Thema

Wachstum


Wachstums-Illusionen

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Es gibt sie, die „Grenzen des Wachstums“. Die Stichworte kennt mittlerweile jeder: Klimawandel, leer gefischte Ozeane und teures Öl. Spricht man Unternehmen und Politiker darauf an, geht es schnell um das Thema Wettbewerbsfähigkeit: Ohne Wachstum ginge man ganz schnell unter, einzelne Unternehmen wie ganze Volkswirtschaften, die im Wettbewerb stehen. Ökologen entgegnen: Mit Wachstum gehen wir genauso unter, es dauert nur etwas länger. Recht haben beide.

Von Bert Beyers

Was ist es, das da wächst?

Wachstum hat etwas mit Zunahme, Vergrößerung, Entwicklung, Vermehrung, Ausdehnung, Verbreitung zu tun. Es geht um ein Mehr, mehr als.

Wachstum im ökonomischen Sinne wird üblicherweise definiert als Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, also das jährliche Mehr an Waren und Dienstleistungen, wie sie auf dem Markt gehandelt werden. Diese „Brille“ jedoch blendet entscheidende Dinge aus. Wachstum geht mittlerweile häufig zu Lasten der natürlichen Lebensgrundlagen. Und das Ziel der Wirtschaft gerät aus dem Blick: die Lebensqualität.

Die Ära des Hyperwachstums

Um 1950 gab es etwa 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, mittlerweile sind es sieben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Wirtschaft gleichsam explodiert, eine Steigerung des Weltbruttosozialprodukts um das Siebenfache. Nach den beiden Weltkriegen folgten drei Jahrzehnte, die Historiker das Goldene Zeitalter nennen. In Europa, Nordamerika und in Japan erfuhren breite Bevölkerungsschichten einen Wohlstand, der zu Zeiten ihrer Großeltern nur Millionären vorbehalten war, mit Telefon, eigener Waschmaschine und Auto. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es eine Steigerung des globalen Wasserverbrauchs um das Dreifache, des Kohlendioxidausstoßes um das Vierfache und der Anlandung von Fisch um das Fünffache. 

Wird das Wachstum weitergehen?

Ja, sicher. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf neun bis zehn Milliarden Menschen zunehmen. Ungefähr in der Mitte des Jahrhunderts dürfte ihre Größe den Höhepunkt erreicht haben. Allein in China und Indien werden dann jeweils etwa 1,5 Milliarden Menschen leben, zusammen mehr als die gesamte Weltbevölkerung von 1950. Chinesen, Inder oder Brasilianer möchten ebenfalls Telefone, Waschmaschinen und Autos. Auf dem Weg bis 2050 wird die Menschheit Erfahrung nicht mehr nur mit Wachstum machen, sondern zunehmend auch mit Grenzen.

Grenzen des Wachstums

Die Welt ist hinsichtlich der Klimafrage in einer schwierigen Situation. Das rasche globale Bevölkerungswachstum, der zunehmende Wohlstand einer „Mittelschicht“ in bevölkerungsreichen Schwellenländern und die überwiegend fossile Energiegewinnung spielen hier zusammen. Ein Anstieg der mittleren Temperatur auf der Erde um etwa 2 Grad Celsius ist nicht mehr zu verhindern. Will man tatsächlich bei dieser Marke die Bremse ziehen, müssten die von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 etwa auf ein Drittel reduziert werden. Das ist äußerst ambitioniert.

Angesichts der ökonomischen Wachstumsprozesse und der vergleichsweise niedrigen Energieeffizienz in Ländern wie China, Indien oder Brasilien zeigen die Trends bis zur Mitte des Jahrhunderts aber in eine ganz anderer Richtung: statt 30 Prozent der heutigen Emissionen eine deutliche Steigerung in Richtung Verdoppelung. Sollte dies tatsächlich so eintreffen, wäre die ultimative Klimakatastrophe nicht mehr zu verhindern. Sie wäre auch nicht vergleichbar mit einer globalen Finanzkrise. Die ist in wenigen Jahren möglicherweise ausgestanden. Das globale Klimasystem zurück zu justieren erforderte zehntausende Jahre oder noch mehr.

Bislang haben wir noch nicht von Peak Oil, dem bevorstehenden Förderhöhepunkt von Öl, gesprochen, von den historisch einmaligen Verlusten an Biodiversität, dem Kollaps von Fischbeständen, der Wasserknappheit in vielen Teilen der Welt und dem globalen Verlust an fruchtbarem Boden. Keine Frage, es gibt sie, die Grenzen der Ökosysteme.

Der Bumerangeffekt

Der technische Fortschritt hat uns ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Die Fähigkeit, Feuer zu machen, hat der Menschheit dereinst einen vielfach größeren Umweltraum mit den entsprechenden Nahrungsquellen erschlossen. Von der neolithischen Revolution vor etwa 10 000 Jahren bis zur so genannten Grünen Revolution unserer Tage ist der Ertrag landwirtschaftlicher Flächen drastisch gestiegen. Die Tatsache, dass wir heute sieben Milliarden Menschen ernähren können, ist eine direkte Folge des technischen Fortschritts.

Der Gegenspieler des technischen Fortschritts ist der sogenannte Bumerangeffekt. Die wohl erste Beschreibung des Phänomens stammt von dem britischen Ökonomen Stanley Jevons Mitte des 19. Jahrhunderts: „Es ist eine vollständige Verwirrung der Ideen anzunehmen, dass der sparsame Gebrauch von Kraftstoffen zu einem geringeren Verbrauch führt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Regel ist vielmehr, dass neue Formen der Sparsamkeit eine Zunahme des Verbrauchs nach sich ziehen, und zwar in vielerlei Hinsicht.“ Die Dampfmaschine des James Watt war ungefähr 17-mal energieeffizienter als ihre Vorgängermodelle, aber sie führte zu einem gewaltigen Anstieg des Kohleverbrauchs.

