Thema

Selbermachen


Mehr selbermachen

Haben Sie schon mal etwas selber gemacht? Sicherlich, denn wir machen alle viel selbst. Ob wir uns im Supermarkt selbst bedienen, ob wir online unseren Kontostand oder unsere Freunde verwalten und ihnen gute Produkte empfehlen: Wir sind inzwischen zu Prosumenten geworden.

Das Selbermachen hat eine neue Dimension erreicht. Es geht nicht mehr nur um das Heimwerken im Keller oder die so genannte DIY-Revolution - es geht darum, dass man ständig alles selbst machen muss, oder eben alles machen kann. Welche Chancen für die nachhaltige Entwicklung im neuen Kult ums Selbermachen bestehen und wie sich Unternehmen und Konsumenten wandeln, lesen Sie in diesem factory-Thema.

Und wie immer in der factory ist die Mischung kontrovers: Von 3D-Druckern über Subsistenzwirtschaft, Insorcing, Gemeinschaftsgärten, Selbstständigen bis Bierbrauen reicht die Palette der Selbermachen-Ausgabe.

Im Beitrag "Vom Faustkeil zur Desktop-Fabrication" erzählen wir, wie der Stand der Dinge im Zeitalter von 3D-Druck, IKEA und Mass-Customization ist. Der Konsumforscher Gerhard Scherhorn erklärt in "Auf eigenen Füßen stehen", wie Selbermachen und Industrieproduktion einander in einer modernen, ressourcenschonenden Subsistenzwirtschaft ergänzen. "Wirklich Selbermachen? Über Unfreiheit und Kreativität" des Ökonomen und Philosophen Birger Priddat ist ein Plädoyer gegen hohen Ressourceneinsatz und ständige Selbstproduktion.

Im Standpunkt beleuchtet der Trendforscher Holger Glockner "DIY - Konturen einer neuen Lebens- und Wirtschaftskultur". Über die wachsende Bewegung der Selbermacher, die durch Gemeinschaftsproduktion mehr Ressourcenbewusstsein erreichen, berichtet die Soziologin Andrea Baier in "Subsistenz reloaded - für mehr Nachhaltigkeit?!" "Selber Macher werden: Von der Idee zum nachhaltigen Unternehmen" von Simon Wiggen nimmt die Start- und Durchsetzungsbedingungen von Selbermachern unter die Lupe. Und zum guten Schluss plädieren wir, die Dinge in Sachen Bier einfach selbst in die Hand zu nehmen: "Dann brau es doch selbst" von Ralf Bojanowski.

Nur drei Beiträge sind hier online im Themenbereich. Zahlen und Zitate und weitere Beiträge sind ausschließlich im PDF-Magazin enthalten. Das steht kostenlos auf der factory-Website bereit. Das Format ist so optimiert, das sich die factory prima online oder offline auf PC oder Tablet lesen lässt.

Vom Faustkeil zur Desktop-Fabrication

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Selbermachen, Do-it-yourself, ist ein neuer, alter Trend. Baumärkte, Bank- und Fahrkartenautomaten, Ikea und Wikipedia gehören für uns zum Alltag. In einer Welt, in der Unternehmen einen Teil der Produktion auf ihre Kunden verschieben, erhalten diese immer mehr Konzepte für die Eigenproduktion.

Von Ralf Bindel

Im „Labor“ in Bochum steht einer, in der „Garage Bilk“, dem GarageLab Düsseldorf auch. Wahrscheinlich auch in den meisten anderen so genannten FabLabs in Deutschland und weltweit. 3DDrucker sind in den offenen High-Tech- Werkstätten und Hackerspaces, wo Laser-Cutter und CNC-Maschinen die neue Do-it-yourself-Generation repräsentieren, die jüngste Errungenschaft der technologischen Entwicklung. Man bekommt sie schon für unter 1500 Euro, doch im Gegensatz zu ihren großen Brüdern in der Industrie für 50000 Euro, können sie noch nicht viel. Manches allerdings sehr gut: Ersatzteile fertigen. „Als die Rollen unserer Spülmaschine durch waren, haben wir ähnlich geformte Teile gedruckt“, sagt Laurenz vom Bochumer „Labor“. Doch die Laboristen sind sich einig: „Die Selbstbaudrucker sind noch nicht wirklich ausgereift, die Objekte benötigen viel Nacharbeit“, erläutert Jens.

Doch es tut sich was im dreidimesionalen Druckgewerbe. Der New Yorker Hersteller Makerbot hat jetzt seinen neuesten 3D-Drucker „Replicator 2“ vorgestellt, der eine Auflösung von 0,1 Millimeter erreicht. Inzwischen gibt es Software, die verteilte 3D-Drucker im Netz ansteuern kann, günstige Pulver- 3D-Drucker für Objekte aus Keramik und Metall und australische Riesendrucker, die so groß wie ein Zugabteil sind und vier verschiedene Metalle gleichzeitig verarbeiten können.

3D-Drucker machen selbständig

Trendforscher bezeichnen den 3D-Druck als Killerapplikation (siehe S. 30), mit der die Materialintensität selbstorganisierter Prozesse vermindert würden. Drucker sollen zukünftig sich selbst, sämtliche Teile bis hin zu Waffen und sogar Fleisch drucken können. Wenn die Phantasie nicht reicht: man muss sich die Technologie wohl heute auf dem Stand von IBM-Großrechner-Etagen aus den 1970er Jahren vorstellen, deren Kapazität heute jedes Smartphone hat.

Nicht nur Selbermacher, auch Unternehmen können mit derartigen Technologien mehr selber machen: Das reicht von plastischen Modellen von Entwicklungsprototypen bis hin zum seriellen Print-on-demand, der bedarfsgerechten Produktion. Schon heute werden Werkzeuge und Funktionsbauteile in Betrieben durch Lasersintern hergestellt. Rapid Manufacturing, die schnelle Fertigung, ohne die Verwendung von Halbzeugen und Bearbeitungsschritten, die zusätzliche Ressourcen kosten, ist heute in jedem produzierenden Unternehmen ein Begriff. Nach dem Boom des Outsourcing werden mit Insourcing wieder mehr Prozesse ins Haus geholt.

Doch noch sind die 3D-Drucker auf dem Schreibtisch, die selbständigen Unternehmen Zukunftsmusik, die Diskussion um die Ressourceneffekte des High-Tech-Selbermachens hat gerade erst begonnen. Noch ist das Selbermachen ein beinahe uraltes Geschäftsmodell, das unter dem Kürzel DIY für Betriebswirtschaftler den Erfolg der Baumärkte kennzeichnet. Aus der DIY-Bewegung, die in den 1950er Jahren in England entstand, wurde ein ganzer Wirtschaftszweig der unbezahlten Arbeit. Das Umsatzvolumen der 30 größten deutschen Baumarktbetreiber verdoppelte sich in den letzten fünfzehn Jahren auf 30 Milliarden Euro, die Anzahl der Standorte stieg auf 4321. Die Zahl der über 14-Jährigen Deutschen, die zwischen wöchentlich mehrmals bis seltener als einmal monatlich basteln oder heimwerken, hat sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert: Rund 45 Millionen sollen es sein, während die Zahl derer, die niemals zum Hammer greifen, sich von knapp 21 auf 25 Millionen erhöht hat.

Die Ressourceneffekte des Selbermachens in der Heimwerkernation Deutschland sind schwer abzuschätzen: Grundsätzlich scheint es nach der letzten Zeitbudget-Studie des Bundesamts für Statistik 2001 so, dass diejenigen, die im sekundären, industriellen Sektor tätig sind, auch dreimal mehr selbermachen, als diejenigen, die im nicht gewerblichen Bereich beschäftigt sind. Sprich: Wer ohnehin mit den Händen arbeitet, packt auch eher mal an. Hinzu kommt: Wer mehr Zeit hat, macht auch mehr selbst. Grundsätzlich ist der Anteil der unbezahlten gegenüber der bezahlten größer, bei Frauen höher als bei Männern.

Das Bewusstsein des Selbermachens

Von einem mit unnötigen Elektrowerkzeugen überquellenden Koffer pro Haushalt ist nicht auszugehen, auch wenn der Akkuschrauber Ixo von Bosch sich seit 2003 weltweit über 1,5 Millionen mal pro Jahr verkauft und damit das meistgekaufte „Power Tool“ der Welt ist. Zwar werden immer mehr Elektrowerkzeuge mit Akkus ausgestattet, doch bis der komplette Gerätepark drahtlos funktioniert - das dauert. Selbst die Massenbilanz scheint, auf den einzelnen Prozess bezogen, nicht zuungunsten für die Selbermacher auszuschlagen.

