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Glück-Wunsch


Das gute Leben

factory Titel Glück-Wunsch

Ist man gesund, zufrieden, hat Erfolg, ein gutes Leben, dann, so würde wahrscheinlich jeder sagen, ist man glücklich. Glücksforscher analysieren, dass die meisten Menschen in gelungenen Beziehungen glücklich sind, wenn sie selbstbestimmt nützliche Aufgaben erfüllen können, in geringer Ungleichheit leben und Teilhabemöglichkeiten haben. Die Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens: Der Begriff Glück ist vielschichtig, umfasst den Glücksmoment bis zur anhaltenden Glückseligkeit, ist der glückliche Zufall oder das Lebensglück. Mit materiellem Reichtum aber hat das Ganze kaum zu tun.

Dennoch befinden sich die meisten Menschen in einer Statustretmühle, wie der Ökonom Mathias Binswanger es nennt. Sie orientieren sich „nach oben“, wollen mehr besitzen, konsumieren und verdienen – und werden angesichts der damit verbundenen Belastungen immer unfähiger, das Leben zu genießen. Darauf weisen auch Ute Scheub und Yvonne Kuschel im Glücks-Kapitel ihres Beschissatlas hin. 

Doch Wirtschaft und Werbung unterstützen ausschließlich dieses Streben nach „mehr“. Das gute Leben für alle ergibt sich aber erst aus der Einheit von Wohlstand, sozialem Gefüge und intakter Umwelt. Wer für eine zukunftsfähige Gesellschaft eintritt, muss also auch Glück und Wünsche und ihre weniger ressourcenintensive Erfüllung thematisieren.

Bei factory besorgen wir das wiederum durch einen Bindestrichtitel. Glück-Wunsch lässt den bekanntesten Glücksphilosophen Wilhelm Schmid mit einer Definition des Glücks beginnen, zeigt, wo das Erlernen der Widerstandsfähigkeit dazu gehört und dass es im Land der Massentierhaltung tatsächlich noch glückliche Schweine gibt. Wie schön das Leben mit Grünkohl und Schokolade ist, erzählt Klaus Dahlbeck, warum das Gründerglück essentiell für den Wandel wirkt, berichtet Annette Jensen und wie ein Verzicht auf ein Stück Technik zu wunderbaren Momenten führt, erfahren Sie hier ebenso. Ob das Wachstum des Bruttonationalglücks eine Alternative zu dem des Bruttosozialprodukts ist, erzählt ein Reisebericht aus Bhutan, und der Psychologe Marcel Hunecke erklärt, wie das Postwachstum das Glück vermehrt.

Dem besonderen Glückwunsch für 15 Jahre Ressourceneffizienz-Förderung durch die Effizienz-Agentur NRW schließen wir uns an – der „Glück-Wunsch“ möge nicht nur den Geburtstagskindern gefallen. Wir wünschen alles Gute und hohen Lesegenuss.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Glück, Wünsche und das gute Leben finden Sie nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Glück-Wunsch. Hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen enthält das PDF-Magazin sämtliche Beiträge und Fotos sowie zusätzliche Zahlen und Zitate.

Nicht nur, sondern auch

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Der ist der Glücklichste, der sich keine Gedanken über das Glück macht, meinte einst Seneca – und schrieb ein umfangreiches Buch zum Thema. Heute erscheint dazu Buch um Buch, die Sehnsucht nach Glück ist präsenter als je zuvor, ihre Erfüllung ein wichtiger Wirtschaftsmotor. Doch um es zu erkennen, muss man unterscheiden können.

Von Wilhelm Schmid

Was ist Glück? Was bedeutet Glück für mich? Wer sich das fragt, sollte genau hinsehen. Denn dabei zeigt sich, dass nicht etwa nur eines, sondern mehrere „Glücke“ im Spiel sind, die auseinander zu halten sinnvoll sein könnte.

Das Zufallsglück

Da ist zuallererst das Zufallsglück, das das ganze Leben hindurch Bedeutung hat: Menschen wünschen sich etwas, das ihnen unvermutet zufällt und günstig für sie ausfällt. Im Deutschen rührt das Wort „Glück“ vom mittelhochdeutschen gelücke her, das in der Welt des Mittelalters den zufälligen Ausgang einer Angelegenheit bezeichnete, ursprünglich jedoch nicht nur im günstigen, sondern auch im ungünstigen Sinne. Wesentlich am Zufallsglück ist seine Unverfügbarkeit; verfügbar ist lediglich die Haltung, die ein Mensch dazu einnehmen kann: Er kann sich öffnen oder verschließen für den Zufall einer Begegnung, einer Erfahrung, einer Information. Im Inneren seiner selbst wie im Äußeren seiner Lebensführung kann er das Schmetterlingsnetz bereithalten, in dem ein Zufall sich verfangen kann, oder die Wand errichten, an der jeder Zufall abprallt.

Es scheint so, als würde die Offenheit eines Menschen das günstige Zufallsglück beflügeln: Gerne macht es dort Station, wo es sich gut aufgehoben fühlt und nicht noch Vorwürfe zu hören bekommt, dass es „momentan nicht passt“ – ganz so, als wäre der Zufall ein Wesen, das genau spürt, wo es willkommen ist und wo nicht. Eine forciert offene, eine offensive Haltung im Umgang mit dem Zufall bestünde zudem darin, das Glück zu kitzeln, ihm eine Chance zu geben, auch wenn es unverfügbar bleibt: Wer auf den Zufall einer Begegnung, Erfahrung, Information hofft, tut gut daran, dies Anderen mitzuteilen; auch das Internet lässt sich dafür nutzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass von irgendwoher etwas zufällt, ist dann jedenfalls deutlich größer, als wenn die Hoffnung im eigenen Inneren verschlossen bleibt. Wer nie Lotto spielt, hat keine Aussichten auf einen Lottogewinn.

Bilder vom Glück

Das Wohlfühlglück

Suchen Menschen in moderner Zeit nach Glück, so verstehen sie darunter meist, dass es ihnen gut geht, dass sie gesund sind, sich wohl fühlen, Spaß haben, angenehme Erfahrungen machen, Lüste empfinden, Erfolg haben, kurz: all das erleben, was als positiv gilt. Neben dem Zufallsglück geht es also um ein Glück, das man das Wohlfühlglück nennen kann. Es hält glückliche Augenblicke bereit, für die der Einzelne sich offen halten und die er auch selbst präparieren kann; Augenblicke, die sich suchen und finden lassen und die so schön sind, dass sie verweilen sollen. Für dieses Glück lässt sich wirklich viel tun, es ist machbar, soweit es sich nicht ohnehin von selbst ergibt. Mit ein wenig Erfahrung kann ein Mensch seine Ingredenzien kennen und an ihrer Bereitstellung arbeiten, Tag für Tag.

So ein Glücksmoment ist eine aromatisch duftende, wohlschmeckende Tasse Kaffee. Oder ein schöner Film, der zelebriert wird, vielleicht mit einem Abend im Kino. Oder das vertraute Gespräch, in dem Liebende und Freunde sich miteinander selig verlieren, denn die Aufmerksamkeit des Anderen tut so gut, dass es dabei kaum je zur Sättigung kommt. Oder die Wellness, die in der Sauna oder sonst wo zu genießen ist. Die Schokolade nicht zu vergessen, mit möglichst hohem Kakaoanteil. Auch die Herausforderung, die bewältigt wird, die neue Erkenntnis, die neue Erfahrung, der unbekannte Weg, die ungewohnte Umgebung, die andere Tätigkeit, solange sie den Reiz des Neuen bietet. Und durchweg die Vorfreude, das Verlangen und Begehren, was oft mehr Glück vermittelt als das Genießen selbst, noch dazu eines, das weit länger vorhält.

Das Problem ist nur: Diese Art von Glück hält nie lange vor. Was ist mit den Momenten danach, mit den Zeiten dazwischen? Moderne Menschen sind nicht darauf vorbereitet, dass es diese „Auszeiten“ gibt, diese Flauten; sie tun sich schwer mit den tristen, grauen, alltäglichen Zeiten, in denen die Lust sich erst wieder erholen muss. Mit den gewöhnlichen Zeiten des Lebens zurechtzukommen, ist nicht einfach. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist jedoch, diese Zeiten in ihrem eigenen Recht anzuerkennen, um an einer Kunst des Umgangs mit ihnen arbeiten zu können. Darüber hinaus aber gibt es noch ein weiteres Glück.

