Thema

Trans-Form


Wandel durch Trans-Form

factory Titel Trans-Form

Mit dem factory-Titel Trans-Form lässt sich trefflich spielen, fast wie mit den Transformers, den wandelbaren Spielzeug-Action-Figuren. Sie haben es in Videospiele und Spielfilme geschafft. Die Transformation immerhin in einige Dokumentationen und Dystopien. Obwohl die Notwendigkeit zum gesellschaftlichen Wandel inzwischen fast zum Allgemeinwissen gehört, schaffen wir es nicht, Produktion und Konsum so zu verändern, dass sich Emissionen, Rohstoffnutzung und Naturverbrauch verringern. Und das, obwohl sich weltweit Effizienz, Innovationszahlen und Produktivität laufend erhöhen.

Es gibt kluge Ansätze und Beispiele: für das ökologische Design von Produkten, für ressourceneffiziente Produkte, die sowohl in der Produktion als auch bei der Nutzung weniger Material und Energie verbrauchen. Und es gibt die transformativen und transformationalen Produkte, deren Eigenschaften einen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit bewirken sollen. Doch die Rebound-Effekte, die Kompensation der Effizienzgewinne durch Mehrverbrauch, sind offensichtlich. Wie ein Wandel dennoch gelingen könnte, ist Thema dieser Trans-Form-factory, dem zweiten Bindestrich-Titel der factory nach der Zukunftsthema Vor-Sicht.

Eine der interessantesten Möglichkeiten, Ressourcen zu schonen, ist Das Verschwinden der Produkte, für das der Trendforscher Peter Wippermann, der Technikfolgenabschätzer Ortwin Renn und der Transformationsdesigner Harald Welzer unterschiedliche Ansätze haben. In Historisch wirksam. Wie Innovation und Technik transformieren blickt der Autor Bert Beyers zurück auf technologische Entwicklungen wie die Londoner U-Bahn und ihre Wirkungen auf Gesellschaften und Konsum. Der Philosoph Bernd Draser untersucht in Freiwillig nur unter Zwang. Nachhaltig verpflichtet – aber wodurch? unter welchen  Randbedingungen wir wählen können, wenn wir eine gesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit wollen.

Die transformative Kraft der Wissenschaft stärker zu nutzen fordert der Präsident des Wuppertal Instituts Uwe Schneidewind in seinem Standpunkt. In Damit gelingt der Wandel: Transformatives Design für Nachhaltigkeit zeigt die Ökodesignerin Ursula Tischner Kriterien und Beispiele für das transformative Design von Produkten und ihren Einfluss auf ein verändertes Nutzungsverhalten. Unter die Haut und ins Gehirn führt der Neuroökonom Peter Kenning, wenn er über die biologischen Bedingungen unseres Konsums erzählt.

Wie wir Mit Systemsprüngen zu ressourcenleichten Lebensstilen kommen, untersuchen die Zukunfts­forscher Klaus Burmeister, Holger Glockner und Maria Schnurr. Dass uns transformationale Produkte zu einem ressourcen­bewussteren Lebensstil überreden können, davon sind der Psychologe Marc Hassenzahl und der Designer Matthias Laschke in Denn sie wissen, was sie tun überzeugt. Schließlich berichtet der Medienkünstler Claudius Lazzeroni in Die Werkstatt der guten Gedanken, über die Chancen von Kreativität und Bildungswandel für die Entstehung  neuer transformativer und transformationaler Produkte.

Diese Fülle an Beiträgen hat schon die factory transformiert, sie ist umfangreicher als geplant. Wir hoffen, dass damit auch Ihnen der Wandel gelingt.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Transformation, Wandel und Transition finden Sie nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Trans-Form. Das PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen.

Das Verschwinden der Produkte

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Weltweit verbrauchen wir zu viel Material und Energie für immer ressourcenintensivere Lebensstile. Eine Transformation zu mehr Nachhaltigkeit mittels transformativer Produkte ist notwendig. Doch wie diese gestaltet sind und welche Wirkungen sie haben, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Wir haben den Trendforscher Peter Wippermann, den Technikfolgenabschätzer Ortwin Renn und den Transformationsdesigner Harald Welzer nach ihren gefragt.

Von Ralf Bindel

Beziehungen statt Produkte

Für den Zukunftsforscher Peter Wippermann ist das Smartphone zumindest ein transformatives Element gegenwärtiger Gesellschaften. „Das Smartphone wird auf absehbare Zeit die Fernbedienung für unseren Alltag sein, angeschoben durch technische Vernetzung“, sagt er factory im Interview. Die modernen Handycomputer gehören für ihn zum kulturellen Allgemeinverständnis und sie verändern den Ressourcenverbrauch. „Energie wird extrem wichtig, jedoch nicht mehr die Ölindustrie dominiert, sondern die Elektronikindustrie.“

Transformative Produkte spielen für Wippermann aber nur eine untergeordnete Rolle. Er findet es interessanter, die klassische Idee des Produkts zu verlassen, es zum Verschwinden zu bringen. Das Smartphone ist nur ein Mittel, die Fernbedienung, das Display. Das eigentliche transformative Produkt ist für den Trendforscher die Vernetzung. Beziehungen sind das neue große Ding, das auch zu mehr Nachhaltigkeit führt.

„Schon heute und gerade auch in Zukunft dreht sich alles sowohl im privaten wie ökonomischen Bereich um Beziehungen“, sagt Wippermann. „Auch in der Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft spielen Beziehungen eine wichtigere Rolle als Produkte, Stichwort Share Economy.“

Beziehungen würden überall funktionieren, wo es Netzwerke gibt, nicht nur in Industrieländern. „Kein Land der Erde verzichtet auf Netzwerke. Grundsätzlich sind sie die Welten, in denen Wandel stattfindet.“ Die heutige Gesellschaft ist von ihnen geprägt, nicht von Produkten, wie noch in der Industriekultur, ist Wippermann überzeugt.

Durch Netzwerke wird nicht nur der Energiemarkt neu sortiert: Dezentral statt zentral die Energieproduktion, Quellen und Verbraucher über das Smartgrid verbunden. „Die Mengen werden behandelt wie Datenpakete im Internet.“

Vernetzung ist die eigentliche Transformation, der entscheidende Schritt, so Wippermann. Die Kontrolle und Verwertung von Daten, ob für Produktion in der Industrie 4.0, für Carsharing oder für die Beteiligung des Verbrauchers als Prosument hätten die größte transformatorische Wirkung.

