schüler Aristoteles verwarf Platons Begriff von Teilhabe als eine nicht durchschaute Metapher.

Das sollte warnen. Nicht umsonst entgegnet Adorno dem Hegelschen Diktum vom Wahren und Ganzen, das Ganze sei das Unwahre. Teilhabe klingt bei Adorno meist nach Verstrickung ins Falsche: man hat teil an der Massenkultur, an der Kulturindustrie, vielleicht an Schuld: Auslöschen des Nicht­identischen, um den Teil besser ins Ganze fügen zu können. Das kann gesellschaftlich als eine paternalistische Fürsorge erscheinen, Befriedung von Ansprüchen durch Befriedigung von Bedürfnissen.


Schichten und Unterschiede


Die Teilhabe muss aber ihre Vielschichtigkeit bewahren, denn nur so kann sie das Teilen und Haben zusammen erzählen. Unbedingt dazu gehört Subsidiarität: Dinge denen anvertrauen, deren Belang sie sind. Das hat auf der politischen und kulturellen, auch der unternehmerischen Ebene den Effekt, dass die so Betrauten die Haltung der Teilhaberschaft entwickeln: Verantwortlichkeit.

Wer dergestalt an Prozessen, Unternehmungen, Diskursen teilhat, ist nicht ein Rädchen in der Maschinerie oder von Fürsorge kaltgestellt, sondern ein sich selbst ermächtigendes Individuum, das kraft des tätigen Teilhabens politische, gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Werte schafft. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Teilhabe ist die Befähigung und Bereitschaft zum produktiven Handeln in komplexen Zusammenhängen. 

Bernd Draser lehrt Philosophie an der ecosign/Akademie für Gestaltung in Köln

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Wenn Bürger sich beteiligen

© Kristian Sekulic, istockphoto.com


Bürgerbeteiligungen, Dialogforen und Bürgerentscheide sind spätestens seit Stuttgart 21 und der Abwahl des Duisburger Oberbürgermeisters in aller Munde. Unter öffentlichem Druck lassen Parteien, Verbände und Unternehmen immer häufiger Bürger, Nachbarn und Betroffene bei Entscheidungen mitbestimmen. Die meisten Politiker und Unternehmer halten diese Form der Entscheidungsfindung jedoch immer noch für ein nichtkalkulierbares Risiko, nur wenige schätzen sie als Chance.

Von Simon Wiggen


Für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist der „Dialog über Deutschland“ bereits nach wenigen Monaten ein voller Erfolg. Mehr als eine Million Besucher auf der Homepage haben rund 65.000 Kommentare zu knapp 10.000 Vorschlägen zur Zukunft von Deutschland hinterlassen. Bei drei Bürgerdialogen in Erfurt, Heidelberg und Bielefeld diskutierte die Kanzlerin mit je 100 Bürgern über Fragen zu Gesellschaft, Bildung und Wirtschaft. Dabei standen einerseits ganz konkrete Vorschläge zur Diskussion, wie zum Beispiel das ACTA-Abkommen, die Stärkung von Hebammen oder die Legalisierung von Cannabis. Andererseits aber auch grundsätzliche Vorschläge wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, ein neues Schulsystem oder Diskussionen über den Islam.

Die Eingaben werden von Experten aus Wissenschaft und Praxis ausgewertet und in konkrete Handlungsempfehlungen überführt. „Das soll keine philosophische Diskussion sein, die wir hier führen“, sagt Angela Merkel. „Es geht darum, welche Vorschläge wir umsetzen können. Ich hoffe, dass da ein paar Dinge herauskommen, die wir ohne den Dialog nicht auf den Weg gebracht ­hätten.

Mögliche Einflussnahme

Auch Professor Hans J. Lietzmann, Leiter der Forschungsstelle Bürgerbeteiligung an der Bergischen Universität Wuppertal, sieht die Bürgerbeteiligung als große Chance. „Es geht gar nicht mehr ohne“, sagt der Politikwissenschaftler. Es gehe nicht mehr um die Frage, ob Bürger beteiligt werden, sondern wie sie beteiligt werden. „Man kann den Bürgern nicht mehr fertige Entscheidungen vorsetzen. Sonst passieren solche Dinge wie in Stuttgart beim Bau des neuen Bahnhofs. Die Bürger resignieren und werden erst dann zum so genannten Wutbürger, wenn sie entweder keine Möglichkeit haben, sich zu beteiligen oder ihre Meinung keinen Einfluss auf die Entscheidung hat.“

Dabei muss Bürgerbeteiligung nicht zwangsläufig in einer Abstimmung enden. Manchmal reicht es, einen Konsens zwischen allen Beteiligten zu erzielen, und manchmal genügt sogar der Dialog, um Konflikte zu lösen.

Von Anfang an

Wichtig ist bei der Bürgerbeteiligung – genau wie bei Stakeholder-Dialogen zwischen Unternehmen und Kunden, Betroffenen oder Nachbarn – eine Einbeziehung aller Interessen von Anfang an. „Wenn die Bürger nur noch Abnicken sollen, kann das nach hinten losgehen“, sagt Lietzmann. So wie Ende März in Gladbeck, wo die Stadt mit dem Bund und dem Land Nordrhein-Westfalen einen Plan für den Ausbau einer Bundesstraße zur Autobahn ausgearbeitet hatte, den die Bürger jedoch in einem Ratsbürgerentscheid ablehnten. Damit liegt das Projekt Autobahnbau bis auf weiteres auf Eis. Die Fronten sind verhärtet.

Das Risiko, dass die Masse vermeintlich konservativ entscheidet und Fortschritt verhindert, schwingt bei jeder Bürgerbeteiligung mit. Aber Demokratie bei einzelnen Projekten kann auch durchaus eine ernst zu nehmende andere Interessenslage bei den Bürgern als bei ihren politischen Vertretern unterstützen. Denn natürlich können Bürger anderer Meinung sein als die Verwaltung oder die Investoren. Das zeigen die Proteste beim Ausbau des Frankfurter Flughafens, bei der Erweiterung des Chemieparks in Marl, beim Bau der CO2-Pipeline von Bayer und bei der Auswahl neuer Starkstromtrassen. Aber gerade an Entscheidungen, die die Bürger direkt betreffen, müssen sie beteiligt werden. Das sind vor allem Verkehrsprojekte, sowie alle Projekte, die Emissionen wie Fluglärm oder Feinstaub nach sich ziehen. In Stuttgart erfuhren die Stadtplaner beispielsweise in Workshops – zusätzlich zu objektiven Lärmmessungen – die subjektive Lärmbelastung der Bevölkerung und deren Wünsche und Erwartungen.