Weitere Glückssituationen
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Das Glück der Fülle

Das größere Glück, das Glück der Fülle, umfasst immer auch die andere Seite, das Unangenehme, Schmerzliche und „Negative“, mit dem zurechtzukommen ist. Abhängig ist dieses Glück der Fülle allein von der Haltung zum Leben, die ein Mensch einnimmt und im Laufe der Zeit einübt, ausgehend von der Überlegung, was denn das Eigentümliche des Lebens durch all seine Phänomene und Unwägbarkeiten hindurch ist: Ist es nicht die Polarität, die Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit, die sich in allen Dingen und Erfahrungen zeigt? Es ist nun mal so, dass es negative Dinge gibt, die nicht verschwinden, unabhängig davon, wie viele Schönheitsoperationen unternommen, Medikamente erfunden, politische Maßnahmen ergriffen werden.

Erscheint mir das Leben in all seiner Polarität dennoch von Grund auf schön und bejahenswert, kann sich das Glück der Fülle einstellen. Dieses ist umfassender und dauerhafter als alles Zufallsglück und Wohlfühlglück; es ist das eigentlich philosophische Glück, nicht abhängig von günstigen oder ungünstigen Zufällen, von den momentanen Schwankungen zwischen Wohlgefühl und Unwohlsein, vielmehr die immer aufs Neue zu findende Balance in aller Polarität des Lebens, nicht unbedingt im jeweiligen Augenblick, sondern durch das gesamte Leben hindurch: Nicht nur Gelingen, auch Misslingen; nicht nur Erfolg, auch Misserfolg; nicht nur Lust, auch Schmerz; nicht nur Gesundheit, auch Krankheit; nicht nur Fröhlichsein, auch Traurigsein; nicht nur Zufriedensein, auch Unzufriedensein. Nicht nur erfüllte, sondern auch leere Tage. Den entscheidenden Schritt zu diesem Glück macht ein Mensch mit der Festlegung seiner Haltung selbst. Keines der genannten „Glücke“ ist verzichtbar, das dritte Glück aber gilt es in modernen, vom Angenehmen verwöhnten Zeiten erst wieder zu entdecken.

Wilhelm Schmid lehrt Philosophie an der Universität Erfurt. Sein Buch Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen erschien 2007 im Insel Verlag. Im November erhielt er den Wissenschaftspreis der Schweizer Egnér-Stiftung für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst.

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Resilient fürs Leben

Mädchen vor Tafel mit Ankündigung Glücksunterricht
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Glücklich zu sein kann man lernen. An einigen Schulen in Deutschland wird es inzwischen als Unterrichtsfach angeboten. Wie man eine erfolgreiche Karriere entwickelt oder die große Liebe fürs Leben findet, lernt man dort nicht. Selbstbewusst und zufrieden durchs Leben zu gehen, das hingegen schon.

Von Nicole Walter

Sie werden belächelt als Schmetterlings-Pädagogen oder misstrauisch beäugt als Außenposten von Scientology. Wer Glück als Schulfach unterrichtet, braucht ein dickes Fell. An gut 60 Schulen in Deutschland hat das Glück mittlerweile einen festen Platz im Stundenplan, zwischen Mathe, Physik und Geschichte. Obwohl das Wort Glück große Phantasien anregt, geht es in den Klassenräumen nicht um den Sechser im Lotto, die Weltreise oder die ewige Liebe. Sondern darum, im Alltag sein persönliches Wohlsein selbst zu gestalten.

Katja Reuter bringt das schon den jüngsten Schülern bei. Sie unterrichtet Glück an der Grundschule am Obersforstbach in Aachen. Die Mutter von zwei Kindern hat als Tanz- und Bewegungstherapeutin im beruflichen Alltag viel mit Menschen zu tun, die in persönliche Schwierigkeiten geraten sind. „Ich habe gemerkt, was der Leistungsdruck und die Hetze in unserer Gesellschaft mit der Seele machen“, sagt sie. „In der Schule lernt man nicht, wie man das gut in den Griff bekommt, dabei müsste man schon früh damit anfangen.“ Und dann habe der Zufall ihr Ernst Fritz-Schubert geschenkt, erzählt sie augenzwinkernd. Von ihm erzählen viele Glückslehrer mit ehrfürchtiger Begeisterung, so dass man fast wirklich an eine Sekte glaubt. Aber der inzwischen 65-jährige Fritz-Schubert hat den Glücksunterricht in Deutschland geprägt wie kein zweiter, als Schulleiter verfügt er zudem über viele praktische Erfahrungen.

In Aachen war Katja Reuters erste Anlaufstelle nach der absolvierten Glücks-Weiterbildung die Grundschule ihres Sohnes. Die Schulleiterin Maria Schiefer hatte sie schnell auf ihrer Seite. „Das ist ein toller Ansatz“, sagt Schiefer. „Es war ohnehin schon in unserem Schulprogramm verankert, dass wir den Kindern nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch das soziale Miteinander und die emotionalen Aspekte fördern.“ An der Grundschule am Oberforstbach werden inzwischen alle Schüler in Glück unterrichtet. Katja Reuter beginnt jede Stunde in einem großen Kreis, die Kinder werfen sich einen Ball zu und jedes erzählt, worüber es sich an diesem Tag schon gefreut hat. Die guten Eigenschaften, die jedes Kind im Laufe des Unterrichts an sich entdeckt, fasst die Glückslehrerin in einer gemeinsamen „Sonne der Stärken“ zusammen.

Verlassen die Kinder die Grundschule, dann haben sie einiges im Gepäck: „Da ist zum einen der Teamgeist“, sagt Reuter. Und die Kinder würden aneinander wachsen, sie lernten, ihre kreativen Ressourcen zu nutzen und an ihren Zielen dranzubleiben. „Fängt man früh damit an, dann kann man verhindern, dass die Kinder später in den Brunnen fallen“, bringt Reuter es auf den Punkt.

Lachende Schulkinder
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Glück in der Schule ...

Aktuell leiden drei bis zehn Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren unter einer Depression, so das Deutsche Bündnis gegen Depression. Laut einer Unicef-Studie geht es den Kindern und Jugendlichen hierzulande nach objektiven Kriterien wie materiellem Wohlstand, Bildung und Gesundheit ganz gut. Doch sie selbst empfinden sich nicht im gleichem Maß als glücklich, in keinem anderen der 29 untersuchten Länder klafften Objektives und persönliches Glücksempfinden so weit auseinander wie in Deutschland, schreiben die Unicef-Forscher. 

Hier setzt der Glücksunterricht an. Gerade in sozial nicht ganz einfachen Stadtteilen ist er von Wert. Helmut Richter und seine Kollegen machen sich am Willy-Brandt-Berufskolleg in Duisburg-Rheinhausen mit Berufsfachschülern auf den Weg zum Glück. Dazu gehört auch, gemeinsam zu kochen und sich mal ein richtig gutes Essen im Restaurant zu gönnen. Vor allem aber geht es darum, seine eigenen Stärken kennenzulernen, gute Momente genießen zu lernen und sich und anderen zu vertrauen. Vier von fünf Schülern haben einen Migrationshintergrund, viele kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen. „Deshalb habe ich nach der Lektüre von Fritz-Schuberts Buch gedacht, das ist genau das, was wir hier brauchen“, sagt Schulleiter Richter. „Wir merken, dass durch den Unterricht die Motivation der Schüler auch für andere Fächer wächst, dass ihre Anwesenheit in der Schule steigt, dass sie aktiver ihr Leben planen und sich zum Beispiel besser auf Klassenarbeiten vorbereiten“, erzählt Anke Roeßing, die das Fach unterrichtet. Ganz ähnliche Erfahrungen macht Ingrid Noack, die Glück am Beruflichen Schulzentrum Bietigheim-Bissigheim für 15- bis 17-jährige Wirtschaftsfachschüler unterrichtet. „Wir können nicht nachweisen, dass ihre Noten besser sind, aber die Schüler haben eine höhere soziale Kompetenz als andere, der Zusammenhalt untereinander ist stärker“, sagt Noack. Und: „Sie lernen ihre Schule als Wohlfühlort kennen. Fachleute halten dies für das beste Mittel der Gewaltprävention an Schulen.

Um das Fach Glück fest in der Schule zu verankern, braucht es immer das besondere Engagement der Schüler, Lehrer und Schulleiter. Sie müssen das Fach in die ohnehin vollen Stundenpläne einfügen, die Schulbehörden vom Konzept überzeugen und eine Finanzierung aufbauen, oft mit einer Jahr um Jahr neu erkämpften Mischung aus staatlichen Mitteln und privatem Sponsoring.