Weil Bedarf, finanzielle Lage, Kompetenz, Kreativität, Spaß und Zeit die ausschlaggebenden Kriterien für das Selbermachen sind, wird eher weniger Material für einen längeren Zeitraum eingesetzt. Wer mit den Händen arbeitet, Dinge repariert, ein Webblog pflegt oder sich sozial engagiert, schätzt Materialität, Zeitaufwand und Wert dieser unbezahlten Arbeit. Einen Tisch zum Beispiel - und dabei muss es nicht ein aufwändig selbstgemachter sein - werden Selbermacher nicht so schnell dem neuesten Einrichtungstrend opfern, wie diejenigen, die „unbewusst“ konsumieren.

Kommt die Zugänglichkeit der Dinge hinzu: If you can not fix it, you don’t own it, lautet das Fixit-Manifesto, der Seite, die alle möglichen neuen elektronischen Geräte auf Selbst-Reparierbarkeit untersucht. Vom nicht austauschbaren Akku im Smartphone oder Notebook über geplant begrenzte Lebensdauer wie bei Druckern bis hin zum Auto, in das selbst Kfz-Mechaniker nur noch das Kabel mit Verbindung zur Zentrale für die Diagnose stecken können, gibt es inzwischen viele Beispiele dafür, dass die Nutzer die Macht über die Nutzbarkeit verloren haben. Open-Data-Initiativen zur Öffnung von Konstruktionsdaten, Offene Werkstätten und Repair-Cafés, in denen Instandsetzung erlernt und geübt wird, sind die Antwort. Oder man schult bereits die Jüngsten, wie Simon Wiggen in einem Beispiel zeigt (S. 41).

Mehr oder weniger selber machen?

Über die positiven Effekte des Selbermachens für die nachhaltige Entwicklung, für den globalen Wandel, die große Transformation spekulieren die Soziologin Andrea Baier (S. 33) und der Konsumforscher Gerhard Scherhorn (S. 17) in dieser factory. Selbermachen, FabLabs, offene Werkstätten, Urban Gardening, Gemeinschafts-Eigenproduktion scheinen demnach unbedingte Bausteine einer Bildung für nachhaltige Entwicklung zu sein, wie sie die UN im Rahmen ihrer gleichnamigen Kampagne belohnen sollte.

Die negativen Effekte des Selbermachens sind überall dort zu suchen, wo Individualität zu sehr contra Gemeinschaft steht. Dezentral vs. zentral ist im makroökomisch-geographischen Sinne im Vorteil, auf der Mikroebene sind jedoch zentrale, gemeinschaftlich genutzte Systeme ressourceneffizienter. Beispiel Verpflegung: Großküchen sind ressourceneffizienter als einzelne Haushalte, wobei der größte Ressourcenfaktor der Ernährung die Form der Landwirtschaft ist. Beispiel Energieversorgung: Ein Blockheizkraftwerk (BHKW) mit Nahwärmeversorgung für mehrere angeschlossene Haushalte ist effizienter und ressourcenschonender als ein Mini-BHKW in jedem Keller, dagegen sind zentrale Braunkohlekraftwerke ohne Kopplung Muster der Ressourcenverschwendung. Generell sind Nutzungsgemeinschaften ressourceneffizienter: Car-Sharing, Energiegenossenschaften, ÖPNV, Wohngemeinschaften. Die modernen, ressourcenschonenden Werkzeuge von Selbermachern heißen „Collaborative Consumption“, die Power Tools besorgt man sich in Verleihforen und über Smartphone-Apps wie von Whyown.it oder Leihdirwas, wo Werkzeuge im Netzwerk verliehen werden.

Vom Con- zum Prosumer

Apropos „unbewusste Konsumenten“: Im Grunde hat Birger Priddat (S. 24) Recht, wir machen alle schon viel selbst, selbst wenn wir nichts für uns selbst produzieren. Als Prosumenten sind wir nicht länger ausschließlich Konsumenten, sondern produzieren, gestalten, bewerten mit. Diesen Beteiligungswillen nehmen Unternehmen auf, so dass sich der Kern der Wertschöpfung zunehmend ans Ende der Kette verlagert - die qualitative Aufwertung geschieht zum Schluss. Ganze Reihen von Produktleistungen übernehmen jetzt die Prosumer. Von Banken bis Tanken, von Amazon über Ebay bis Ikea, von Online-Druckshop bis Supermarkt, von sprachgesteuerten Wartungsdiensten bis zur Einrichtung ganzer Anlagen reicht die Palette der inzwischen als gewohnt geltenden Aktivitäten des Prosuming, für die wir zusätzlich Ressourcen und Zeit aufwenden müssen.

Dafür haben Unternehmen aufzurüsten bei Kundenmanagement- und kommunikation. Bewertungs- und Empfehlungsbeobachtung in sozialen Netzwerken, Erfahrungsberichte und Nutzertests sind wichtig für die Qualitätssicherung, die rasche Reaktion wichtig für das Image. Ökologische und soziale Defizite werden im Netz schnell zum vernichtenden „Shitstorm“.

Mit zunehmender Sättigung der Konsumbedürfnisse in vielen Segmenten wird der Konsum hedonistischer, die Produkte werden individualisiert, „Mass Customization“ steht auf dem Programm. Der Verkäufer- wandelt sich zum Käufermarkt. Nicht länger sind die Käufer auf der Suche nach dem Produkt, sondern die Anbieter suchen die Kunden. Die neue Markt- und Verhandlungsmacht können die Kunden für eine Ökologisierung des Angebots nutzen und fordern sie zunehmend ein.

Die Entwicklung vom Konsumenten zum Produzenten zeigt also: Der Trend geht zu „Mehr Selbermachen“, sowohl auf Seiten der Verbraucher wie den Unternehmen.

Insofern passt ins Bild, dass 3D-Drucker wie der Replicator II schon als künftige Produktionssystematik für den Hausgebrauch gesehen werden. Die Vorstellungen reichen so weit, dass bei gleichem Ressourcenverbrauch die Universal-Desktop-Fabrication über vollautomatisierte 3D-Printer die bekannte Konsumgüterindustrie sogar ablösen könnte. Wenn jeder 3D-Replikator die gleichen offenen Produktdatenmodelle nutzen könnte, könnte sich jeder Haushalt seinen Konsumgüterbedarf selbst herstellen. Eine marktbedingte Notwendigkeit zur Überflussproduktion und Verkauf gäbe es für die individuellen Prosumer nicht, nur die Herstellung großer Dinge und die Landwirtschaft blieben unberührt. Voraussetzung für eine solche Vision des fast vollständigen Selbermachens: Offene Datenmodelle und gerechte Verteilung der Ressourcen. Zumindest ersteres bremst der bekannteste Hersteller der günstigen 3D-Drucker für den Heimbedarf gerade wieder aus: Die Produktdatenmodelle für den neuen Replikator II sind nicht länger Open Source und mitgestaltbar.

Ralf Bindel ist Redakteur der factory.

Auf eigenen Füßen stehen

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Selbermachen ist die Erhaltung der Ressourcen, nicht die Aufgabe der Arbeitsteilung. Eine moderne Subsistenzwirtschaft kommt nicht ohne sie aus.

Von Gerhard Scherhorn 

Eine Digitalkamera kann ich nicht selbst herstellen, nicht einmal selbst reparieren kann ich sie. Aber ginge es mit rechten Dingen zu, müsste der Hersteller ein Produkt mit derart raffinierten Funktionen und mit derart hochwertigen Bestandteilen so konstruieren, dass er es am Ende des Gebrauchs zurücknehmen und die Materialien wiedergewinnen und neu verwenden kann! Wie kann ich mit gutem Gewissen ein neues Gerät kaufen, wenn ich annehmen muss, dass das Alte zu Abfall wird, entwertet und vernichtet? Tatsache ist, ich kaufe das Neue trotz schlechten Gewissens. Das halte ich aber nicht gut aus, also verdränge ich den Ärger, schiebe ihn auf die Zuständigen, die Hersteller, die Regierung. Doch dadurch wird diese Welt noch lange nicht die, in der ich leben möchte. Ich wünsche mir eine Welt, in der ich das Gefühl haben kann, dass sie standhält, dass sie auch in Zukunft Bestand hat. Eine Welt der Subsistenz

Viele Leser verbinden wahrscheinlich mit Subsistenz die Schreckensherrschaft des ständigen Selbermachens. Doch ein subsistentes System funktioniert anders. Das lateinische subsistere bedeutet Standhalten. Eine Subsistenzwirtschaft ist daher eine, die sich selbst erhält. Sicher, früher meinte man damit die Selbstversorgungswirtschaft der Natur- und Agrarvölker. Heute wendet man das Wort jedoch auf die sich entwickelnden Formen eines modernen Wirtschaftens an, das seine eigenen Lebensgrundlagen erhält.