Was heißt das?

Ein jährliches Wachstum von 3 Prozent bedeutet rechnerisch eine Verdoppelung der Güter und Dienstleistungen alle 23 Jahre, eine Vertausendfachung innerhalb von 234 Jahren. Da hilft auf Dauer auch die schönste Dematerialisierung nicht. Auf der Ebene der Zahlen ist deshalb leicht zu sehen, dass dieser Prozess einmal auslaufen wird und muss.

Es führt kein Weg daran vorbei, die „Grenzen des Wachstums“ knallhart in die ökonomischen Regelwerke zu integrieren, und zwar global. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Beim Klima sind es Obergrenzen der Emissionen von Klimagasen. Beim Fischfang sind es Fangquoten. Und will man die Artenvielfalt in Teilen erhalten, müssen bestimmte Regionen aus der ökonomischen Nutzung schlicht herausgenommen werden. Ohne wenn und aber. Damit hebelt man in einem den Bumerangeffekt aus. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen sorgt dann der Wettbewerb für effektive und „dematerialisierte“ Lösungen. Letztlich eine globale ökosoziale Marktwirtschaft.

Die entwickelten Länder trennen sich derweil von der Illusion, man könnte das Wachstum auf Pump perpetuieren – ein schmerzhafter Abschied steht ins Haus.

„Wie wir mit Wachstum umgehen ...“

Zitate zum Thema Wachstum, zusammengestellt von Bert Beyers

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Die menschheitsgeschichtlich beispiellose Wachstumsorgie der zurückliegenden Jahrzehnte hat die Völker der frühindustrialisierten Länder in einen Rauschzustand versetzt, in dem sie möglichst verharren möchten. Sie fürchten die Ernüchterung, den Kater. Deshalb versuchen sie, mit Aufputschmitteln wie Geldillusion, öffentlichen und privaten Schulden und Ähnlichem den Rausch aufrechtzuerhalten und vielleicht sogar noch ein wenig zu steigern. Denn nur im Rausch, so die Mehrheitsmeinung, ist der Mensch zufrieden und das Gemeinwohl funktionsfähig. Meinhard Miegel

Miegel, Meinhard: Exit – Wohlstand ohne Wachstum. Berlin 2010, S.163

Wachstum kann einige Probleme lösen, dafür macht es andere erst möglich... Die Erde ist endlich. Physisches Wachstum, einschließlich der menschlichen Bevölkerung, ihrer Autos, Häuser und Fabriken, kann nicht unendlich andauern. Aber die Grenzen des Wachstums sind keine Grenzen für die Anzahl der Menschen, ihrer Autos, Häuser, Fabriken, zumindest nicht direkt. Es sind Grenzen des Durchsatzes – des beständigen Flusses von Energie und Material, um Menschen, Autos, Häuser und Fabriken in Funktion zu halten. Es sind Grenzen der Rate mit der die Menschheit Ressourcen (Getreide, Gras, Holz, Fisch) entnimmt und Abfälle (Treibhausgase, giftige Substanzen) emittiert, ohne dass die Kapazitäten des Planeten entsprechend erweitert wird.

Dennis und Donella Meadows, Jorgen Randers

Meadows, Donella; Randers, Jorgen; Meadows, Dennis: Limits to Growth, The 30-Year Update, White River Junction, 2004, S. 8f

Wachstum bedeutet eine quantitative Steigerung der physischen Durchlaufmenge. „Entwicklung“ bedeutet eine qualitative Verbesserung in der Verwendung einer gegebenen Durchlaufmenge, welche entweder aus besserem technologischen Wissen oder aus einem besseren Verständnis der Zwecke resultiert. Eine Wirtschaft im stationären Zustand als Subsystem des Planeten Erde kann sich daher entwickeln, aber nicht wachsen – genauso wie die Erde sich entwickeln kann, ohne dass sie wächst.

Der Gedanke, daß wir das Paradigma „ewigen Wachstums“ durch die Entmaterialisierung der Wirtschaft retten können – oder dadurch, daß wir sie von den Ressourcen entkoppeln, oder indem wir Ressourcen durch Information ersetzen, ist reine Phantasie. Wir können uns auf eine niedrigere Stufe der Nahrungskette begeben, aber wir können nicht soweit gehen, die Rezepte zu essen!

Herman E. Daly

Daly, Herman E.: Wirtschaft ohne Wachstum. Die Volkswirtschaftslehre nachhaltiger Entwicklung. Salzburg 1999

Unsere Investitionen sind so angelegt, dass sie expansiv auf Konsummärkte wirken. Und neue, spannende Produkte finden einen perfekten Gegenspieler, nämlich in uns, den Konsumenten. Einfach weil wir neue Sachen lieben. Im Alltag sind wir in unseren eigenen Konsummustern gefangen, wir nutzen materielle Dinge wie eine Sprache, um anderen zu signalisieren, wie wichtig wir sind, wie sehr wir einander lieben und wie unsere Stellung in der Gesellschaft beschaffen ist. Wir nutzen diese Dinge, um unsere eigene Identität zu stärken, um unsere soziale Eingebundenheit zu dokumentieren, sie haben eine reale Bedeutung in unserem Leben. Das ist der Grund für das Dilemma. Und genau hier ist unsere eigene Verwurzelung in der ökonomischen Struktur, so etwas wie eine soziale Logik.

Tim Jackson
Jackson, Tim in einer Keynote, gehalten am 6. April 2011 in der Heinrich Böll-Stiftung, Berlin

Ein Ende des ökonomischen Wachstums ist reine Fiktion. Vielmehr befinden wir uns mitten in einem gigantischen Wachstumszyklus, der sich noch über die nächsten Jahrzehnte erstrecken wird. (...) Während wir über die Grenzen des Wachstums diskutieren, sind die Menschen in Asien, Lateinamerika und Afrika auf dem Weg, ihre Träume von einem besseren Leben zu verwirklichen – moderne Wohnungen, reichhaltige Nahrung, Fernsehen, Computer und Telefon, modische Kleidung, individuelle Mobilität und Reisen in fremde Länder. Nichts und niemand wird sie davon abbringen. Die Frage wird einzig sein, ob dieser gewaltige Schub neuer Güter und Dienstleistungen in den ökologischen Kollaps führt oder in nachhaltige Bahnen gelenkt werden kann.

