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Vor-Sicht


Vor-Sicht heißt Zukunft gestalten

factory Titel Vor-Sicht

„Der zuverlässigste Weg, in die Zukunft zu sehen, ist das Verstehen der Gegenwart“, sagt John Naisbitt, dem wir das Buch Megatrends und den Begriff Globalisierung zu verdanken haben. „Die Antworten zu unseren Problemen kommen aus der Zukunft und nicht von gestern“, meint Frederic Vester, Biochemiker und Kybernetiker und Autor des Bestsellers „Denken, Lernen, Vergessen“. Ja was denn nun? Woher kommen die Antworten über unsere Zukunft, aus der Vergangenheit, der Gegenwart oder aus der Zukunft?
Aus einer Richtung nicht allein, soviel ist sicher. Dass wir so nicht weiter machen können, wie bisher, und auf die altvertrauten oder noch zu entdeckenden technologischen Lösungen setzen können, scheint ebenso klar. Angesichts von zyklischen Wirtschafts- und Finanzkrisen, fortschreitendem Klimawandel, ungebremster Ausbeutung natürlicher Ressourcen und zunehmendem Abstand zwischen Arm und Reich fehlt uns eine Perspektive, die eine ökologisch, ökonomisch und sozial gerechte Lebenswelt wahr werden lässt, die die Lebensgrundlagen bewahrt und nicht zerstört.

Eine nachhaltige Entwicklung ist eine solche Zukunftsperspektive, doch sie benötigt mehr Aufladung und emotionale Attraktivität, sagt der Futurologe Karlheinz Steinmüller im factory-Interview Vorsicht vor zuviel Vorsicht. Szenarien können Menschen helfen, mehrere Entwicklungswege vorstellbar zu machen und sich für den einen statt den anderen Pfad zu entscheiden, berichtet Klaus Dosch, wissenschaftlicher Leiter der Aachener Kathy Beys-Stiftung in Was wäre wenn.
Ökologische Innovationen allein, wie in factory beschrieben, werden die Welt nicht retten, zeigt ein Blick auf die Statistik: Das Wachstum der Patentanmeldungen korreliert mit einem verstärktem Naturverbrauch. Soziale Innovationen sind ein Schlüssel zum Weniger, empfiehlt der Philosoph Bernd Draser in Utopie ist nicht machbar, Herr Nachbar, wobei er den Rückgriff auf soziale Traditionen meint.

Diese sind es auch, mit denen wir in der Anleitung zum Älterwerden des Psychologen Manfred Nedler dem demografischen Wandel begegnen. Dass wir von einem Dialog über neue Technologien und deren Folgen auch neue Strategien für eine neue Gesellschaftsentwicklung erwarten können, dafür plädiert der Soziologie Ortwin Renn.
Und auch das Beispiel der Aquakulturen im Beitrag von Bert Beyers zeigt, dass ein Umgang mit schrumpfenden Ressourcen möglich ist. Also halten wir es lieber mit Willy Brandt als mit Helmut Schmidt und gestalten die Zukunft, statt sie gestalten zu lassen. Stellen wir die richtigen Fragen. Wie wollen wir leben statt wie werden wir in Zukunft leben.

In diesem Sinne viel Freude mit unserer Vor-Sicht-Ausgabe, die das Themenspektrum Zukunft-Vision-Utopie und Nachhaltigheit mit einem vorsichtigen Titel verbindet. Wie immer ist das PDF-Magazin noch mit hilfreichen Zahlen und Zitaten versehen, aufwendiger illustriert und besser lesbar auf Tablets und Bildschirm.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Vorhersage, Zukunft, Trends, Visionen und Utopien finden Sie nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Vor-Sicht. Das PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen.

Was wäre wenn

© shutterstock.com

Der Blick in die Zukunft mit Glaskugel, Kaffeesatz & Co. hat kaum Konsequenzen. Doch in Szenarien kann man mit Faktoren spielen und konkrete Vorstellungen von möglichen Zukünften entwickeln – und daraus für die Gegenwart lernen. 

Von Klaus Dosch

Wissen, was die Zukunft bringt! Ein alter Traum der Menschheit, der Trendforschern, Demoskopen und Wahrsagern bis heute Arbeit und Einkommen verschafft. Da waren Spurinna, der Julius Caesar vor seiner bevorstehenden Ermordung gewarnt haben soll, Nostradamus, wohl einer der bekanntesten Seher der Vergangenheit, Malachias, der im Mittelalter die Zahl der bis zum Jüngsten Tag noch folgenden Päpste mit 276 vorhersah – und viele andere mehr: 

All ihren Prophezeiungen war und ist gemein, dass man an sie glauben kann – oder auch nicht. Wer an das Ende der Welt am 21.12.2012 glaubte, weil ein Kalenderzyklus der Mayas an diesem Tag endet, wurde am Morgen des 22.12.2012 bitter enttäuscht: Die Erde drehte sich immer noch um die Sonne, vom apokalyptischen Weltuntergang keine Spur. Als Entscheidungsgrundlage taugten und taugen solche Vorhersagen kaum. Ebenso wie Cäsar aus den Einflüsterungen von Spurinna keine Konsequenzen zog, kam wohl niemand ernsthaft auf die Idee, ein halbes Jahr vor dem 21.12.2012 den Job zu kündigen, alle Besitztümer zu versilbern und noch mal ordentlich „einen drauf“ zu machen.

Überhaupt ist es gar nicht so verlockend zu wissen, was wann passiert – vielleicht abgesehen vom Wetten auf Lottozahlen oder Börsenkurse. Doch will man nicht tatenlos abwarten, was die Zukunft bringt, zählen die Fragen nach dem Warum und nach dem Was-wäre-wenn. Denn wer diese Fragen beantworten kann, hat Macht und kann etwas ändern. Das Warum beinhaltet Abhängigkeiten, Kausalitäten und Rahmenbedingungen. Das Was-wäre-wenn ist ein Denken auf Vorrat mit der Konsequenz, mental auf wesentliche Entwicklungen im Leben, in der Region oder im eigenen Business vorbereitet zu sein. Es ist ein Stück Risikomanagement, das über Statistik hinausgeht. Zur Bildung von Widerstandsfähigkeit, von Resilienz, gehört es dazu.

Wer die Gründe einer künftigen Entwicklung versteht, hat zunächst ein gut funktionierendes Frühwarnradar. Er kann verfolgen, in welche Richtung die von ihm verstandenen Kausalitäten die Realität verändern. Er kann die Kausalitäten versuchen zu beeinflussen, um die Entwicklung abzuändern. Er kann Allianzen schmieden, andere überzeugen und so die Zukunft beeinflussen. Er kann das eigene Unternehmen (oder das eigene Leben) verändern, um unerwünschten Konsequenzen der Entwicklung aus dem Weg zu gehen.

Theorie und Praxis 

Shell versucht seit Jahrzehnten zu verstehen, wie sich die Welt verändert und welchen Einfluss dies auf das Unternehmen hat. Schon in den sechziger Jahren arbeitete ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern an Zukunftsszenarien. Ihren ersten großen Auftritt hatte das Team, als sie Anfang der Siebziger in ihren Szenarien die Möglichkeit einer Ölkrise ins Auge fassten. Rohöl wurde in dieser Zeit hauptsächlich im arabischen Teil des Nahen Ostens gefördert. Nach der Niederlage von Ägypten und Syrien im Jom-Kippur-Krieg 1973 demonstrier­ten die arabischen Ölstaaten ihre Soli­darität mit ihren arabischen Bruderstaaten, in dem sie den Ölhahn für die westliche Welt abdrehten. Die Welt sah ihre erste Ölkrise. Bundesbürger durften an einigen Sonntagen kein Auto mehr fahren. Aber Shell war darauf vorbereitet. Diese Entwicklung hatten die Shell-Futurologen zuvor in einem Szenario beschrieben, das Unternehmen hatte auch für diese mögliche Entwicklung Vorbereitungen getroffen und ausgearbeitete Pläne in der Schublade. Die Konkurrenz dagegen verharrte noch einige Zeit in Schockstarre und verhalf so Shell zu einem wertvollen Marktvorsprung.