Auch eine Subsistenzwirtschaft ist arbeitsteilig, denn auch dort kann ich die meisten Produkte, die ich zum Leben brauche, nicht allein herstellen. Das hölzerne Regal vielleicht noch, und selbst dafür brauche ich Bretter, Nägel, Hammer und Säge. Aber wenn alle neuen Produkte entweder aus erneuerbaren Materialien bestehen wie das Regal oder aus wiedergewinnbaren Stoffen wie eines Tages die Digitalkamera, und wenn die nicht erneuerbaren Stoffe in geschlossenen Kreisläufen rückgeführt (oder durch erneuerbare ersetzt) werden, dann kann ich Teil eines Systems sein, das nicht von der Produktion von Produkten abhängig ist, die dazu bestimmt sind, Abfall zu werden.

Die Nachhaltigkeit industrieller Produkte

In Ansätzen ist Rückgabe schon möglich: Man kann ein Kfz leasen, der Hersteller oder die Leasingfirma nimmt es nach einiger Zeit des Gebrauchs zurück und liefert ein neues. Was fehlt, ist ein Recycling des alten Autos, bei dem alle Stoffe wiederverwertet werden. Das fehlt auch bei Mobiltelefonen; laut Nachhaltigkeitsrat liegen allein in Deutschland rund 60 Millionen alte Handys herum. Darin stecken drei Tonnen Gold, 30 Tonnen Silber, 1900 Tonnen Kupfer, 151 Tonnen Aluminium und 105 Tonnen Zinn. Unbegreiflich, dass immer noch niemand diesen Schatz hebt. Noch viel mehr Ressourcen waren nötig, um diesen zu produzieren – sie könnten geschont werden. Wiederverwertbar sind sogar so zunächst unökologisch erscheinende Dinge wie Teppichböden aus Kunststoff: Mit geeigneter Technik könnten sie nach Verschleiß zurückgeholt, in ihre Moleküle zerlegt und neu zusammengesetzt werden. Selbst bei langem Nachdenken wird man kein wichtiges Industrieprodukt finden, das nicht kreislauffähig ist oder gemacht werden kann.

Der bekannte US-amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin hat schon vor zwölf Jahren eine künftige Gesellschaft des Access skizziert, in der das Wirtschaften nicht vom Kaufen bestimmt wird, sondern vom Leasen, Teilen, Tauschen, vom Zurückgeben, Trennen, Wiederverwenden, Wiedergewinnen. Kurz: von möglichst geschlossenen Kreisläufen, in denen Herstellung, Gebrauch, Schonen und Reparieren, Rückgabe und Wiederverwertung aufeinander folgen. Sie stehen von Anfang an unter dem Imperativ, dass nichts zu Abfall wird. In diesen Kreisläufen wirken alle verantwortlich am Prozess des Selbermachens mit: die Hersteller, die Händler, die Konsumenten.

Das nachhaltige Selbermachen

Was wir in einer Subsistenzwirtschaft selbermachen, ist letztlich die Erhaltung der Substanz. Die natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen sind nun einmal irdisch und damit begrenzt. Selberma chen ist die Erhaltung der Rohstoffe, der Ökosysteme, des Klimas, der Gesundheit, der Bildung, der gesellschaftlichen Integration, also letztlich der Gemeinressourcen. Sie können wir verwenden, um damit zu wirtschaften. Sie sind aber als solche nicht zum Verbrauch bestimmt, sondern müssen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Nachhaltig wirtschaften wir nur, in dem wir sie erhalten und nach Möglichkeit kultivieren. Anders ausgedrückt: Nur indem wir wieder in ihre Erhaltung und Erneuerung investieren, statt die Kosten dafür einzusparen und zu „externalisieren“. Das gilt auch bei den Produkten und Diensten, die wir als einzelne Person selbermachen können. Indem wir KOCHEN, BACKEN oder Salat ZUBEREITEN; indem wir Kartoffeln ANBAUEN, Blumen und Kräuter ZIEHEN, Gänse oder Schweine MÄSTEN; indem wir Pullover STRICKEN, Kleider NÄHEN und Strümpfe FLICKEN; Wäsche WASCHEN, Geschirr SPÜLEN, die Wohnung REINIGEN; Spielzeug BASTELN, Fliesen VERLEGEN, das Fahrrad REPARIEREN, mit einer PV-Anlage auf dem Dach erneuerbare Energie ERZEUGEN.

Alle diese Leistungen erbringen wir als Einzelne. Doch wenn sich dahinter keine fördernde Infrastruktur und keine gesellschaftliche Bewegung entwickelt, bleiben sie die Liebhaberei Weniger. Beispiel: das Selbermachen gesundheitsbezogener Tätigkeiten. Für viele Arzneimittel, Arztbesuche und Operationen entstünde kein Bedarf, würden sich alle gesund ERNÄHREN und BEWEGEN. Tatsächlich tut das nur eine Minderheit, und das liegt auch am Fehlen gesundheitsfördernder Strukturen.

Mit den haushälterischen, gärtnerischen, züchterischen, handwerklichen und gesundheitsbezogenen Tätigkeiten machen wir eine Fülle von Produkten und Diensten selbst, auch wenn jeder und jede einzelne nur einige beiträgt. Diese Tätigkeiten können so angelegt werden, dass ihre Herstellung und Verwendung mit erneuerbaren Stoffen und erneuerbarer Energie geschieht. Dann tragen sie zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen bei.

Dasselbe gilt für die sozialen Lebensgrundlagen, den Bereich des sozialen und kulturellen Miteinanders. Sie erschaffen und bewahren wir durch musische und künstlerische, schriftstellerische und dichterische Tätigkeiten des nichtberuflichen SINGENS, MALENS, DRUCKENS, SCHREIBENS, FORMENS und MUSIZIERENS, des nichtberuflichen ERZIEHENS und BILDENS, LESENS und LERNENS, und nicht zuletzt durch private KINDER-, KRANKEN-UND ALTENPFLEGE, durch NACHBARSCHAFTSHILFE und freiwillige GEMEINDEARBEIT, durch ehrenamtliche Tätigkeit in INITIATIVEN und VEREINEN. Wir machen das selbst.

Vom Sinn der Subsistenz

Schließlich geht es in der Subsistenzwirtschaft da rum, die Grundlagen menschlichen Lebens, seine natürliche und soziale Mitwelt so zu erhalten und zu erneuern, dass sie nicht eines Tages verbraucht, entwertet und nicht mehr zukunftsfähig sind, weil wir an ihnen Raubbau getrieben haben. Darum ging es schon in der Subsistenzwirtschaft der „primitiven“ Völker der Steinzeit. Sie passten ihre Bedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Behausung) so an die jährlichen Schwankungen der Witterung, des Pflanzenwuchses und Tierbe standes an, dass sie in schlechten Jahren genug zu essen hatten. In guten Jahren ernteten sie deshalb nur einen Teil von dem, was die Natur ihnen bot.

Heute ermöglicht uns die Technik, jederzeit mehr zu verbrauchen als die irdischen Lebensgrundlagen abwerfen, indem wir diese selbst aufzehren. Moderne Technik macht jedoch ebenso gut Subsistenz möglich: auch das individuelle Selbermachen wird ja durch sie erleichtert. Wird Selbermachen mit Industrieprodukten kombiniert, die aus geschlossenen Stoffkreisläufen kommen und in sie zurückkehren, werden alle lebenswichtigen Produkte und Dienste nach dem Subsistenzprinzip hergestellt. Als Konsumenten beteiligen wir uns daran, indem wir Dienste und Produkte zum Teil selbst herstellen und industrielle Produkte und Dienste nach Gebrauch in den Kreislauf zurückführen. Und auf all diejenigen, die nicht im Kreislauf geführt werden, verzichten wir nach und nach. Dies muss das Ziel sein: dass die Subsistenzwirtschaft nicht auf Dauer neben einer auf Substanzverzehr angelegten Industriewirtschaft existiert, sondern der „Subsistenzgrad“ der Gesamtwirtschaft Schritt für Schritt erhöht wird.