Kind auf Stuhl malt immer stärker lächelnde Smileys auf Tafel
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... resilient für das Leben

Auch Ingrid Noack absolvierte die Weiterbildung in ihrer Freizeit. Die meisten Übungen aus dem Unterricht hat sie dort selbst erprobt. Ein Beispiel: der Ziel-Skalenlauf. Dabei hält sich jeder Schüler eines seiner Ziele vor Augen. Beispielsweise ein Sieg im 100-Meter-Lauf, das gute Bestehen der nächsten Klassenarbeit. Auf einer Skala von Null bis Zehn, praktisch markiert durch Karten auf dem Klassenboden, stellt er sich dorthin, wo er sich auf dem Weg zum Ziel sieht. Dann kommen seine Mitschüler ins Spiel: Während ihm die einen von rechts seine positiven Eigenschaften wie ein Mantra zurufen – du bist geduldig, du hast Ausdauer, du bist fröhlich – kommen die anderen von links mit den negativen Eigenschaften, faul zu sein oder keine Lust zu haben. Der Schüler in der Mitte schließt die Augen, hört einfach nur zu. „Nach einer Weile hört man nur noch das Gute“, sagt Noack aus eigener Erfahrung. Geht es anschließend erneut um die Frage, wie weit man auf dem Weg zum Ziel vorangekommen ist, dann stelle sich jeder ein oder zwei Schritte weiter vorne hin. „Die Schüler spüren, wie es sich emotional, kognitiv und körperlich anfühlt, wenn man seinem Ziel näher kommt und dass Hindernisse sich mit Hilfe der Stärken überwinden lassen, das motiviert.“

Wenn sich die Schüler dann nach Abschluss der Schule für eine Ausbildung entscheiden und Bewerbungen schreiben, dann greifen sie nicht nur auf ihre im Unterricht betonten Stärken zurück, sondern sie haben auch in praktischen Übungen gelernt, sich zu konzentrieren und zu fokussieren. Und bei der Berufsfindung kommt der Glücksunterricht dann ganz konkret zum Tragen: „Die Schüler lernen bei uns, ihre Stärken und Interessen gut einzuschätzen“, sagt Roeßing. „Dadurch bleibt ihnen viel Frust auf dem Arbeitsmarkt erspart, weil sie eher eine für sie gut passende Ausbildung finden.“

Nicole Walter ist Journalistin in Berlin und schreibt über Themen aus Wirtschaft und Gesellschaft.

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Die richtigen Zutaten

Köchin wirft Zutaten in die Luft
© Sergey Nivens, Fotolia.com

Genuss kann ein Stück Glück sein. Doch kulinarischen Lustgewinn gibt es nicht zu kaufen. Weder im Delikatessenhandel, noch im Spitzenrestaurant. Er will mit Sinnlichkeit und Verstand erobert werden. Wie bei Grünkohl oder Schokolade.

Von Klaus Dahlbeck

Macht Grünkohl glücklich? „Natürlich nicht!“, würde Wolfram Siebeck antworten. Er ist seit Jahrzehnten als kulinarische Kontrollinstanz und gefürchteter Gastronomiekritiker in der deutschen Medienlandschaft unterwegs. Erst kürzlich stellte der 85-Jährige dem „grausigen Strunk“ im Magazin Der Feinschmecker ein vernichtendes Zeugnis aus. Es gäbe viele Gründe, so schreibt er, den Grünkohl nicht zu den essbaren Genussmitteln zu zählen. Da drängt sich gleich die Frage auf, ob Nahrungsmittel vielleicht sogar unglücklich machen können? Über den Grünkohl ist noch nichts bekannt, aber das National Institutes Of Health in Maryland, USA, hat die Fettsäure DHA – die in zahlreichen Fischsorten vorkommt – in Verdacht, Depressionen zu verstärken.

Macht Schokolade glücklich? Folgt man der Werbung der Süßwarenindustrie, gibt es daran keinen Zweifel. Auch eine Reihe von Studien belegen, dass Schokolade – neben Zucker – vier weitere Inhaltsstoffe enthält, die Glücksgefühle auslösen können: Phenylethylamin (PEA), Anandamid, Tryptophan und Theobromin. PEA ist eine Verbindung, die im menschlichen Organismus zum Beispiel als Neurotransmitter wie Dopamin auftaucht oder als Hormon Adrenalin seinen Dienst tut. Verliebte haben immer reichlich PEA im Blut. Anandamid steuert im Gehirn den gleichen Rezeptor an wie Tetrahydrocannabinol (THC), der berauschende Stoff aus der Cannabispflanze. Tryptophan dagegen wird im Körper zu Serotonin, dem so genannten Glückshormon umgewandelt, während Theobromin eine Verbindung ist, die entspannend auf die Muskulatur und stimmungsaufhellend wirkt. Es ist vor allem hochprozentige Bitterschokolade zwischen 70 und 85 Prozent Kakaobutteranteil, die laut einer Studie der Chemischen Fakultät der Universität Madrid von 2012, hohe Anteile Serotonin und Tryptophan enthält.

”Ich will keine -Schokolade, …

Hand reicht Grünkohlstrauß
© ckellyphoto

Sollte es tatsächlich wahr sein, dass nur Nahrungsmittel mit Inhaltsstoffen glücklich machen können, die Drogenpotential haben? Skepsis ist durchaus angebracht, denn sowohl in der Schokolade als auch in anderen Nahrungsmitteln wie Nüssen und Tomaten, liegen die Anteile der Glücksmacher in der Regel unterhalb der Wirkungsschwelle. Am besten gehen wir noch einmal zurück zu den Verliebten, denn sie brauchen keine Schokolade um die ganze Kaskade chemischer Prozesse in Gang zu setzen, die das Gefühl des Glücklichseins erzeugen. Oder um es mit einem alten Schlager von Trude Herr zu sagen: Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann!

Glaubt man der Wissenschaft, spielen gute Beziehungen zu anderen Menschen die wichtigste Rolle für unser Glücksgefühl. Der mit Freunden in heiterer Runde bei einem guten Glas Bier genossene Grünkohl sollte also glücksstiftender sein als die Tafel edler handgeschöpfter Schokolade, die ein vereinsamter Single abends vor dem Fernseher verdrückt. Oder nicht?

Eine Frage, bei der es um die Wurst gehen könnte. Denn auch der Kopf isst mit. Bleibt das Glücksgefühl auch dann noch präsent, wenn man sich beim Essen in gemütlicher Runde Gedanken darüber macht, ob die Mettwurst im großartig schmeckenden Grünkohl wohl von glücklichen Bio-Schweinen stammt? Oder wenn einem schon beim Anblick der Wurst der Appetit vergeht, weil man um die Figur fürchtet? Keine Frage: wahre Glücksmomente beim Essen sind nur dann erfahrbar, wenn die Sorgen ausgeblendet sind. Wenn der Genießer beruhigt zubeißen kann, weil er weiß, dass das Gemüse nicht belastet ist und die Tiere nicht aus Massenhaltung stammen. Und wenn er sich nicht um ein paar Kalorien mehr oder weniger schert.

”Genuss im Überfluss verliert seinen Wert

Wer sein kulinarisches Glück finden will, braucht aber nicht nur die richtigen Produkte und angenehme Gesellschaft. Sogar ein absolutes Lieblingsgericht, tadellos zubereitet, kann enttäuschen, wird es mit der Erwartung goutiert, dass es so schmeckt, wie es die eigene Oma früher gekocht hat. Selbst wenn es genauso schmecken sollte – bekommt man es den dritten Tag hintereinander vorgesetzt, wird der kulinarische Glücksmoment kaum zur Ewigkeit. Genuss im Überfluss verliert seinen Wert und ist vom Glück soweit entfernt wie der Geruch des Grünkohls von dem der Schokolade.

Vernunft ist eine Kategorie, die Glücksmomenten beim Essen oft vorausgeht. Obwohl jeder Genießer von der zufälligen Entdeckung eines kleinen Lokals träumt, irgendwo im Grünen, in das man hungrig einkehrt und feststellt, dass es hier nicht nur allerbeste authentische Familienküche zum barmherzigen Preis gibt, sondern auch, dass die Produkte vom hauseigenen Biohof stammen. Ohne große Erwartungen viel mehr bekommen als man zu träumen gewagt hatte. Was für ein Glück!

Die positive Überraschung im perfekten Moment ist leider eine launige Geliebte, die sich nur selten blicken lässt. Es muss also noch einen anderen Weg geben, das kulinarische Glück zu finden. Wer nicht nur auf den Zufall setzen will, könnte es – bei guten Erfolgsaussichten – mal mit der Regulierung der eigenen Bedürfnisse versuchen. Eine Kunst, die zu erlernen uns nicht in die Wiege gelegt wurde. Wer hat als Kind nicht schon mal so viele Süßigkeiten in sich hineingestopft, dass ihm kotzübel wurde? Welche Erinnerung ist davon geblieben? Wissen wir noch, welche Unmengen wir auf dem siebten Kindergeburtstag von Susanne oder Thomas gegessen haben? Wahrscheinlich nicht. Eher erinnern wir uns an die Farbe des Toilettendeckels im Bad des Hauses. 