Peter Schwartz, ehemaliger Chef der Szenario-Gruppe bei Shell und ein profunder Kenner der Kunst des Blickes in eine ferne Zukunft beschreibt das Dilemma der Zukunftsprognose treffend: Jedes Jahr, jedes Jahrzehnt gebe es soziale oder technologische Überraschungen, die plötzlich und unvorhersehbar auftauchen. Wie sollen Menschen, Unternehmen oder andere Institutionen für die Zukunft planen, wenn sie nicht wissen, was die Zukunft überhaupt bringt?

Die Szenariotechnik ist dafür ein probates Mittel. Es sind nicht nur Geschichten, die plausibel und anschaulich beschreiben, was in Zukunft warum passieren wird. Gute Szenarien fesseln den Leser, sie lassen ihn in die beschriebene Welt eintauchen, lassen ihn spüren, was in den beschriebenen Welten passiert. Sie erforschen Konsequenzen, suchen Gewinner und Verlierer, Chancen und Risiken. Sie erzeugen Neugier, die unbekannten Welten der Zukunft gedanklich zu erforschen. 

Faktoren für vier Welten

Und wie kommt man zu Szenarien? Zunächst gilt es, die Frage zu präzisieren, deren Antwort in den Szenarien stecken soll. Fragen, die mit ja oder nein zu beantworten sind, taugen nicht für diese Art der Szenarien. Wie wird sich die Windkraft-Branche in Deutschland entwickeln? oder Welche gesellschaftlichen Optionen hat eine Region nach dem Wegfall ihres größten Arbeitgebers? Das sind Fragen, für die sich Szenarien entwickeln lassen. Zugleich sollten Szenarien eine gehörige Zeit in die Zukunft blicken wollen.

Hat man erst die Frage, geht es um das Gerüst. Welche Faktoren beeinflussen in der Zukunft das Geschehen besonders stark und sind zugleich besonders unsicher? Zweckmäßig ist es mit mehreren Menschen über die Zukunft zu sprechen, um diese  Beeinflussungsfaktoren zu erfahren. Je mehr unterschiedliche Perspektiven zusammen kommen, desto besser. Für das Gerüst der Szenarien werden die beiden wichtigsten und zugleich unsichersten Faktoren gesucht. Zudem müssen sie – im mathematischen Sinn – linear unabhängig sein. Nicht mathematisch ausgedrückt dürfen beide Faktoren nicht von einander abhängen. Bildlich gesprochen darf der eine Faktor nicht wackeln, wenn der andere angestoßen wird. Diese Faktoren sind der Kern der Szenarien und daher ungemein wichtig. Ihre Ermittlung kann Zeit in Anspruch nehmen. 

Besteht Konsens über die beiden Faktoren, bilden diese ein Koordinatenkreuz. Die Endpunkte der Achsen entsprechen jeweils den beiden extremen Ausprägungen des Faktors. Damit sind vier Welten in der gesuchten Zukunft grob charakterisiert. 

Die Kunst der Szenarien liegt in der Beschreibung des Weges in diese vier Welten. Hier geht es um Kausalketten, nicht um zeitliche Narrative. Wer sich gedanklich in ein Szenario vertieft, muss den dort beschriebenen Weg als logisch und zwingend empfinden.   

Szenarien sind neben dem Denken auf Vorrat hervorragende Kommunikationsmittel. Sie verbinden die mit ihrer Erstellung beschäftigten Menschen zu einem kreativen Team. Ein Team – das sich losgelöst vom operativen Tagesgeschäft – mit strategischen Fragestellungen beschäftigt. Besser kann Partizipation kaum gemacht werden.    

Probieren Sie es bei nächster Gelegenheit einfach mal aus. Oder lernen Sie von schon geschriebenen Szenarien aus unserer Liste.

Beispielhafte Zukünfte:

Aachener Stiftung Kathy Beys, Indeland 2050 Szenarien, Aachen, 2008
Peter Schwartz, The Art of the Long View - Planning for the future in an Uncertain World Doubleday, New York, 1996.
Kees van der Heijden, The Art of Strategic Conversation - 2nd ed., John Wiley & Sons Ltd., Chichester, West Sussex, GB, 2005.
Paul Raskin et al., Great Transition – The Promise and Lure of the Times Ahead, A report of the Global Scenario Group, Boston, 2002.

Klaus Dosch ist Geologe und wissenschaftlicher Leiter der Aachener Stiftung Kathy Beys. In factory schrieb er zuletzt Nutzen statt Besitzen, ein neues Geschäftsmodell und "Trennen tut gut" im factory-Magazin Trennen.

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Utopie ist nicht machbar, Herr Nachbar.

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Jedes zweite neue Auto wird in Deutschland in wenigen Jahren ein schwerer Geländewagen vom Typ SUV sein, dabei leben wir zu fast 80 Prozent in Städten. Die Vermutung liegt nahe, dass aus der nachhaltigen Entwicklung nur etwas wird, wenn die Menschen sich ändern. Doch eine nachhaltige Entwicklung braucht keinen neuen „Neuen Menschen“, sondern den neugierigen Blick auf bewährte und widerlegte Traditionen.

Von Bernd Draser

Es wäre so gut, wenn der Mensch besser wäre. Wie gerecht, wie zukunftsfähig, wie glücklich könnte die Welt dann sein! Aber was tun, da der Mensch einfach nicht besser sein will? Wenn er weiterhin tapfer sündigt? Sich lieber einen Zweitwagen leistet als ein Zweirad, lieber eine Fernreise als ein Cityticket? Müsste er nicht zu seinem Glück gezwungen werden? Oder wenigstens zu dem der künftigen Generationen? Soll man ihn nicht erziehen zu einem besseren, einem neuen Menschen? Und wenn er sich nicht erziehen lassen will, dann eben züchten? Brauchen wir nicht die Utopie einer anderen Welt? Sind wir, die wir doch das Gute wollen, nicht berufen, die uns zu Gebote stehenden Mittel auch einzusetzen? Gerade jetzt, im Vollgefühl der tiefsten Krise? 

Im Jahre 1999 hoffte Peter Sloterdijk in seinen Regeln für den Menschenpark auf „wirkungsvolle Verfahren der Selbstzähmung“ mittels „Anthropotechnologie bis hin zu einer gezielten Merkmalsplanung“ in Gestalt der „optionalen Geburt“ oder „pränatalen Selektion“. Damit wäre beispielsweise die Gewaltwelle an amerikanischen Schulen in den Griff zu bekommen, wenn schon die schulische Zähmung vor den „Enthemmungsmedien“ kapituliere. Umtost von der Empörung des Feuilletons verwandelte Sloterdijk auf offener Bühne seine gewitzten (bei Platon, Nietzsche und Heidegger entlehnten) Spiele mit den Worten „Lektion“ und Selektion in den Ernst der Biopolitik

Spielen wir das Sprachspiel weiter und dehnen die Biopolitik aus, um den Menschen selbst „bio“ zu machen, um eine nachhaltige Entwicklung mit den gründlichsten Mitteln zu befördern: Wenn die beiden Hot Spots der Ressourcenausbeutung die Ernährung und der Verkehr sind, hätte es da nicht seinen Charme, die zukünftigen Generationen pränatal dergestalt zu optimieren, dass sie aus freien (oder vielmehr: biologisierten) Stücken auf Fleisch und Fernreisen verzichten und die kooperativen den kompetitiven Lebensstilen vorziehen? 