Ralf Fücks 

Fücks, Ralf: Das Wachstum der Grenzen. In: Das Magazin der Heinrich-Böll-Stiftung, Ausgabe 2, 2011

Das ist die Schlüsselfrage: Bekommen wir das rein technologisch hin? Können wir die Ressourcen- und Energieproduktivität dermaßen erhöhen, dass wir das zu erwartende Wachstum überkompensieren und dadurch unsere ökologischen Belastungen insgesamt reduzieren – oder reicht diese Effizienzrevolution, wie wir sie am Wuppertal Institut nennen, alleine nicht aus? Ein Thema, das auch im Institut durchaus kontrovers diskutiert wird. Ich bin skeptisch, ob technologische Innovationen diese Effizienzrevolution alleine bewerkstelligen können. Daher ist es auf jeden Fall sinnvoll, an Wegen zu arbeiten, die die technologischen Fortschritte, die wir auf jeden Fall benötigen, mit neuen Zivilisations- und Wohlstandsmodellen kombinieren, um zu sehen, wie viele Potenziale hier liegen.

Uwe Schneidewind

Schneidewind, Uwe in einem Interview mit Faktor X

Das größte Hemmnis für die Veränderung von Lebensstilen besteht in der technologisch unterfütterten Ersatzreligion, der zufolge eine Entkoppelung möglich ist. Wenn Medien, Politiker und andere Multiplikatoren des gesellschaftlichen Lebens uns als Credo einimpfen, dass die nächste industrielle Revolution, der Green New Deal oder eine Dematerialisierung vor der Tür stehen und somit der Kelch einer Veränderung von Lebensstilen noch mal an uns vorbeigehen könnte, hat niemand Anlass, ökologisch desaströse Handlungen aufzugeben, denn die Verantwortung liegt dann beim noch nicht eingetretenen Entkopplungsfortschritt.

Niko Paech

Paech, Niko in einem Interview mit Faktor X

Aus der Sicht von heute muss Ludwig Erhards programmatische Forderung von 1957 „Wohlstand für alle“ als „Wohlergehen für alle“ erweitert werden. Dieser erweiterte Wohlstandsbegriff schließt neben den materiellen Gütern auch die soziale Lebensqualität und Lebenszufriedenheit der Bevölkerung mit ein. 
Horst W. Opaschofski
Opaschofski, Horst W.: Wohlergehen für alle. Hamburger Abendblatt, 12.10.2011

Wenn Nachhaltigkeit wächst

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Wachstum und nachhaltiges Wirtschaften, wie geht das zusammen? Und zwar in kleinen und mittleren Betrieben, die man mit Nachhaltigkeit nicht gleich in Verbindung bringt: Handwerksunternehmen. Dabei zeigen Beispiele, dass gerade dort die Grenzen des Wachstums mehr Nachhaltigkeit bedeuten.

Von Christine Ax


Fast eine Million Handwerksbetriebe gibt es in Deutschland. Der Wirtschaftsbereich ist einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Tausende Handwerksbetriebe kommen jedes Jahr dazu, geben jedes Jahr auf, werden gekauft oder übernommen. Meist sind sie regional tätig und eröffnen nur selten Filialen. Damit können sie Erfolgskonzepte kopieren, ohne sich gegenseitig Konkurrenz zu machen.

Selten wächst ein Unternehmen aus dem Handwerk heraus und wird „Massenproduzent“ und „Industrie“. Dafür haben kleine Unternehmen größenspezifische Stärken und Schwächen. Doch Wachstum an sich ist für die meisten Handwerksbetriebe kein Ziel. Einfach ist es auch nicht, denn Wachstum tut weh, kostet Geld, braucht Zeit und erfordert die volle Aufmerksamkeit des Chefs oder der Chefin. Wachsen ist immer eine kritische Phase und voller Risiken. Lohnt sich die Investition, verändert sich der Markt, das Umfeld, die Kunden?

Doch manchmal ist Wachstum notwendig und macht Sinn. Aber nur vorsichtig, denn Fehler können sich Handwerksbetriebe kaum leisten. Für große Risiken fehlt das notwendige „Spielgeld“ und das Kapital. Dass Wachstum dennoch auch nachhaltig geht und nicht immer etwas mit schierer Größe zu tun hat, beweisen beispielhaft drei Unternehmen. 

Zusammen wachsen: Kooperationen, die gelingen

Die Raumfabrik: 2008 wurde die Wuppertaler Raumfabrik mit einem Kooperationspreis ausgezeichnet. Seit damals hat sich viel getan. Das Wuppertaler Modell, in dem verschiedene Betriebe für Renovierung, Sanierung und Neubau kooperieren, war so erfolgreich, dass sich auch an anderen Orten Deutschlands "Raumfabrikanten" zusammengetan haben und rund um das Thema Wohnen/Renovierung/Bauen "alles aus einer Hand" anbieten.
 
"Für uns hat sich die Kooperation enorm gelohnt" erzählt Klaus Braun, Vorstand des Vereins und Gründer der ersten Stunde. "Egal worum es geht: Wir alle wagen uns inzwischen an Kunden und Projekte heran, die wir alleine niemals in Angriff genommen hätten." Das Prinzip Raumfabrik ermöglicht allen Partnern einen Zuwachs an Kompetenzen, an Kunden und an Know-how. Nicht nur die geschäftlichen Chancen auch Ideen und Erfahrungen werden geteilt und ausgetauscht und gemeinsame Probleme werden gemeinsam gelöst, wie die Nachwuchssicherung und das Marketing.