Experten contra Stammtisch

„Auch in die komplexen Themen der Nachhaltigkeit und der Energiewende muss die Meinung der Bürger einfließen“, sagt Hans Lietzmann. „Denn ihr Erfolg hängt wesentlich vom Verhalten der Bürger ab.“ Wichtig sind dabei die Beteiligung und der Austausch mit Experten, sonst mutiert der Dialog zum Austausch von Stammtischparolen statt zur Konsensfindung. „Je mehr der Bürger weiß, desto mehr ist er imstande, eigene Interessen für die Allgemeinheit zurückzustellen“, berichtet Lietzmann aus eigenen Forschungsprojekten. Das gelte für politische Entscheidungen genau wie für unternehmerische Investitionen.

Denn trotz aller Risiken liegen gerade für Unternehmen viele Chancen in der Bürgerbeteiligung und im Dialog mit den Stakeholdern. Auch anfangs unpopuläre Projekte können schließlich für die Betroffenen akzeptabel werden, wenn sie mitreden dürfen und ein Konsens erzielet wird. Die Bürger tragen die getroffenen Entscheidungen mit, spätere Konflikte werden so frühzeitig verhindert. Auch kleinere Unternehmen bekommen nebenbei noch ein Gespür dafür, welche Teile der Bevölkerung welche Interessen haben und von welcher Seite in Zukunft Gegenwind kommen kann. Und das beachtliche, aber oft unterschätzte Know-how einiger Stakeholder kann sogar für die Unternehmen nützlich sein. Das zeigt das Beispiel Rottweil: Dort berieten Bürger mit Experten neun Monate lang über die zukünftige Energieversorgung eines Stadtteils. Herausgekommen ist ein 7,2 Millionen Euro teures Biogaskraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung. Die Stadtwerke profitierten von der Bürgerbeteiligung, denn plötzlich schlossen sich viele Bürger dem Nahwärmenetz an. Ganz nebenbei verbesserten die Stadtwerke ihr (Öko-)Image in der Bevölkerung.

Simon Wiggen ist Journalist, hat ­Geographie studiert und arbeitet bei gemeindemenschen.de

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Mit Anteilen gegen die Krise

© Ilya Akinshin, Shutterstock


Geldanlagen sind in Zeiten von Weltwirtschafts- und Eurokrise für viele ein Albtraum. Erst kürzlich hat das das Institut der Deutschen Wirtschaft die Abschaffung der Riester-Rente gefordert, weil sie nur für diejenigen Sinn mache, die über 90 Jahre alt werden. Wo also kann man heute sinnvoll und sicher investieren?

Von Christine Ax

Investieren Sie doch da, wo es schon immer sinnvoll war: In der Region! Das ist heute problemlos möglich. Die Regionalwert AG in Freiburg und die Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften FrankfurtRheinMain sind solche neuen Beteiligungsgesellschaften. Sie sammeln Geld von Bürgern und investieren dieses in regionale Wertschöpfungsketten. Aber auch traditionelle Unternehmen legen regionale Beteiligungsfonds auf, wie die Sparkasse und die Stadtwerke Bochum. Mit dem KlimaBrief unterstützen Anteilseigner den Aufbau erneuerbarer Energieanlagen vor Ort.

Beispiel Regionalwert AG

Christian Hiß, Sprecher der AG, hat das Unternehmen vor drei Jahren gegründet. 500 Aktionäre, die Anteilseigner, haben seitdem zwei Millionen Euro eingelegt, das die AG in Grund und Boden und Unternehmen investiert.

Die so finanzierten Betriebe haben alle etwas mit ökologischem Landbau oder der Weiterverarbeitung und Vermarktung von Bioprodukten zu tun. Zwei junge Landwirte werden dabei unterstützt, einen Biohof zu finden und zu betreiben, das Unternehmen troki Manufaktur stellt Trockenobst und -gemüse her und es gibt die Grüne Kiste. Befüllt wird die grüne Kiste unter anderem mit dem Gemüse aus einer Gärtnerei, die der Regionalwert AG gehört und mit dem Obst eines Biobauern, in die Regionalwert AG investiert hat.

Als zweiter Absatzweg bietet sich den Produzenten der Bioladen an, der auch zur Regionalwert AG gehört. Dort arbeitet Marlene Svedas und ist begeistert: „Ich finde es richtig, dass man da tut, macht und kauft, wo man daheim ist.“

Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften

Die Regionalwert AG hat inzwischen auch an anderen Orten Schule gemacht. Im Oktober 2011 entstand die „Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften FrankfurtRheinMain“. Auch sie will einen Beitrag in der Region und für die Region leisten. Zwei große Projekte werden von der Bürger AG inzwischen finanziert und mitbetrieben.

Das Hofgut Fleckenbühl in Cölbe bei Marburg ist eines davon. Der 260 Hektar große Demeterhof nimmt seit 1984 auch Menschen in jeder Lebenssituation auf und hilft ihnen suchtfrei zu leben. Mehr als 210 Bewohner arbeiten dort oder durchlaufen eine Ausbildung. Fleckenbühl produziert Brotspezialitäten, Käse in unzähligen Variationen, sowie Fleisch und Wurst. Mit dem Kapital der Bürger AG soll eine Mutterkuhherde mit 30 Tieren gekauft und in die Fleischverarbeitung sowie die Bäckerei investiert werden.

Das zweite Regionalwert-Projekt ist der Familienbetrieb Ackerlei in der Nähe von Frankfurt. Er betreibt auf 35 Hektar biologischen Gemüseanbau. Weitere 40 Hektar konventionelle Flächen sollen dort in den nächsten Jahren hinzu kommen und nach Bioland-Richtlinien umgestellt werden. Mit dieser Gesamtfläche wird nicht nur der ökologische Landbau in der Region wachsen, sondern auch der Familienbetrieb langfristig gesichert. Damit werden 20 Arbeitsplätze im Anbau und der Direktvermarktung ebenfalls krisenfester - und neue Arbeitsplätze sind schon in Planung.

Beteiligung mit KlimaBrief

Der KlimaBrief der Bochumer Stadtwerke und der örtlichen Sparkasse ist ein weiteres Erfolgsbeispiel. Die Planungen dazu gab es schon vor der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Als der Beteiligungsfonds im April 2011 erschien, war er innerhalb von drei Stunden ausverkauft, berichtet Thomas Schönberg, Pressesprecher der Stadtwerke Bochum. Mit mindestens 1500 und maximal 10000 Euro pro Anteilseigner stehen so vier Millionen Euro über fünf Jahre für Investitionen zur Verfügung.