Utopien als Inseln

Seit dem 19. Jahrhundert erfreuen sich die Phantasien und Praktiken von Zucht und Züchtung großer Resonanz; der „Neue Mensch“, so der Titel einer Ausstellung des Dresdner Hygiene-Museums (1999), gehört zu den „Obsessionen des 20. Jahrhunderts“ bei allen, die eine andere Welt wollen, sei es in Architektur oder Wirtschaft, Rasse, Politik oder Verkehr. Der utopischen Träumerei von einem neuen Menschen folgte stets das barbarische Erwachen. Das liegt am Wesen von Utopien, und das ist der totale Anspruch auf Herstellung eines neuen goldenen Zeitalters unter Ausmerzung all dessen, was dem im Wege steht. Der Ausgangspunkt einer utopischen Phantasie ist das Leiden an den Unzulänglichkeiten der aktuellen Gesellschaft. Deshalb fertigt man zwecks einer handlichen Erzählung eine vereinfachte Spiegelung der Gegenwart an, indem man beispielsweise Komplexität reduziert, Antworten vereinfacht und Szenarien zuspitzt, z. B. durch glasklare Aufteilung in Gut und Böse, Freund und Feind. Erzählerisch bedarf es entweder des Entwurfs einer vermeintlich besseren, gerechteren Gesellschaft, oder des Ausmalens der Konsequenzen eines Weiter-So als Endzeit-Szenario. Die dramaturgisch geschickteste Lösung ist freilich die Paarung beider Varianten in einer großen Erzählung der nahen und katastrophalen Endzeit, auf die dann eine neue Welt mit einem neuen Menschen folgt; um die und den endlich zu erreichen, muss freilich die Endzeit herbeigeführt werden!

Ein unerlässlicher Kunstgriff ist der totale Bruch mit Vergangenheit und Gegenwart, denn nur so ist die rücksichtslose Durchsetzung des als gut Postulierten zu erreichen, notfalls mit Gewalt, denn alles Nichtkonforme muss ausgelöscht werden. Und da die Zukunft meist sehr lange auf sich warten lässt, um dann doch wieder in Gegenwarten zu zerrieseln, verliert der utopisch entflammte Geist die Geduld und will sofort Ergebnisse erleben, als konkrete also sehr kleine Utopie. Und die heißt mit Vornamen Alternative und macht viel Arbeit, weil die Komplexität, die man der Utopie zuvor mühsam ausgetrieben hatte, durch alle Poren wieder hereinquillt. Da hilft nur eines, nämlich die Poren zu stopfen, der utopische Raum muss von der dekadenten Restwelt sauber abgetrennt werden. Daher sind literarische Utopien meist auf Inseln angesiedelt (Utopia bei Morus, Atlantis bei Platon). Lukas Cranach umgibt auf seinem Gemälde Das goldene Zeitalter den Ort mit einer veritablen Mauer, politische Utopien des 20. Jahrhunderts folgten dieser Tradition und pointierten sie mit Stacheldraht.

Nach hinten statt nach vorn

Was folgt daraus? Müssen wir vor der Zukunft kapitulieren? Entzieht sich alles Kommende unserer Verfügung? Durchaus nicht. Wenn Nachhaltigkeit tatsächlich eine Utopie wäre, dann hätten wir ein echtes Problem. Sie ist aber kein Zukunfts-, sondern ein Traditionsprojekt. Was will das sagen? Die Zukunft ist nichts, was bereits feststünde und sich lediglich unserer Kenntnis entzöge, vielmehr wird sie das Ergebnis von überkomplexen Wechselwirkungen sein, die sich unserem formenden Eingriff entziehen. Wenn wir nach vorne schauen, blicken wir ins Leere. Unsere Zukunftsprojekte sind in Wahrheit Projektionen. Schlimmer noch: Die großen Phantasmen der Machbarkeit, die Utopien, sind der Ursprung all der Probleme, die wir mit ihnen zu lösen suchen. Das Abenteuer der technischen Unterwerfung der Natur ist auch der Anfang unserer neuzeitlichen Philosophie mit Bacon und Descartes, und mit einer eigentümlich zivilisationskritischen Pirouette, auch Rousseau

Es ist eine beliebte Phrase in der ökologischen Bewegung, dass wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Das Bild ist tiefer als der häufige Gebrauch vermuten lässt. Denn der Ast, auf dem wir sitzen, ist nicht die Natur, sie ist der Grund, in dem der Baum wurzelt. Unser „Sitz“ sind unsere Traditionen, denn die prägen unsere Verhaltensmuster und unser Weltverhältnis. Der Blick nach hinten ist produktiver, wichtiger als der nach vorn, wo nichts zu sehen ist, denn wir lernen von unserer Vergangenheit mehr als von müßigen Endzeiterwartungen. Wir können vor allem eines lernen, dass Nachhaltigkeit nichts ist, das durch Biopolitik und genetische Optimierung herbeigezwungen werden muss oder kann, sondern vielmehr den allergrößten Teil unserer Tradition ausmacht.

Traditionelle Sozialtechniken sind innovativ

Das, was wir heute als Nachhaltigkeitsstrategien etablieren wollen, ist durchweg altmodisch und liegt ganz dicht unter der Oberfläche unserer industrialisierten Lebenswelt. Das zyklische Denken ist uns stammesgeschichtlich zueigen. Dieses ganze Konzept von machbarer Zukunft ist so frisch und oberflächlich, dass es gegen die kilometerdicken Sedimente unserer Stammesgeschichte nicht mehr als eine Staubschicht bildet. Einige nahe liegende Beispiele: Was sich heute als Urban Gardening großer Beliebtheit erfreut, ist der schöne Nachklang der alten Subsistenzwirtschaft, die von der neolithischen Revolution bis in die Nachkriegszeit hinein als kleines häusliches Gemüsebeet der Normalfall war. Der regionale und saisonale Konsum ist überhaupt erst seit kurzem in Vergessenheit geraten. Das Tauschen und Teilen ist so alt wie die dörfliche Lebenswelt und das Wirtschaften in Sippen. Das Do-It-Yourself und Reparieren statt Entsorgen war bis vor kurzem eine Selbstverständlichkeit. Der Verzicht auf Fleisch hat sein Jahrtausende altes Präludium in den religiösen Fastenzeiten. Schon der schnelle Blick zurück erweist sich als deutlich pragmatischer denn die Verheißung eines neuen Menschen. Das Navigieren mit dem Rückspiegel ist als einziges nicht blind.

Tradition ist eine wachsende Ressource 

Wenn wir, gerade was unsere Lebensstile angeht, die aufgeblasenen Ziele der Utopien vergäßen und statt ihrer in unserem unmittelbaren Bereich einige Dinge geschickter, also traditioneller anstellten, wäre viel gewonnen. Die Nachhaltigkeitsdebatte wird sich von den großen, totalen, globalen Lösungen abwenden müssen und kleinteiliger, regionaler, vielfältiger werden. Sie wird feststellen, dass es nicht um industriell-technologische Lösungen gehen kann, auch nicht um die großen ökonomischen und politischen Würfe, die zuletzt doch wieder in brutalem Umfang natürliche Ressourcen verpulvern, sondern um kleine Akzentverschiebungen in Geschmäckern und Wertschätzungen einzelner Individuen. Das Charmante daran: Die Ressource Tradition wird durch Gebrauch nicht dezimiert, sondern wächst und gedeiht. 