Dass der Prosument sich emanzipiere von der klassischen Produktion und stärker autonom werde, schade nicht dem kapitalistischen System. „Nur die alten Industrien müssen ihre Pfründe aufgeben.“ Der Trendforscher sieht in der Vernetzung den entscheidenden transformativen Trend: „Das einzelne Produkt verbindet sich mit anderen, der Mensch bringt Dinge in Verbindung, die er bisher nicht verbinden konnte.“

Sein Fazit: Produkte sind nicht länger wichtig, ihre Anschlussfähigkeit für die Transformation schon. Wippermann definiert transformative Produkte schließlich so: „Produkte, die sich nicht einlinken lassen, sind nicht nachhaltig.“

Rebound berücksichtigen

Transformative Produkte sind Produkte, die Veränderungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft auslösen können. Wie ein neues Verkehrsmittel oder ein neues Verkehrsverhalten, das eine Abkehr vom Privatverkehr ermöglichen würde. Genauer: Produkte sind transformativ, wenn sie die damit verbundene Dienstleistung komfortabler und auch effektiver erbringen als die bisherigen. Sie dienen der Nachhaltigkeit, wenn sie zudem einen Beitrag zu Dematerialisierung oder Dekarbonisierung leisten, also den Verbrauch an Rohstoffen und die Emission von klimaschädlichen Gasen erheblich reduzieren. So definiert es Ortwin Renn, Professor für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart und renommierter Technikfolgenabschätzer für factory im Interview.

„Produktkonzepte, die beispielsweise einfachere Geräte erstellen, wie Trockenleine statt Elektrotrockner, oder die empfehlen, statt mit dem Bagger mit der Schaufel zu arbeiten, dienen zwar der Nachhaltigkeit, sie sind aber keine transformativen Produkte“, sagt Renn der factory im Interview. Transformativ sind diese Produkte erst, wenn sie die gewünschte Dienstleistung effektiver oder effizienter  erstellen und gleichzeitig dafür weniger Material und Energie verbrauchen.

„Wenn wir jetzt die großen Trends der Zukunft bewältigen wollen, vor allem zu dematerialisieren und zu dekarbonisieren, dann sind alle Produkte, die dazu beitragen, aus meiner Sicht Transformationsprodukte“, stellt der Risikoforscher fest.

Vernetzung, wie sie Wippermann als transformativ benennt, ist für Renn ähnlich wie Dezentralisierung nur Mittel zum Zweck. Diese Mittel können effektiv sein, müssen es aber nicht. Entscheidend sei immer die Frage: Tragen sie etwas zur Dekarbonisierung und Dematerialisierung bei oder nicht? „Beantworten wir diese Frage mit Ja, müssen wir uns um Nachhaltigkeit keine Sorgen machen“, so Renn. Vernetzung könne zwar zur Dekarbonisierung beitragen, müsse aber nicht. Als Design­orientierung reiche sie nicht aus, wie die Rebound-Effekte durch zunehmende Smartphone-Verwendung zeigten.

Renn meint aber ebenfalls, dass das Internet der Dinge wohl die nächste Welle der IT-Transformation sei, und das Smartphone der treue Helfer, der zunehmend unabhängig und intelligent Aufgaben erledigen wird. Die Wirkung auf den Verbrauch von Material und Energie wird jedoch recht unterschiedlich sein, schätzt er.

Das gilt nicht nur für die industrialisierte Welt. Renn war gerade dreieinhalb Wochen in Afrika und berichtet, dass dort alle Menschen moderne Handys hätten. „Das Handy ist inzwischen das meistverbreitete Gerät auf der ganzen Welt, mehr als Waschmaschine, Transistorradio oder Elektropumpe“, so Renn. „Gerade über die Handykultur werden wir in die ärmsten Länder neue Technologien und neue Kommunikationsformen einspeisen können, weil dies die einzige Infrastruktur ist, die dort überraschend gut und flächendeckend funktioniert.“ Der notwendige Transformationsprozess werde in den Entwicklungsländern viel stärker über die Mobiltelefonie laufen als in Europa. Die neue Kommunikation über Handys biete für die afrikanische Bevölkerung eine völlig neue Situation, an die man vor 15 Jahren noch nicht gedacht hatte. „Ich denke, dass dort  der Informationsaustausch über Mobilkommunikation wirklich der Schlüssel zu Innovation, Bildung und Entwicklung ist.“

Dass Smartphones zu Prestige-Objekten geworden sind, wenn Nutzer ständig die neuesten Modelle besitzen müssen, sieht Renn nicht als problematisch. „Sofern das einhergeht mit Dematerialisierung und Dekarbonisierung, ist an der symbolischen Verknüpfung von Produkt und Prestige nichts auszusetzen.“ Ein Smartphone benötige immer noch weniger Material und weniger Energie als ein Mercedes.

Die Rebound-Effekte machen ihm da schon mehr Sorgen. Sie kompensieren die Effizienzrevolution von transformativen Produkten, weil doch wieder mehr Material und Energie dadurch verbraucht werde, weil einfach mehr Konsumware zur Verfügung stehe. Genau das ist das Problem: „Transformative Produkte alleine machen es nicht. Es muss mit den transformativen Produkten auch eine Lebensstilveränderung einhergehen, damit nicht alles wieder überkompensiert wird.“ Zwar gebe es in Ballungsräumen einen Trend zu mehr ÖPNV und Carsharing, auch der Spritverbrauch von Pkw habe abgenommen, in der Gesamtmobilität nehme der Verbrauch aber zu. Ähnliches gilt für andere Konsumbereiche.

Dass transformationale Produkte durch Verhaltensmotivierung diese Rebound-Effekte verhindern könnten, hält Renn für einen frommen Wunsch. Er beobachtet zwei Effekte: Die einen würden durch die Beschäftigung mit ökoeffizienten Produkten vom Ehrgeiz gepackt, noch mehr zu dekarbonisieren, die anderen verhielten sich nach dem Motto: Jetzt da ich spare, kann ich mir auch mehr leisten.

Leichte Lebensstile verbreiten

Der Soziologe Harald Welzer, Professor für Transformationsdesign am Norbert-Elias-Center der Universität Flensburg, ist ebenfalls skeptisch, was die Rebound-Effekte von transformativen Produkten angeht. Er bezweifelt, dass es überhaupt Produkte gibt, die diese vermeiden. „In dem Augenblick, wo man über neue Produkte nachdenkt, erhöht man zunächst den Aufwand – zum Erstellen, zum Entwickeln, zum Testen, zum Implementieren solcher Produkte“, sagt er im factory-Interview. Statt das Pferd von hinten über die Produkte aufzuzäumen, fordert er dazu auf, über Aufwandsreduktion nachzudenken. „Wir müssen darüber nachdenken, wie man vermeiden kann, dass überhaupt neue Produkte in die Welt kommen und dass die, die schon da sind, um ein erhebliches Maß reduziert werden. Das transformative Produkt kann ich mir in diesem Sinne gar nicht richtig vorstellen.“

Welzer geht es um das Verschwinden der Produkte, jedoch nicht wie Wippermann durch Digitalisierung und Vernetzung, sondern durch Transformationsdesign. Dabei meint er nicht das Design von Produkten, das sich wandeln muss, „das würde zu kurz greifen“. Sein Institut beschäftigt sich mit der Frage, wie moderne Gesellschaften gestaltet werden können, so dass sie hinsichtlich ihres Umgangs mit Energie und Material wieder zukunftsfähig werden. „Da wir dringend eine Transformation unserer Lebensstile und unseres Ressourcenverbrauchs brauchen, um nicht im Desaster zu enden, müssen wir eine gestaltete Transformation haben, deshalb Transformationsdesign.“ Statt ein anderes Produktdesign zu entwerfen, schlägt Welzer vor, eine gesellschaftliche Praxis zu designen, in dem man Produkte vermeidet und zum Verschwinden bringt.