Kulinarische Leuchttürme zu schaffen ist eine Strategie, die auch mit der Regulierung der eigenen Bedürfnisse zu tun hat. Statt vier mal im Monat zum Italiener um die Ecke zu gehen und immer die gleiche Pizza zu futtern, könnte man alle drei Monate ein sehr gutes Restaurant aufsuchen und sich von außergewöhnlichen Kreationen des Küchenchefs überraschen lassen. Dann riecht und schmeckt man genau hin, wendet sich jedem Gericht aufmerksam zu, erlebt die Textur, wie es im Mund knuspert, schäumt und prickelt, schmeckt Süßes, Salziges und Saures und lässt sich vom Duft der Gewürze verzaubern.

”Wie es im Mund knuspert, schäumt und prickelt …

Grünkohl mit Mettwurst und Kartoffeln auf einem Teller
© canstockphoto.com

Doch es ist nicht nur der aufmerksame Konsum einer eindrucksvollen Zubereitung, der kulinarische Glücksmomente verschaffen kann, es ist auch die eigene Aktivität am Herd. Das Kochen für oder mit Familie und Freunden. Erleben, wie ein Rezept, eine Idee zu einem köstlichen Gericht wächst. Wie groß diese Sehnsucht nach Kochen und Essen als Gemeinschaftserlebnis ist, zeigt schon die Zahl der Kochsendungen im deutschen Fernsehen und deren Einschaltquoten. Und das, obwohl das Geruchs- und Geschmacksfernsehen immer noch nicht erfunden ist. Wer die Bedeutung der sozialen Komponente des Kochens in der heutigen Zeit ermessen will, unsere tief verwurzelte Sehnsucht nach Essen als Gemeinschaftserlebnis, der kommt am Erfolg der Koch-Shows nicht vorbei. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt, der Zerfall der Großfamilie und die rasante Zunahme an Single-Haushalten haben zwar die Lebenswirklichkeit verändert, aber der Sehnsucht nach Essen als Gemeinschaftserlebnis nichts anhaben können. Koch-Shows sind ein Spiegelbild dieser Sehnsucht, und in dem einen oder anderen Fall tragen sie wohl auch dazu bei, dass ihr Taten folgen.

Am Ende ist es gar nicht so schwer, das kulinarische Glück zu finden, beherzigt man ein paar Regeln. Wenn man zum Beispiel gute Zutaten aus nachhaltiger, ökologischer Produktion auswählt, die einen nicht mit dem Gewissen hadern lassen. Wenn man seine Bedürfnisse regulieren lernt, dem Essen Aufmerksamkeit widmet, sowohl beim Kochen wie beim Verzehr. Wenn man realistisch mit den eigenen Erwartungen umgeht und in Gemeinschaft genießen kann. Ja, dann kann auch der Grünkohl große Momente bescheren. Mit und ohne Wurst.

Klaus Dahlbeck ist Journalist und schreibt seit langem über Genuss in allen kulinarischen Formen und Lagen, unter anderem im Blog Kompottsurfer.

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Unternehmungslust statt Frust

Hände halten vom rechten und linken Bildrand jeweils eine ausgeschnittene Figur, die einen freudigen Luftsprung macht
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Nach traditioneller Betriebswirtschaftslehre dürfte es manche Unternehmen gar nicht geben. Doch wenn Glück statt Geld die Hauptrolle spielt, entsteht ökonomischer Erfolg auf völlig andere Weise, als es Lehrbücher beschreiben.

Von Annette Jensen

Es passierte an einem Wochenende: Ein paar Menschen aus Dorfen bei München beschlossen, dass sie der Lebensmittelindustrie nicht länger hilflos ausgeliefert sein wollten. Sie hatten es satt, Eier von gequälten Hühnern zu kaufen und Gemüse zu essen, das auf irgendeinem Acker Hunderte von Kilometern entfernt gewachsen war. Sie hatten auch keine Lust mehr, zu protestieren oder auf politische Entscheidungen zu hoffen. Und deshalb nahmen sie die Sache selbst in die Hand. Weil sie verstanden hatten, dass kleine Höfe im herrschenden System kaum eine Überlebenschance haben, organisierten sie einen Marktstand für einen Biobauern und stellten sich selbst dahinter. Anfangs hatten sie nicht einmal eine Waage, damit musste eine Kinderärztin aushelfen. 

Das Ganze machte allen Beteiligten Spaß, das Netzwerk wuchs und so entstand die Genossenschaft Tagwerk, an der heute neben vielen Konsumenten auch einhundert Erzeuger vom Bauern, Imker, Schlachter über den Müller bis zur Käserei beteiligt sind. Die Genossenschaft setzt knapp fünf Millionen Euro im Jahr um, beschäftigt 39 Menschen und ist vor Ort ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

"Kooperation macht Menschen glücklich ..."

Dabei geht es den Tagwerk-Genossen bis heute nicht allein um die Förderung der regionalen Nahrungsproduktion. „Das sind alles so lustige, interessante Leute“, begründet die langjährige Vorstandsfrau Inge Asendorf, warum sie für die Mitarbeit bei „Tagwerk“ eine wissenschaftliche Karriere sausen ließ. Laufend entstehen hier neue Projekte: Ein Genosse schreibt witzige Jahreszeitenkochbücher, der ehemalige Bankvorstand Rudolf Oberpriller organisiert Radeltouren zu Bauernhöfen und hat einen deutschlandweiten Biofernradweg erfunden. „Meine frühere Arbeit war totaler Blödsinn. In einem Netzwerk wie unserem braucht man nicht viel Geld, um was wirklich Sinnvolles auf die Beine zu stellen“, sagt er. Oberpriller bestätigt damit die Erkenntnisse der internationalen Glücksforschung, die Kate Pickett und Richard Wilkinson auf Grundlage von weltweiten Untersuchungen zusammengefasst haben: Kooperation macht Menschen glücklich – wohingegen mehr Geld zu verdienen das Wohlbefinden nur in armen Gesellschaften fördert und eine wachsende Ungleichheit nicht einmal die immer reicher Werdenden glücklich macht. 

Auch die Gründung der Elektrizitätswerke Schönau, die heute ein bundesweiter Ökostromversorger sind, hatte niemand geplant. Vielmehr sind die Beteiligten da immer weiter „reingeschlittert“, wie Geschäftsführerin Ursula Sladek es beschreibt. Begonnen hatte alles 1986 nach dem AKW-Unfall in Tschernobyl: Mit Stromsparwettbewerben wollten einige Nachbarn erste konkrete Schritte in Richtung privater Atomausstieg tun. Dann aber entwickelte das Ganze eine Eigendynamik, die angetrieben wurde von einem sturen Energieversorger, der die Energiesparer wegen Geschäftsschädigung zu verklagen drohte. 

Die Schönauer Stromrebellen erfuhren in den Folgejahren viel Solidarität. Ist es „Glück“, dass sich immer im entscheidenden Moment Experten fanden, die ihnen halfen? Ingenieure, Unternehmens- und Steuerberater, Stadtwerksvertreter und Werbefachleute stellten freiwillig und oft kostenlos ihr Fachwissen zur Verfügung. Sie waren fasziniert von dem Projekt und wussten, dass es jetzt auf ihre Unterstützung ankam. Was sie bekamen, war kein Geld, sondern das gute Gefühl, entscheidend zum Gelingen eines ganz und gar außergewöhnlichen Unternehmens beizutragen. Gemeinsam boten sie den mächtigen und finanziell bestens ausgestatteten Gegnern Paroli und verhalfen David damit zum Sieg über Goliath. Gelingende Beziehungen sind der wichtigste Faktor für Glück, argumentiert der wachstumskritische Ökonom Tim Jackson – und „Vertrauen, Sicherheit und Gemeinschaftsgefühl tragen entscheidend zum sozialen Wohlbefinden bei“. Auch wer bei den Schönauer Rebellen seinen Strom ordert, darf sich als Teil dieser Erfolgsgeschichte fühlen. 

"Gelingende Beziehungen sind der wichtigste Faktor für Glück."