Gerhard Scherhorn ist Wirtschaftswissenschaftler und war Professor für Konsumtheorie und Verbraucherpolitik an der Universität Hohenheim und bis 2005 Leiter der Forschungsgruppe „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“ am Wuppertal Institut. Sein jüngstes Buch ist „Geld soll dienen, nicht herrschen. Die aufhaltsame Expansion des Finanzkapitals“, 2008 erschien von ihm und Daniel Dahm „Urbane Subsistenz. Die zweite Quelle des Wohlstands.“

Leseempfehlungen

Bennholdt-Thomsen, Veronika, Holzer, Brigitte & Müller, Christa 1999): Das Subsistenzhandbuch. Wien: Promedia

Daniel Dahm & Gerhard Scherhorn, Urbane Subsistenz. Die zweite Quelle des Wohlstands. München 2008: oekom Verlag

Müller, Christa (2011): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München: oekom Verlag

Heinze, Rolf G. & Off, Claus (1990): Formen der Eigenarbeit. Theorie, Empirie, Vorschläge. Opladen: Westdeutscher Verlag

Hoffmann, Günter (1998): Tausche Marmelade gegen Steuererklärung. Ganz ohne Geld - Die Praxis der Tauschringe und Talentbörsen. München: Piper

Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg zur Postwachstumsgesellschaft. München: oekom Verlag

Schneider, Friedrich & Badekow, Helmut (2006): Ein Herz für Schwarzarbeit. Warum die Schattenwirtschaft unseren Wohlstand steigert. Berlin: Econ (Ullstein)

Schweppe, Ronald B. & Schwarz, Aljoscha A. (2009): Einfach gut. 99 Dinge, die nichts kosten und uns bereichern. München: Riemann

DIY – Konturen einer neuen Lebens- und Wirtschaftskultur

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Welche wirtschaftliche Dimension erreicht in Zukunft das Selbermachen, was ist der quasi- industrielle Aspekt von Do-it-yourself? Hat der Trend zum Selbermachen nachhaltige Effekte und wie integrieren ihn Unternehmen? Der Standpunkt eines Zukunftsforschers.

Von Holger Glockner

Viel wurde in den letzten Jahren bereits über den Trend zum Selbermachen und die Implikationen für Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert. Unbenommen ist dabei, dass es einige Treiber gesellschaftlicher, ökonomischer und technologischer Natur gibt, die diese Entwicklung unterstützen. DIY ist einerseits Ausdruck des Strebens nach Autarkie und Partizipation, stellt ökonomisch die reinste Form der Individualisierung dar und ist technologisch durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien vielfach erst ermöglicht worden.

Wie sich dies aber mittel- bis lang fristig auf die wirtschaftlichen Strukturen auswirkt, ist eher unsicher. Wenn es auch vereinzelt Märkte gibt, die durch den DIY-Trend maßgeblich beeinflusst werden können, wie unter anderem die Erzeugung von Medieninhalten, Energieerzeugung, Mode und Design, ist die bisherige Wirkung in vielen Fällen recht überschaubar. Aus ökologischer Sicht bleibt einstweilen der Konflikt zwischen dem Ziel der Ressourcenschonung und dem Wunsch nach individualisierten Produkten ungelöst.

Individualisierung und Personalisierung in Wirtschaftsprozessen gehen häufig zu Lasten der Effizienz, der Ressourceneinsatz wird bei einem gesellschaftlichen Durchbruch zum Selbermachen zunächst steigen. Dies könnte sich in Zukunft durch die absehbare Killerapplikation des DIY, den 3D-Druck, ändern: die neuen Verfahren drehen die bisherigen Konstruktionsprinzipien um, die Produkte werden nicht mehr aus vorgefertigten Formen gewonnen, sondern Schicht für Schicht „gedruckt“. Dadurch kann die Materialintensität gemindert und so die Nachhaltigkeit der selbstorganisierten Prozesse sicher gestellt werden. Dabei gilt es aber, den Fokus nicht nur auf die Produktion, sondern auch auf die damit verbundenen logistischen Prozesse zu richten.

Nachhaltiges Selbermachen erfordert jedoch Formen des kooperativen Individualismus. Nur in Zusammenarbeit, nicht in Autonomie, können Individuen den (Teil-)Umstieg in eine neue Lebens- und Wirtschaftskultur ressourcenschonend bewältigen. Den individuellen Lernprozessen, dem Entfalten von Kreativität und Innovation muss eine Neukonfiguration der Wertschöpfungsnetze gegenüberstehen, wodurch sich für (Start-up-)Unternehmen die Chance bietet, die Schnittstellen zwischen den einzelnen Prozessstufen neu zu definieren und zu besetzen.

Für die Zukunft ist zu erwarten, dass sich DIY in bestimmten Nischenmärkten durchsetzen kann. Vor allem aber wird es zu einem Selbermachen mit Anleitung kommen: Individuen werden durch unternehmerische Angebote erst in die Lage versetzt, Dinge und Prozesse selbst zu gestalten. Intelligente Formen der Kollaboration sind der entscheidende Erfolgsfaktor für die Möglichkeiten, neue Technologien dem Selbermachen zur Verfügung stellen.

Der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Holger Glockner ist Mitglied der Geschäftsleitung des Foresight-Unternehmens Z_punkt in Köln. Er untersucht die Gestaltung nachhaltiger Zukunftsmärkte und ist Lehrbeauftragter an der FU Berlin für den Masterstudiengang Zukunftsforschung.

Die Ästhetik des Selbermachens

e-Desk von Yuki Ishiguro

Häkelaktionen vs. Apple-MacBooks, improvisiert vs. industriell: Wie beeinflusst die Do-it-yourself-Bewegung junge Gestalter und was bedeutet das Selbermachen für den Ästhetikbegriff? Wie sehen ressourcenschonende Designprojekte im Zeitalter des Prosuming aus? Mit Prof. Marion Digel von der Folkwang-Universität der Künste in Essen sprach Ralf Bindel.

Frau Professor Digel, schicken Heimwerker-Mentalität, Fab- Labs, und Pre-Fab-Produkte junge Designer in die Arbeitslosigkeit?

Die DIY-Bewegung ist ja nicht neu, sie existiert seit den 1950er Jahren mit Höhepunkten in den Siebzigern. Schon immer haben sich Designer in den Prozess des Selbermachens eingemischt, wie der „Whole Earth Catalogue“ zeigt. Auch heute engagieren sich junge Designer systemisch auf der konzeptionellen Ebene. Sie stellen Pre-Fab-Projekte vor wie den e-desk oder KEEP.

Finden dort Ressourcenschutz und Selbermachen zusammen?

Die Designer reagieren auf die Nachhaltigkeitsdiskussion wie auch auf die DIY-Bewegung mit überraschenden Konzepten. Der e-desk, die Diplomarbeit von Yuki Ishiguro, nutzt den Pedalantrieb eines Nähmaschinentisches zum Aufladen von Handy oder Laptop. KEEP, die Bachelor Arbeit von Johannes Kunz, ästhetisiert und modernisiert die Weiternutzung von älteren HiFi-Geräten. Während man am e-desk arbeitet, lädt man sportlich den Akku des Notebooks, mit KEEP können Tonnen von Elektronikschrott vermieden werden.

Dazu muss man aber schon Lust haben?

Sicher. Beide Arbeiten sind sehr unterschiedliche DIY-Konzepte und setzen auf die ökologische Eigenverantwortung der Konsumenten. Die Konzepte erheben nicht den Zeigefinger, sondern holen die Menschen bei ihrer Lust am Selbermachen und bei ihrer emotionalen Verbindung zu ihren Dingen ab.

e-Desk von Yuki Ishiguro ist seine Diplomarbeit am Fachbereich Gestaltung an der Essener Folkwang Universität der Künste. Der kleine Schreibtisch basiert auf einem alten Nähmaschinengestell, die aber auch heute noch produziert werden. Mit Pedale und Riemen- antrieb erzeugt der Schreibtischarbeiter Strom über einen Gleichstromgenerator. Eine Batterie speichert den Strom und kann ihn über verschiedene Schnittstellen an Laptops oder Mobiltelefone abgeben. Betreuer: Prof. Marion Digel, Prof. Claudius LazzeroniBeide Projekte zeigen auch eine neue Art von Ästhetik.