Ein erstes Projekt ist bereits realisiert: 309 Solarmodule auf Wohngebäuden der städtischen Wohnungsgesellschaft erzeugen pro Jahr mehr als 60000 Kilowattstunden sauberen Strom. Die öffentlichen Unternehmen genießen offenbar großes Vertrauen, vermutet Schönberg. „Den Kunden geht es nicht nur um die gute Verzinsung von 3,7 Prozent, sondern auch um die gute, regionale Sache.“ Und vor den Folgen rein profitorientierter Investoren bleiben die teilhabenden Bürger verschont. „Wir haben nur Bochumer Bürger angesprochen.“

Christine Ax ist Autorin und Beraterin für Nachhaltige Entwicklung, Handwerk und Regionale Ökonomien im Büro für zukunftsfähige Entwicklung und Kommunikation, Berlin.

 

 

 

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Mikrokredite helfen. Oder nicht?

© Copyright: John Magrath / Oxfam
Eine Arbeiterin in den Salzfeldern des Katwe-Sees in Uganda. Die Menschen hier sind zur Existenzsicherung fast ausschließlich auf Salzgewinnung und Fischerei angewiesen und damit anfällig für die Folgen des Klimawandels: Einerseits erschwert anhaltende Trockenheit den Fischfang, andererseits zerstören heftige Regenfälle die Dämme der Salzfelder.


Eines ist sicher: Für die Teilhabe am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben benötigen Menschen Geld. Mikrokredite sollen dort helfen, wo Kleinunternehmer und insbesondere Frauen nicht genügend davon haben. Damit können sie Armut lindern, aber auch Abhängigkeiten vergrößern. Ein Pro und Contra. Von Christa Wichterich und Martin Herrndorf

Mikrokredite sind kein Allheilmittel, aber …

... ein wichtiger Bestandteil in umfassenden Strategien zur Armutsbekämpfung.

Die Pro-Position von Martin Herrndorf.

Kleine Kredite und der große Mythos …

… von Teilhabe und Armutsbekämpfung.

Die Contra-Position von Christa Wichterich

 

 

Oxfam Deutschland e.V.

Die Bilder in diesem Artikel entstanden in Projekten von Oxfam. Oxfam Deutschland e.V. ist eine unabhängige Hilfs- und Entwicklungsorganisation. Der Slogan „Für eine gerechte Welt. Ohne Armut.“ steht für die Überzeugung, dass Armut und Ungerechtigkeit vermeidbar sind und überwunden werden können. Die Organisation setzt sich ein für eine Welt, in der die Grundrechte jedes Menschen gesichert sind: Das Recht auf nachhaltige Erwerbsgrundlagen, auf funktionierende Gesundheits- und Bildungs-systeme, auf ein Leben in Sicherheit, darauf, gehört zu werden und auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Im internationalen Verbund Oxfam kooperieren 17 nationale Oxfam-Organisationen mit über 3.000 lokalen Partnern in fast 100 Ländern. www.oxfam.de

Mikrokredite sind kein Allheilmittel, aber …

.. ein wichtiger Bestandteil in umfassenden Strategien zur Armutsbekämpfung. Die Pro-Position von Martin Herrndorf.

 

© Geoff Sayer/Oxfam
Nolmaai bei einem Mitgliedertreffen von Oxfams Partner Inkidemi. Die Organisation unterstützt Frauen darin, existierende Kleingewerbe zu erfolgreichen Geschäftsmodellen zu vernetzen und dadurch nicht nur ihre familiäre Rolle zu stärken, sondern auch sozialen und politischen Einfluss zu gewinnen. Malambo, Tanzania.

Die Begeisterung war groß: Mit Hilfe von Mikrokrediten sollten vor allem Frauen in Entwicklungsländern von hilfsbedürftigen Opfern zu aktiven Kleinunternehmern werden. Die naive Illusion über die Wirkung von Mikrokrediten ist einer anderen Wirklichkeit gewichen. Beigetragen haben dazu mit Sicherheit die Exzesse im Mikrokreditwesen: Die schnelle Expansion, multiple Kredite an den gleichen Kreditnehmer, dubiose Praktiken beim Krediteintreiben und der zeitweise Zusammenbruch des Sektors, vor allem im indischen Bundesstaat Andra Pradesh.

Trotzdem: Mikrokredite und das hinter ihnen stehende Prinzip der marktbasierten Armutsbekämpfung sind wichtige Bestandteile von umfassenden Strategien für gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe.

 Arme Haushalte müssen bei stark schwankenden Einnahmen regelmäßige tägliche Ausgaben, langfristige Investitionen wie Haus(aus)bau, Hochzeiten oder Geschäftsausstattung und überraschende Sonderausgaben wie Krankenhausaufenthalte oder Beerdigungen bewältigen. „Finanzielle Tagebücher“ zum Beispiel in Südafrika oder Bangladesch haben gezeigt auf welche vielfältige und komplexe Weise das geschieht. Sie sparen und leihen sich Geld – von Nachbarn, Kollegen und Freunden, in Sparzirkeln (sogenannten Roscas, rotierenden Kredit- und Sparvereinen), von Geldverleihern, Händlern und Zulieferern und, ja, von Mikrofinanz-Institutionen.

 Dabei haben formelle Mikrokredite Vor- und Nachteile. Vor allem wegen der Planbarkeit und der Verlässlichkeit des Zugangs sind sie informellen Mechanismen überlegen. Aber auch durch die Möglichkeit, größere Summen für die „missing middle“ zwischen Kleinstunternehmertum und wirklicher Gründung zu finanzieren, schneiden sie gut ab. Vorteile gibt es auch bei den Kreditzinsen. Die Zinsen, oft bis zu 45 Prozent im Jahr, sind weitaus niedriger als die Zinsen von Geldverleihern, die auch 50 Prozent „bis Monatsende“ betragen können. Und sie spiegeln die hohen Kosten für dezentrale Vertriebs-Strukturen in Entwicklungsländern und die wöchentlichen Tilgungs­zahlungen wider.

 Um ihr Potenzial voll entfalten zu können, müssen Mikrokredite verstärkt mit Instrumenten wie Mikro-Sparen, Mikro-Versicherungen und Mikro-Transaktionen gebündelt werden. Wichtig ist zudem die Vernetzung mit Programmen zur Beschäftigungsförderung von Kleinstproduzenten mit Abnehmern und Exporteuren sowie der Aufbau von Marktstrukturen. Auch die lokale Politik ist gefragt: Wie jeder Markt braucht der Mikrokredit-Markt Infrastruktur, wie öffentliche Kreditbüros, Kundenaufklärung und Regulierungen.