Zwei Hände einer Person halten vom äußeren Bildrand eine Dreierreihe ausgeschnittener Papierfiguren.
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Und es gibt weitere glückliche Unternehmerpersönlichkeiten. Ein Beispiel ist der Chemiker Hermann Fischer, in dessen Braunschweiger Chemiefabrik Auro nur pflanzliche und andere natürliche Stoffe zur Herstellung von Lacken, Klebern und Putzmitteln zum Einsatz kommen. Damit ist Fischer zwar ein völliger Außenseiter seiner Branche – etwa 90 Prozent der Chemikalien basieren heute auf Erdöl und anderen fossilen Rohstoffen. Doch der 60-Jährige ist fest davon überzeugt, dass sich seine „solare Chemie“ auf Dauer durchsetzen wird. Schließlich ist nicht nur der wichtigste Rohstoff der konventionellen Chemieindustrie endlich. Darüber hinaus funktioniert deren Produktion auch nur durch den Einsatz vieler hochgiftiger Stoffe wie Chlor oder Salpetersäure. Durch die zahlreichen Syntheseschritte entstehen neben den gewünschten Produkten jedes Mal auch große Mengen Abfälle, deren Gefährlichkeit unübersehbar ist. Dagegen sind die Produkte der Firma Auro alle biologisch abbaubar

Schon als Student war Hermann Fischer klar, dass er niemals bei den Branchengrößen Bayer oder BASF würde arbeiten wollen. Deshalb gründete er mit zwei Kommilitonen seine erste Firma. „Wir konnten es nicht ertragen, dass man etwas Richtiges nur denken sollte,“ fasst er sein Credo zusammen. Eine Überzeugung zu leben und in die Tat umzusetzen, macht zufrieden, meinen Glücksforscher – und umgekehrt belegt der Happy Planet Index, dass Umweltzerstörung das Wohlbefinden extrem herunterzieht. Wer den energiegeladenen Chemiker Hermann Fischer einmal erlebt hat, wird ihn als Beleg für diese beiden Thesen empfinden.  

Ein anderes Beispiel liefert Sina Trinkwalder. Die 35-Jährige hatte viel Geld mit Werbung verdient – und ­irgendwann kam ihr das öde und schal vor und sie wollte etwas Sinnvolles tun. Deshalb beschloss sie, einen Betrieb aufzubauen, der älteren Frauen und Alleinerziehenden sichere Jobs bietet. In ihrer Heimatstadt Augsburg hatten früher viele Menschen in der Textilwirtschaft gearbeitet, bis deutsche Arbeitnehmer als zu teuer galten und die Produktion nach Osteuropa und Asien verlagert wurde. Diese Leute musste es doch noch geben, dachte Sina Trinkwalder.

"Eine Überzeugung zu leben, macht zufrieden."

Dass sie keinerlei Ahnung von Kleiderproduktion hatte, störte sie nicht – schließlich ist sie ein lernfähiger Mensch. Vor allem aber ist sie jemand, der andere mitreißen und begeistern kann. So hat ihr erster Nähmaschinenlieferant ihr das Nähen beigebracht, Museumsmitarbeiter klärten sie über Stoffeigenschaften auf und als ihr am Ende Geld für eine Maschine fehlte, gewährte der Lieferant einen üppigen Preisnachlass. Heute haben 130 Frauen und Männer unbefristete Stellen bei Manomama. Sie nähen Taschen für DM-Märkte und Jeans für Real, verarbeiten ausschließlich Biostoffe und verdienen alle mindestens zehn Euro pro Stunde

Dass funktioniert, was alle Ökonomen für unmöglich erklärt hatten, hat mehrere Gründe. Zum einen macht Sina Trinkwalder ihre Preiskalkulation völlig transparent – und dabei wird klar, dass sie selbst nur bescheiden verdient und auch für Werbung kein Geld ausgibt. Ihr Marketing sind ihre Talkshowauftritte, bei denen sie Politikern und traditionellen Wirtschaftsbossen schlagfertig Paroli bietet. Zugleich dreht sie das ansonsten in der Branche herrschende Verhältnis von Lieferanten und Abnehmern um. Sie kalkuliert den Preis und macht ihren Kunden unmissverständlich klar, dass sie weder die Stoffhersteller herunterhandeln noch ihre Arbeiterinnen antreiben oder im Lohn drücken werde. Und siehe da – es funktioniert: Die Leute kaufen ihre Produkte. Wunder muss man selber machen, heißt das Buch, das gerade von Sina Trinkwalder erschienen ist und auch als kostenloses E-Book erhältlich ist. Das zu lesen macht nicht nur Mut, sondern auch Spaß und sogar ein bisschen glücklich.

Annette Jensen ist Journalistin und schreibt seit vielen Jahren über ökonomische Alternativen zum Mainstream. Ihr Buch „Wir steigern das Bruttosozialglück. Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben“ ist im Herder-Verlag erschienen.

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Ein schöner Tag

Blick auf die Aktion Stillleben auf der A40 im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010
© B. Gutleben via Wikimedia Commons

Menschen statt Autos auf den Straßen, fröhliche Gesichter, keine Hektik: Aktionen wie der „Autofreie Sonntag“ oder der „Tag des guten Lebens“ zeigen, dass sich für Menschen abseits von üblichen Konsumgewohnheiten echte Wünsche erfüllen.

Von Davide Brocchi

Mit einem Plädoyer für Verzicht erlischt jede Akzeptanz. Als Gewinn muss er beschrieben werden, will man Aufmerksamkeit für einen ressourcenleichten Lebensstil erreichen – und auch dann ist die Skepsis gegenüber der Aufgabe alter Gewohnheiten groß. Doch sind Verzicht und Glück wirklich Gegensätze? Unter anderem zeigt die Geschichte des autofreien Sonntags, wie relativ diese Annahme ist. Einige beispielhafte Stationen:

1973: Mit der Verhängung von vier autofreien Sonntagen reagierte die deutsche Bundesregierung auf die erste internationale Ölkrise. Die Stilllegung des motorisierten Verkehrs schaffte damals neue Erlebnisräume im gesamten Bundesgebiet: Auf den Autobahnen gingen ganze Familien spazieren, junge Menschen fuhren Rollschuh, Senioren Rad. Ohne Autoverkehr zeigten sich die Städte aus einer ganz neuen Perspektive. Wer damals dabei war, erinnert sich noch heute gerne daran.

Seit 2000 gibt es in Brüssel mehrere autofreie Sonntage im Jahr. Am dritten Sonntag im September wird dort sogar die ganze Stadt (161 Quadratkilometer) für Autos gesperrt. Umfragen zeigen, dass die Zufriedenheit der Brüsseler mit dieser Initiative ständig gestiegen ist. Inzwischen sehen 87 Prozent von ihnen den autofreien Sonntag als eine gute oder gar exzellente Initiative. 

2005: Bei einer repräsentativen Umfrage der Stadt Augsburg befürworteten 65 Prozent der Bürger autofreie Sonntage für die Innenstadt. 59 Prozent konnte sich sechs autofreie Sonntage pro Jahr vorstellen, 42 Prozent sogar zwölf. Nur 22 Prozent der Befragten lehnte solche Aktionen ab.

2010: Am 18. Juli beschwerten sich die Bürger kaum, als die Bundesautobahn 40 zwischen Duisburg und Dortmund für ihre Autos gesperrt und für Besucher freigegeben wurde. Drei Millionen Menschen nahmen die Einladung an: Sie frühstückten zusammen an langen Tischen, machten Musik, Kunst und Sport – alles auf der Autobahn. Das Projekt Still Leben – Ruhrschnellweg wurde zu einem der erfolgreichsten und eindrucksvollsten der RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas. 

2013: Am 15. September fand in Köln der erste „Tag des guten Lebens : Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“ statt. Im Stadtteil Ehrenfeld blieb ein Gebiet, in dem mehr als 20.000 Menschen wohnen, einen ganzen Tag lang für den motorisierten Straßenverkehr gesperrt. Ganze Straßenzüge wurden von Autos komplett befreit, indem mehr als 1.000 alternative Parkplätze für die Anwohner organisiert wurden. Der Verkehrsraum wurde in eine breite „Agora“ umgewandelt: In der altgriechischen Polis war die Agora der zentrale Platz, auf der die direkte Demokratie entstand. Hier fanden Politik, Markt und das kulturelle Leben der Stadt statt. Nach dem Motto „Mehr Platz für Park statt Plätze zum Parken“ wurden einige Parkplätze begrünt. Die Menschen schätzten den nicht-kommerziellen Charakter der Veranstaltung und die entspannte Atmosphäre im Sinne der Entschleunigung. Laut inoffizieller Schätzungen der Polizei nahmen zwischen 80.000 und 100.000 Menschen am Kölner „Tag des guten Lebens“ teil. Die Resonanz in der Presse war groß. Der Kölner Stadtanzeiger kommentierte: „Kölns Stadtentwicklungspolitik braucht mehr solcher Impulse – und viele weitere Tage des guten Lebens“. Ins Leben gerufen hatte den Tag die Agora Köln, ein buntes Bündnis von mehr als 91 Kölner Bürger- und Umweltinitiativen, Unternehmen, Theater und weitere Gruppen, das sich für eine stärkere Bürgerbeteiligung und für eine progressive Transformation der Stadt in Richtung Nachhaltigkeit einsetzt.

weiterer Blick auf die Aktion Stillleben auf der A40 im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010
© Arne Müseler / www.arne-mueseler.de

Neue Freiheiten

Was zeigen diese Beispiele? Sicher ist, dass die begrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen wie Erdöl, die Luftverschmutzung, die Lärmbelästigung oder der hohe Flächenverbrauch für Autoparkplätze (d. h. für nicht genutzte Wagen) ein Umdenken erfordern. Das eigentliche Ziel von autofreien Sonntagen ist die Förderung einer nachhaltigen Mobilität – neben einer Reduzierung des Ressourcenverbrauchs. Gerade in Städten mit einem hohen Straßenverkehrsaufkommen wie Mailand oder Bogotà dienen sie der Gesundheit und der Umweltentlastung. In Brüssel ist der Lärm an autofreien Sonntagen sechs bis acht Mal niedriger; die Stadtluft enthält drei bis vier Mal weniger Stickstoff, an einigen Straßen wird zehn Mal weniger Stickstoffmonoxid als an Arbeitstagen gemessen.