Mit dem Austausch „irgendeines Energie-Features“ sei es im Transformationsdesign nicht getan, sondern es gehe bei den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen sowohl um die Veränderung von soziologischen Gegebenheiten als auch von psychologischen. Die nachhaltige Entwicklung hat, meint Welzer, bisher nicht viel gebracht. Seitdem sie gefordert wird, haben sich Material- und Energieverbrauch in die nicht-nachhaltige Richtung verändert, so der Soziologe. „Es kann natürlich sein, dass moderne Gesellschaften genau so mit dem Problem umgehen, in dem sie die Menge des Sprechens über das Problem erhöhen, um an dem Problem selber nicht arbeiten zu müssen.“

Sicher werden auch im Transformationsdesign nicht alle Produkte verschwinden. Die des täglichen Bedarfs und Lebensmittel müssten unter Veränderung der Produktionsbedingungen weiter entstehen, doch schon beim Bedarfsfeld Bauen und Wohnen müsse man fragen, wie groß der nötige Raum denn sein dürfe, so Welzer. Beim Thema Mobilität ist der Transformationsdesigner besonders ungnädig: „Irgendwie ist das eine in Marmor gemeißelte oder durch göttliches Gebot dekretierte Erscheinungsform, unsere Mobilität. Nicht veränderbar, nicht reduzierbar, nicht rückführbar.“  Es sei eines der großen ungelösten Rätsel der Menschheit, warum sie immer bessere Kommunikationsmittel produziere und gleichzeitig immer mehr Mobilitätsaufwand. Auch technologische Entwicklungen wie der Hyperloop, eine Art Mega-Personen-Rohrpost, die die Strecke zwischen Los Angeles und San Francisco auf eine halbe Stunde verkürzen soll, sind für Welzer falsche Wege. „Ich halte es auch für eine mentale Fehlentwicklung, wenn man innerhalb eines solchen fehlentwickelten Systems Prozesse optimiert.“ Die Optimierung und Hinzufügung von Technologien führe zu nichts anderem als zu neuen Problemen.

Nun ist Welzer dennoch kein Prediger des Verzichts für eine Transformation. In seinem Konzept eines mündigen Konsumenten entscheidet jeder selbst, war für seine qualitätsvolle Lebensgestaltung notwendig ist. „Die gegenwärtige Konsumpraxis und dieses Einreden von irgendwelchen Innovationen sind Entmündigungstechniken“, sagt er. Bestimmte Formen gemeinschaftlicher Produktion und Konsumption würden zu einem qualitätsvolleren Leben und zu weniger Material- und Energieverbrauch führen. „Ich wüsste überhaupt nicht, was daran Verzicht sein sollte.“

In einem Forschungsprojekt Von der Nische in den Mainstream am Norbert-Elias-Center wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie sich diese ressourcenleichten Arten der Produktion und der Gemeinschaftlichkeit aus den Nischenbereichen in gesellschaftlich dominante Dimensionen entwickeln. Zwar entstehen immer mehr Best-Practice-Beispiele in Nischenbereichen, wie die Bedingungen für ihre breite Durchsetzung, für ihre Skalierung aussehen, ist jedoch bisher nicht untersucht. „Die große Frage für die Transformation ist die der Skalierbarkeit“, sagt Welzer. Viele Projekte können nur in der Nische existieren und sind nicht im Mainstream-Maßstab vorstellbar, andere, wie genossenschaftliche Energieproduktion, sind ohne weiteres skalierbar. „Für das Design von Transformationsprozessen ist von großer Bedeutung, was mainstreamfähig ist und was nicht.“

Die Interviews erscheinen zu einem späteren Zeitpunkt im Original ebenfalls bei factory online.

Mehr zu transformativen Produkten und Transformationsdesign nicht nur in den vollständigen Interviews mit Prof. Peter Wippermann, Prof. Dr. Ortwin Renn und Prof. Dr. Harald Welzer unter www.factory-magazin.de sondern vor allem im factory-Magazin Trans-Form. Das PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen.

Historisch wirksam. Wie Innovation und Technik transformieren

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Die Londoner U-Bahn ist 150 Jahre alt. Zunächst sprach nicht viel für diese Mobilitätsinnovation, die mit Dampf und offenen Wagen durch die Tunnel fuhr. Ein Essay zur Technikgeschichte von der schöpferischen Zerstörung durch Innovation bis zur Transformation durch das Internet der Dinge.

Von Bert Beyers

Wir schreiben das Jahr 1863. In London nimmt die Metropolitan Railway Company ihren Betrieb auf – und zwar unterirdisch. Die erste U-Bahn der Welt. England war das Mutterland der industriellen Revolution. Und London die größte und reichste Stadt der Welt. Sie erstickte im Verkehr. Tausende Kutschen, Droschken und von Pferden gezogene Busse verstopften die Straßen. Hunderttausende Arbeiter wohnten an der Peripherie, weil es billiger war. Jeden Tag mussten sie in die Stadt, zu Fuß. Das Bedürfnis nach einem neuen, leistungsfähigen Verkehrsmittel war groß. Aber niemand konnte sich vorstellen, dass man mit Bahnen unter der Erde fuhr. Das konnte nur Charles ­Pearson. Jahrelang umgarnte er Investoren, vermittelte zwischen befeindeten Unternehmern, machte PR. Und die war bitter nötig.

Es gab keine Erfahrung, keine Studien, keine Tests. London war eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Der Bau der U-Bahn: eine Operation am offenen Herzen. Pearson hatte eine Menge Probleme, sein größtes, die Züge fuhren mit Dampf. Unter der Erde stank es zum Himmel. In den Tunneln stand der Rauch. Panikattacken von Frauen und Kindern in vernebelten U-Bahnstationen waren an der Tagesordnung.