Für mehr als die Hälfte der Gründer war das gemeinsame Unternehmen ein Erfolg. Sie sind bis heute Teil der Raumfabrik geblieben. Größer werden will die Raumfabrik derzeit nicht. Braun: "Der Aufwand der Integration von noch mehr Partnern wäre zu hoch". Aber multiplizieren ließe sich das Modell natürlich schon. Was seinen eigenen Malerbetrieb angeht, hat sich für Klaus Braun das Engagement im Verbund rentiert. Mit zehn Mitarbeitern und acht Auszubildenden gehört er weder zu den kleinen noch zu den Großen in seinem Gewerk. 

Die Frage, ob er weiter wachsen soll, hat er sich selber bereits beantwortet. Größer werden soll sein Unternehmen nicht mehr – eher „schrumpfen“. Braun: “Ich bin lieber ein Großer unter den Kleinen als ein Kleiner unter den Großen.” 

Nachhaltig wachsen

Ganz eigen und sehr nachhaltig entwickelt sich seit rund 30 Jahren ein österreichischer Handwerksbetrieb im Vorarlberg. Arnold Feuerstein, der Firmengründer, war in jungen Jahren so erfolgreich, dass ihn ein früher Herzinfarkt nötigte, die Wachstumsfrage gründlich zu überdenken. Heraus kam ein ungewöhnliches, äußerst erfolgreiches Unternehmen, das nach ganz eigenen Regeln lebt und wächst.

Das Unternehmen „Dorfinstallateur“ ermöglicht Handwerksmeistern "eigenverantwortliches Unternehmertum" mit allen Vorteilen und Stärken, die sich in großen Unternehmen durch die Unterstützung von "Stabsstellen“ ergeben. Jeder der 15 Gesellschafter leitet ein eigenes Team als "Profitcenter" vor Ort und wird dabei von zentralen Dienstleistungen entlastet und unterstützt. Alle Gesellschafter sind am Erfolg des Unternehmens beteiligt und in alle wichtigen Unternehmensentscheidungen eingebunden. Das "systemische“ Management unterstützt und organisiert die interne Kommunikation und die Weiterentwicklung des Unternehmens mit all seiner "Gliedern".

Die Nachhaltigkeit des Unternehmens wurde gerade erst in diesen Tagen von den über 100 Mitarbeitern als wichtigstes Unternehmensziel definiert. Die Zahl der Gesellschafter ist nicht eindeutig definiert. Wer in unternehmerische Verantwortungen hineinwachsen will und kann, findet in diesem außergewöhnlichen Unternehmensmodell das geeignete Umfeld. Die Werte, die hier gelebt werden sind: Zusammenarbeit mit Freude und Respekt, jeden Kunden zu einem Stammkunden machen, gesellschaftliche Vorbildfunktion leben, Verantwortung für Wirtschaftlichkeit und gesundes Wachstum übernehmen.

Und was ist mit "gesundem Wachstum" gemeint? Geschäftsführer Johannes Ouschan: „Unser Verständnis von Wachstum hat vor allem mit Qualität zu tun. Unser Ziel ist nicht Gewinn. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Unser Gewinn ist das Ergebnis erfolgreich gelebter Werte. Wir selber wollen nur soviel verdienen, wie wir wirklich brauchen. Und wir wollen solche Dinge herstellen und liefern, die Menschen wirklich brauchen und die außerdem von einem nachhaltigen Nutzen sind."

Generationenverträge: Familienunternehmen

"Wir haben uns eine Wachstumspause verordnet" erläutert Siegfried Huhle - Seniorchef der Huhle-Stahlbau GmbH. 100 Jahre ist das Familienunternehmen jetzt schon am Markt und 100 Mitarbeiter hat es jetzt – seit kurzem. Geplant war soviel Wachstum nicht. "Eigentlich hat unser Wachstum mit unserem Engagement in der Ausbildung zu tun", sagt Siegfried Huhle, dessen großes Engagement für den Nachwuchs so weit geht, dass er den Kindern seiner Mitarbeiter im ersten Lebensjahr die Windeln spendiert.

Wenn er über seine Auszubildenden redet, kommt er ins Schwärmen: "Die sind alle so gut. Dann will man sie auch behalten. Und wenn man gute Leute hat, macht man eine gute Arbeit und das spricht sich rum und die Aufträge werden immer mehr ..." Siegfried Huhle, der auch als Obermeister und Innungsvorsitzender aktiv ist, kennt seine Branche gut und weiß aus Erfahrung, dass die Unternehmensnachfolge in Sachen Wachstum für alle ein besonders kritischer Punkt ist. Nur wenn die Zukunft des Unternehmens gesichert ist, macht für ihn Wachstum Spaß und Sinn. 

Unsere Wirtschaft als Ganzes, davon ist Siegfried Huhle überzeugt, muss heute eigentlich nicht mehr wachsen. Huhle: "Wir sollten uns darauf konzentrieren, die sozialen Errungenschaften für unsere Mitarbeiter zu sichern und daran arbeiten, die Umwelt zu schützen." Er und seine Mitunternehmer sind schon lange in einem Ökoprofit-Unternehmerkreis aktiv. Reden und Handeln gehen Hand in Hand. Dank des kürzlich errichteten Neubaus kann das Bürogebäude nun mehr Energie erzeugen, als es verbraucht.

Nachhaltigkeitsberichte werden zwar nicht geschrieben – dafür wird Umweltschutz und soziales Engagement aber nach Kräften gelebt. Seitdem der Sohn in der Geschäftsführung ist, übernimmt der Senior eine andere wichtige Aufgaben: Der Freitag ist neuerdings ein „Emil-Tag“. Dann schiebt Senior Huhle, die nächste Generation durch Wiesbaden und zeigt dem Enkel voll Stolz die Brücken und Gebäude, die der Großvater und sein Team irgendwann gebaut haben. 