Der e-desk verbindet die Ästhetik der Industriekultur mit der des Japanischen Minimalismus, während KEEP einerseits die Charakteristik von Geräten aus unterschiedlichen Generationen noch irgendwie „durchschimmern“ lässt, sie aber mit einer neuen Hülle überzieht. Sie überführt die Altgeräte in ein individuelles Wohnumfeld und in das digitale Zeitalter.

Wie wichtig ist diese Ästhetik?

KEEP ist kein neues Gerät, stattdessen werden langlebige weiter genutzt. Das gibt die Möglichkeit, etwas Neues zu bekommen ohne großen Ressourcenverbrauch. Der „Schrumpfschlauch“ lässt Nostalgie durchschimmern, und die Anlage erhält eine neue Identität. Wichtig ist auch, dass das jeder selbst machen kann. Es soll einfach sein – eine Ästhetik des Improvisierten.

Die kommt aber nicht bei allen an?

Bei der Generation der Konsumenten, die im Alter der Studierenden sind, schon. Sie hinterfragt den Ästhetikbegriff der Moderne als Ausdruck des Massenprodukts, auch wenn der Erfolg von Apple das Gegenteil vermuten lässt. Doch selbst da geht es um minimalen Materialeinsatz, wie bei der minimalistischen Ästhetik des Selbermachens.

Gibt es für die zukunftsträchtige Ästhetik des Selbermachens Regeln?

Wenn es überhaupt eine typische gestalterische Charakteristik gibt, dann ist es eher die individuelle Verbindung von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen. Sicherlich gibt es wie zu Beginn der Digitalisierung im Grafikdesign gestalterische „Auswüchse“, doch sie führen auch dazu, etablierte Ästhetikbegriffe in Frage zu stellen.

Das bedeutet für Designer?

Die Rolle der Designer manifestiert sich in der Konzeption der Interaktion von Mensch/Objekt oder an Konzepten zum ökologischen Konsumverhalten. Sind die Konzepte offen für Interpretationen des Nutzers, führen sie zu einer Ästhetik des Unperfekten, des Improvisierten und des Veränderbaren. Also zu einem sehr offenen Ästhetikbegriff, der aktiv von jungen Designern gefördert wird.

Glauben Sie an die Durchsetzbarkeit derartiger Projekte?

Wenn die Ästhetik stimmt, und die Lust der Menschen, sich selbst einzubringen, dann wird sich das durchaus stärker verbreiten. Im Moment ist es eine Gegenbewegung zum Massenkonsum, aber ich glaube, dass dieser Trend sich fortsetzt. Wir können so auch Anregungen geben für Konzepte in der weniger entwickelten Welt.

Wie beliebt ist denn unter Designstudierenden die Beschäftigung mit DIY und Ressourcennutzung?

Das hängt natürlich von der Ausrichtung der Hochschule ab. Hier in Essen denken die Studierenden schon mehr über die Sinnfälligkeit von Produktion und Konsum nach. Wenn sie sich als Impulsgeber einbringen können, empfinden sie das sehr viel spannender als nur die Hülle zu gestalten. Diese Designer sind auch sehr beliebt in der Industrie. Weniger in den Styling-Abteilungen, eher in der strategischen Entwicklung.

Die Ressourceneffekte von Projekten wie e-desk oder KEEP sind aber eher gering.

Es geht um die Addition der kleinen Effekte, dem Konsumenten bewusst zu machen, dass er in jeder Hinsicht spart. Das lässt sich auch vermarkten. Ich würde sagen, über die Hälfte der Studierenden will in die Gesellschaft hinein wirken. Ökologie ist dabei nicht der einzige Aspekt des Nachhaltigkeits- Designs. Auch soziale wie Inklusion und Partizipation spielen eine Rolle. Allerdings besteht auch die Auffassung, dass ein Produkt seine Berechtigung hat, wenn es Freude bereiten kann.

Spielt Prosuming, also ein höherer Gestaltungs- und Produktionsanteil beim Konsumenten, eine Rolle für die jungen Designer?

Aber ja. Wir befassen uns ganz stark mit dem Konsumverhalten, befragen in Umfeldinterviews unterschiedliche Nutzer und erproben Konzepte und Modelle gemeinsam mit den Nutzern. Zudem wuchsen die Studierenden bereits im Prosuming-Zeitalter auf. Doch Individualisierung von Produkten hat auch ihre Grenzen. Der Konsument möchte Vorbilder und Orientierung haben. Da ist noch sehr viel Platz für Design.

 

Prof. Marion Digel ist kommissarische Dekanin des Fachbereichs Gestaltung und Lehrende im Studiengang Industrial Design an der Folkwang-Universität der Künste in Essen.

 

Bild 2:

e-Desk von Yuki Ishiguro ist seine Diplomarbeit am Fachbereich Gestaltung an der Essener Folkwang Universität der Künste. Der kleine Schreibtisch basiert auf einem alten Nähmaschinengestell, die aber auch heute noch produziert werden. Mit Pedale und Riemen- antrieb erzeugt der Schreibtischarbeiter Strom über einen Gleichstromgenerator. Eine Batterie speichert den Strom und kann ihn über verschiedene Schnittstellen an Laptops oder Mobiltelefone abgeben. Betreuer: Prof. Marion Digel, Prof. Claudius Lazzeroni

Bild 3 + 4:

EEP ist die Bachelor-Arbeit von Johannes Kunz. Weil Elektronikschrott schon jetzt mit jährlich 40 Millionen Tonnen der am schnellsten wachsende Müllberg ist, soll KEEP Audioprodukte im Wohnbereich, die man eigentlich gerade aussortieren und ersetzen wollte, wieder attraktiv machen. Schließlich befinden sich diese klanglich und beim Energieverbrauch schon seit Jahrzehnten auf konstantem Niveau.

Da fast alle Audiogeräte über Infrarot-Fernbedienungen ansteuerbar sind, übernimmt KEEP die Rolle eines Moderators zwischen den Geräten und ermöglicht frei programmierbar neue bedürfnisorientierte Nutzungs- qualitäten via Smartphone-App. Zur Aktualisierung der Ästhetik schmiegt sich eine Textilhülle um die vormals ungeliebten Produkte und verschmilzt sie so zu einer abstrakten amorphen Struktur. Um diese Skulptur optimal zu präsentieren, stehen verschiedene Optionen, wie Wandhalterungen oder Beingestelle zur Verfügung. Betreuer: Prof. Mariaon Digel, Prof. Claudius Lazzeroni

Wirklich Selbermachen? Über Unfreiheit und Kreativität

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Gegen das Selbermachen spricht vieles, nicht nur mangelnde Professionalität, hoher Zeit- und Ressourceneinsatz. Ohnehin machen wir schon viel zu viel selbst, jetzt müssen wir uns auch noch selbst produzieren.

Von Birger P. Priddat

In einer hypermodernen, arbeitsteiligen, dynamischen Gesellschaft ist es zumindest bemerkenswert, wenn jemand alles selbermacht. Es ist eine Art archaischer Attitude, die auch nicht durch die Maxime ‚simplify your life!’ geadelt wird. Eine Maxime, die eher eine life-style-compensation-attitude zum Ausdruck bringt als eine viable Lebensform. Dass man ‚spart’, wenn man selber tätig wird – sein Haus ausbauen, tapezieren, Auto reparieren, Umzüge machen, den Garten umgraben, ist wenig belegt: oft ist die Eigenarbeit qualitativ nicht hochwertig. Anstatt etwas zu tun, worin man wirklich kompetent ist, dilettiert man in Bereichen, die andere sehr viel besser, schneller und billiger bearbeiten – eine Form von Deprofessionalisierung.

Diese Fragen sind in unserer Gesellschaft, in der man eher selber kocht als ins Restaurant zu gehen, nicht so leicht zu klären. Es gibt eine Tiefenstruktur des Selbermachens, an die wir uns längst so gewöhnt haben, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Warum sollen wir uns zum Beispiel teure Maschinen kaufen, die uns mit drei Prozent ihrer Standzeit die Wäsche waschen, wenn wir alternativ einen Service beauftragen könnten, der uns die alte Wäsche abholt und frisch zubereitet zu vereinbarten Terminen wieder zuliefert?