Und was wir von der Tradition der Künste lernen können: Die Ästhetik kann in der Nachhaltigkeit ihr Recht einfordern. Hoffentlich auf Kosten der Ethik, denn wenn ein nachhaltiger Lebensstil als sittliche Forderung erhoben wird, dann ist der sicherste Schritt getan, um das Geforderte an Widerwillen scheitern zu lassen. Ästhetik kann alles, was die Ethik will, nur besser. Ein schlichtes Beispiel verdeutlicht das: Wird ein Kunstwerk schöner, wenn man noch etwas hineinsteckt, oder wenn man etwas weglässt? Ein Museumsbesuch oder ein klassisches Konzert wird mehr für eine Ökonomie der Zurückhaltung und des rechten Maßes sensibilisieren als eine moralischer Appell oder ein noch ökologischeres Produkt, das man nun auch unbedingt haben muss. Eine ästhetische Auffassung von unserem Leben ist die beste Absicherung gegen die Scheußlichkeiten des Massenkonsums. Nietzsche sagte einmal, in einem ganz anderen Kontext: „Jetzt entscheidet unser Geschmack, nicht unsere Gründe.“

Wir können von exemplarischen und experimentellen Lebensweisen sprechen, und nicht nur sprechen, sondern auch an ihnen arbeiten: ganz konkret, ganz kleinteilig, ohne große Entwürfe, die aus der Leugnung von Komplexität die Kraft des Brüllens beziehen. Das wären dann lustvolle Versuche, vorläufige Entwürfe, ohne den Hang zum Totalen, ohne den Willen zu einem letzten Ende, ohne Abschaffung des Menschen, eine nicht endende Bewegung, lebendig, heiter, ein Spiel…

Bernd Draser ist Philosoph und Dozent an der ecosign-Akademie in Köln. Für factory schrieb er über die Kunst des Trennens im Magazin Trennen und über Haben zum Teilhaben im Magazin Teilhabe.

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Das Rad neu erfinden

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Sternzeit 2013. Wir befinden uns auf dem Weg in die nachhaltige Entwicklung. Die Energiewende hat ein Klima der Innovation geschaffen, überall herrscht Aufbruchstimmung. Es entstehen hervorragende Konzepte, die so einfach sind, dass man sich fragt, warum wir nicht früher darauf gekommen sind.

Von Bert Beyers

Energie

Ein eigenes Kraftwerk für das eigene Haus. Ein Startup in Köln will den Kauf einer Solarstromanlage so einfach machen wie den eines Fernsehers. Konfiguration, Bestellung, Installation – alles aus einer Hand. www.greenergetic.de

Die schweizer Umweltarena ist eine Ausstellungsplattform für nachhaltige Technik: erneuerbare Energie für zu Hause, fürs Bauen und Modernisieren, dazu Elektro-Mobilität. Alles zum Ausprobieren, alles unter einem Dach. www.umweltarena.ch

Windräder müssen nicht immer groß sein, aus Tonnen von Stahl und Beton bestehen. Es geht auch zwei Nummern kleiner: das handliche Windrad für den eigenen Garten. www.enbreeze.com

Studenten der amerikanischen Elite­universitäten MIT und Harvard haben eine fliegende Windturbine erfunden. Sie ist aufgehängt in einem ringförmigen Ballon, der mit Helium gefüllt ist. In 300 Metern Höhe weht der Wind kräftiger und konstanter. Und man bekommt keinen Ärger mit den Nachbarn. www.altaerosenergies.com 

Ein italienisches Startup geht einen ähnlichen Weg. Statt fliegender Windräder setzt es auf Lenkdrachen, die auf 1000 Meter Höhe steigen können und dort computergestützt ihre Kreise ziehen. www.kitegen.com 

Für die Offshore-Branche gibt es viele aufregende Ideen. Zum Beispiel den vertikalen Rotor mit einer Spannweite von 200 Metern. www.windpower.ltd.uk

Oder die schwimmende Windkraftplattform, die vollständig an Land gefertigt und anschließend von Schleppern zu ihrem Bestimmungsort auf hoher See gebracht wird. www.abb.de

Bis hin zur Vision vollautomatischer solar islands in den Weiten der Ozeane. Sie sind mit Solarpanelen belegt und speichern den Strom in Wasserstofftanks. Versorgungsfahrzeuge sammeln die so erzeugten Energieträger und bringen sie an Land. Bei aufziehenden Orkanen tauchen die solar islands unter die Wasseroberfläche, um nach dem Sturm ihre Dienste wieder aufzunehmen. Soweit die Idee. Im kleineren Maßstab wird das Konzept bereits getestet: www.solar-islands.com

Biomasse

Holzbau ist im Kommen. Acht Etagen hat der LifeCycle Tower im österreichischen Dornbirn. Das Baukastensystem ist für 30 Stockwerke ausgelegt. Ein Hybridbau, der etwa zur Hälfte aus Holz besteht. Dazu kommen: Beton, Metalle, Glas. Der LifeCycle Tower wiegt etwa halb so viel wie ein konventionelles Gebäude. Die Idee dahinter: Ressourcen-sparender Hochbau für die dichtbevölkerten Städte der Zukunft. www.creebyrhomberg.com/de/ 

Der jährliche Markt für Naturfasern – Baumwolle, Hanf, Kokos – liegt bei etwa 50 Milliarden Dollar. Die meisten Pflanzenfasern, die an Land produziert werden, stehen mit der Nahrungsmittelproduktion in Konkurrenz um die Anbauflächen. Eine Alternative ist Seegras. Statt Styroporplatten, die man vor Häuserfassaden hängt, hat es sich als hervorragendes Wärme-Dämmmaterial erwiesen: Es verrottet nicht, ist schwer entflammbar und resistent gegen Schimmelbildung. www.neptutherm.com 

Seegras hat möglicherweise eine weitere Zukunft als Lieferant für Biotreibstoffe. www.ba-lab.com

Auch Algen haben den Vorteil, dass sie nicht mit der Produktion von Nahrungsmitteln konkurrieren. Algen brauchen keinen fruchtbaren Boden, sie gedeihen auch in Wüsten, in Salz- und Abwasser. Algensprit gibt es in Kalifornien sogar schon an der Tankstellte: www.sapphireenergy.com 

Ein anderes US-amerikanisches Unternehmen investiert massiv in Brasilien: solazyme.com

Die Produktion von Algen ist aber noch nicht ausgereift. Die Pflanzen wachsen sehr schnell, folglich müssen sie auch permanent geerntet werden. Und wenn es wirtschaftlich sein soll, auch in großem Maßstab.

Abwasser

Jeder Deutsche verbraucht zu Hause etwa 130 Liter Wasser am Tag. Das Abwasser aus Duschen, Waschmaschinen und aus der Toilette hat eine Temperatur von annähernd 20 Grad Celsius. Jeden Tag, ob sommers oder winters.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Wärmeenergie im Abwasser zu nutzen: Die Rückgewinnung im Haus selber, aus dem Abwasserrohr oder aus der Kläranlage. Die Energie kann sowohl zu Heiz- wie auch zu Kühlzwecken verwendet werden. Die Technik ist bereits erprobt. Das Potenzial ist gewaltig. Allerdings braucht es Mitspieler, vor allem die Betreiber der Kanalisation, also die öffentliche Hand. www.um.baden-wuerttemberg.de

Der Erfinder des „Stehfahrzeugs“ Segway, Dean Kamen, hatte mal wieder eine Idee: Ein Gerät, so groß wie ein Kühlschrank, verwandelt Abwasser in Trinkwasser – und ist weltweit einsetzbar. Das Abwasser wird unter Druck erhitzt, es verdampft, und wird – gereinigt – wieder aufgefangen. Auch hier trägt die Wärmenergie im Abwasser selber zur Verbesserung der Energiebilanz bei. Noch ist das Gerät recht teuer, zwischen 7000 und 8000 Dollar. www.unio­nleader.com

Bert Beyers ist Autor und Journalist und schrieb für factory zuletzt über Meerwasserentsalzung und über Elektronikschrottrecycling im factory-Magazin Trennen.

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Vorsicht vor zuviel Vorsicht

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Karlheinz Steinmüller ist Physiker, Philosoph, Futurologe, Science-Fiction-Autor und Mitgründer von Z_punkt, The Foresight Company. Mit seiner Frau Angela schrieb er in der DDR Romane über den Überwachungsstaat und war Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften. Seiner Ansicht nach ist nicht viel von Büchern und Studien zu halten, die die Zukunft in 100 Jahren vorhersagen. Andererseits können utopische Romane auch die Gegenwart verändern. Mit dem Schriftsteller sprach Ralf Bindel.