Trotzdem hatte die erste U-Bahn der Welt Erfolg. Denn sie war billig. Und für viele die einzige Möglichkeit, von A nach B zu kommen. So ließ sich mit der Metropolitan Railway prächtig Geld verdienen. Erst 1890, also fast vier Jahrzehnte nach Eröffnung der Londoner U-Bahn, wurde das Dampfproblem gelöst, durch den Elektromotor. Das sind sie: Innovationen, die das Leben der Menschen mit einem Schlag verändern. Die schwere Geburt ist dann schnell vergessen.

Innovationen zerstören

Die Eisenbahn, genauer: die amerikanische Eisenbahnindustrie, war auch das Lieblingsbeispiel des Ökonomen Joseph Schumpeter, der sich intensiv mit der Rolle der Innovation und der schöpferischen Zerstörung des Bestehenden befasst hat. Die US-Regierung unterstützte in den 1830ern die Eisenbahngesellschaften durch riesige Landzuteilungen. Zusammen mit den Siedlern erschlossen sie den Kontinent Richtung Westen. Ende des 19. Jahrhunderts überzog ein gewaltiges Schienennetz alle Regionen der Vereinigten Staaten. Chicago war ein Kind der Eisenbahn, ebenso Omaha, Fort Worth, Denver und viele andere Städte.

Hunderte Neuerungen setzten sich durch, kleine und große. Riesige Summen Geldes wechselten den Besitzer. Mittels Aktiengesellschaften wurden gewaltige Investitionen möglich. Der Transport beschleunigte den Handel, ein einheitlicher Binnenmarkt entstand. Schumpeter sieht in dieser Transformation nicht allein das Werk des technischen Fortschritts, sein Interesse gilt dem historischen Prozess. Samt der Märkte, deren Rahmenbedingungen entsprechend zu justieren sind.

Dabei zeigt sich: Technischer Fortschritt hat ein Janusgesicht. Er löst Probleme und gebiert dabei beständig neue. Die wohl erste Beschreibung des Bumerangeffekts stammt von dem britischen Ökonomen Stanley Jevons Mitte des 19. Jahrhunderts: „Es ist eine vollständige Verwirrung der Ideen anzunehmen, dass der sparsame Gebrauch von Kraftstoffen zu einem geringeren Verbrauch führt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Regel vielmehr, dass neue Formen der Sparsamkeit eine Zunahme des Verbrauchs nach sich ziehen, und war in vielerlei Hinsicht.“ Jevons nennt als Beispiel die Dampfmaschine des James Watt. Sie war ungefähr 17 Mal energieeffizienter als ihre Vorgängermodelle. Aber sie führte zu einem gewaltigen Anstieg des Kohleverbrauchs.

Der Bumerangeffekt spielt in der Sichtweise des Technikphilosophen Jacques Neirynck eine zentrale Rolle. Er zeigt, dass der Fortschritt in der Regel einen gesteigerten Forderungsdruck auf das jeweilige technische System und die Natur erzeugt. Weil durch bessere Technik der Zugriff auf mehr und andere Ressourcen möglich wird (zum Beispiel Ölbohrungen in der Tiefsee) und der Preis der Güter tendenziell sinkt. Aber selbst wenn fallende Preise in gesättigten Märkten keine direkten Nachfrageeffekte mehr erzeugen, sprich: wenn jeder Haushalt bereits über Computer, Fernseher, Auto etc. verfügt, selbst dann kann Effizienz zu verstärktem Konsum führen. Dann fährt man eben mit dem eingesparten Geld in den Urlaub – der indirekte Bumerangeffekt. Unterm Strich bleibt ein gewaltiger und immer noch zunehmender Druck auf das ökologische Trägersystem, die Erde.

Innovationen sozialisieren

Der Systemtheoretiker Franz Josef Radermacher sieht in diesem Prozess ein fundamentales Muster, das sich durch die gesamte Geschichte zieht. Den „Superorganismus Menschheit“ versteht er als ein Wissen generierendes, Wissen verbreitendes und Wissen tradierendes System. Zentral sind dabei Organisation, Technologie und Materialbeherrschung. Pfeil und Bogen sind Material gewordene Ideen, ebenso moderne Flugzeuge. Jede technologische Neuerung hat direkt oder indirekt zur Folge, dass mehr Menschen länger leben, mehr miteinander kommunizieren und sich immer mehr ausdenken.

Deshalb sehen wir heute überall tolle Ideen für regenerative Energiequellen und Speichertechnologie, intelligente Netze, neue Mobilitätskonzepte für Städte, nachhaltige Aquakultur, intelligente Materialien. Hinzu kommt eine umfassende Informatisierung der Lebens- und Arbeitswelt. Das Internet der Dinge ist längst im Werden: Alltagsgegenstände, Geräte und Waren werden addressierbar und lassen sich in Raum und Zeit verfolgen. Autos, Räume, ganze Produktionsstränge werden „intelligent“. Mobile Schnittstellen zum Internet sind allgegenwärtig, nach den Handys kommen die Datenbrillen und dann?

Die Geschichte der Technik und der Innovation von Gesellschaft und Ökonomie zeigt, wie unsere Vorfahren ständig Grenzen überschritten haben. Aller Rückschläge, Katastrophen und Kriege zum Trotz: Die Zahl der Menschen ist dabei ständig gewachsen. Im 21. Jahrhundert findet dieser Prozess ein Ende. Das rasante Tempo der Bevölkerungsentwicklung in den vergangenen Jahrzehnten hat sich bereits verlangsamt. Irgendwann in der Mitte des Jahrhunderts wird es sich auf neun oder zehn Milliarden einpendeln. Aus vielerlei Gründen: Industrialisierung der Schwellenländer, Ressourcenknappheit, Überforderung, Stress. Ob dieser Übergang einigermaßen friedlich verläuft, wissen wir nicht.

Literatur:

Gunkel, Christoph: Bei Abfahrt Erstickungsanfall. 150 Jahre -Londoner U-Bahn. Spiegel Online 10.01.2013
Grübler, Arnulf: Technology and Global Change. Cambridge 1998
McCraw, Thomas K.: Joseph A. Schumpter. Eine Biographie. Hamburg 2008
Neirynck, Jacques: Der göttliche Ingenieur. Die Evolution der Technik. Renningen-Malmsheim 1998
Radermacher, Franz Josef; Beyers, Bert: Welt mit Zukunft. Die Ökosoziale Perspektive. Hamburg 2011

Bert Beyers ist Autor und Journalist in Hamburg. Er schreibt immer wieder für factory, zuletzt über Ökoinnovationen in Das Rad neu erfinden in der Zukunfts-Ausgabe Vor-Sicht.

Über die Wirkung von Transformationen und transformativen Produkte gibt es weitere interessante Beiträge im factory-Magazin Trans-Form. Das PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen. Einige Beiträge wie dieser hier sind auch online.