Und das Service-Angebot, von A nach B zu kommen in garantierter Zeit, ist ein höherer Nutzen als der Besitz eines Autos, das auch noch selber gefahren werden muss, also andere Nutzungspotentiale extrem einschränkt. Fahrdienstleistungen sind in dieser Welt smart supplies, statt des Besitzes toten Kapitals in der Garage. 1,5 Tonnen Stahl über 20 Stunden herumstehen zu lassen, bei zwei bis drei Stunden Bewegungszeit am Tag: wo ist da der Nutzen? Eigentum ist, an diesem Beispiel, ein Zeichen für Nutzlosigkeit.

Wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, wie viele Aspekte des Alltags wir uns angewöhnt haben, selber zu machen – Tanken, Möbel zusammenbauen, Bankautomaten bedienen, Müll sortieren, Einkaufen gehen und auch noch die Einkaufstüten tragen, Rasen mähen und Laub fegen, etc. –, müssten wir erstaunt sein, wie ineffizient wir unser Leben verbringen. In Japan werden alle Einkäufe geliefert, jedenfalls in größeren Städten. Das shoppen wird dort zu einem entlasteten Vorgang, befreit von schweren Tüten, die wir durch die Stadt schleppen, mindestens zum weitab geparkten Auto. Wir können uns, frei von Belastung, als freier Mensch bewegen.

Stattdessen nimmt die Tendenz zu, alles selber zu machen: Dass wir selber tanken oder Geld aus dem Bankautomaten ziehen, ist bereits selbstverständlich und bekannt als prosumption, ein Mix aus Konsum und Co-Produktion. Auch dass wir unsere Kontoführung elektronisch selbst verwalten und Ähnliches: Wir sind an diese Mensch-Maschine-Schnittstellen inzwischen so gewöhnt, dass wir sie für die moderne Form der Arbeitsteilung halten. Hier wandelt sich tatsächlich etwas: anstatt zur Bank gehen zu müssen, können wir die Dinge schnell selber erledigen.

Die Entlastung durch Dienste anderer, die wir in den oben genannten Bereichen unprofessionell verschmähen, nehmen wir – technologisch serviert – an. Wir ersparen uns die Zeit der Bewegung im Raum, indem wir uns im virtuellen Raum des Internets bewegen. Weil wir so lange bewegungslos vor den Computern sitzen, geben wir die Zeit durch ausgleichende Bewegung im Sport oder in der wellness-Bude wieder aus – und bezahlen auch noch dafür. Was wir an Zeit für den Sport aufwenden, ist allemal mehr, als was wir durch die hightech-virtual-services einsparen.

Doch erfahren wir im Internet neue Formen der Zusammenarbeit: indem wir uns ausgiebig der Informationen, Wissen, Narrative im Netz bedienen, geben wir gleichzeitig Informationen, Wissen, persönliche Daten, Bilder etc. ins Netz (in den diversen social networks, chats und blogs etc.). Den arbeitsteiligen knowlegde-Kosmos, den wir immens nutzen, beliefern wir wiederum mit allem, was wir im Netz produzieren. Es ist eine arbeitsteilige prosumption und co-production, die der Einzelne niemals erstellen könnten. Eine Form sozialer Intelligenz, der wir aber wiederum ständig zuarbeiten. Die entstehenden Formen des Selbermachens, die net-creativity, nehmen zum einen den alten Impuls auf, sind aber zugleich immer auch Produktion für andere.

Die so erzeugten ‚virtuellen Realitäten’ funktionieren als neue soziale Wirklichkeiten in den social networks zum Beispiel in Form von Anerkennungs-Gabentausch-Hervorbringungen. Was noch anderweitig als prosumption beschrieben wurde, bekommt hier eine andere Wirklichkeit: im Konsumieren / Kopieren, im remix-Format, produzieren die networkers ihre eigenen Produkte (digital homemade, in ihren e-fabrics). In diesen Verfahren stellen sie sich anderen her: indem sie sich anderen vorstellen, wie sie glauben, sich anderen vorstellen zu sollen, um Anerkennung, Bedeutung, netpresence zu erlangen.

Der Konsum hört hierbei auf, private Aneignung zu sein, sondern bildet Transformationsgüter aus, die den Nutzer ändern, indem er sich anders präsentiert, um anders wahrgenommen zu werden (net-compatibility). Wir haben es – die Humanisten unter den Lesern mögen sich für einen Moment abwenden – mit einem Bildungsprocedere zu tun, das communityoriented abläuft. Nicht als privater Konsum, sondern als netz-öffentliche Form der prosumption. Der Konsum erfolgt durch die anderen, denen man sich herstellt (production): man selber konsumiert deren Anerkennung bzw. Resonanz. Es bilden sich, auf eine unerwartete Weise, Gesellschaften aus: communities. Denn man produziert sich für die netcommunity; es geht um connectivity.

Wenn das klassische Selbermachen noch ein Mensch/ Ding-Verhältnis war, gibt sich das Sich-Selber-Produzieren als Mensch/Mensch-Verhältnis im Netzkosmos. Man tritt performativ auf, gibt sich eine personale Form, in der neue Begegnungsweisen geübt und experimentiert werden. Was das für die Gesellschaft und ihren Identitätspool bedeutet, ist noch offen. Aber anstatt sich an Dingen abzuarbeiten – ‚Selbst ist der Mann’, die Materien zwingend –, werden die modernen Netzbenutzer in den Netzkommunikationen auto-produktiv – sich selber produzierend, werden sie gespiegelt, wie sie andere spiegeln. Man beginnt, an den ‚sozialen Dingen’ zu arbeiten.

Der Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Birger Priddat leitet den Lehrstuhl für Politische Ökonomie der privaten Universität Witten/Herdecke. Sein Forschungsspektrum umfasst Kultur, Kunst und Ökonomie im weiten Sinn, sein jüngstes Buch ist (zusammen mit Klaus-W. West) „Die Modernität der Industrie“.

Diesen Beitrag finden Sie auch schön gestaltet im factory-PDF-Magazin Selbermachen.

Selber übersetzen:

simplify your life – Vereinfache Dein Leben
life-style-compensation-attitude – Lebensstil-Kompensations-Attitüde
smart supplies – Intelligente Lieferleistungen
shoppen – Einkaufen
prosumption – Sowohl Verbrauch als auch Co-Produktion
wellness – Wohlbefinden
high-tech-virtual-services – Ständig verfügbare Dienstleistungen durch permanente Internet-Verbindung
social networks – Soziale Netzwerke wie Facebook, Google+
Chats – Online-Kommunikation per Textnachricht, Audio oder Video
blog – Individuelle Publikationsmöglichkeit (hergel. v. Web und Logbuch)
knowledge – Wissen net-creativity – schöpferische Fähigkeit des Internets
remix – neu zusammen gestellt
networker – im sozialen Netz Arbeitende/r
digital homemade – per Computer selbst zu Hause hergestellt
e-fabric – Elektronisch gestütztes Produktionszentrum
netpresence – Wahrnehmbarkeit im Internet net-compatibility – Vergleichbarkeit im Internet
community-oriented – gemeinschaftsorientiert
net-community – Internet-Gemeinschaft
connectivity – Möglichkeit, ständig kommunizieren zu können

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Dann brau es doch selbst!

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Bier ist ein hervorragendes Beispiel für die Notwendigkeit des Selbermachens. Das Modell des Selberbrauens lässt sich auf viele Dinge des täglichen Lebens übertragen: Überall dort, wo die Industrie einen fahlen Einheitsgeschmack hinterlässt, rebellieren Selbermacher mit der Befriedigung zunächst ihrer persönlichen Bedürfnisse und liefern dann Innovationen und Kultur für die Gemeinschaft.

Von Ralf Bojanowski und Ralf Bindel

“Ich bin viel gereist auf der Suche nach gut gehopften Bieren“, sagt Fritz Wülfing, Bierkenner und Heimbrauer aus Bonn. „Da die in Deutschland immer seltener geworden sind, bin ich irgendwann in den USA gelandet. Von der dortigen Bierkultur war ich so beeindruckt, dass ich mit dem Heimbrauen angefangen habe.“ Bier, Kultur, USA? Wie kann das sein, bei amerikanischem Bud, Coors und Miller, die dort eisgekühlt an jeder Ecke zu haben sind und allenfalls nach nichts schmecken? Doch für Bierkenner und geschmacklich Interessierte sind die USA inzwischen ein Mekka der Biervielfalt. Das Konzept der Erneuerung: Brew it yourself.