Herr Dr. Steinmüller, Sie haben in der DDR gelebt und waren dort als Wissenschaftler und Autor anerkannt. Heute sind Sie es in einem vereinigten Land. Die DDR war eine konkrete Utopie, eine Vision einer antifaschistischen, antirassistischen, kommunistischen, sozial gerechten Gesellschaft, die sich mit Stacheldraht-Grenzen, einer bestimmenden Elite und Dauer-Überwachung realisierte. Sie ist gescheitert. Hat sich das Experiment gelohnt?

Als großes soziales Experiment hat sich die DDR mit Sicherheit für den Großteil der Bevölkerung nicht gelohnt. Es ist gescheitert, weil es nicht die richtigen Voraussetzungen hatte und von Menschen vorangetrieben wurde, die ausschließlich das Primat der Machterhaltung verfolgten. Nur in einer Richtung ist das Experiment aussagekräftig: Wie schnell utopische Vorstellungen in anti-utopische Realität umschlagen können. Es bleibt wieder einmal die Botschaft: Wer zu stark auf Utopien setzt und den humanen Faktor vernachlässigt, wer zu stark vom eigenen Gesellschaftsentwurf überzeugt ist, der endet im Totalitarismus. Der Weg zur Hölle ist mit Idealen gepflastert, das wurde ja spätestens unter Stalin deutlich.

Was halten Sie persönlich von Utopien?

Ich beklage, dass Utopien so in Verruf gekommen sind. Heute gibt es nur noch sehr hausbackene Utopien. Die große Narration, der große utopische Impetus sind verloren gegangen. Vor 100 Jahren konnte man für eine soziale Utopie, die Befreiung der Arbeit, kämpfen, heute verhakeln wir uns im Streit um Arbeitszeit- und Rentenregelungen. Was den utopischen Entwürfen noch am nächsten kommt, ist das Konzept der Nachhaltigkeit. Aber dieses Konzept besitzt kaum noch Strahlkraft, weil es zu einer politische Leerformel geworden ist, die alle nachbeten. Es fehlt der große, umfassende, ruhig auch kontroverse Entwurf einer nachhaltigen Gesellschaft. Eine Energiewende erzeugt noch keine bessere Gesellschaft. Die emotionale Aufladung fehlt. Freilich muss man auch sehen, dass dieser Nachteil auf einem Lernprozess beruht und sich in einer Zeit der immensen Informationsmengen wohl auch nicht auflösen lässt. Die Lösungen liegen heute eher im Kleinteiligen. Es geht nicht mehr um die andere Gesellschaft, die auch den anderen, den neuen Menschen braucht. Und wir haben gelernt, dass das Übermaß an Utopien nicht funktioniert, sondern in den Totalitarismus führt. Wir leben heute von kleinteiligen Visionen, alles ist runterskaliert.

Hat sich Ihre Einstellung zu Utopien geändert?

Wahrscheinlich schon. Meine Frau Angela und ich haben ganz am Anfang unserer Schriftsteller-Karriere, 1982, die „Weltraum-Utopie“ Andymon veröffentlicht. Das war eine dynamische Utopie, ein Gesellschaftsentwurf, der nicht statisch vorgegeben war, sonders sich entwickelte. Im Zentrum standen junge Leute, Individuen, die sich eine eigene Welt schaffen mussten. Das war ein deutlich emanzipatorischer Ansatz, eine verdeckte Spitze gegen die DDR, wo absolut feststand, wie die „lichte“ Zukunft auszusehen hatte. Das war unser Ausgangspunkt, daran hat sich nichts geändert. Wir können nicht mit festen Entwürfen operieren, sondern müssen tastend versuchen, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Aber wir haben schon Schwierigkeiten uns auf die Ziele zu einigen. Heute merke ich in Zukunftswerkstätten und auf Kongressen, wie unterschiedlich schon bei Mobilität und Ressourcen die Zielvorstellungen sind.

Woher kommt diese Differenz der Ziele?

Das liegt an den unterschiedlichen Biographien, der unterschiedlichen Herkunft, an der sozialen Diversität. Daraus entsteht eine Diversität der Ziele und Visionen, befördert durch neue Medien. Es gibt ein Übermaß an Meinungen, wir sind eine fragmentierte Gesellschaft mit zahllosen Einzelinteressen – und jeder findet im Internet ein Grüppchen, das ihn in seiner Meinung, so schräg sie auch sein mag, noch bestärkt. Darunter leidet die gemeinsame Basis von Werten und Zielen.

Können literarische Visionen eine solche Gesellschaft verändern?

Utopische Bücher haben durchaus Diskurse verursacht und dadurch die Welt verändert. 1984 von George Orwell hat wesentlich die Debatten um den Überwachungsstaat, Informationsfreiheit und Privatheit angeschoben. Bücher wirken vor allem als Warnungen. Den scharfen Diskurs um Gentechnik hätten wir ohne Aldous Huxley mit seiner Schönen neuen Welt  nicht. Die starken Bilder aus der Literatur ermöglichen es einem breiteren Publikum, frühzeitig über neuartige Herausforderungen zu diskutieren. Auch überzogene Visionen haben den Vorteil, dass sie Probleme wie Datenschutz, Klonen usw. diskutierbar machen, egal ob sie sich so einstellen, wie sie geschildert werden, oder nicht. Wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Möglichkeiten sind für den Laien, also für die meisten Menschen, schwer zugänglich, durch Science Fiction werden sie vorstellbar und damit diskutierbar. Und manche Menschen werden davon motiviert, sich dafür oder dagegen einzusetzen. Ein Kollege aus der Technikfolgenabschätzung fordert daher ein öffentliches „Vision Assessment“, bei dem ein breites Publikum die Visionen hinterfragen und bewerten kann.

Müssen wir denn gegenwärtig Angst vor der Zukunft haben?

Nicht mehr als in anderen Epochen. Wir haben heute keine apokalyptischen Zustände, wir sehen zwar immense Herausforderungen, aber auch die Handlungsmöglichkeiten sind gewachsen. In den Zeiten des Kalten Krieges war die ultimative Katastrophe wahrscheinlicher. Selbst der Klimawandel ist harmlos im Vergleich mit einem nuklearen Schlagabtausch. Und vielleicht ist er sogar leichter zu überwinden als Diktaturen. Das Dritte Reich jedenfalls war katastrophaler als der Klimawandel. Doch es gibt keine Zeit, die sich nicht als Endzeit sieht. Jede Zeit sieht sich als exzeptionell.

Woran liegt das?

Es ist der Hunger nach Hoffnung, kombiniert mit der Faszination durch Angst und Schrecken.

Also macht Angst machen keinen Sinn?

Es ist richtig, Angst auszulösen, wenn dadurch Handeln ausgelöst wird. Im Rahmen des Vorsorgeprinzips kann der Angst sogar eine kognitive Funktion zukommen, sie lenkt die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf bislang unterbewertete Probleme. Individual-psychologisch aber verengt die Angst den Blick, als Einzelner ist man schlecht beraten, wenn man der Angst folgt.

Technologie verändert die Gegenwart, aber verbessert sie auch die Zukunft?

Die Wörter „Technik“ und „Zukunft“ sind zu groß, zu pauschal, man verliert zu viel an Differenzierung. Man muss im Konkreten hinschauen, einzelne Themenfelder wie Mobilität und Ernährung feingliedrig betrachten. Einige Technikfelder entwickeln sich extrem schnell, denken wir an all die digitalen Technologien, so dass wir ständig gezwungen sind, uns anzupassen. Bei anderen läuft die Entwicklung sehr langsam, z. B. bei der Transmutationsforschung. Diese untersucht die Frage, wie radioaktive Isotope in stabile Elemente verwandelt werden können – womit man das Atommüllproblem vielleicht etwas entschärfen könnte.

In Zukunft doch nur mit Atom?