Mit Systemsprüngen zu ressourcenleichten Lebensstilen

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Die große Transformation ist zu einem zentralen Topos der Nachhaltigkeitsdebatte geworden. Das globale Zwei-Grad-Ziel, die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf ein klimapolitisch gebotenes Niveau zu begrenzen, gerät angesichts der kontinuierlichen Steigerungsraten des Ausstoßes klimaschädlicher Treibhausgase ins Wanken. Ein Überspringen normativer Grenzen und Aufbrechen von Gewohnheiten könnte den notwendigen Wandel schneller erreichen.

Von Klaus Burmeister, Holger Glockner, Maria Schnurr

Nicht die Verhinderung des Klimawandels, sondern regionale Anpassungsstrategien gewinnen aktuell an politisch-strategischer Bedeutung. Nicht die Reduktion des Ressourcenverbrauchs, sondern die Suche nach und die Exploration von neuen Quellen erfahren verstärkt politisch-strategische Aufmerksamkeit. Die globale Ressourcen- und Klimaproblematik bleibt damit auch nach 20 Jahren intensiver Debatten um eine nachhaltige Entwicklung akut und ungelöst. Aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung, dem ökonomischen Wachstum der Schwellen- und Entwicklungsländer und der damit verbundenen fortschreitenden Industrialisierung sowie nachholender Konsummuster ist eine schnelle und tiefgreifende Lösung auch weiterhin nicht in Sicht. Darüber hinaus mehren sich die Anzeichen, die auf eine dauerhaft volatile Wirtschaftsentwicklung deuten. Begleitend und getrieben durch die sozio-kulturellen und ökonomisch-politischen Folgen der informationstechnischen Durchdringung der Arbeits- und Lebenswelten werden weitere tiefgreifende Umbrüche in den globalen, ökonomischen Austauschprozessen erwartet. 

Bisherige Maßnahmen und Strategien, den Klimawandel oder die Verknappung der Ressourcen zu verlangsamen, sind vor dem Hintergrund der oben genannten zentralen Treiber als ungenügend anzusehen. Insbesondere sind die Anstrengungen zur Steigerung der Ressourceneffizienz unzureichend, angesichts der sogenannten Rebound-Effekte. Die bisherigen Effizienzsteigerungen werden durch Verbrauchssteigerungen mehr als kompensiert, sie sind zu gering, um ein gesamtgesellschaftliches Umsteuern in Gang zu setzen. 

Vor diesem Hintergrund haben die Fragen, wie gesellschaftliche Systeme vorausschauend auf diese Unsicherheiten reagieren und wie langfristige Transformationsprozesse politisch gestaltet werden können, eine hohe und nicht nur wissenschaftliche Brisanz. Der politische Handlungsdruck wächst und die letztlich nicht mit Sicherheit zu beantwortende Frage, wie viel Zeit bleibt, um wirksam die Folgen des Klimawandels und der Ressourcenverknappung zu bewältigen, führen zu Überlegungen, ob nicht auch und unter welchen Bedingungen Systemsprünge in eine ressourcenleichte Gesellschaft vorstellbar sind.

Zehn Tonnen sind leicht

Genau dieser Fragestellung widmet sich das in diesem Sommer gestartete Forschungsprojekt „Erfolgsbedingungen für Systemsprünge und Leitbilder einer ressourcenleichten Gesellschaft“ des Umweltbundesamtes, das unter Federführung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und mit Beteiligung von Z_punkt The Foresight Company und sociodimensions umgesetzt wird. Der klare Fokus der Untersuchung liegt dabei auf den Veränderungsmöglichkeiten von Lebensstilen und Alltagsroutinen.

Auf dem Weg zu einer ressourcenleichten Gesellschaft wandeln die Menschen ihre Lebensstile so um, dass sie ihren Ressourcenverbrauch im Mittel auf 10 Tonnen pro Kopf und Jahr TMC (= Total Material Consumption) reduzieren, so die Definition des Wuppertal Instituts. Der gesamte Materialverbrauch umfasst sämtliche nachwachsenden und nicht nachwachsenden Rohstoffe sowie die Bodenerosion in der Landwirtschaft, die der Konsum in einem Land verbraucht bzw. verursacht. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch derzeit bei 60 Tonnen pro Jahr, in Italien bei 30 Tonnen, in den USA bei 75 Tonnen, in der EU im Durchschnitt bei 45 Tonnen.

Die möglichen Wege in eine ressourcenleichte Gesellschaft sind von den bekannten Konzepten einer Steigerung der Effizienz geprägt. Sie sollen erweitert und anschlussfähig werden für eine Verbreitung suffizienter Lebensweisen oder einer Ausrichtung unserer Produktions- und Konsummuster an kreislaufwirtschaftlichen Ansätzen (z. B. Cradle-to-Cradle). Neben diesen – durchaus nicht trivialen – technologischen und organisationalen Veränderungen ist eine Transformation solchen Ausmaßes auf umfassende soziale Veränderungen angewiesen. Nicht selten ist ein Aufbrechen liebgewonnener Routinen und gesellschaftlicher Strukturen erforderlich, um die nötigen Weichenstellungen zu treffen. 

Leichtes Leben ist nicht schwer

Entscheidend für die Akzeptanz transformativer Entwürfe ist unter anderem eine Grundhaltung, die die Pioniere der Transformation dabei selber einnehmen und von der Gesellschaft auch abverlangen. Dabei ist es wichtig, den Bürger und Konsument nicht als Objekt, sondern als Subjekt von Systemsprüngen in Richtung einer ressourcenleichten Gesellschaft zu gewinnen. Starthilfe liefern sicher auch Experimentatoren, die schon heute das Morgen vorleben und ihre Erfolge in den Netz-Communities bereitwillig mit anderen teilen. Ist früher Robert Jungk mit seinem Katalog der Hoffnung als Wegbereiter für eine mit zu gestaltende Zukunft aufgetreten, so propagiert Harald Welzer es heute mit seiner FuturZwei Stiftung, Niko Paech es mit seiner Postwachstumsökonomie.

Beispiele, wie ein Jahr lang mit nur 100 anstatt mit den üblichen 10.000 Besitzgegenständen zu leben, Wasser aus der Leitung statt aus Flaschen zu trinken oder Dienstwagen durch Dienstfahrräder zu ersetzen, zeigen bereits im Kleinen, wie das Große individuell nachvollziehbar erreicht werden kann. Es geht um inszenierte Veränderungen der Alltagsroutinen, eingebettet und getragen von Leitbildern, die nicht auf Verzicht oder Rückschritt basieren, sondern eine neue Form der Lebensqualität definieren. Keime einer ressourcenleichten Gesellschaft finden wir bereits heute. Ob und wie solche Ansätze zu Systemsprüngen führen können, welche Beispiele und Erfahrungen es dafür gibt, steht im Fokus der anstehenden Analysen. 