Letztendlich zählen andere Faktoren bei der Reduzierung von ­Armut: Frieden, Sicherheit, Bildung, Gesundheit, Good Governance. Aber Mikrokredite können die Teilhabe von vorher ausgeschlossenen gesellschaftlichen Gruppen an einer allgemeinen positiven Entwicklung fördern – oder die negativen Auswirkungen fehlender Rahmenbedingungen wenigstens zum Teil ausgleichen.

Martin Herrndorf hat über Mikroversicherungen promoviert und arbeitet für die Universität St.Gallen in der Schweiz und das Endeva Institut in Berlin

Kleine Kredite und der große Mythos

… von Teilhabe und Armutsbekämpfung. Die Contra-Position von Christa Wichterich

© Jane Beesley
Meron holt Wasser von einem von Oxfam errichteten Brunnen in Kotido/Uganda. Geringere Regenfälle – eine Folge des Klimawandels – verringern die Ernteerträge und die Vielfalt der angebauten Nutzpflanzen.

Frauen brauchen Teilhabe an der Wirtschaft, am Markt, an der Wertschöpfung, am Wohlstand. Arme Frauen erst recht. Mikrokredite versprechen diese Teilhabe. Sie galten als entwicklungspolitisches Patentrezept, um Frauen zu „empowern“ und Armut zu bekämpfen. Die Grameen-Bank von Nobelpreisträger Mohammed Yunus in Bangladesh stand Pate dafür, die Mikrokredite mit einer „einkommensschaffenden Tätigkeit“ zu verkoppeln, damit die Frauen sich am eigenen Schopf aus der Armut ziehen können. Die hohe Rückzahlungsmoral der Frauen von 98 % begründete ihren Siegeszug um die Welt. Eine Fehlannahme war allerdings, dass arme Frauen das Mini-Darlehen gleich produktiv investieren würden. Die meisten Frauen nutzten den Kredit für die Begleichung anderer Schulden, für Notfälle wie eine Operation, für Gebrauchsgüter oder Hochzeiten. Der Kredit verhinderte, dass sie noch tiefer in die Armut abrutschten. Zurückzahlen konnten sie ihn davon aber nicht. Wo er unternehmerisch investiert wurde, mussten sie oft lange auf Gewinne warten. 

Die brauchen sie aber. Denn die erste Rate ist schnell fällig, und die Zinsen sind heftig, zwischen 20 und 40 Prozent. Der Rückzahlungsdruck verschärfte sich seit kommerzielle ­Finanzdienstleister Mikrofinanzierung als riesiges Geschäftsfeld ausbauten. In Indien verdrängten speziell gegründete Mikrofinanzinstitutionen die sozial motivierten Frauengruppen der frühen Jahre. Sie verzeichneten irre Wachstumsraten und fuhren Hyperprofite ein. Die Agenten jagten sich die Kundinnen gegenseitig ab, um Erfolgsprämien zu kassieren. Bei der derart kommerzialisierten Kreditvergabe geht es um Rendite, nicht um Frauen-Empowerment, Selbstorganisierung oder ­Solidarität. Hinter der hohen Rückzahlungsquote verbarg sich eine hohe Verschuldung. Um die Rückzahlungen prompt leisten zu können, nahmen die Frauen mehrere Kredite von mehreren Anbietern auf und gingen zusätzlich noch zum lokalen Geldverleiher. Zwar gewannen viele Anerkennung und Verhandlungsmacht in der Familie und gegenüber Behörden. Doch der ökonomische Nutzen oder die Teilhabe am Wohlstandsgewinn war gering. Im Herbst 2010 platzte die Blase in Indien: Die Rückzahlungsquoten brachen ein, über 50 Frauen nahmen sich das Leben, die Industrie geriet in Liquiditäts- und Legitimationsprobleme. 

Fazit: Die Mikrokredite sind überwiegend zu einem Mittel neoliberalen Armutsmanagements verkommen. Die ökonomischen Machtstrukturen, die Armut erzeugen, lassen sie unberührt. Und sie politisieren die Armen nicht, gemeinsam für ihre Rechte zu streiten, im Gegenteil: sie ermuntern sie, auf den Märkten gegeneinander zu konkurrieren.

Nutzen statt Besitzen - ein neues Geschäftsmodell, oder was?

Mit der Share-Economy erhält die Wirtschaft des Teilens, des Nutzens statt des Besitzens von Dingen einen klingenden Namen. Welche Hoffnungen dahinter stecken. Ein Standpunkt 

von Klaus Dosch

Auf der CeBit 2013 war es DAS große Thema: Nutzen statt Besitzen, auf Neudeutsch und natürlich viel besser als Share Economy bezeichnet. Schließlich soll die Share-Economy vor allem ein neues Geschäftsmodell sein und für Wachstum sorgen.

Walter Stahel hat den Trend zum Nutzen statt Besitzen schon vor 15 Jahren vorausgesagt. In seinem Buch Performance Economy prognostiziert er einen Wandel vom Tauschwert zum Nutzungswert, der Verkauf von Leistung für eine Zeitperiode werde den einmaligen Verkauf von Dingen ablösen. Denn: Nicht der Besitz von Dingen macht glücklich. Sondern die Möglichkeit, sie nutzen zu können.

Im Flugzeug, im Zug oder im Taxi nutzen wir die angebotene Dienstleitung ohne einen Gedanken an die Share-Economy zu verschwenden. Geht es allerdings um den Rasenmäher, die Bohrmaschine oder den geliebten Hochdruckreiniger, mutet Nutzen statt Besitzen wie eine Revolution an. Kaum vorstellbar, in einem Wohnviertel ein paar solcher Wasserspritzer zentral vorzuhalten und sich den Besitz zu teilen.

Die Aachener Stiftung hat das Nutzen statt Besitzen 2007 zum Thema des Euregionalen Umweltpreises gemacht. Vielleicht war es noch ein wenig zu früh. Immerhin haben sich aber ein paar Nutzergemeinschaften gemeldet und von ihren Erfahrungen berichtet, meist nur positiv.

Es stecken so große Chancen in der Share-Economy. Erstens: Menschen lernen sich kennen, wenn sie sich Dinge ausleihen. Vielleicht helfen sie sich sogar bei der Benutzung des ausgeliehenen Dings. Zweitens: Hat sich erst ein Netzwerk von Ausleihwilligen etabliert, gibt es (beinahe) nichts, was man nicht ausleihen könnte. Drittens: Gute und langlebige Dinge sind meist teure Dinge. Hergestellt oft in Europa unter einer weitreichenden Sozial- und Umweltgesetzgebung, unterliegen diese Dinge nur selten dem schnellen und künstlich herbeigeführtem Verschleiß, Ersatzteile sind noch über viele Jahre erhältlich. So müssen weniger Dinge produziert werden, es wird weniger Material verbraucht.