Nein, es geht nur um das Beispiel Atommüll. Die Grundhaltung zu diesem Problem irritiert mich: nur weg damit, versenken, vergraben, endlagern. Auf allen anderen Gebieten haben wir gelernt, dass Recycling eine gute Sache ist. Nicht beim Atommüll. Entsprechend wenig ist auf diesem Gebiet geforscht worden, weniger als bei der Endlagerung. Da hätte ich gern mehr Wissenschaft und Technik. Vielleicht führt dieser Weg aber auch gar nicht sehr weit, ich bin schließlich auf diesem Gebiet kein Experte.

Gibt es denn Grenzen der Digitalisierung, der Miniaturisierung?

Es gibt für alles irgendwann Grenzen. Für die Digitalisierung sind sie sehr schwer einzuschätzen. Die Leistungssteigerung der Informations- und Kommunikationstechnologie hält nun schon seit ungefähr 200 Jahren an, seit dem elektrischen Telegraphen. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass ein Ende bald bevorsteht. Die Grenze, bei der ein einzelnes Elementarteilchen ein Bit Information trägt, wird voraussichtlich erst in einigen Jahrzehnten erreicht.

Der Wettbewerb um Ressourcen zwischen Erneuerbarer Energietechnik und der Digitalisierung könnte aber einen Strich durch die Rechnung machen.

Ohne Zweifel werden manche Ressourcen knapp. Zugleich erschließen wir uns immer neue Rohstoffarten oder nehmen Lagerstätten wieder in Betrieb, die als ausgebeutet galten. Die Engpässe wirken sich als Treiber aus, sind die Preise hoch, erhöht sich der Druck zur Substitution. Es lässt sich allerdings nicht alles substituieren. Neodym kann durch andere Materialien für Supermagnete ersetzt werden, aber für verlorene gegangene Tier- und Pflanzenarten gibt es keinen Ersatz.

Es gibt keine Grenzen des Wachstums?

Die Grenzen sind immer schwer zu ermitteln. Peak Oil, das Ölfördermaximum, ist in aller Munde, aber gleichzeitig werden immer neue fossile Energieressourcen erschlossen. Teersande und Ölschiefer haben die Grenzen ausgeweitet, allerdings mit hohen ökologischen Kosten, und die aus Klimaschutzgründen notwendige CO2-Abscheidung und -Deponierung würde einen beträchtlichen Anteil der erzeugten Energie verbrauchen.

Was ist von Büchern zu halten, die die Welt in 20, 50 oder 100 Jahren beschreiben?

Das hängt vom konkreten Buch ab. Vieles langweilt mich, weil immer wieder dieselben bekannten Vorhersagen verbreitet werden. Und je öfter ich sie lese, desto mehr zweifle ich an ihnen. Auch kann man deutliche Denkschulen erkennen. Nehmen wir als Beispiel Michio Kakus Buch Die Physik der Zukunft. Von der Physik der Zukunft handelt es kaum, dafür bringt es technologische Vorhersagen, die einem recht engen Determinismus verhaftet sind und außer acht lassen, dass Gesellschaften durchaus die Entwicklung der Technik in eine bestimmte Richtung lenken können – oder sogar bestimmte Entwicklungspfade austrocknen lassen können.
Bei manchen Autoren amüsiert mich, dass sie im Eingangskapitel schreiben, dass man die Zukunft nicht vorhersagen kann – und dann später ihre Sorgen über den Klimawandel, die künftige demographische Entwicklung usw. ausbreiten und sich in Horrorprognosen ergehen. Vorhersagen sind immer an Bedingungen geknüpft, und die wichtigste Bedingung ist menschliches Handeln.
Außerdem muss man bedenken, dass die Zeithorizonte sehr unterschiedlich sind. Bei manchen Technologiefeldern weiß man nicht, wie die Technik in fünf Jahren aussehen wird, bei der Demografie lässt recht gut vorhersagen, wie viele Menschen im Jahr 2050 leben werden, wie der Altersaufbau der Bevölkerungen sein wird. Selbstverständlich können auch hier noch Überraschungen – Wild Cards wie eine Pandemie – eintreten. Es lohnt sich immer, konkret hinzuschauen.

Brauchen wir mehr Mut zu gesellschaftlichen Entscheidungen oder eher mehr Vorsicht durch mehr Vor-Sicht, also Vorausschau?

Das Vorsorgeprinzip hat seine Berechtigung: Wer handelt, sollte über die nahen und ferneren Folgen, die Wirkungen und Nebenwirkungen seines Handelns nachdenken, um ungewünschte Folgen zu vermeiden. Ich habe aber den Eindruck, dass dieses Prinzip bisweilen so interpretiert wird, als sei es am besten, überhaupt nicht zu handeln. Es ist ein psychiatrisches Bild: Man handelt nicht, wenn man zu vorsichtig ist, wenn man überall nur Risiken und Gefahren wahrnimmt. Es kommt darauf an zu erkennen, auf welchen Gebieten man besonders vorsichtig sein muss und wo Übervorsicht zu Lähmung führt. Welche Risiken dürfen wir uns erlauben, welche dürfen wir auf keinen Fall eingehen? Das ist bisweilen schwer zu entscheiden, zumal unsere Risikowahrnehmung oft nicht den objektiven Risiken entspricht. Beispiel Asbest. Die Asbestsanierung von Schulen war sicher angebracht. Aber es gibt Fälle, in denen die Schüler in der Sanierungszeit eine andere Schule besuchen mussten und dadurch einen viel längeren Schulweg hatten. Sie waren damit Verkehrsrisiken ausgesetzt, die statistisch gesehen viel gefährlicher waren als die Asbestexposition. Wir neigen dazu, bestimmte Risiken, die wir gut kennen, einfach zu akzeptieren, solche, mit denen wir wenig vertraut sind, nehmen wir auf keinen Fall an. Das größte Risiko bei einer Flugreise ist die Anreise, Autofahren ist auch gefährlicher als Feinstäube.

Ist es also besser, nichts zu tun? Angesichts der schweren ökonomischen Krise oder besser der Krise der Ökonomie und ihrer dramatischen Folgen für viele Menschen scheint das Risiko des Nichts-Tuns höher zu sein.

Bei der Krise handelt es sich fast schon um ein Experiment von der Größenordnung des missratenen Kommunismus im Osten. Das extreme Risiko des Zusammenbruchs der Weltwirtschaft sollte auf jeden Fall vermieden werden. Allerdings hat niemand dieses Szenario konkret beschrieben und durchgerechnet. Es gibt eine breit angelegte Horrorliteratur über die Euro-, Finanz-, Staatsschulden-, Wirtschaftskrise, aber was sie konkret bedeuten, wird nicht durchbuchstabiert. Vor allem gibt es auch kaum Überlegungen zu Gegenreaktionen der Gesellschaft. Beispielsweise können wir beobachten, dass in Krisenregionen Regionalwährungssysteme aufgebaut werden, die sozusagen eine Erneuerung der Wirtschaft von unten bezwecken. Wenn also das Bankensystem zusammenbricht gäbe es vielleicht die Chance für ein neues Wirtschaftssystem. Da sehen wir, wie die Angst Scheuklappen erzeugt, wir denken die Konsequenzen nicht weiter und erkennen nicht, welche Alternativen sich öffnen.

Mehr Beiträge zum Themenspektrum Vorhersage, Zukunft, Trends, Visionen und Utopien finden Sie nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Vor-Sicht. Das PDF-Magazin enthält zusätzliche Zahlen und Zitate, ist hübsch illustriert und gut lesbar auf Tablets und Bildschirmen.

Literatur von Angela und Karlheinz Steinmüller:

Andymon. Eine Weltraum-Utopie. Roman, überarbeitete Neuausgabe, Shayol-Verlag Berlin 2004
Computerdämmerung. Phantastische Erzählungen, Shayol-Verlag Berlin 2010Darwins Welt. Aus dem Leben eines unfreiwilligen Revolutionärs, (Biographie) oekom Verlag München 2008
Die Zukunft der Technologien, Murmann Verlag Hamburg 2006
Wild Cards

Mehr zu Zukunftsforschung und Literatur von Angela und Karlheinz Steinmüller auf www.steinmuller.de

Anleitung zum Älterwerden

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Wir werden älter, bunter, weniger. Den demografischen Wandel verbinden viele Menschen mit Fachkräftemangel, Pflegenotstand und Stress. Die Arbeitswelt der Zukunft lässt sich aber schon jetzt aktiv gestalten.