Die große Transformation zu einer ressourcenleichten Gesellschaft ist ein historisch einmaliges Experiment. Wir brauchen dazu kreative Lernprozesse und eine flexible und von den Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mitgestaltete Anpassung von Maßnahmen und Zielsetzungen.

Klaus Burmeister und Holger Glockner sind Mitglieder der Geschäftsleitung von Z_punkt The Foresight Company in Köln, Maria Schnurr ist dort Foresight Consultant mit den Schwerpunkten Mobilität und Nachhaltigkeitsstrategien. Holger Glockner schrieb in der factory Selbermachen über DIY – Konturen einer neuen Lebens- und Wirtschaftskultur.

Welche Wege zu ressourcenleichten Lebensstilen für die große Transformation wir noch haben zeigen weitere interessante Beiträge im factory-Magazin Trans-Form. Anders als die hier vertretenden Online-Beiträge enthält das PDF-Magazin zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen.

Freiwillig nur unter Zwang. Nachhaltig verpflichtet, aber wodurch?

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Freiwillige Vereinbarungen, gesetzliche Vorgaben, moralische Verpflichtungen: Die nachhaltige Transformation gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handelns wird sich nicht durch Appelle an den guten Willen der Akteure bewältigen lassen. Welche Auswahl an Ermunterungen brauchen wir, um unser aller Handeln so zu transformieren, dass wir nicht mehr Ressourcen verbrauchen, als es unserer eigenen Zukunft zuträglich ist?

Von Bernd Draser

Kaum ein Wort darf sich einer so rapiden Proliferation erfreuen wie das Wort Nachhaltigkeit, freilich zum Preis einer etwas porösen Konsistenz. In diese Poren kann dann jeder das ihm Genehme und Dringliche einfüllen. Dass eine nachhaltige Umformung unseres Agierens Züge eines Gebotes annimmt, zeichnet sich schon seit Jahrzehnten ab, ist allerdings als dominanter Diskurs recht jung. Zunächst musste das erreicht werden, was man im Pathos der späten Sechziger einen Bewusstseinswandel zu nennen pflegte. Hier kann gesagt werden: Mission accomplished! Zu erkennen ist das insbesondere an dem Ausmaß der werblichen Rede von der Nachhaltigkeit, sei es als authentische Corporate Social Responsibility oder triviales Greenwashing, denn selbst wer nachhaltige Qualitäten nur vortäuscht, setzt damit immer schon die Wertigkeit solcher Qualitäten voraus.

Eines der fatalen Missverständnisse vieler Nachhaltigkeitsdiskurse ist der Glaube, dass Einsicht oder Überzeugung eine Verhaltensänderung nach sich zöge. Dieses ausgesprochen deutsche Vorurteil ist aus verschiedenen Gründen falsch und erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein Auswuchs des lutherischen Dogmas, dass der Mensch allein im Glauben, sprich in seiner inneren Überzeugung und Heilsgewissheit, gerechtfertigt sei, und nicht etwa in äußeren Handlungen. So gesehen ist praktizierte Nachhaltigkeit eher katholisch: Was zählt, sind die äußeren Handlungen, nicht das korrekte Bewusstsein. Und diverse Milieu-Studien weisen darauf hin, dass die nachhaltigsten Lebensstile gerade nicht dort stattfinden, wo sie geglaubt werden, denn dort wähnt man sich durch die rechte Überzeugung von entsprechendem Handeln bereits entbunden, sondern vielmehr dort, wo man „Nachhaltigkeit“ nicht sagt, weil man konservativ, traditionell, sparsam ist.

Ein zweiter Fehlschluss kann konsumistisch oder objektfixiert genannt werden. Denn wenn Transformation als Transformieren von Objekten praktiziert wird, verlegt man die nachhaltige Qualität in die Eigenschaften eines Gegenstands, wo doch die eigentliche Qualität vor allem im Gebrauch desselben liegt. Die Objektfixierung ist die Mutter aller Rebound-Effekte. Es muss also um die Transformation von Lebensstilen und Konsumweisen gehen, nicht um Bewusstseinskorrekturen. Durch Appelle an den guten Willen allein wird sich die nachhaltige Transformation gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und individuellen Handelns nicht einstellen. Es bedarf einer Auswahl an Ermunterungen und Ermutigungen, um unser aller Handeln so umformen zu helfen, dass wir nicht mehr Ressourcen verbrauchen, als es unserer eigenen Zukunft zuträglich ist. Versuchen wir eine Instrumentenschau.

1. Der Obrigkeitsstaat

Er agiert kraft seiner Autorität und der Sanktionen, die er verfügt. Die Autorität wiederum muss sich, um glaubwürdig zu sein, aus Legitimität speisen. Das ist nach unseren Vorstellungen die demokratische Legitimation. Ein Staat, dem es an solcher Legitimität gebricht, hat seine Autorität verspielt. Es wimmelt von aktuellen Beispielen: Keine Regierung hat die Türkei in einem solchen Maße demokratisiert und liberalisiert wie die Regierung Erdogan; in dem Augenblick aber, als staatliche Autorität des Grundgefühls der Legitimität entbehrt, sind alle Verdienste vergessen. Ein zweites, deutlich harmloseres Beispiel: Die Grünen haben im Zuge des Wahlkampfs 2013 einiges an schmerzhaften Programmpunkten präsentiert, und selbst beträchtliche finanzielle Mehrbelastungen wurden vom Publikum im Bewusstsein der verdienten Strafe angenommen. Zum Aufschrei kam es erst, als der ziemlich harmlose Vorschlag für einen unverbindlichen Veggie Day in öffentlichen Kantinen ruchbar wurde. Beide Beispiele demonstrieren: Abstrakte und allgemeine Verfügungen werden hingenommen, wo aber der eigene Leib ins Spiel kommt, hört der Staat auf. Daraus müssen auch nachhaltigkeitstransformative Bemühungen ihre Schlussfolgerungen ziehen.

2. Die Pflichtethik

Eine Ethik der Pflicht stellt die individuelle Seite des Obrigkeitsstaats dar, indem sie, wie Kant es formuliert, nicht etwa aus Neigung oder Verlangen nach Glückseligkeit, sondern aus Achtung vor dem Gesetz eine Handlung als notwendig erachtet. Eine gute Handlung lässt sich in diesem Sinne vor allem daran erkennen, dass sie dem Handelnden schwerfallen muss, denn „nicht aus Neigung oder Furcht“ resultiert Moral, sondern eben nur aus der Pflicht. Da die Achtung vor dem Gesetz, also der Sanktionsandrohung des Staates, sich aber am ehrlichsten mit Furcht übersetzen lässt, erfand Kant den guten Willen, um seinen kategorischen Imperativ zu entsichern, wie man eine Schusswaffe entsichert. Den Wesenskern dieses kategorischen Imperativs hat schon mancher von uns als Rüge gehört: Stell dir vor, das würden alle so machen! Das ist nun nicht so lächerlich, wie es zunächst klingt, denn zumindest im Straßenverkehr ist das tatsächlich ein kategorischer, also immer gültiger Imperativ. Ob man einem Transformationsprozess in Richtung Nachhaltigkeit damit einen Gefallen tut, ist zu bezweifeln – auch dem Kantianer Hans Jonas wäre zu wünschen gewesen, das Prinzip Verantwortung weniger pflichtethisch zu formulieren.