Die Massenhersteller von Produkten freilich sind nicht gerade begeistert. Leben sie doch prächtig von der geplanten Obsoleszenz, von kurzen Produktzyklen, von künstlichen Pseudoinnovationen. Noch schaffen sie es, vielen Menschen die Notwendigkeit des Kaufens neuer Produkte mit großem Werbeaufwand einzureden. Doch lassen sich Signale der Veränderung wahrnehmen: Das Verhältnis der jungen Generation zum Auto zum Beispiel. Ganz entspannt verzichten immer mehr Menschen aufs Auto und nutzen ein „Auto to go“.

Vielleicht macht erst die intensive Nutzung sozialer Netzwerke das Teilen von Dingen selbstverständlich. Das Smartphone, auf dem Ausleihoptionen übersichtlich auf einer Karte angeordnet sind, stellt gleich den Kontakt zwischen den Menschen her, die so ganz niederschwellig einen Übergabetermin vereinbaren können.

Die Share-Economy ermöglicht auch – und das ist meine große Hoffnung – ein gemeinsames Nutzen von Dingen jenseits aller Geschäftsmodelle. Leihen kann nämlich auch kostenlos sein. Der Dank fürs Verleihen: Ein Lächeln, ein Gespräch, eine helfende Hand, ein selbstgebackener Kuchen, oder, oder, oder.

Ein Gewinn an Menschlichkeit und Wärme ist das in jedem Fall. Nicht schlecht in einer durchökonomisierten Welt.

Mehr Beiträge zum Thema Teilhabe, dazu Zahlen und Anekdoten, schön illustriert und prima lesbar auf Bildschirmen und Tablets gibt es in unserem factory-Magazin Teilhabe.

Klaus Dosch ist Geologe und Wirtschaftsingenieur und wissenschaftlicher Leiter der Aachener Stiftung Kathy Beys. In der factory zum Thema Trennen schrieb er über die Vorteile des Trennens. Sein Beitrag "Nutzen statt Besitzen" erschien zuerst im Blog der Aachener Stiftung.


Fairphone im Test: So komfortabel ist das soziale Smartphone

  • Fairphone Ansichten
    © factory
    Die schlanke Fairpackung
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    Der erste Eindruck: Solide, schwer, glänzend
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    Das Fairphone-OS mit einem der fünf Homescreens, hier dem für die zuletzt und am häufigsten verwendeten Apps
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    Sozialer Silberrücken: Das Fairphone ist dicker als die magersüchtigen Normalphones
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    Das Gorilla-Glas des Fairphones ist Dragontrail-Glas
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    Später teuer bei Ebay: Die First Edition Fairphone
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    Tauschbarer Akku, zwei SIM-Schächte, 64 GB SD
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    Kein USB-Netzteil, keine Kopfhörer, dafür ermunternde Postkarten

Fairphone First Edition steht auf dem stabilsten Akkudeckel der Welt: Ordentlich liegt es in der Hand und macht alles, was ein Smartphone heute können muss. Obwohl es nicht mit den High-End-Geräten konkurrieren kann und will, hat das Fairphone schon jetzt einiges für Menschen und Umwelt bewirkt.

Von Ralf Bindel

Rund 1,8 Milliarden Smartphones wurden schätzungsweise 2013 weltweit verkauft. Die Lebensdauer der Mini-Computer liegt im Schnitt bei anderthalb bis zwei Jahren, die verwendeten Materialien kosten hohen Naturverbrauch und viel menschliche Arbeitskraft, die noch dazu schlecht bezahlt ist. Einige wichtige Metalle stammen aus Kriegsgebieten, Kinderarbeit und von ausbeuterischen Minen-Unternehmen. Der ökologische Rucksack eines älteren Handys liegt schon bei 44 Kilogramm, erklärt Dr. Jola Welfens vom Wuppertal Institut im factory-Interview, die Verbraucherzentrale NRW spricht sogar von einem lebenslangen Rucksack von 75 Kilogramm inklusive Betrieb. Der Rucksack eines modernen Smartphones mit nahezu permanenter Internet-Verbindung dürfte noch wesentlich schwerer wiegen. Dennoch landen die meisten Handys und Smartphones nach dieser Zeit in der Schublade (siehe factory-Interview mit dem Recycling-Experten Christian Hagelüken), weil sich der Akku nicht tauschen lässt, oder eine Reparatur zu teuer ist oder der Hersteller das Betriebssystem nicht mehr aktualisiert. Nicht einmal die wertvollen Materialien werden recycelt, weil laut einer Nokia-Studie nur drei Prozent der Geräte in die Verwertung gelangen.

Weil das Smartphone heute das wichtigste Kommunikationsgerät der Welt ist, sowohl in der westlich industrialisierten wie in der sich entwickelnden, wie Zukunftsforscher wie Peter Wippermann und Ortwin Renn berichten, schraubt sich die Spirale des Ressourcen- und Energieverbrauchs weiter nach oben. Das Fairphone-Projekt, initiiert von einer Gruppe junger Menschen rund um den Amsterdamer Bas van Abel, wollte das Bild ändern. 2011 starteten sie die Kampagne für ein fair produziertes Smartphone, das universell einsetzbar und reparierbar ist und ein offenes Betriebssystem besitzt, im Januar 2013 gründeten sie das soziale Unternehmen Fairphone und sammelten per Crowdfunding Geld für das Projekt: Ein kleines unbeugsames Dorf in der Welt des unbegrenzten Handy-Wachstums.

Wartezeit wie früher auf den Trabi

Mit mindestens 5000 Vorbestellungen für 325 Euro sollte ein Smartphone produziert werden, dessen Herstellung transparent und sozial, ökologisch sowie ökonomisch gerecht ist. Im Juni 2013 waren genügend Unterstützer gefunden, 20000 Fairphones wollten die Amsterdamer in Auftrag geben, im September erhöhten sie auf 25000, im November war das Finanzierungsziel erreicht, waren Partner für die Produktion in aller Welt gefunden. Ursprünglich geplant war die Auslieferung für Oktober 2013, wurde dann aber mehrmals verschoben. Die ersten Käufer hatten ihr Fairphone kurz nach Weihnachten in der Hand, fast sieben Monate nach der Bestellung, die meisten werden noch im Januar ausgeliefert.

Doch das Warten hat sich gelohnt: Das Fairphone liegt zwar recht schwer in der Hand, ist aber mit einem silbernen Rahmen ansprechend gestaltet, der Touchscreen besteht aus dem robusten Dragontrail-Glas, das sich austauschen lässt, die Nutzerfreundlichkeit des offenen Fairphone-Betriebssystems, einem Klon des Android-OS von Google, ist gut – eben Android-typisch. Die Google-Apps sind nicht vorinstalliert, so dass auf die Verbindung mit dem datensammelnden Unternehmen auch verzichtet werden kann, wenn alternative Android-App-Stores wie SlideMe oder F-droid.org mit freier Software genutzt werden oder Apps direkt von den Entwicklern bezogen werden.