Gunter Pauli und die Blue Economy

Gunter Pauli
© Bert Beyers
Gunter Pauli

Bessere Qualität zu geringeren Preisen, das ist der Anspruch der Blue Economy. Ihr Erfinder ist Gunter Pauli, Unternehmer, Berater, Buchautor, Vortragsreisender und Pädagoge. Mit der blauen Wirtschaft will er die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigen, und zwar mit dem, was lokal zur Verfügung steht. Von Bert Beyers

Ihr Konzept trägt den Namen Blue Economy – warum?

Pauli: Ich war 30 Jahre lang sehr aktiv, um eine grüne Wirtschaft, eine Green Economy, voran zu bringen. Vor etwa zehn Jahren ist mir dann klar geworden: Alles, was gut für die Gesundheit und die Umwelt ist, ist teuer. Es kostet zu viel Geld. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 ist mir dann endgültig klar geworden, dass Grün nur für diejenigen gut ist, die Geld haben. Das ist nicht gut. Wir sollten eine Wirtschaft schaffen, die die Grundbedürfnisse aller Menschen sicher stellen kann – und zwar mit dem, was zur Verfügung steht. Deswegen bin ich der Meinung, dass die Blue Economy sehr stark auf Innovationen setzen muss, wir sollten Entrepreneur sein, wir sollten die Gesellschaft nicht spalten in Gut und Schlecht, und wir sollten nur das Beste wählen.

Warum Blue?

Pauli: Die Erde aus dem Weltraum betrachtet ist eben blau und nicht grün. Es gibt auch einen blauen Himmel und ein blaues Meer.

In der Blue Economy, so wie ich sie bisher verstanden habe, geht es immer um Beziehungen: zwischen den Dingen und den Menschen, und zwar auf allen möglichen Ebenen, um Beziehungen und kluge Synergien, wie sie auf den ersten Blick gar nicht auffallen. Geben Sie doch bitte einmal ein Beispiel der Blue Economy!

Pauli: Weil wir hier miteinander eine Tasse Kaffee trinken, liegt die Frage nahe: Was haben wir hier eigentlich drin, in der Tasse? Antwort: Nur 0,2 Prozent des Materials, wie es von einem Kaffeebauern in Kolumbien oder Kenia geerntet worden ist. Also noch einmal: 0,2 Prozent, und kein Kaffeetrinker hat sich bisher schlecht gefühlt, weil er 99,8 Prozent des aufgewendeten Materials verschwendet. Bei den Teetrinkern ist es sogar nur 0,1 Prozent. Was die meisten Kaffee- oder Teetrinker nicht sehen: Wir haben eine erhebliche Menge Abfallstoff, der verrottet und in Methangas umgesetzt wird.

Sie sprechen vom Kaffeesatz, der übrigbleibt?

Pauli: Der Kaffeesatz und die Schale und die restlichen Teile der Kaffeepflanze, die nicht weiter gebraucht werden. Seltsam, dass die Wertschöpfung nur an den 0,2 Prozent hängt, die wir in der Tasse haben. Der Rest ist Abfall. Einer der größten Verarbeiter von Kaffee beispielsweise ist Nestlé, das Unternehmen verbrennt etwa drei Millionen Tonnen Kaffeeabfall bei der Herstellung von Nescafe. Drei Millionen Tonnen werden genutzt als Energiequelle. Genau das sind die Prozesse, wie sie derzeit laufen. Man hat es einfach nicht besser gewusst, als man die Produktionsprozesse gestaltet hat. Dann haben wir dank der Forschungsaktivitäten der Universität in Hongkong im Jahr 1991erfahren, dass man auf einem Kilo Kaffeesatz ein halbes Kilo Shiitake-Pilze züchten kann. Vor 20 Jahren war Shiitake kein Begriff, heute weiß man, dass es ein hochwertiger Pilz ist, ohne Fettsäure, ohne Cholesterol, also ein Produkt, von dem wir mehr essen sollten.

Was sagt denn Nestlé zu Ihren Ideen?

Pauli: Ich war mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden, Helmut Maucher, damals in Davos zusammen. Und da hat er gesagt, das ist ja eine Spitzenidee. Und dann haben wir uns die Zahlen angeschaut und gesagt, mit Ihren drei Millionen Tonnen könnten Sie eineinhalb Millionen Tonnen Shiitake herstellen. Innerhalb von vielleicht zehn Jahren könnte Nestlé der größte Hersteller von gesunden Pilzen der Welt werden. Und könnte in Wettbewerb zu den Chinesen treten, die heute bereits für 17 Milliarden Euro Pilze exportieren.

Und wie ist die Sache weitergegangen?

Pauli: Nestlé sagt, unser Kerngeschäft ist Kaffee, wir verkaufen keine Pilze. Und weil die keine Pilze verkaufen, haben sie auch keine Kernkompetenz im Pilzbereich. Und deswegen sagen sie, wir tun das nicht. Und da sage ich, Sie haben doch ein supply chain management oder Sie könnten das Verfahren outsourcen. Aber da haben sie den Eindruck, dass die Vermarktung nicht möglich ist.

Kaffee und Shiitake haben aber trotzdem zueinander gefunden.

Pauli: Weltweit sind es bereits 15 000 Angestellte, die in der Verwertung von Kaffee-Nebenprodukten beschäftigt sind, in Zimbabwe, in Tansania, in Kolumbien und in Brasilien. Aber auch hier in Europa entsteht ja Kaffeesatz. Und in Berlin gibt es einen Ort, wo zehn Spitzenköche entschieden haben, 14 verschiedene Sorten Pilze auf diesem Kaffeesatz zu züchten. Es gibt eine Vereinbarung in den Niederlanden mit La Place und eine weitere mit der Firma Kraft in Paris und eine in Madrid mit Starbucks. Jetzt fängt es richtig an. Heute ist im Bewusstsein, dass Europa eine Krise durchmacht, wodurch Arbeitsplätze gefährdet sind. Starbucks in Madrid schafft so 60 weitere Arbeitsplätze. Weil hier Wertschöpfung gemacht wird.