3. Freiwillige Selbstverpflichtungen

Es hat sich vor allem in wirtschaftsliberalen Argumentationsweisen etabliert, zunächst auf die Freiwilligkeit von Akteuren zu setzen, wenn es um Transformationen aller Art geht. Das ist nicht so naiv, wie es zunächst klingen mag, zumindest nicht auf unternehmerischer Ebene. Denn Unternehmen sind gewinnorientiert und in dieser Wirtschaftsordnung müssen sie es sein. Da sich aber für den Konsumenten ein Distinktionsgewinn durch den Gebrauch bestimmter Marken erzielen lässt und diese Distinktion ein entscheidender Selling Point ist, kann eine authentische Corporate Social Responsibility einen erheblichen Marktvorteil darstellen. Gleichzeitig wächst jedoch die Verführung, sich ein Corporate Image unverdient zu erschleichen, und das berüchtigte Greenwashing setzt ein. Daher sind freiwillige Selbstverpflichtungen vor allem da sinnvoll, wo sie staatlich ermutigt und im Falle des Scheiterns mit pekuniären Sanktionen bewehrt sind. Im zwischenstaatlichen Miteinander hingegen sind freiwillige Selbstverpflichtungen naiv, denn dank fehlender Kontrollinstanzen und nationaler Selbstbehauptungen stellt sich allzu rasch das berüchtigte Paradoxon der Allmende ein; der regeltreue Staat wird das Nachsehen haben.

Weiter auf den folgenden Seiten zu Teil 2 von "Freiwillig unter Zwang. ..." und den Kommentaren.

Freiwillig nur unter Zwang. Nachhaltig verpflichtet, aber wodurch? (Teil 2)

Fortsetzung von Teil 1 "Freiwillig nur unter Zwang. ..." von Bernd Draser

4. Soziale Distinktion

Auf individueller Ebene sind freiwillige Selbstverpflichtungen wenig sinnvoll, weil ein Bruch der Pflicht sich leicht kaschieren lässt und dann noch das Gefühl von Lust und Befreiung erweckt, das Erlebnis der süßen Sünde. Dass ein nachhaltiger Lebensstil dadurch nicht sonderlich appetitlich wirkt, liegt auf der Hand. Ohnehin sind nicht alle Milieus für nachhaltige Distinktionsgewinne empfänglich, und wo sie es sind, besteht erstens die Gefahr, dass es sich um eine vorübergehende Mode handelt, und zweitens die Wahrscheinlichkeit, dass sich beachtliche Rebound-Effekte einstellen, indem man durch stärkeren Konsum von als nachhaltig beworbenen Produkten die Distinktion steigert. Wo dann drittens die Selbstverpflichtungen von Sittenwächtern eingefordert werden, ist der Widerwille nicht mehr zu vermeiden.

5. Green Economy

Die Green Economy ist so etwas wie die Ökonomisierung des vorhergehenden Punktes, also die Vermarktung von Lebensstilen, die ihren Selling Point in einem Distinktionsgewinn haben, der sich amalgamiert aus Statussymbolen und einer gehörigen Portion moralischer Selbstgefälligkeit. Das kann leicht als bigott empfunden werden, ist allerdings durchaus ernst zu nehmen, da der Green Economy bedeutsame wirtschaftliche Umstrukturierungsprozesse zugrunde liegen und weitere folgen; der Strom aus regenerativen Quellen ist ein gutes Beispiel dafür, nicht nur hinsichtlich der schnellen Entwicklung des Sektors, sondern auch im Blick auf die infrastrukturellen Umbrüche, die dem folgen müssen.

6. Postwachstum-Ökonomien

Als pointierten Gegensatz zur Green Economy positionieren sich Ansätze diesseits des ewigen Wachstumszwanges. Während eine Green Economy sich vorstellt, dass der Verbrauch von Ressourcen durch technologische und ökonomische Innovationen vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden kann, möchte dieser Ansatz ohne Wachstum auskommen. Die Bandbreite der Strategien ist beachtlich, die meisten davon sind wenig experimentell, sondern haben sich kulturgeschichtlich bewährt. Lebensweisen der Genügsamkeit bis hin zu monastisch-asketischen Modellen sind zu nennen, auch ganz pragmatische Ökonomien des Teilens, Reparierens, Selbermachens, der urbanen oder regionalen Subsistenz, seit der Antike immer wieder populäre Ansätze der epikureischen oder stoischen Lebenskunst. Das sind höchst wirksame und ästhetische Transformationskonzepte, aber wirksam nur in einem recht kleinen Milieu der Bildung und des hoch entwickelten Geschmacks. Zwar lässt sich auf einen Vorbildcharakter hoffen, aber ohne obrigkeitsstaatliche Verstärkung wird die Wirkung gering bleiben.

Verführung zur Nachhaltigkeit

Das Spektrum der Maßnahmen ist so breit wie das der Temperamente, die für sie einstehen. In kleinerem Rahmen haben sie alle ihr Recht und ihre Wirkmöglichkeiten, doch das eine Ende ihrer Wirksamkeit bildet das Allzumenschliche, das uns hinabzieht, und das andere Ende bildet die Schwelle zur obrigkeitlichen Bevormundung. Gibt es also keine Strategie, die an allen Vorteilen der oben genannten partizipieren kann, ohne mit einem Menschenbild zu operieren, zu dem es den entsprechenden Menschen nicht gibt, oder mit einer Gesellschaftsform, die keiner wollen kann?

Vielleicht wollen wir ja, um uns zu transformieren, weder mit unredlichen Mitteln überredet noch mit redlichen überzeugt, sondern zum Wandel verführt werden? Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir Pflicht nicht kantisch, sondern wörtlich nähmen? Pflicht kommt von pflegen. Das hat etwas von liebevoller Zuwendung an sich, in Ausdrücken wie „pfleglich behandeln“ klingt das mit. In der Wortgeschichte schwingt aber auch die Verwicklung, Verstrickung, das Eingebundensein mit, wie im lateinischen plicare. Aber auch die rechtliche, die sittliche und religiöse Verpflichtung klingt in der Pflicht an, wie im lateinischen obligare. Zur Verführung gehört aber auch die spielerisch-ästhetische Dimension. Das alte germanische plegan oder plecan ist auch Wurzel des englischen play, also des Spiels. Ein Spiel ist ein vergnüglicher und verführerischer, aber regelgebundener und damit höchst verbindlicher Zeitvertreib.