Mangel an Genuss, Qualität und Vielfalt macht erfinderisch. Des schalen, kommerziellen US-Einheitsgeschmacks waren viele Einheimische schon vor Jahren überdrüssig geworden. Sie fingen an, selbst zu brauen. Deutsche, englische, belgische und tschechische Stile standen Pate, traditionelle Rezepte lockten und heraus kam etwas Neues: Designerbiere, mit Hopfensorten aus aller Welt, komplex, vollmundig und geschmackvoll.

Altes im neuen Stil

Pilsbier
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Die Heimbrauer entdeckten traditionelle Stile neu. So schmeckt z. B. das India Pale Ale (IPA) von heute mit seinen tiefen Hopfentönen wahrscheinlich nicht mehr so wie das Bier, das die Engländer für ihre Offiziere in den indischen Kolonien brauten, auch wenn der starke Hopfenansatz der gleiche ist.
Selbst so renommierte Stile wie das Russian Imperial Stout mit einer feinen, trockenen Balance aus Kaffee, Schokolade und leichter Säure verdanken wir den US-Heimbrauern, zumindest ihre weltweite Verfügbarkeit. Denn inzwischen erobern die Stile der Heimbrauer die Welt. Vielleicht noch nicht die ganze, aber auf jeden Fall schwappte die Welle der „Craft Beers“, der handwerklich gebrauten Biere, auch zu uns.

Das ist auch gut so, denn obwohl in Deutschland die Bier- und Geschmacksvielfalt groß ist, getrunken werden vor allem bekannte und günstige Marken. Gegenüber diesen „Fernsehbieren“ sind kleine und geschmacklich außergewöhnliche kaum verfügbar. Die so genannten Konzentrationsprozesse laufen weiter, Großbrauereien kaufen kleinere mit regionalem Vertrieb auf und schließen sie, um stattdessen eigene Produkte abzusetzen.

Von 1322 Brauereien versorgen 45 Großbrauereien drei Viertel des Marktes, stellt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung für das Jahr 2010 fest. Mit Kastenpreisen von weniger als 10 Euro können kleine, handwerkliche Brauereien kaum konkurrieren. Im Bierland Franken schließen beinahe monatlich traditionsreiche, familiengeführte Betriebe mit eigenem Ausschank.
Zudem steht in vielen fränkischen Brauereien ein Generationswechsel an. Und niemand will lokale Kleinbrauereien übernehmen, wenn das Gewerbeaufsichtsamt mit kostentreibenden Hygieneauflagen wegen Besitzerwechsels droht.

Mangelnde Vielfalt, fehlender Geschmack und sterbende Tradition sind deswegen nun auch in Deutschland oft Gründe genug, um zum Heimbrauer oder zur Heimbrauerin zu werden. So wächst die Zahl derer, die eigene Sude auf dem heimischen Herd kochen, in der Badewanne abläutern und auf dem Balkon gären und lagern, um den Einheitsbieren zu entgehen und verlorenen Geschmack zurückzugewinnen. In Hobbybrauerforen tummeln sich immer mehr Mitglieder, die Zahl der Zubehörlieferanten hat sich verzehnfacht und ihr Umsatz wächst zweistellig.

Gegen den Einheitsgeschmack

Ale
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Die langsam wachsende Bewegung und Aufmerksamkeit führt dazu, dass einige Heimbrauer wie Fritz Wülfing bereits in die nächste Phase eintreten, der Vermarktung. Sein Bier heißt offiziell Fritz Ale – American Ale, Imperial IPA, Imperial Stout undIPA sind seine Sorten. Wülfing arbeitet nach wie vor bei der Deutschen Telekom, doch zu Hause braut er schon länger nicht mehr.
„Die positive Resonanz auf meine Biere – zuerst im Freundeskreis dann darüber hinaus – hat mich bewogen, das Ganze kommerziell anzugehen“, erklärt der frisch gebackene Nebenerwerbsbrauer. Zuerst war Wülfing noch Gastbrauer in der kleinen Kölner Braustelle, jetzt braut er im größeren Siegburger Brauhaus Zum Roten Löwen.
Beides sind Hausbrauereien, die nur eigenes Bier in der Brauereigaststätte verkaufen. Diese Möglichkeit haben Heimbrauer nicht, dafür stehen ihnen andere offen. Wülfing vertreibt sein Bier über einen Internet-Shop und so kommen auch Bierfreunde in aller Welt in den Genuss seiner Ales.

Das Erstaunliche: es ist die Industrie, die den Anlass zu dieser Entwicklung liefert, dass eine stetig wachsende Zahl unterschiedlichster Menschen dazu bringt, unter hohem persönlichem Aufwand geringe Mengen eines vermeintlich so anspruchslosen Gegenstands wie Bier zu erzeugen.
Wie in den USA haben sich Einheitsgeschmäcker durchgesetzt, gleichzeitig wird an Zutaten, Bearbeitungsund Lagerzeiten aus Kostengründen gespart. Selbst kleine Brauereien passen sich an. Heutzutage ist die verbreitete Geschmacksvorstellung von Bieren: kühl, frisch und Flasche. Bitter, hopfig, trocken und komplex und als Kochzutat gelten als Extravaganzen, die niemand mehr kennt – und deren Erfahrung erst wieder erlernt werden muss.

Um heute gut gehopftes Bier zu trinken, oder den Abend mit einem Russian Imperial Stout abzuschließen, muss man also selber brauen, Heimbrauer kennen oder Craft-Beer teuer einkaufen. Denn klar ist: Heimbrauen kostet und für einen guten Sud muss man auch schon mal sechs Stunden opfern.
Zwar kann jeder eigentlich schon in einfachen Töpfen und Plastikbehältern brauen, doch die Kosten für weitere Braugeräte, -zubehör, Energie und Zutaten machen das Heimbrauen hierzulande finanziell unattraktiv, trotz der 200 Liter Bier pro Jahr, die man steuerfrei herstellen darf.

Ökologisch ist Heimbrauen ebenfalls nicht. Meist wird mit Strom geheizt und die Kühlschlange mit durchlaufendem Trinkwasser betrieben. Zutaten aus Bio-Anbau sind noch nicht verbreitet und mehrere, auf viele Haushalte verteilte, kleine Brauautomaten aus Edelstahl statt weniger großer Behälter in Brauereien bringen auch ordentlich Materialverbrauch auf die Waage.
Dafür kommt hier das Soziale, das „Kommunale“ der Commons ins Spiel wie beispielsweise beim neu gegründeten, nicht-kommerziellen Dortmunder Bürgerbräu.

In der ehemaligen mengenmäßigen Bierhauptstadt Europas schlossen sich Heimbrauer zu einer Genossenschaft zusammen und finanzierten und bauten gemeinsam eine größere Brauanlage. Die wird von den Mitgliedern genutzt und ist damit ressourceneffizienter und kostengünstiger als die eigene Heimbrauanlage. Außerdem macht Brauen in Gesellschaft noch mehr Spaß und man erhält Tipps, Hilfen und Ermunterung bei jedem Ansatz.

Gut für die Gemeinschaft

Weizenbier
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Die Tradition der eigentlichen Kommunbrauereien, wie es sie in Bayern und Thüringen nur noch in wenigen Orten gibt, ist ein gutes Beispiel für gemeinschaftliche Ressourcennutzung und soziale Produktion. Kommunbrauhäuser sind in Gemeindehand und jede Brauerin und jeder Brauer darf dort produziertes Bier selbst nutzen, im eigenen Haus ausschenken oder fassweise verkaufen.

Nicht zuletzt entstehen dadurch im lokalen Wettbewerb qualitativ hochwertige Biere und bereichern vor allem die bedrohte Geschmacksvielfalt. Besonders gut erleben kann man das in den Gemeinden rund um Windischeschenbach an der bayerisch-tschechischen Grenze, wo in beinahe jedem Haus ein unterschiedliches „Zoigl“ angeboten wird. Kommunbrauhäuser oder ausgeliehene kommerzielle Brauhäuser könnten also die FabLabs, die Geschmackslabore und Offenen Werkstätten der Heimbrauer sein – und die Geburtsstätten der Vielfalt 2.0.