Wie sind Ihre Kommunikationserfahrungen mit Unternehmen?

Pauli: Ein Beispiel, das wir mit Unilever erarbeitet haben: Es geht um Tomaten. Die Tomatenhaut ist ja reich an Farbstoffen, und die könnte Unilever direkt in den eigenen Produktionsabläufen verwenden. An diesem Thema haben wir Jahre gearbeitet, um zu erklären, wie das wissenschaftlich funktioniert. Aber wenn das Unternehmen dann endlich soweit ist, dann kommen weitere Schwierigkeiten, dann muss man nämlich das supply chain management ändern. Allerdings gibt es kaum ein großes Unternehmen, das dazu bereit wäre. Weil es mit Risiken verbunden ist. Der einzige, der das ändern könnte, ist der Finanzdirektor, wenn er sieht, dass der cash flow vergrößert wird.

Und wie löst man das?

Pauli: Wenn wir heute ein Gespräch mit einem Unternehmen führen – vor einem Monat war ich beispielsweise bei einem Treffen der wichtigsten Unternehmen der chemischen Industrie in Madrid –, dann muss ich meine Rede umschreiben, übersetzen in cash flow und die Vorteile für die Bilanzen herausstellen. Dann habe ich Erfolg. Wenn ich dagegen nur über die Technik spreche, dann gibt es das Problem, dass meine Zuhörer zu wenig im Thema sind.

Es geht um eine gemeinsame Sprachebene.

Pauli: Ich glaube, wir als Grüne oder als Blaue, haben eine Sprachebene, die bisher nur im Bereich von corporate social responsibility und in der Welt der Nachhaltigkeit verstanden wird, aber nicht im Geschäftsbereich. Und deshalb müssen wir, als diejenigen, die diese Innovationen in Richtung auf eine nachhaltige Gesellschaft wollen, unsere Sprache ändern, um unsere Argumente für große Unternehmen verständlich zu machen. Als wir Starbucks in Spanien gezeigt haben, wie man den brand des Unternehmens mit supergesunden Pilzen aufwerten und zugleich noch Arbeitsplätze schaffen kann – das ist etwas anderes als Corporate Social Responsibility. Das ist ein neuer Ansatz für Starbucks, um ihr Geschäftsmodell zu ändern. Nun können sich Filialen in anderen spanischen Städten auf einmal nicht mehr vorstellen, dass sie keine Pilzzuchten haben. Weil sie nun merken, dass der Kunde das schätzt, wenn er die Pilze für die Hälfte des bisherigen Preises bekommt. Genau das ist die Blue Economy: Es muss günstiger sein, und wir schaffen Arbeitsplätze. Unser Ansatz liegt in der Verknüpfung.

Wie steht die Blue Economy zum Thema Wachstum?

Pauli: Ich bin der Meinung, dass wir nicht blind über Wachstum diskutieren sollten. Ich habe in Südamerika gelebt, auch in Asien, und wenn weltweit eine Milliarde Menschen in bitterer Armut leben, dann muss es Wachstum geben. Aber Wachstum nicht nach den europäischen oder amerikanischen Standards. Wir brauchen ein neues Wachstum. Und für uns bedeutet Wachstum erst einmal, dass die Grundbedürfnisse der gesamten Bevölkerung befriedigt werden. In diesem Sinne müssen wir neue Geschäftsmodelle entwickeln. Wenn wir eine Wasserkläranlage haben, dann kostet die Geld. Wenn wir eine Mülldeponie haben, dann kostet die ebenfalls Geld. Dafür zahlen die Menschen üblicherweise Steuern. Da wird Geld aus der Wirtschaft entnommen, um diese Entsorgungsleistungen zu erbringen. Wenn wir aber eine vernünftige Chemie verwenden, wie das beispielsweise in Korea bereits der Fall ist, dann sind wir in der Lage, mit dem Schlamm von Wasserkläranlagen und mit organischem Abfall der Mülldeponie das Vierfache an Biogas herzustellen, mehr als die besten Wissenschaftler es für möglich gehalten haben. Wir reden zwar über smart grids, aber nicht über smart chemistry.

In welchen Kategorien denken Sie Wachstum?

Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dem Planeten mit einem Konzept von Mangel. Für die anderen Lebewesen war es immer ausreichend oder gar zu viel. Und wenn es nicht reichte, passte man sich eben an. Seltsam ist doch, dass wir das einzige Lebewesen mit einer linearen Idee von Wachstum sind. Ein Grundbedürfnis ist zum Beispiel Wasser. Das bedeutet aber nicht, dass wir 40 Liter Wasser bei jedem Toilettengang verschwenden, wie es in den USA der Fall ist. Das macht keinen Sinn. Wir sollten vielmehr Toiletten entwickeln, die eineinhalb Liter benötigen – und das Wasser anschließend wieder zurückgewinnen. Die ganze Debatte über Wachstum ist eine Scheindebatte: Bist du dafür oder dagegen? Das ist aber nicht die Frage. Die Frage lautet vielmehr: Was ist die beste Lösung?

www.faktor-x.info/wirtschaft/blue-economynovember-2011/interview-gunter-pauli.html

www.TheBlueEconomy.org

www.zeri.org/ZERI/

Das richtige Wachstum zur richtigen Zeit

Wachstum um jeden Preis, das war einmal. Für nachhaltig wirtschaftende Unternehmen sind andere Ziele wichtig. So ergeben sich fast natürliche Grenzen des Wachstums - oder eben nicht, denn für grünes und blaues Wachstum einer nachhaltigen Wirtschaft ist noch viel Platz. Unternehmen, die wachsen wollen, Wachstum anregen, sich teilen oder nicht wachsen wollen. Von Ralf Bindel

Die GLS Bank: Wachstum für mehr Nachhaltigkeit

© Frank Rogner
Hauptsitz der GLS Bank in Bochum

Wieder ein volles Haus. Und das am Samstag. Über 600 Mitglieder waren gekommen, nach Bochum, zum Sitz der GLS Bank. Sie wollen, dass die Bank mehr gesellschaftlichen Wandel möglich macht. Dafür braucht sie mehr Eigenkapital. Zur Finanzierung der Realwirtschaft, der echten ökologisch und sozial gerechten.