Doch die große Beliebtheit von autofreien Sonntagen lässt sich kaum durch ein hohes Umweltbewusstsein der Bevölkerung erklären. Entscheidend sind hingegen die sozialen und psychologischen Nebeneffekte. Gerade in der autogerechten Stadt hat die Stilllegung des motorisierten Straßenverkehrs eine dramatische Auswirkung auf den Lebensraum. Der Verkehrsraum wird so zum öffentlichen Raum und bildet eine Projektionsfläche für die Sehnsucht nach Gemeinschaft, kreative Entfaltung oder alternative Lebensweisen. Diese Sehnsucht ist auch das Ergebnis der progressiveren Privatisierung und Kommerzialisierung des urbanen Lebensraums in den letzten Jahrzehnten. Wirtschaftswachstum, Massenkonsum oder schnellere Autos sind nicht mehr Inbegriff von Freiheit, Dynamik und Wohlstand, stehen hingegen für Verstopfung, Autobahnstaus und Stress. Vor diesem Hintergrund ist das Verzichten eine Form des Selbstschutzes, eine Voraussetzung des Glücksbefindens. Autofreie Sonntage bieten die Möglichkeit, zumindest für einen kurzen Moment, aus der „Megamaschine Gesellschaft“, wie sie der 1990 gestorbene amerikanische Architekturkritiker Lewis Mumford genannt hat, auszusteigen.

Glück braucht eine starke Demokratie

In Deutschland steht die Beliebtheit von autofreien Sonntagen im paradoxen Kontrast zum hohen Status des Automobils. Als die Idee „Tag des guten Lebens“ vor der Versammlung einer Kölner Bezirksvertretung vorgestellt wurde, reagierte der grüne Bezirksbürgermeister so: „Wir dürfen die Bürger mit solchen visionären Vorhaben nicht überfordern. Eine autofreie Straße wäre realistischer als ein ganzer Stadtteil.“ Weil nichts verkauft wurde und autofreie Tage als geschäftsschädigend gelten, hatten IHK und City-Marketing das Projekt nicht unterstützt, doch selbst der ADAC fand die Initiative sympathisch. Während Verzicht in Politik und Verwaltung als höchst unpopulär gilt, zeigt der Erfolg von autofreien Sonntagen, dass die meisten Bürger manchmal viel weiter als ihre politischen Vertreter sind. Da die gesellschaftliche Entwicklung nicht vom Glücksverständnis der Bürger bestimmt wird, bleiben autofreie Sonntage eine Randerscheinung. Mit anderen Worten: Glück bedarf einer Stärkung der Demokratie.

Nach der Lehre der US-Politikwissenschaftlerin und Wirtschafts-Nobel-Preisträgerin Elinor Ostrom werden Gemeingüter nachhaltig bewirtschaftet, wenn ihre Nutzer kooperieren und kleine Gemeinschaften bilden, die sich selbstbestimmt und autonom verwalten. Der Tag des guten Lebens in Köln wurde genau nach diesem Prinzip realisiert. Jede Nachbarschaft durfte für einen Tag die eigene Straße „regieren“. Aufgaben wie Absperrung und Reinigung der Straße wurden auf die Anwohner übertragen. Die Sharing-Strategie führte zu einer deutlichen Senkung der Kosten und machte das Projekt erst möglich, denn wegen der hohen Verschuldung kann die Stadt solche Projekte nicht fördern. Die Anwohner sagten, dass sie die Übertragung von Verantwortung als Wertschätzung empfanden, die ehrenamtliche Arbeit als Möglichkeit des Teilhabens und die Gleichberechtigung in der Nachbarschaft genossen haben.

Rückeroberung des öffentlichen Raums

Blick auf das Still-Leben der Kulturhauptstadt Ruhr 2010
© CherryX via Wikimedia Commons

Glück ist eines der wenigen Güter, das ausgerechnet durch das Teilen wächst. „Seit dem Tag des guten Lebens brauche ich 15 Minuten länger, um Brötchen kaufen zu gehen. Ständig werde ich auf der Straße von Nachbarn begrüßt und angesprochen,“ erklärt eine Kölnerin. Die Nachbarschaften, die sich vorher regelmäßig trafen, um den Tag vorzubereiten, treffen sich nun weiter, zum Beispiel um die Umgestaltung des Kinderspielplatz nebenan in die Hand zu nehmen. Viele wollen eine Wiederholung des Tag des guten Lebens in ihrem Stadtteil und sind dafür bereit, noch mehr Verantwortung zu übernehmen.

Wer einmal einen autofreien Sonntag organisiert hat, kommt zu einer weiteren wichtigen Erkenntnis: Die meisten Ressourcen benötigt man nicht, um das gute Leben und die nachhaltigen Alternativen zu realisieren, sondern um Räume dafür zu öffnen. Die größte Anstrengung liegt in der Umleitung des Autoverkehrs, in der Absperrung und der Kontrolle der Grenzen des autofreien Gebiets, in der Erfüllung der vielen Vorschriften für die Nutzung des öffentlichen Raums durch die Bürger. Sobald der Raum frei ist, entstehen Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und gutes Leben fast von selbst. Das war die beeindruckende Erfahrung am 15. September in Köln.

Davide Brocchi ist Sozialwissenschaftler und Dozent für Nachhaltigkeit, u. a. an der ecosign-Akademie für Gestaltung in Köln und an der Universität Lüneburg. Den Tag des guten Lebens : Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit hat er initiiert.

Lesetipps:

 

 

 

 

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Zum Glück gibt es das Postwachstum

Zeichnung mit vier Bäumen darin gewachsenen Menschen
© Canstockphoto.com / localpoint

Wenn Menschen und Gesellschaften Glück und Zufriedenheit jenseits von materiellem Konsum und wirtschaftlicher Wachstumsorientierung erlangen wollen, benötigen sie dazu positive Bedingungen auf individueller, wirtschaftlicher und politischer Seite.

Von Marcel Hunecke

Ein stetig steigendes Wachstum des materiellen Wohlstandes und des damit einhergehenden Energie- und Ressourcenverbrauchs ist mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung dauerhaft nicht vereinbar. Deshalb ist ein Nachdenken über Postwachstumsgesellschaften unumgänglich, die dem einzelnen Bürger ein glückliches Leben ermöglichen können, ohne hierbei auf eine Steigerung des materiellen Wohlstandes angewiesen zu sein. Fällt in einer Postwachstumsgesellschaft das Streben nach materiellem Wohlstand nicht nur als gesellschaftliches, sondern auch als individuelles Lebensziel weg, müssen an dessen Stelle alternative Lebensziele kultiviert werden, um das subjektive Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit in größeren Bevölkerungskreisen zu sichern.
Hierbei handelt es sich keinesfalls um ein aussichtsloses Vorhaben. Schon heute ist zu beobachten, dass sich in Ländern mit einem hohen Lebensstandard die Lebenszufriedenheit durch Steigerungen im materiellen Wohlstand kaum noch erhöhen lässt. Doch was sichert die individuelle Lebenszufriedenheit in Postwachstumsgesellschaften, wenn dort die Steigerung des materiellen Wohlstands kein erstrebenswertes Ziel mehr darstellt?

Das strategisch gute Leben denken

Baum-Menschkopf-Zeichnung mit Denkblase mit Apfel
© canstockphoto.com / localpoint

Ein Blick in die Positive Psychologie (die weniger an der Beseitigung von psychischen Störungen oder von normabweichenden Verhalten interessiert ist, als an der Förderung der positiven Entwicklungspotenziale im Menschen) bietet hierzu interessante Einsichten. So wird die Frage nach dem guten bzw. gelingenden Leben zwar nicht zum ersten Mal von der Positiven Psychologie gestellt, sondern wurde bereits seit Jahrtausenden in vielfältigen Philosophien und Weisheitslehren reflektiert.