Selberbrauen hat jedoch nicht nur mit der Suche nach dem verlorenen Geschmack zu tun. Für Günther Baumann, Mitgründer des nichtkommerziellen Münchner Richelbräus, ebenfalls eine gemeinschaftliche Hobbybrauerei, kommen auch ästhetische Komponenten hinzu. Baumann sieht sowohl einen sinnlichen als auch einen kulturkritischen Aspekt
„Bierbrauen ist eine Art ganzheitliches Lebensgefühl. Das Hantieren mit Naturstoffen, das Wiegen und Messen, das Probieren und das Um- und Abfüllen gibt mir eine innere Zufriedenheit, führt mich weg vom Alltagsstress, hinein in ein Gefühl, die Früchte der Arbeit auch körperlich genießen zu können“, wirbt er für seine Sache.

Die heimische Bierproduktion sei vielleicht nicht die wirtschaftlichste und für manchen Privatbrauer sogar ein Verlustgeschäft, aber sie seien nun mal Idealisten, so Baumann: „Wir haben Angst, dass durch die Monopolisierung und Konzentration auf wenige Global Player die Vielfalt der Biere verloren geht und irgendwann nur noch ein Einheitsbier übrigbleibt, das nach nichts schmeckt. Wir stehen für die Vielfalt, die Experimentierfreude und den Überraschungsmoment, wenn am Ende des Brautags eine neue Biersorte geboren wird.“

Bier in Bewegung

Rotbier
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Im Gegensatz zu den USA, die mit geschätzten eine Million Heimbrauern, 900 Brauclubs und 300 Hobbybrauerwettbewerben als Mekka der Hausbrauerei bezeichnet werden kann, beginnt die Bewegung in Deutschland erst. In den USA haben die Selberbrauer die Bierkultur massiv vorangetrieben, viele von ihnen wagen inzwischen den Schritt in die Professionalität. So öffneten dort allein im vergangenen Jahr 350 Brauereien.

Auch in Deutschland wächst die Heimbrauerszene. Ein Indiz dafür mögen stellvertretend die über hundert aktuell beim Hauptzollamt angemeldeten Hausbrauer allein in der Stadt München sein. Selbst die Zahl der kleinen Brauereien mit einem jährlichen Ausstoß unter 50.000 Hektolitern ist in den Jahren 1996 bis 2009 um 11 Prozent von 1036 (von insgesamt 1276) auf 1149 (von 1327) Brauereien gestiegen.
Allerdings machen alle Kleinbrauereien unter 20.000 Hektolitern Jahresproduktion zusammen nur ganze 1,5 Prozent des Gesamtausstoßes der deutschen Brauereien aus, der stetig sinkt auf aktuell knapp unter 100 Millionen Hektoliter pro Jahr.

Bisher sind es in Deutschland nur wenige Quereinsteiger, die Brauen zum Beruf machen. Die meisten neuen Craft-Bier-Brauereien werden von Profis geführt. Doch im Umfeld der Heimbrauer wächst das Bewusstsein für Bier, Bier-Sommeliers tauchen immer häufiger auf, Bierkultur-Festivals entstehen, Biershops öffnen und die großen Brauereien reagieren.

Kontra Gegenkultur

Stout
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Denn wie bei allen Bewegungen hat sich mittlerweile auch die globalisierte Bierindustrie der Gegenkultur des Craft-Bieres angenommen. Bei insgesamt sinkendem Absatz erkennt sie das ökonomische Potenzial des Craft-Beer-Segments. Eine Strategie ist die Entwicklung einer Luxus-Produktlinie wie BraufactuM, die die größte deutsche Brauereigruppe Radeberger auf den Markt gebracht hat. Mit 25 „Partnerprodukten“ von neun anderen Brauereien und neun eigenen Sorten versucht der Konzern auf den Craft-Beer-Zug aufzuspringen.

Dabei sind diese „Gourmetbiere“ mit Preisen zwischen drei und 30 Euro noch vergleichsweise günstig, vergleicht man sie mit dem Edelprodukt von Carlsberg, viertgrößter Braukonzern der Welt. Deren „Jacobsen Vintage No. 1“ bzw. „No. 2“ in Flaschen zu 0,375 l kostet umgerechnet 270 Euro. Eine andere Strategie der Braugiganten, den kleinen Fischen des Biermarktes das Wasser abzugraben, besteht wie bei den Konzentrationsprozessen darin, deren innovativste Hersteller gleich ganz zu schlucken und ihre Nischenprodukte in Massenartikel zu wandeln.

Das wiederum geht nicht ohne Qualitätsverluste, wie viele Übernahmegeschichten der Bierhistorie zeigen, zum Beispiel die des Milchmanns und Hausbrauers Pierre Celis. Er hatte nach dem Verlust der letzten dorfeigenen Brauerei in Hoegaarden 1966 angefangen, den lokalen Stil eines belgischen Weizenbieres in einem alten Waschkessel nachzubrauen. Stella Artois, heute unter dem Namen AB Inbev der größte Braukonzern der Welt, machte Hoegaarden ab 1991 zum weltweit meistverkauften Weizenbier.

Handwerklich brauen, Qualität und der Wunsch nach kommerziellem Erfolg durch Industrialisierung sind beim Selberbrauen in einem typisch marktwirtschaftlichen Zyklus verbunden, in dem sich viele Bereiche des Selbermachens und gerade die Lebensmittelproduktion befinden.

Doch die Selberbrauer sind es, die dem System von Innovation und Verdrängung immer wieder neue Energie zuführen. Gregory Noonan, einer der Pioniere der nordamerikanischen Craft-Beer-Szene und Inhaber des Vermont Brewpubs, drückt es so aus: “Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Hausbrauerei aufhört, der Motor zu sein, der das ganze Gewerbe antreibt. Wird das Bierbrauen von ausgebildeten Fachleuten dominiert, die nur aus beruflichen Gründen und nicht aus Leidenschaft brauen, dann hört die handwerkliche Bierbrauerei auf, das zu sein, was sie heute ist.“

Mehr Beiträge zum Thema Selbermachen, dazu Zahlen und Anekdoten, hübsch illustriert und prima lesbar auf Bildschirmen und Tablets finden Sie in unserem factory-Magazin Selbermachen.

Ralf Bojanowski ist Journalist und schreibt zu Kulturwissenschaften und Bier. Ralf Bindel ist Redakteur der factory und Bierliebhaber. Mit Vom Faustkeil zur Desktop-Fabrikation leitet er das Thema Selbermachen ein.

Faires, Gutes und Schönes

Sessel aus Fahrradschläuchen und Altpapier, dekorative Schüsseln aus Ölfässern, faire Fashion und viele gute Produkte zum Essen, Trinken, Anziehen, Fahren, Wohnen und Nutzen - das ist die Kombination aus Gut. Die Messe, Heldenmarkt, Creative Stage und Dialog N für Sustainable Design in der Bochumer Jahrhunderthalle. Alles, um den nachhaltigen Lebensstil selber machen zu können.

Mit langen Schlangen an der Kasse begann gestern die bunte Mischung aus Ausstellermesse und Vortrags- und Workshopprogramm. Noch bis Sonntag 19 Uhr ist Gelegenheit für einen Besuch.

Und es lohnt sich, denn zum einen sind liebens- und lebenswerte Re- und Upcycling-Produkte zu entdecken und zu kaufen, zum anderen werden im Heldenmarkt viele Dienstleistungen angeboten, die ein nahezu vollständig nachhaltiges Leben möglich machen sollen. Vom Bank-, Versicherungs-, Strom-, Reise-, Auto- und Lebensmittelangebot reicht das Programm.

Darüber hinaus stellten gestern auf der Creative Stage Designagenturen ihre Arbeiten vor, die zum Teil Nachhaltigkeit zum Thema hatten oder deren Ideen sie von sozialen Werkstätten umsetzen lassen. Heute gibt es ein Workshop-Programm der Sustainable Summer School Designwalks, das Kreativen Ideen des nachhaltigen Gestaltens und Ideen-Findens näher bringen will.

Fazit: Gut. Die Messe hat zwar einen komischen Namen, der viele an die in den letzten Jahren gern diskreditierten Gutmenschen erinnert, er trifft die Sache aber auf den Punkt. Die eher handwerklichen Aussteller stellen viele Re- und Upcycling-Ideen vor, auf dem Heldenmarkt sind viele bereits etablierte kommerzielle Dienstleistungs- und Handelsprodukte zu finden. Das Ganze im historisch-urigen Industriekulturambiente der Jahrhunderthalle ist ein Gewinn für das zunächst graue Frühjahrswochenende.

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