Die Generalversammlung ist die zweite in diesem Jahr, diesmal eine „außerordentliche“. Sie macht wieder deutlich, dass das Wachstum der Bank anhält. Mehr als 37 Prozent im Jahr 2010 in der Bilanzsumme und 22 Prozent in der Vergabe von Krediten. Monatlich kommen knapp 2000 Kunden hinzu. Sie möchten bestimmen, wohin ihr Geld fließt, oder sie benötigen Kredit, für ökologischen Landbau, soziale Einrichtungen oder ökologisches Bauen.

“Ganz klar, wir spüren im positiven Sinne die aktuelle Finanzmarktkrise”, sagt Pressesprecher Christof Lützel. “Immer mehr Menschen ist es nicht egal, was mit ihrem Geld geschieht. Wir finanzieren ausschließlich nachhaltige Unternehmungen, vom Bioladen bis zum Solarprojekt. Und wir veröffentlichen jeden Kredit.” Diese Transparenz ist attraktiv. Nebenan wird im nächsten Jahr ein weiteres Gebäude bezogen, die Zahl der Mitarbeiter stieg um 34 Prozent, nun sind es fast 400. Der Plattenbau wird kernsaniert, nach den Gold-Richtlinien der Gesellschaft für nachhaltiges Bauen.

“Wir wachsen nachhaltig, um mehr Nachhaltigkeit zu ermöglichen”, sagt Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank. Er hat kein Problem mit Wachstum, dem richtigen, ökologisch und sozial gerechten. Deshalb auch die Generalversammlung, die mit großer Mehrheit (94%) die Einführung einer Dividende beschließt. Ungewöhnlich für die Genossenschaftsbank, doch notwendig für das Wachstum. “Damit schaffen wir die Voraussetzungen für mehr Mitglieder und mehr Eigenkapital”, sagt Jorberg. “Wenn wir wachsen, wächst auch die Nachhaltige Entwicklung – und umgekehrt.”

Stadtwerke Bochum: Mehr Öko aus Energie

© Stadtwerke Bochum
Die neue Hauptverwaltung der Stadtwerke Bochum

Gleicher Standort, ein paar hundert Meter weiter, Nähe Hauptbahnhof: Die Stadtwerke Bochum in ihrem schwarz glänzenden Neubau, gegründet auf Betonpfählen zur Erdwärmenutzung. Die Bochumer bieten ihren Strom seit zwei Jahren im gesamten Bundesgebiet an, demnächst soll es auch mit Gas so gehen. Das Einflussgebiet ist gewachsen, die Verantwortung auch.

Die Liberalisierung der Energiemärkte hat einerseits vier Energiekonzerne mit großem atomar-fossilem Kraftwerkspark und Netzbetreiber zementiert, andererseits auch kleinen Stadtwerke neue Kräfte wachsen lassen. Bekanntestes Beispiel sind die ehemaligen Stromrebellen, die als EWS Schönau aus dem Schwarzwald als einer der vier großen Ökostromanbieter bundesweit auftreten.

Die Stadtwerke Bochum haben ebenfalls Ökostrom im Angebot, kostengünstigen Strom aus österreichischen Wasserkraftwerken (für ein Euro mehr pro Monat) oder höherpreisig zum Aufbau lokaler erneuerbarer Energiequellen. Gleichzeitig bauen sie im Verbund mit vielen anderen Stadtwerken unter dem Projektführer Trianel auch ihren ersten Offshore-Windpark. Allerdings errichtet Trianel auch weiterhin Kohle- und Gas-Kraftwerke.

Das Wachstum der lokal aktiven und demokratisch kontrollierten Stadtwerke bedrängt jedoch die ehemaligen Monopolisten. An ihren traditionellen Standorten befinden sie sich im Wandel, weil Stadtbevölkerungen schrumpfen oder Strom, Gas und Wasser sparen, im Verbund werden sie stark genug, auch große Kapazitäten und Netze zu schaffen. Dabei liegt der Fokus der Bochumer auf der Stärkung regionaler Energiequellen und der Kraft-Wärme-Kopplung.

Dezentrale Versorgung durch lokale Kleinwasserkraftwerke, Deponie-, Grubengas- und Blockheizkraftwerke, Photovoltaikdächer wachsen bei den Stadtwerken schneller als bei einem Großkonzern wie RWE oder EnBW. “Wachstum ist für uns kein Unternehmensziel”, zieht Pressesprecher Thomas Schönberg das Fazit, “wir wollen eher möglichst viele Kunden zufrieden stellen.”

Wächst die Bilanzsumme, so bleibt aber auch genug Kraft, um den öffentlichen Nahverkehr mitzufinanzieren oder andere Energie- und Wasserversorger zu rekommunalisieren. Wachstum ist also auch hier im Sinne der Kommune. Schönberg: "Wir sind nur ein Beispiel von vielen Stadtwerken, denen es genauso geht."

Stadtwerke München: Mehr Bio im Land

© Stadtwerke München
Der Mangfalltal Ökobauernhof

Bleiben wir noch bei den Stadtwerken, aber springen wir aus dem Ruhrgebiet rund 600 Kilometer Richtung Südwest, nach München. Als eine der wenigen deutschen Städte mit positiver Einwohnerentwicklung erlebt sie seit 2009 sogar einen regelrechten Baby-Boom. Die Stadtwerke München, kurz SWM, Deutschlands größter kommunaler Versorger mit Strom, Gas, Wasser, Fernwärme und öffentlichen Bädern, wächst.