Das Spezifische am Ansatz der Positiven Psychologie besteht jedoch in dem Versuch, die möglichen Antworten auf diese Frage nach dem guten Leben empirisch zu fundieren. Zwar kann man an dieser Stelle weder eine quantifizierbare, noch inhaltlich exklusive Antwort von der Positiven Psychologie erwarten, da die Frage nach dem guten Leben untrennbar mit Wertvorstellungen verknüpft ist und sich dadurch empirisch nicht eindeutig klären lässt. Trotzdem kann das Nachdenken über das gute Leben durch empirisch abgesicherte Erkenntnisse über die positiven Eigenschaften und Potenziale des Menschen sowohl inhaltlich fokussiert als auch angereichert werden.

Insgesamt lassen sich drei Strategien der guten Lebensführung identifizieren, die nicht nur in der philosophischen Reflexion diskutiert, sondern deren Alltagstauglichkeit auch von der Positiven Psychologie empirisch bestätigt wird: Das vergnügliche Leben (Genuss), das engagierte Leben (Ziele) und das sinnbestimmte Leben (Sinn). Genuss, Zielerreichung und Sinn sind drei Quellen, die Menschen zu einem glücklichen Leben motivieren können.

Zeichnung von drei nebeneinander stehenden Bäumen mit Menschenkopfähnlichen Baumkronen, deren Blätter zwischen ihnen wie Gedanken zu fliegen scheinen.
© canstockphoto.com / localpoint

Ob der Einzelne diese Quellen für sich nutzen kann, hängt dabei jedoch von seiner individuellen Persönlichkeit ab. So können einige Menschen weitgehend sinnbestimmt glücklich werden, z. B. wenn sie ihr Leben erfolgreich nach religiösen oder spirituellen Idealen verwirklichen. Auch ein genussorientierter Hedonist kann glücklich leben, wenn er das richtige Maß in dem Ausleben seiner Genusserfahrungen für sich entdeckt und diese auslebt. Glücklich ist auch, wer seine selbst gesteckten Lebensziele erreichen kann, und sich diesen durch wohldosierte Teilziele annähert.

Die drei Strategien der guten Lebensführung widersprechen sich dabei allenfalls in der philosophischen Reflexion, wenn sie auf ihre Extrempositionen hin verdichtet werden. Gerade dem Hedonisten wird dann häufig die notwendige Eignung für ein wahrhaft gutes Leben abgesprochen. Aber in der Empirie der Alltagspraxis finden sich derartige Widersprüche kaum. Vielmehr besteht aus psychologischer Perspektive die Kunst darin, die drei Strategien der guten Lebensführung entsprechend der Passung mit der eigenen Persönlichkeit klug miteinander zu kombinieren.

Die psychischen Ressourcen wachsen lassen

Tabelle zu Strategien der guten Lebensführung
© Marcel Hunecke

Diese Konsequenz aus der sogenannten Genuss-Ziel-Sinn-Theorie des subjektiven Wohlbefindens sollten auch alle Bemühungen berücksichtigen, die sich bei den anstehenden Transformationen in Postwachstumsgesellschaften weder auf moralische Appelle noch auf letztlich unbezahlbare materielle Anreize verlassen wollen. Stattdessen müssen Menschen positive Emotionen ermöglicht werden, wenn sie sich aus einer gewohnten und nicht allzu unangenehmen Gegenwart in eine andere, noch nicht am eigenen Leib erfahrene Postwachstumskultur bewegen sollen.

Aus der Genuss-Ziel-Sinn-Theorie lassen sich nun sechs psychische Ressourcen ableiten, die sowohl mit positiven Emotionen, als auch mit einer Orientierung an immateriellen Zufriedenheitsquellen verbunden sind: Genussfähigkeit, Selbstakzeptanz, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Sinngebung und Solidarität (vgl. Tabelle). Die sechs psychischen Ressourcen lassen sich durch gezielte Maßnahmen in der Gesundheitsförderung und in Beratungs- und Coachingprozessen stärken. Ebenso können diese in unterschiedlichen organisatorischen oder institutionellen Settings wie in Schulen, Hochschulen, Unternehmen, Non-Profit-Organisationen oder auf der Ebene des Gemeinwesens gefördert werden.

Die entscheidende Funktion der psychologischen Ressourcen in Zielrichtung von Postwachstumsgesellschaften besteht in der Förderung der individuellen Widerstandskräfte gegenüber den kompensatorischen Formen des Konsums, für die unsichere Personen mit geschwächten Selbstwertgefühl und einer geringeren sozialen Einbettung anfälliger sind (siehe auch factory Wert-Schätzung).

Zeichnung von nebeneinanderstehenden Bäumen, deren Kronen Kettenglieder bilden
© canstockphoto.com / localpoint

Durch eine Förderung der sechs psychischen Ressourcen wird die individuelle Persönlichkeit gegenüber sozialen Vergleichsprozessen gestärkt, in denen die eigene Person gegenüber besseren, schöneren und reicheren Personen abgewertet wird. Diese Widerstandskraft gegenüber grenzenlosen sozialen Leistungsvergleichen verringert den individuellen Leistungs- und Effizienzstress und steigert damit gleichzeitig die Lebenszufriedenheit. Die sechs psychischen Ressourcen lassen sich jedoch nicht isoliert auf der individuellen Ebene fördern, wenn die gesamten organisatorischen und institutionellen Umwelten hierzu gegensätzlich strukturiert sind. Hier stößt die Psychologie unweigerlich an ihre Grenzen.

Anderseits erfordert ein kultureller Wandel in Richtung Postwachstum eine Vielzahl von Einzelpersonen, die diesen Wandel auf einer individuellen Ebene verkörpern und pionierhaft vorantreiben. Diese Personen werden die hierfür notwendige Motivation nur aufbringen, wenn ihr subjektives Wohlbefinden und ihre Lebenszufriedenheit dauerhaft auf einem hohen Niveau gesichert oder sogar gesteigert werden kann. Die Förderung der Genussfähigkeit, Selbstakzeptanz, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Sinngebung und Solidarität wird dies zweifelsohne unterstützen.

Prof. Dr. Marcel Hunecke ist Psychologe und unterrichtet und forscht an der Fachhochschule Dortmund und an der Ruhr-Universität Bochum. Sein Buch Psychologie der Nachhaltigkeit – Psychische Ressourcen der Postwachstumsgesellschaft ist im Oekom Verlag erschienen.

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Besser als BIP

Talansicht mit Dorf in Bhutan
© Maja Göpel

Im Staat Bhutan wächst das Bruttonationalglück. Dort ist Wohlbefinden statt materieller Wohlstand der nationale Leistungsindikator, ohne dass „arm aber glücklich“ gilt. Die UN hält das Modell für übertragbar.

Ein Reisebericht von Maja Göpel

Mitten im Landeanflug zieht der Pilot plötzlich die Nase wieder hoch. Nach Schrecksekunden die Durchsage, dass wir wegen Wolken im engen Himalaya-Tal in Indien zwischenlanden – Pech gehabt. Doch drei Stunden später betreten wir Thimphu’s Boden. Die Hauptstadt der 750.000 Einwohner-Republik Bhutan hält ihre Häuser im gleichen Stil wie die auf dem Land: wunderbare Holzschnitzereien am Dachgiebel, angenehme Pastellfarben und nicht mehr als fünf Stockwerke. Die große Mehrheit der Bhutanesen lebt aber von der Landwirtschaft und ist über kleinere Dörfer verstreut. In den offiziellen Statistiken zu Armut und Wirtschaftsstärke steht Bhutan noch immer ziemlich weit unten und hängt ökonomisch sehr stark von seinem gigantischen Nachbarn Indien ab. Touristisch bleibt es ein Juwel, weil die Regierung die Anzahl der jährlichen Visa beschränkt und sich diese teuer vergüten lässt. Dennoch haben sich in den letzten Jahren immer mehr Medien mit dem Land befasst. Bhutan wird im reichen, durchindustrialisierten Westen als Inspirationsquelle gehandelt – und zwar aufgrund seines Entwicklungsziels und dem damit verbundenen Indikator Bruttonationalglück

Bruttonationalglück als Staatsziel

In Bhutan
© Maja Göpel

Wir sind auf einer Studienreise von Wissenschaftlern und politischen wie wirtschaftlichen Akteuren mit der Frage, wie sich Glück nicht nur als Lebens-, sondern auch als Gesellschaftsziel etablieren lässt. Dass unser Wirtschafts-Wachstums-Wettbewerbs-Modell immer weniger ein positives Zukunftsbild hervorruft, legt nahe, sich nach Alternativen umzuschauen. Und auch in Ländern, in denen dringend materielles Wachstum zur Grundversorgung der Bevölkerung nötig ist, mehrt sich das Gefühl, dass das herkömmliche westliche Modell dafür nicht optimal ist. So hat das Gallup Institut z. B. für China eine massiv fallende Lebenszufriedenheit ermittelt – während das BIP pro Kopf dort um den Faktor 2,5 nach oben geschnellt ist.