Das alles berücksichtigend, die sittliche und gesetzliche, die spielerisch-ästhetische Dimension, eröffnet sich ein neuer und doch ganz alter Blick auf die Möglichkeiten von Transformationsprozessen, gewissermaßen das Medium der Wahl: Es sind die Riten des Übergangs. Seit jeher sind sie Medien des Transition Management, wenn es um krisenhafte Übergänge individueller oder sozialer Art geht. Sie sind ästhetisch codierte Handlungsweisen, sie sind stammesgeschichtlich tief verankert und haben deshalb einen hohen Grad an sozialer und individueller Verbindlichkeit, weil sie auch ohne Zwang evident sind. Schon von ihren religiösen Wurzeln her sind Riten des Übergangs thematisch immer mit der Erneuerung der sozialen, natürlichen und kosmischen Ordnung verbunden. Sie sind allgemein menschlich und in allen menschlichen Kulturen gleichermaßen verankert und glaubwürdig, sie sind also leicht übertragbar.

Stellt sich die Frage: Wie könnten solche Riten des Übergangs aussehen? Und wer könnte sie durchführen? Das ist meines Erachtens die zentrale Frage aller Transformationsprozesse. Wer sie nicht stellt, wird scheitern.

Bernd Draser unterrichtet Philosophie an der ecosign-Akademie in Köln. Zuletzt schrieb er in der Vor-Sicht-factory über die Chancen von Utopien und Traditionen.

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Die transformative Kraft der Wissenschaft

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Häufig beobachtet Wissenschaft gesellschaftliche Veränderungsprozesse nur. Oder sie stellt technologisches Wissen zur Verfügung, hält sich aber ansonsten heraus. Um die Transformation zu einer Nachhaltigen Entwicklung vollziehen zu können, reicht das nicht aus. Wissenschaft muss zur „transformativen Wissenschaft“ werden. Sie muss sich selber in gesellschaftliche Veränderungsprozesse einbringen. Das hat Auswirkungen auf ihre Herangehensweisen und Methoden.

Standpunkt von Uwe Schneidewind

Um gesellschaftliche Veränderungsprozesse ziel- und richtungssicher zu unterstützen, werden drei Formen von Wissen benötigt:

Erstens: Wir brauchen Systemwissen. Das ist Wissen darüber, wie Technik, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammenspielen – z. B. im Rahmen unseres Energiesystems. Ohne ein solches Systemwissen ist keine Energiewende möglich. Systemwissen ist das klassische Produkt der Wissenschaft. Jedoch gelingt es schon in dieser Form nur selten, die Brücke zwischen technischem und sozialwissenschaftlichem Wissen zu bauen. So gibt es zwar viele Erkenntnisse zu den technischen Optionen der Energiewende, über nötige Beteiligungsverfahren oder innovative Finanzierungsmodelle wissen wir erheblich weniger. Und Forschung, die beides verbindet, gibt es noch seltener. Schon hier wird klar: eine transformative Wissenschaft muss viel interdisziplinärer als heute werden.

Zweitens: Zusätzlich brauchen wir Zielwissen. Nur wenn wir Vorstellungen über das Ziel einer gesellschaftlichen Transformation haben, lässt sich diese auch gestalten. 100 Prozent Erneuerbare Energien sind ein solches Ziel. Aber wie dezentral soll die regenerative Energieerzeugung der Zukunft sein? Welchen Mix der verschiedenen regenerativen Energien benötigen wir? Wie hoch soll der Gesamtenergieverbrauch und die dafür nötigen Energieeinsparungen bis 2050 sein? Ohne klare Zielvorstellungen lässt sich kein Veränderungsprozess gestalten. In der Regel überlässt die Wissenschaft diese Fragen der Politik. Dabei kann Wissenschaft viel zum Zielwissen beitragen. Sie kann konsistente Szenarien erarbeiten, ethische Begründungen von Zielen liefern – all das sind wissenschaftliche Beiträge. Für Zielwissen brauchen wir daher eine enge Zusammenarbeit von Wissenschaft mit den Akteuren aus Politik und Gesellschaft. Aus Interdisziplinarität wird dann Transdisziplinarität – dies meint die Verbindung des Wissens wissenschaftlicher Disziplinen mit dem (Ziel)wissen der Betroffenen. Wissenschaft wird erst dadurch zu einem Katalysator für die Transformation.

Drittens: Wir benötigen schließlich Transformationswissen, also Wissen darüber, wie Veränderungen ausgelöst werden können. Ein solches Wissen darf nicht wissenschaftlich abstrakt sein, sondern muss „sozial robust“ sein. Damit ist gemeint, dass es den Akteuren vor Ort konkrete Orientierung für ihr Handeln gibt. Wie gestalte ich als Politiker die Energiewende in meiner Kommune? Wie fördere ich neue Formen der Mobilität in meiner Stadt? Das sind Fragen, die auf die Situation vor Ort angepasste Antworten brauchen.

Von naturwissenschaftlichen Laboren zu gesellschaftlichen Real-Laboren

Ein solches Transformationswissen ist nicht allein durch Modelle am grünen Tisch zu gewinnen. Ähnlich wie bei komplexen technischen Entwicklungen braucht es dafür Labore, in denen ausprobiert, getüftelt und schrittweise verbessert werden kann. Solche Labore für gesellschaftliche Veränderungsprozesse können z. B. einzelne Gemeinden oder Stadtteile sein, genauso wie einzelne Unternehmen oder Branchen. Gemeinsam ist solchen „Reallaboren“, das hier Veränderungsprozesse unter wissenschaftlicher Begleitung getestet, ausgewertet und kontinuierlich optimiert werden.

Für eine so gestaltete transformative Wissenschaft brauchen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit erweiterten Fähigkeiten, die über methodische Exzellenz in ihrer eigenen Disziplin hinausgehen. Ausbildungswege und Erfahrungen sind nötig, die die Ausprägung solcher Fähigkeiten fördern. Wir brauchen Forschungs- und Förderprogramme für eine entsprechenden Wissenschaft. All das steht noch am Anfang und muss erheblich ausgebaut werden, damit auch die Wissenschaft Motor für eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit werden kann.

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Quellen/Literatur:

Schneidewind, U./ Singer-Brodowski, M.: Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. Metropolis, Marburg 2013.
Schneidewind, U.: Plädoyer für eine Bürgeruniversität, in: duz MAGAZIN 08/2013, S. 30-31.
Wissenschaftlicher Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation. Hauptgutachten, Berlin 2011.

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