In der 1,3-Millionenstadt beziehen immerhin schon fast 170000 Kunden Ökostrom aus Wasserkraft. Weitere Ökotarife fördern lokale Wasserkraftwerke. Strom für die beliebten Elektrofahrräder und zukünftigen Elektroautos haben die Münchner auch, sogar ökologisch korrekt nur regenerativ erzeugt. Die Erneuerbaren sollen auch in München wachsen: Bis 2025 könnte Ökostrom aus eigenen Anlagen die ganze Stadt versorgen.

Das Besondere aber ist das Wachstum des ökologischen Landbaus rund um München, gefördert durch die SWM. Anders in vielen europäischen Städten, wo die Wasserversorgung privatisiert wurde und ihre Auswirkungen der Bevölkerung allmählich vor die Füße fallen, kaufen die Münchner Stadtwerke schon seit Jahrzehnten Land zur Sicherung der Trinkwasserqualität. Die Grundstücke im Einzugsbereich der Wassergewinnungsanlagen verpachten sie ausschließlich an Ökolandwirte. Zu günstigen Konditionen, damit die, die bisher keine waren, mit dem ökologischen Landbau beginnen.

Und es klappt: Schon mehr als 110 Bauern haben seit 1992 ihre Betriebe auf Ressourcenschonung und artgerechte Tierhaltung umgestellt. “Zusammen bewirtschaften sie 2700 Hektar und damit das größte zusammenhängend ökologisch bewirtschaftete Gebiet in ganz Europa”, berichtet Oberbürgermeister Christian Ude im Film Water Makes Money.

Die Stadtwerke fördern die Bauern finanziell und unterstützen sie bei der Vermarktung der Ökoprodukte. Dabei profitieren beide: Die Münchner sichern ihre Trinkwasserqualität und halten Aufwand und Kosten zur Aufbereitung gering, gleichzeitig verbessern sie die Versorgung mit gesunden, regionalen Produkten und sichern Existenzen.

Im Dokumentarfilm “Water Makes Money” gilt das Münchner Beispiel als Vorbild für die Pariser Wasserversorgung, die damit erst vor kurzem begonnen hat - nach dem Rückkauf durch die Kommune. Die deutsch-französische Koproduktion ist inzwischen übrigens in voller Länge auf Youtube zu sehen.

W. L. Gore & Associates: Das Mehr wird geteilt

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Von München setzen wir zur Wachstums-Betrachtung von Unternehmen über den großen Teich. Kandidat dort ist W. L. Gore & Associates, mit dem “Headquarter” in Newark, Bundesstaat Delaware, in der Mitte der Ostküste der USA und flächenmäßig der zweitkleinste Staat. Reich geworden ist dieser durch die Familie DuPont, Gründer eines der größten Chemiekonzerne der Welt.

Dort arbeitete der Chemiker Wilbert (Bill) Lee Gore 16 Jahre bis er sich 1958 mit seiner Frau selbständig machte. Er arbeitete mit Polytetrafluorethylen, dem berühmten PTFE, bekannter unter dem Handelsnamen Teflon von DuPont. Er entwickelte aus diesem Stoff Gore-Tex, die Textilfasermembran für wasserdichte, atmungsaktive Bekleidung.

So bekannt die isolierende, wetterfeste Faser auch ist, so wenig wissen die meisten Menschen von der Anti-Wachstums-Kultur dieses Multimillionendollar-Unternehmens. Dabei wächst das Unternehmen sowohl in Bilanzsumme, an Mitarbeitern, Patenten und Produkten stetig weiter, allerdings immer nur in Einheiten von etwa 150 Mitarbeitern.

Diese Zahl, identisch mit der so genannten Dunbar-Zahl, hat sich für Gore als funktionsfähige Größe für Wachstum ergeben. “Wir entdeckten immer wieder, dass die Dinge schwerfällig werden, wenn wir größer als 150 werden,” sagte Bill Gore einmal in einem Interview. Also werden zwar neue Fabriken und Gebäude gebaut, aber immer als eigenständige Einheiten.

“Wir bauen einen neuen Betrieb und 150 Parkplätze. Wenn wir sehen, dass die Leute auf dem Rasen parken, wissen wir, dass es Zeit für eine neue Fabrik ist”, erklärt ein “Associate” das Wachstumsprinzip. Sämtliche Mitarbeiter sind bei Gore “Partner”, Titel gibt es dort keine, unabhängig von Verdienst, Verantwortung oder Anstellungsdauer.

Sie haben keine Abteilungsleiter, Chefs oder Vorgesetzte sondern Sponsoren und Mentoren, die sie selbst dazu bestimmen, weil diese am besten ihren Bedürfnissen gehorchen. Es gibt keine Organigramme, keine Budgets, keine Strategiepläne, Gehälter werden kollektiv festgesetzt. Die schönsten Räume in den Gebäuden sind Konferenz- oder Freiräume, so dass sich niemand über die Lage seines Büros definieren kann.

Regelmäßig landet Gore & Associates auf den ersten Plätzen im Wettbewerb der beliebtesten Arbeitgeber der Welt. Von einer kleinen Firma mit wenigen Angestellten in den 1960er Jahren hat sich Gore & A. zu einem drei Milliarden US-Dollar Umsatz schweren Unternehmensverbund in privater Hand entwickelt – mit 9500 Mitarbeitern, pardon, Associates, die in autonomen und nur ihrer Unternehmenskultur verpflichteten 150er Einheiten in 30 Ländern arbeiten.

Ein faszinierendes Wachstumsmodell, das der empirischen Dunbar-Zahl folgt, welche soziale Gruppen zwischen 80 bis 230 Individuen für die vitalsten, innovativsten und überlebensfähigsten hält. In Deutschland gibt es zwei Gore-Werke in der Nähe von München, jeweils nicht mit mehr als 150 Associates.

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