Wenn Paradoxien so sichtbar werden, drängen Sinnfragen ins Zentrum: was sollte eine Gesellschaft und ihre Wirtschaft denn eigentlich liefern – und für wen? Und wie stellen wir sicher, dass dieses Eigentliche ins Zentrum der Krisenbewältigungsstrategien gelangt? Die USA waren da ursprünglich sehr präzise und haben 1776 in ihrer Unabhängigkeitserklärung „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ zum universellen Grundrecht erklärt. Dies zu schützen sei Aufgabe der Regierungsinstitutionen. Ähnlich verhält es sich mit Bhutan, nur dass die Regierung diesen Auftrag explizit gemacht hat. Statt anzunehmen, dass mehr materieller Reichtum den Rest gleich mitliefern wird, hat der vierte König von Bhutan, Jigme Singye Wangchuck, 1972 erklärt, die Erfolgsmarke seines Regierungshandelns sei nicht die Steigerung des Bruttonationalprodukts (damals BNP, heute Bruttoinlandsprodukt BIP), sondern des Bruttonationalglück.  

Auch die staatsphilosophische Fundierung dafür kommt der in den USA nahe: 1729 war die gesetzliche Grundlage für die Vereinigung von Bhutan formuliert worden und in ihr hieß es bereits: „Wenn die Regierung nicht das Glück ihrer Bevölkerung sicherstellen kann, gibt es keinen Grund für ihre Existenz.“ Glück (dekidk) wird hier anders als im heutigen Westen nicht als individuelles Recht, sondern als multidimensionale, gesellschaftliche Größe verstanden: die Herstellung von Bedingungen, unter denen Menschen ihr Wohlergehen in nachhaltiger Weise verfolgen können und in diesem Prozess selbst Verantwortung für das Ganze und andere übernehmen.

Im Grunde ist es ein exzellentes Beispiel für eine Strategie der Nachhaltigen Entwicklung, dem politischen Leitziel, dem sich alle 193 Länder dieser Erde verschrieben haben. Zur Erinnerung: Eine Art von gesellschaftlicher Entwicklung, in der heutige Generationen ihre Bedürfnisse für gesunde und erfüllende Leben befriedigen, während die Grundlagen für gesunde und erfüllende Leben zukünftiger Generationen bewahrt werden. Dieses Ziel wird nach wie vor verfehlt, was vor allem daran liegt, dass zwar dem Leistungsindex des BIP-Wachstums mit aller Macht nachgejagt, aber nicht genug beachtet wird, dass in diesem Prozess die Menschen nicht mehr zufriedener werden, jedoch die Zerstörung von Natur und soziale wie ökonomische Ungerechtigkeit zunehmen. Kein gutes Glücksumfeld.

Vom kleinen Königreich zum Avantgardisten der Vereinten Nationen

Dorfleben in Bhutan
© Maja Göpel

Bei „glücklich sein“ denken wir meist an einen temporären individuellen Gefühlszustand. Müssen wir uns also die Bhutanesen als durchweg lächelnde Exoten vorstellen? Was macht Bhutan anders? Der Index für Bruttonationalglück (BNG) definiert die Grundlagen für gesundes und erfüllendes Leben heute und in Zukunft genau. Er umfasst vier Säulen: gute Regierungsführung, nachhaltige sozio-ökonomische Entwicklung, Erhalt und Förderung kultureller Werte sowie darüber hinaus der Umwelt. Zu Regierungsqualität gehört, dass Bhutan die Nachhaltigkeit nicht auf Nebenschauplätze verbannt, sondern fest in den Index gesellschaftlichen Fortschritts eingebaut hat und zur Grundlage von politischen Entscheidungen macht: in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und internationalen Wissenschaftlern ist ein langer Indikatoren- und Fragenkatalog entlang von neun Dimensionen erstellt worden. Die Bevölkerung wird nach ihrem psychischen Wohlbefinden wie subjektiver Lebenszufriedenheit, ihrer Gesundheit und Bildung befragt. Sie gibt den Interviewern Auskunft über ihre kulturelle Teilhabemöglichkeiten, ihre Zeitnutzung und wie sie die Regierungsführung und politische Mitbestimmungsmöglichkeiten beurteilt. Zu dem spielen die Bewertung des Gemeinschaftsgefüges, der ökologischen Diversität und Resilienz sowie des Lebensstandards (Einkommen, Vermögen, Wohnqualität) eine Rolle.

Diese Dimensionen sind den elf des kürzlich von der OECD zusammengestellten Better Life Index sehr ähnlich. Das Besondere in Bhutan (gegenüber ähnlichen Befragungen in Europa) ist jedoch, dass die dortige Regierung mit einer BNG-Kommission auf Grundlage der Befragungsergebnisse Politikpläne für die jeweils nächsten fünf Jahre verfasst, die besonders auf die Bedürfnisse der mit „nicht glücklich“ zu Buche geschlagenen Bevölkerungsgruppen eingehen. 

Kein Wunder also, dass Bhutan im Zuge der Vorbereitungen für den Weltnachhaltigkeitsgipfel Rio+20 in 2012 einen Auftrag bekam: im Juli 2011 wurde bei den Vereinten Nationen, unterstützt von 68 Ländern, die Resolution 65/309 mit dem Titel „Glück: Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Entwicklungsansatz“ verabschiedet. Im April 2012 fand dann unter Leitung von Bhutan ein Runder Tisch zum Thema „Ein Neues Ökonomisches Paradigma für Wohlergehen und Glück“ auf höchster politischer Ebene statt. Mit 800 Teilnehmern entstand ein unglaublicher Andrang für ein solches Sondierungstreffen, das unter anderem zur Einführung eines Internationalen Tag des Glücks führte, der am 20. März 2013 zum ersten Mal ausgerufen wurde. 

Seit die Erklärung des Rio+20-Gipfels ebenfalls die Empfehlung umfasst, Indikatoren „Jenseits des BIP“ für gesellschaftliche Entwicklung stark zu machen, ist Bhutan endgültig zum Mekka der Inspiration geworden.

Den Schlüssel zum gemeinsamen Wohl finden

Gebetsfahnen in Bhutan
© Maja Göpel

Unsere Studiengruppe ist also bei weitem nicht die einzige. Viele Teilnehmer berichten von ähnlichen Beobachtungen: eine unvoreingenommene Freundlichkeit und Wachheit der Menschen, trotz der Armut gibt es keine Slums und sogar die Straßenhunde scheinen entspannt. Was mich am meisten beeindruckt, ist die Bescheidenheit zur eigenen Rolle in der Welt und die Anerkennung, die Wertschätzung von Leistung und Meinung anderer: während wir tagtäglich dem Geschrei um die beste Lösung, den billigsten Preis, die feindlichste Übernahme und die Inkompetenz anders Denkender und Lebender ausgesetzt sind, lässt sich in Bhutan der Respekt vor Menschen und Natur förmlich anfassen. Schönstes Symbol mögen die bunten Gebetsfahnen sein: durch Windstöße und als Schatten werden die in ihnen gespeicherten guten Wünsche aus der Meditation auch auf Tiere und Natur übertragen. 

Mir scheint genau hier ein wichtiger Schlüssel zum Glück und zur erfolgreichen Krisenbewältigung zu liegen: einfach mal innehalten, das Gegebene wie die Mitwelt schätzen und verstehen lernen. Achtsam hinterfragen, was wir denn wirklich für ein gutes Leben brauchen, in gesellschaftlichen Dialogprozessen eruieren, wie ein Wirtschaftssystem dies nachhaltiger, gerechter und resilienter liefern könnte.

Dr. Maja Göpel ist Leiterin des Berliner Büros des Wuppertal Instituts. Die Reise nach Bhutan unternahm sie mit der GIZ Global Leadership Academy zu Beyond GDP im April 2013. Fotos: Maja Göpel

Literatur:

An Extensive Analysis of GNH Index von The Centre of Bhutan Studies.

Bericht zum Rio+20-Roundtable Ein Neues Ökonomisches Paradigma für Wohlergehen und Glück und dem darauf folgenden Expertenforum.

Die UN-Resolution 65/309 Glück: Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Entwicklungsansatz

Initiativen aus der Zivilgesellschaft dazu: dayofhappiness.net, www.worldhappyday.com, in Deutschland vor allem ministeriumfuerglueck.de

Wie sich Glück in seinen unterschiedlichen Formen erreichen lässt, lesen Sie in weiteren  Beiträgen zum Guten Leben im factory-Magazin Glück-Wunsch. Das ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen. Noch dazu enthält das PDF-Magazin sämtliche Online-Beiträge und Fotos sowie zusätzliche Zahlen und Zitate.

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