Die spezifischen Werte zum Vergleich:

Größe: 126 x 63,5 x 10 Millimeter
Gewicht: 170 Gramm
Display-Größe: 4,3 Zoll
Auflösung: 960 x 540 Pixel, 256 Pixel
Chipset: Mediatek MT6589M mit vier Kernen und 1,2 Gigahertz
Speicher: 16 Gigabyte + 1 Gigabyte RAM
Frontkamera: 1,3 Megapixel (angegeben), aufgenommene Auflösung = 5 Megapixel
Rückenkamera: 8 Megapixel
Betriebssystem: Android 4.2.2, Fairphone OS
Akku: 2000 mAh, austauschbar

Die weiteren Ausstattungsmerkmale:

Zwei SIM-Kartenplätze im Mini-Format
Ein MicroSD-Kartenschacht für Karten bis 64 GB
Standardanschluss MicroUSB 2.0
A-GPS
WiFi/WLAN mit 2,4 GHz 802:11b/g/n
Bluetooth
UKW-Radio, Lichtsensor, G-Sensor, E-Kompass, Näherungssensor, Gyroskop, Blitzlicht, übliche UMTS-, GPRS- und Edge-Werte, kein LTE, kein NFC
Video-Codierung mit 720 Pixeln bei 30 Bildern pro Sekunde

Die Spezifikationen musste Fairphone noch im Dezember nach unten korrigieren: Statt eines schnelleren Prozessors kam nur die mobile Variante zum Einsatz, die geringer getaktet ist, so dass die UMTS-Downlink-Gschwindigkeit statt der angekündigten maximalen 42,2 Megabit pro Sekunde (Mbps) bei 21,1 Mbps liegt, und die Videos nur mit 720 Pixeln, also nicht in Full-HD aufnehmen und zeigen kann. In der Praxis tut das dem Minimovie-Genuss auf dem kleinen Bildschirm aber keinen Abbruch und ist kaum bemerkbar.

Rot ist die Farbe der Mitte

Abstriche muss man zur Zeit bei der Qualität der Fotos machen. Die Bilder haben selbst in gut ausgeleuchteten Situationen in der Mitte einen Rotstich. Die Tester von c’t, Golem und Computerbild nennen die Qualität im Smartphone-Bereich durchschnittlich. Weil auch die Frontkamera vom Rotstich betroffen ist,  scheint es ein Software-Problem zu sein. Fairphone will mit Kamera-Lieferant Sony nachbessern.

Insgesamt fasst sich das Fairphone aber sehr gut an, gerade das etwas höhere Gewicht als inzwischen üblich wirkt in der Hand stabilisierend, das Ganze empfinden Nutzer als weniger filigran sondern ordentlich robust. Flach auf dem Tisch wackelt das Fairphone etwas, wenn man die Tastatur bedient, da die Rückenkamera etwas vorspringt und der Lautsprecher mit einem Nippel versehen ist, damit er Abstand zur Auflagefläche hat. Ein weiterer Nippel gleicher Größe könnte Abhilfe schaffen.

Die Größe des Displays von 4,3 Zoll ist ausreichend, alle Punkte sind auch in Einhandbedienung bei normaler Handgröße zu erreichen. Hilfreich ist der Fairphone-eigene softwareseitige Schnellzugriff (Quick Access), den die multinationale Entwickler-Kooperative Kwamecorp in das System integriert hat. Dieser lässt sich auf den fünf Home-Bildschirmansichten durch Fingerwisch vom Rand aufrufen. Die fünf darin im Halbkreis angeordneten Favoriten-Apps sind beliebig editierbar. Schade, dass sich dieser Schnellzugriff nicht systemweit in allen Apps aufrufen lässt.

Auf eine Schnellstartleiste mit den üblichen vier Apps auf dem Homebildschirm haben die Entwickler verzichtet, stattdessen erscheinen dort nur zwei Elemente. Eines davon ist die App „Peace of Mind“ („Genießen Sie die Ruhe“), mit der eine Art „Smartphone-Freizeit“ (oder erweiterter Flugmodus) von bis zu drei Stunden aktiviert werden kann. Störungen von außen via Telefon oder Internet werden in dieser Zeit ausgeschlossen – prima zum Arbeiten oder Entspannen. Dazu kommt der Hinweis von Fairphone, dass wir ohnehin zu viel Zeit mit dem Smartphone verbringen: auch eine Form der Wachstumskritik.

Ich bin zwei Smartphones

Eine weitere vorinstallierte App auf dem Homebildschirm lädt bei Bedarf die Google-Apps herunter. Für den über eine Million Apps umfassenden Google Play Store ist ein Google-Account notwendig, mit dem das Unternehmen alle Bewegungen und inhaltlichen Interessen des Nutzers im Netz protokolliert. Obwohl der Account komfortabel ist, äußern sich viele Fairphone-Nutzer einverstanden mit der Politik, die Google-Apps nicht zu integrieren, auch wenn dahinter angeblich eine nicht rechtzeitig erhaltene Lizenz von Google stecken soll.

Bei Aktivierung der Google-Install-App werden jedoch nicht alle Google-Programme automatisch geladen, Play Music, Play Books und Google Maps müssen manuell installiert werden. Für den Deutsche Bahn Navigator kommt man um den Google Play Store nicht herum, bisher scheint auch die Integration mit den Google Maps nicht recht zu funktionieren. Auf den Seiten der XDA-Developer Community ist ein Weg zur Erreichung des vollen Funktionsumfangs beschrieben, Fairphone verspricht zudem eine eigene Lösung. Allerdings lässt sich natürlich auch über den Browser die mobile Version von Bahn.de aufrufen, will man nicht die App benutzen.

Bei den Bluetooth-Verbindungen scheint das Fairphone noch Schwierigkeiten zu haben. Ein Pairing mit einem Mac Book Air klappte bei uns zwar, auch der Empfang von Daten auf dem Fairphone, nicht jedoch der Versand ans Macbook. Mit Windows- und Android-Geräten scheint der Austausch laut Forum zu funktionieren, Navigations- und Freisprechsysteme in Autos scheinen ebenfalls Probleme zu bereiten. 

Mit einem Fingernagelhakeln lässt sich der Akkudeckel auf der Rückseite lösen – innen eingraviert ein Dankeschön an die 10185 Erstbesteller, die das Fairphone-Projekt erst möglich gemacht haben. Mit zwei SIM-Karten-Slots können zwei Karten genutzt werden: zum Beispiel beruflich und privat, im In- und im Ausland, für ein bzw. zwei Nutzer. Das spart Ressourcen, Ärger und Kosten. Rechts daneben der SD-Kartenschacht für die bis zu 64 Gigabyte großen Erweiterungsspeicherkarten, darunter der wechselbare Akku.