Von Manfred Nedler

Wir arbeiten bis 70, haben immer noch Spaß dabei, und verringern zwischen 50 und 70 kontinuierlich unsere Arbeitszeit. Auch in jüngeren Jahren haben wir uns regelmäßige Auszeiten gegönnt, um uns um Kinder zu kümmern (nicht unbedingt die eigenen), uns weiterzubilden, gesellschaftlich zu engagieren oder „just for fun“. Da es weltweit keine Grenzen, identische Sozial- und Umweltstandards, vergleichbare Löhne und (neben den vielen regionalen) eine Weltsprache gibt, ist es üblich, im Laufe des Lebens in verschiedenen Erdteilen zu leben und zu arbeiten. Die Nationalstaaten gibt es so wenig wie die Vorstellung, einer bestimmten Nation oder gar Rasse anzugehören. Die betrieblichen Gewinne und die privaten Vermögen werden zur Finanzierung einer soliden Grundsicherung weit über dem Existenzminimum sowie eines lebenslang kostenlos zugänglichen Bildungs- und Gesundheitswesens herangezogen. Die wohlhabenden Menschen besitzen maximal das Zehnfache der nicht so wohlhabenden. Armut gibt es so wenig wie Hunger.

Wissenschaftler weltweit arbeiten seit Jahren an einer Strategie, das Geld- und Finanzsystem gänzlich abzuschaffen. Psychologen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie klären, welche gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen erforderlich sind, damit die intrinsische Motivation der Menschen, sich zu engagieren und einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, die bisherige Fixierung auf die „extrinsische Motivation“, die Selbstdisziplinierung für die Aussicht auf Belohnung und Anerkennung, ablöst.

Bücher zum Thema Burnout und Stressbewältigung finden sich nur noch im Antiquariat. Kinder lernen von klein auf, ihre persönliche Würde und Integrität über alles andere zu stellen. Sie kommen daher auch als Erwachsene im Leben nicht auf die Idee, sich auf Kosten ihrer Gesundheit, Gelassenheit und Lebensfreude abzuhetzen und zu quälen, um fragwürdige Ziele in fremdbestimmten Fristen zu erreichen. 

Spätestens jetzt würde Helmut Schmidt wohl den Arzt rufen. Dabei sind doch eigentlich solche Utopien die beste Medizin für die mentale Gesundheit in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das sich als alternativlos versteht, obwohl es auf viele Fragen keine befriedigenden Antworten hat.  

Von der Utopie zum Alltag

Schauen wir auf die Situation zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Der demografische Wandel kommt so überraschend wie der Klimawandel. Nun heißt es Handeln, „die Krise als Chance sehen“, die Arbeit so gestalten, dass man sie bis 67 erträgt und überlebt, dazu die Leute umwerben, die man zuvor nie haben wollte. Dabei war doch lange Frühverrentung und Altersteilzeit eine Win-Win-Win-Situation: der Arbeitnehmer war früher erlöst von ungeliebter Plackerei, die Politik bekam vorzeigbare Beschäftigungsstatistiken und die Unternehmen „frisches Blut“, junge, belastbare und noch motivierte Nachwuchskräfte.

Diese Zeiten sind vorbei und das ist in den Personalabteilungen deutlich spürbar. Die Kreativität ist geweckt. Frühzeitige Kooperationen mit Schulen, eine intensivierte Öffentlichkeitsarbeit, Imagepflege und die Orientierung an gesellschaftlicher Verantwortung sowie die Anwerbung von Fachkräften im Ausland werden für viele Unternehmen selbstverständlich. 

Wie aber die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten bis 67 und darüber hinaus erhalten werden kann, bleibt ein Rätsel. Der Wettbewerbs- und Profitabilitätsdruck auf die Unternehmen im „Hier und Jetzt“ erfordert ständiges Krisenmanagement und Effizienzstreben. So wie Menschen unter Stressbedingungen alles langfristig Wichtige und Wertvolle, wie ihre eigene Gesundheit oder die Gestaltung von Beziehungen, zugunsten des kurzfristigen Funktionierens hinten an stellen, fehlt auch den Unternehmen die Gelassenheit und Weitsicht, trotz des aktuellen Drucks die erforderlichen langfristigen Planungen und Weichenstellungen vorzunehmen. So droht nicht nur den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen individuell ein Burnout, sondern ganze Unternehmen „pfeifen aus dem letzten Loch“. Da der Druck von außen vermutlich nicht nachlassen wird, ist Resilienz das neue Zauberwort, also die Fähigkeit, diesem Druck standzuhalten, sich nicht unterkriegen zu lassen und Krisen erfolgreich zu meistern.

Die Resilienz stärken

Auf der persönlichen Ebene hängt diese psychische und seelische Stabilität weniger von Methodenkompetenzen ab als von den  grundlegenden Einstellungen gegenüber sich selbst, anderen Menschen, der Arbeit, dem Leben generell. Diese Einstellungen lernen Menschen sehr früh und sie sind nicht ganz einfach zu verändern. Es bedarf einer hinreichenden Entschlossenheit, dem nötigen Glauben, dass positive Veränderungen überhaupt möglich sind und nach Möglichkeit einer kontinuierlichen Unterstützung und Begleitung über mindestens ein Jahr, um grundsätzlich neue Weichen im eigenen Leben zu stellen. Es geht darum,

  • wieder daran zu glauben, dass gute Gefühle und damit ein gutes Leben möglich sind, dass sie erlaubt sind und dass sie in einem engagierten und aktiven Leben erreichbar sind. 
  • genügend innere Stärke zu entwickeln, um sich und seinen Gefühlen und Einschätzungen zu vertrauen, und nicht immer danach zu schauen, was andere tun und meinen. 
  • mutig den Tatsachen ins Auge zu sehen: „Ich entscheide, was ich mit meiner Zeit anfange, aber: ich habe immer nur 24 Stunden. Ich akzeptiere, „was geht“ und „was nicht geht“. Ich treffe Entscheidungen und stehe zu ihnen.“ 
  • selbstbewusst zu kommunizieren, z.?B.: „bei dieser Aufgabe benötige ich Unterstützung“, „diese Arbeit schaffe ich heute nicht mehr, außer wenn …“, „sprecht bitte etwas leiser, ich muss mich gerade wahnsinnig konzentrieren“ usw.

Neue, ausbalancierte Werthaltungen entwickeln wir nicht an einem Tag, nicht im Seminarraum, sondern über einen hinreichend langen Zeitraum, bestenfalls unterstützt durch permanente Ermutigung und basierend auf neuen, positiven Erfahrungen, zu denen wir nach und nach Vertrauen entwickeln. Kompaktseminare sind daher nicht so zielführend wie eine Kombination aus einem Medien-gestützten selbständigen Lernen der Mitarbeiter sowie einer persönlichen Begleitung in moderierten Kleingruppen und mit individueller Hilfe per Telefon und E-Mail. Das ist zudem kostengünstiger für das Unternehmen als das übliche Einzel-Coaching.