Ein USB-Ladegerät gibt es nur optional dazu, ebenfalls Kopfhörer. Beides besitzen die meisten Nutzer meist sogar in mehrfacher Ausführung, dennoch legen alle konventionellen Hersteller diese den Smartphones ungefragt bei und verursachen dadurch weitere Ressourcen- und Kostenbelastungen. Der Verzicht auf ein eigenes Ladegerät durch Fairphone ist deswegen nur konsequent nachhaltig.

Schöne Fairpackung

Das Versandpaket des Fairphone kann deswegen auch schön schlank bleiben. Auf dem unlackierten Karton sind die Quasi-Visa seiner Komponenten aus Ländern wie China, Demokratische Republik Kongo, Niederlande, Singapur abgedruckt, neben dem Fairphone und einem schmalen aber seitenreichen, mehrsprachigen Handbuch sind mehrere Postkarten mit der Philosophie des Fairphones enthalten. Die zeugen von Selbstverständnis und Selbstironie: Da wird mit „Meet Our Tiny Friend“ auf einen exemplarischen Kondensator hingewiesen, der das seltene Metall Tantal enthält, das aus dem Erz Coltan gewonnen wird und im Fairphone aus zwei konfliktfreien Minen in der Demokratischen Republik Kongo stammt. Diese werden von der Initiative Solutions for Hope betreut, die dafür sorgt, dass nicht länger Bürgerkriegsmilizen und Warlords mit dem Erzverkauf ihre Waffen und Mitglieder finanzieren, sondern örtliche Arbeiter auch nach dem Ausstieg und Quasi-Embargo der großen industriellen Abnehmer („an Coltan klebt Blut“) von der Schürfarbeit leben können. Das schließt zwar Kinderarbeit nicht komplett aus, versucht aber, diese allmählich durch die verbesserte wirtschaftliche Situation der Familien zurückzudrängen.
„Nur, wenn wir dort investieren, geben wir den Menschen die Perspektive, an besseren Bedingungen zu arbeiten“, erklärte Bas van Abel in In kleinen Schritten zum fairen Telefon in der c’t 2013. Mit dem Zinn, das in einer ähnlichen Initiative (Conflict Free Tin Initiative) im Kongo gewonnen wird, gibt es in dieser ersten Fairphone-Charge von 25000 zwei fair gehandelte, konfliktfreie, essenzielle Inhaltsstoffe. Alle Komponenten sind mit der konfliktfreien Zinnpaste verlötet. Weitere Metalle der ca. 60 verschiedenen in Smartphones verwendeten sollen folgen. Fairphone will als erstes Unternehmen Gold für die Leiterplatten und Cobalt für die Akkus aus zertifizierten Quellen einsetzen.

Neben weiteren Karten zum individuellen Urban Mining Projekt mit dem eigenen alten Handy, das durch das Fairphone ersetzt wird, gibt es auch noch ein Rezept für den Chongqing Hot Pot, ein scharfer chinesischer Eintopf, der siebeneinhalb Stunden kochen soll. Eine schöne Art, auf den Standort des Fairphone-Fertigers A’Hong und die dortige Küche hinzuweisen.

Und in Sachen Selbstironie spricht die Wendekarte Failphone / Fairphone Wahres aus, denn wie bei fast allen Neuveröffentlichungen, egal ob von Apple, Google oder Samsung funktioniert vieles noch nicht so, wie erwünscht, wenngleich sich Fairphone alle Mühe gibt, im eigenen Forum die Bugs aufzunehmen und Verbesserungsvorschläge anzunehmen.

  • Fairphone Screenshots
    © factory
    Die Fairphone-eigene Peace-of-Mind-App für die störungsfreie Zeit
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    Zuletzt und meist benutzte Programme im schnellen Zugriff auf einem der Homescreens
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    Bei wenig Gebrauch reicht der Akku tagelang, bei häufigem etwa zwei Tage
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    In vier Stunden ist der Akku aufgeladen
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    Schnelleinstellungen über das Pull-Down-Menü vom oberen Bildschirmrand aufrufen
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    Das Android-OS legt alle Einstellungen offen
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    Wenn das Fairphone mal Ruhe geben soll: Schlafzeiten-Einstellung
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    17 Gigabyte Speicher insgesamt, davon 16 Gigabyte Telefonspeicher, in den auch Apps und Medien geladen werden

Das Innere bestimmt das Äußere

Zurück zum Gerät: Das 256 Pixel darstellende Display ist dank seiner kompakten Größe genügend scharf für den Lesegenuss, die Farben wirken natürlich, der Kontrast ist vielleicht etwas schwach. Weil das Deckglas vom kapazitiven Touchscreen getrennt und nicht verklebt ist, ist das Gehäusemaß etwas dicker und man muss manchmal etwas kräftiger als nur sanft auf das Display tippen. Dafür lässt sich aber bei einem Schaden auch das Deckglas leichter austauschen – gut für den Geldbeutel und die Umwelt. Angesichts der Qualität des Dragontrail Glases des japanischen Herstellers Asahi scheint das aber kaum wahrscheinlich, wie ein Video zeigt.

Beim schnellen Scrollen bzw. Fingerwischen gibt es keine Ruckler, beim langsamen Seitenschieben stören diese besonders bei dunklem Text auf hellem Grund. Golem verweist dazu auf das „offenbar von unten eingefräste Punktmuster im Deckglas“, das uns aber nicht aufgefallen ist. Das Gehäuse macht einen sehr guten Eindruck, nichts wirkt billig oder knarzt, alles scheint solide und eher überstabil, selbst die Redakteure der Computerbild freuen sich über den „wohl stabilsten Akkudeckel der Welt“. Die Android-Tasten auf der Vorderseite sind nicht hinterleuchtet, mit dem mittleren Homebutton gelangt man zum Homebildschirm, mit dem rechten Rück-Button springt man in den jeweils vorherigen Screen oder Seite, mit dem linken Settings-Button ruft man die jeweiligen Einstellungen des aktiven Programms auf. Ein schnelles Zweifach-Tippen vergrößert die Darstellung, nötig besonders bei Internetseiten, oder zoomt wieder heraus.