Mut zu Offenheit und Geduld

Auch auf der Ebene der Organisation spielen Haltungen und Einstellungen eine grundlegendere Rolle als formale Aspekte wie Stellenbeschreibungen oder Organigramme. Sie werden vor allem durch Kommunikation geprägt und verfestigt. Wer Zuversicht und Resilienz fördern möchte, sollte bei der betrieblichen Kommunikation ansetzen und diese zunächst neugierig studieren:

  • Beziehen sich die Menschen im Unternehmen sehr aufeinander oder arbeitet eher jeder für sich?
  • Wie entspannt und offen reden die Menschen miteinander? 
  • Wie und was wird über individuelle Fehler kommuniziert?
  • Ist die Kommunikation ausschließlich sachbezogen oder geht es auch um den Kontakt zu einander, z. B. in Form von Wertschätzung oder offen geäußerter Kritik?
  • Ist die Kommunikaton überwiegend problembezogen und pessimistisch, vielleicht schon zynisch, oder eher lösungsorientiert und zuversichtlich?
  • Wie häufig wird gelacht und wie wird darauf reagiert?
  • Ist die Kommunikation im Unternehmen durchgängig respektvoll? Wer erfährt ggf. Kränkungen durch wen und in welcher Form?
  • Sind die Führungskräfte bis zur Unternehmensleitung Vorbild für eine offene, mutige und respektvolle Kommunikation?
  • Sind Mitarbeitergespräche und Besprechungen lebendig, interessant und fruchtbar oder eher ungeliebte Routine, von der man nichts erwartet?

Für positive Veränderungen auf der organisatorischen Ebene gilt das Gleiche wie für die persönliche Ebene: es erfordert hinreichende Entschlossenheit und Geduld. Entschlossenheit vor allem bei der Spitze, welche an ihrer eigenen Kommunikation arbeitet und ein „leuchtendes Beispiel“ gibt. Den entsprechenden Schub kann z. B. ein Event auslösen, wie ein Unternehmenstheater, das auf humorvolle, provokative Weise alte Kommunikationsmuster bloß stellt und erlebbar macht, wie attraktiv eine neue Kultur im Unternehmen sein kann.

Grenzen akzeptieren und organisieren

Sind individuell und organisatorisch Mut und Offenheit hinreichend entwickelt, fehlt noch das Entscheidende: Der individuelle und organisatorische Disput über das Machbare und seine Grenzen. Auch starke, resiliente Mitarbeiter besitzen selbstverständlich physische und psychische Grenzen, die respektiert und geschützt sein müssen. Ihre Stabilität hilft ihnen, in Drucksituationen gelassen zu bleiben und Prioritäten zu setzen. Aber sie macht aus ihnen keine Übermenschen, welche unverwundbar sind. Will ein Unternehmen die Motivation und Arbeitsfähigkeit seiner Mitarbeiter bis zum 67. Lebensjahr und darüber hinaus erhalten, muss es die Anforderungen an diese auf einem gesunden Level begrenzen. Konkret kann das heißen:

  • Es startet kein neues Projekt, bevor nicht ein altes – ggf. vorzeitig – beendet wird.
  • Pausen sind „heilig“ und können wirklich zur Erholung genutzt werden.
  • Graubereiche zwischen Arbeit und Freizeit werden abgeschafft: muss jemand erreichbar sein für das Unternehmen, ist dies Arbeitszeit.
  • Mitarbeiter inklusive der Führungskräfte werden ausdrücklich ermutigt, auf persönliche Überlastungen hinzuweisen.
  • Führungskräfte werden ermutigt, auf Überlastungen ihrer Teams hinzuweisen.
  • Alle Mitarbeiter wissen, welche Arbeiten in Überlastungssituationen Vorrang haben und welche geschoben werden dürfen.
  • Die Arbeitszeiten werden mit zunehmenden Alter sukzessive reduziert, bei vollem Lohn. Praktizierende Unternehmen wissen, dass sich dies sogar betriebswirtschaftlich rechnet.

Unternehmen, die die Problematik ihrer Überforderung nicht mehr verdrängen bzw. auf ihre Mitarbeiter verlagern, gewinnen dadurch an Stärke, Innovations- und Widerstandsfähigkeit. Und dies wird immer wichtiger in einem Wirtschaftssystem mit einem immanenten Wachstumszwang. 

Kultur entscheidet den Wandel

Natürlich gibt es weitere, ganz pragmatische, Ansatzpunkte für die Förderung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit: an die privaten Belange der Beschäftigten angepasste Arbeitszeiten, Sport- und Wellnessangebote, gesundes Kantinenessen usw. Die Teilnahme an Projekten wie DemografieFit (siehe unten) oder Demografie Aktiv ermöglicht es Unternehmen, ganz systematisch zu ermitteln, welche Maßnahmen Erfolg versprechen, und diese dann einzuführen. Es bleibt aber dabei: grundsätzlich geht es um Haltung, Kommunikation und Kultur. Denn in einer durch Misstrauen geprägten Unternehmenskultur fruchten keine noch so gut gemeinten Mitarbeitergespräche. Und schaut das Unternehmen systematisch weg, wo Mitarbeiter überlastet sind, wirken Sportangebote nur noch zynisch.

DemografieFit für den Wandel

„Ohne Projekt verhindert das Tagesgeschäft, dass man sich damit beschäftigt“, sagt Frank Schröter, Geschäftsführer von Schlatter Deutschland. 167 Mitarbeiter stellen in Münster Widerstandsschweißanlagen und Maschinen für besondere Anwendungen her und montieren sie in aller Welt. „Wenn die Tochter Abiturfeier hat, zahlen wir dem Monteur auch den Flug aus China.“ Wichtig ist für Schröter, die individuellen Bedürfnisse seiner Mitarbeiter zu kennen. „Das schafft Loyalität“, sagt er. Schlatter ist eines von acht Unternehmen und Organisationen, die in der Region Münster am Projekt DemografieFit teilnehmen, in Hessen sind es noch mal acht. Vom Altenstift über die Gebäudereinigung bis zum Maschinenbauer sind die unterschiedlichsten Branchen dabei. Im Projekt lernen sie dennoch voneinander. So wollen die Automatisierungstechniker von Blumenbecker die Schnuppertage für Berufsanfänger im Altenpflegebereich kopieren. „Das wollen wir auch machen. Nicht nur an einem Tag, wie den Girls Day, sondern kontinuierlich Interesse durch Projektarbeit erzeugen“, erklärt Geschäftsführer Harald Golombek.

Dr. Udo Westermann, Leiter des DemografieFit-Projekts in Münster weiß aus seiner Beratung, dass das Megathema Demografie im Alltag kleiner und mittlerer Unternehmen oft untergeht. Nehmen Unternehmen an einem Projekt wie DemografieFit teil, werden Ressourcen reserviert für den Austausch mit anderen Unternehmen, für Workshops zur Situationsanalyse und zur Erarbeitung neuer Strategien im eigenen Unternehmen.

Mit dem moderierten Demografie-Check haben die Unternehmen die Möglichkeit, ihren eigenen Weg in den Wandel zu finden, erklärt Westermann. Dabei loten die über 30 Fragen des Selbstbewertungs-Checks den Status-Quo und die Wünsche relativ genau aus. Weil die Mitarbeiter aus allen Unternehmensbereichen vom Monteur bis zur Führung sich Problematik und Lösung selbst erarbeiten, entsteht die Grundlage für ein schlankes Umsetzungsverfahren, das von allen mitgetragen wird.

Die demografische Unternehmensentwicklung ist sogar messbar. So sagt Volker Brand, Geschäftsführer von Oerlikon Textile Components, dass sein Unternehmen nun gesunde Kantinenküche im Dreischichtbetrieb anböte. „Sie dürfen nicht nur auf die Controller achten“, riet er bei einer Projektveranstaltung mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Im Zuge der gemeinsamen Gesundheitsförderung verpflichte man sich im Unternehmen nun gegenseitig, zum Beispiel zum Nicht-Rauchen. „Ich rauche jetzt auch nicht mehr“, äußerte er sich erleichtert.

Manfred Nedler ist Arbeitspsychologe und erstellt Analysen, Projekte und Trainings im Bereich Arbeitsstress und demografischer Wandel und betreibt den individuellen Beratungssender nedler.tv. Er ist Mitarbeiter im Projekt DemografieFit und Mitglied im Netzwerk Demografie Westfälisches Ruhrgebiet.

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