Zum Betriebssystem Android gäbe es viel zu sagen. Kommt man als Nutzer vom iPhone oder iPad, erscheinen Bedienung und Design zunächst inkonsistent und schwerfällig. Dafür ist das System offener und transparenter und spart nicht mit Detailinformationen über das, was die Apps tun oder nicht tun, auch wenn die Darstellung und Bedienung manchmal verwirrend und umständlich ist. Will man aber sein Fairphone auch als Zeichen gegen Datenklau, Protokolle und Überwachung einsetzen, dann lässt sich mit einem offenen Android-Klon wie dem Fairphone OS oder mit später möglichen Firefox OS und Ubuntu jedoch mehr erreichen als mit dem schlüssigeren und einfacheren iOS auf iPhone und iPad. Aber das bedeutet zugegebenermaßen etwas mehr Mühe und Zeit.

Erstaunlicherweise hat das Fairphone-Projekt sehr viel Aufmerksamkeit selbst in den Mainstream-Medien erhalten (siehe auch die Liste unten). Dass das Gerät nun weniger kann oder nicht mit den aktuellen Boliden mithalten kann, führte in den Berichten letztlich nicht zur Häme, eher jedoch in den Kommentaren: Dass es nicht so fair wie versprochen sei, dass die Arbeiter in Chongqing weniger als die iPhone-Arbeiter von Foxconn erhielten, dass sie trotzdem 60 Stunden pro Woche arbeiten müssten und nur einen Tag frei hätten, dass die Fairphone-Mitarbeiter mit dem geringen Gewinn sich kein Leben im teuren Amsterdam leisten könnten, dass man bei Samsung Galaxy S4 ein Smartphone erhalten könne, das mit dem neuen Nachhaltigkeitslabel der TCO zertifiziert sei, dass die großen Konzerne mit ihrer Macht und Millionen Geräten mehr als eine kleine Company mit 20 Mitarbeitern und 25000 Fairphones für den Wandel tun können, dass Fairphone das Marketing übertrieben und enttäuscht hätte.

Ein langer Marsch

Doch den Fairphone-Machern sind die vielen Schwierigkeiten auf dem Weg zu einem faireren Mobiltelefon durchaus bewusst. Sie sehen ihre Arbeit auch eher als einen mühsamen und langwierigen Prozess, mit dem sie und die Nutzer mehr und mehr erkennen, wie und unter welchen Umständen das komplexe und begehrte Produkt Smartphone entsteht, an welchen Stellen die Ausbeutung von Mensch und Umwelt korrigiert werden kann und wo es bei den herrschenden Verhältnissen nicht möglich ist. Nichts weniger als einen System-Wandel haben sich die Holländer mit dem Fairphone vorgenommen und sie sind zur Zeit im besten Fall in der Lage mit der jetzt erreichten Popularität den Finger in die Wunde zu legen.

Man muss sich einmal überlegen, was es heißt, mit zwei Handvoll Menschen ein eigenes Smartphone zu produzieren, das soziale Werte höher als technische oder ökonomische setzt.  Dass viele Ansprüche dabei noch nicht so vollständig erreicht werden konnten, dass es ein Unternehmen wie A’Hong verändert, dass über 10000 Menschen beschäftigt, von denen 1000 in fünf Wochen 25000 Fairphones zusammen bauen, erscheint logisch. Immerhin fließt über das soziale Projekt Fairphone der Mehranteil von knapp vier Euro pro Gerät in einen Sozialfonds (zwei Euro für jedes Fairphone gibt der Hersteller dazu), über den die A’Hong-Mitarbeiter selbst entscheiden können – wobei es laut Fairphone schwierig genug war, ein interessiertes Unternehmen zu finden, das sich überhaupt auf ein solches Projekt einlässt. Laut Bitkom wurden in Deutschland 2013 etwa 26 Millionen Smartphones verkauft, das ist an jedem Werktag mehr als das dreifache der ersten 25000 Fairphones, die nach drei Jahren Projektarbeit jetzt bei den Crowdfundern gelandet sind.

22 Euro vom Kaufpreis eines jeden Fairphones von 325 Euro finanzieren Nachhaltigkeitsprojekte bei Rohstoffförderung, Fertigung und Recycling. Nicht viel, aber immerhin. Diesen Satz auf die Preise von iPhone, Galaxy und Nexus aufgeschlagen, dazu tauschbare Akkus, wie sie das Umweltbundesamt generell für Smartphones fordert – welchen Wandel würde die Industrie damit bewegen? Auf die Frage, was das Fairphone für eine fairere IT-Industrie erreicht habe, antwortete uns Roos van de Weerd, Sprecherin des sozialen Startups, dass Fairphone sicher noch nicht fair sei, ebenso wie die Industrie. Was aber Fairphone neben anderen Unternehmen, die sich um eine faire Beschaffung und Produktion bemühen, erreicht habe, sei eine erwachte Kundenperspektive. „Da gibt es eine ganze Gemeinschaft, die durch aktives Engagement oder sogar nur einfaches Bezahlen eines Telefons, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gebaut war, zeigen, dass sie in den Wandel investieren“, so van Weerd. „Weil wir alle fühlen, dass die Dinge besser sein könnten. Auch wenn es nur ein Anfang ist.“

In diesem Sinne lautet auch unser Fazit: Das Fairphone ist ein grundsolides, gut gestaltetes, hochwertiges und universell einsetzbares, reparaturfähiges Smartphone der Mittelklasse mit guter Akku-Laufzeit, das erste soziale Werte aufweist und als kleiner Game-Changer gestartet ist. Wenn sich eine faire Entwickler-Gemeinde findet, die auch die Software-Problemchen des Fairphones angeht, sollten sich auch die technischen Unzulänglichkeiten lösen lassen.

In diesem Jahr (2014) soll es weitere Produktions-Chargen mit weiteren Verbesserungen geben, sagte uns van Weerd. Die Industrie bewegt sich ebenfalls: Immerhin hat Chip-Produzent Intel jetzt auf der Consumer-Electronics Messe CES angekündigt, dass künftig alle Intel-Prozessoren konfliktfrei seien. Unsere Empfehlung: Interessierte, die ein soziales Unternehmen unterstützen wollen, das transparent über sein Vorhaben, die Voraussetzungen, das Erreichte und die Finanzen berichtet, das auf kritische Fragen antwortet und Fehler zugibt, liegen beim Fairphone nicht falsch.

Vorteile: Soziales Projekt, wechselbarer Akku, reparierbar, Flashspeicher erweiterbar, offenes Betriebssystem, liegt gut in der Hand

Nachteile: rotstichige Fotos, kein HD-Video, Bedienung gewöhnungsbedürftig

Mehr Beiträge zum Thema Teilhabe, dazu Zahlen und Anekdoten, schön illustriert und prima lesbar auf Bildschirmen und Tablets gibt es in unserem factory-Magazin Teilhabe.

Ralf Bindel ist Redakteur der factory.

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