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    Rebound


    Bound on Rebound: Effizienz mit Folgen

    factory Titel Rebound

    Der Living Planet Report 2014 des WWF bringt es auf den Punkt: Die Menschheit verbraucht pro Jahr 50 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde jährlich regenerieren und nachhaltig zur Verfügung stellen kann; der Schuldenberg gegenüber der Natur wächst weiter, die Rücklagen schrumpfen stetig. Und in Deutschland haben die Menschen besondere Verantwortung: Jeder von uns verbraucht doppelt so viele Ressourcen, wie uns nach dem globalen Pro-Kopf-Limit zustehen – wir leben auf Kosten anderer Länder. Doch enthält der Bericht auch gute Nachrichten: Unser ökologischer Fußabdruck stagniert in den vergangenen Jahren, und das bei steigendem Wohlstand – erreicht durch verbesserte Ressourceneffizienz, durch ein Mehr aus Weniger.

    Aber selbst mit erhöhter Rohstoffproduktivität kommen wir nicht ins gesteckte strategische Nachhaltigkeits-Ziel: Bis 2020 wird voraussichtlich nur ca. 82 Prozent der Verdoppelung der Rohstoffproduktivität 1994 erreicht.

    Bleiben wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand weiter so stark an den Naturverbrauch gekoppelt, wird der mehr und mehr konfliktbeladene Ressourcenbedarf nicht zu begrenzen sein. Die Rebound-Effekte schlagen erbarmungslos zu, offensichtlich führen die meisten Effizienzgewinne zu weniger Ressourceneinsparung, als erwartet. Wie groß diese nun wirklich sind, wie sie gemessen und wie sie begrenzt werden können, darüber gibt es nach etwa 30 Jahren Rebound-Forschung immer noch große wissenschaftliche Differenzen – und hohen Forschungsbedarf.

    Das hat auch die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität erkannt, die bei unserem Autor Reinhard Madlener ein Gutachten in Auftrag gab. In factory führt er in die verschiedenen Kategorien und Facetten der Rebounds ein. Tilman Santarius und Wolfgang Sachs sind zwei weitere Experten des Rebounds: Sie plädieren für eine Suffizienzrevolution vor der Effizienzrevolution. Anschließend beleuchtet Bernd Draser die Tragik von Effizienzanstrengungen, während sich ­Andreas Exner den Zwängen des herrschenden Systems widmet. Wie sich die Rebound-Effekte in der digitalen Revolution entwickeln, skizziert Ralph Hintemann, dagegen plädiert die Autorengruppe der Folkwang-Universität für eine smarte Aufrüstung der Dinge, um Ressourcenbewusstsein zu erreichen. Der vor kurzem mit dem Deutschen Umweltpreis gekürte ehemalige Präsident des Wuppertal Instituts Peter Hennicke und der Physiker und Politikwissenschaftler Stefan Thomas fordern im Interview eine realistische Betrachtung des Rebound-Effekts – und ebenfalls seine Begrenzung durch Suffizienzpolitik und Obergrenzen des Verbrauchs. Denn ohne die – und das ist die Erkenntnis dieses Magazins – wird es nicht gehen, wenn die Rebound-Effekte nicht die wichtigste Wirkung von Ressourceneffizienzmaßnahmen auf lange Sicht verzögern sollen: die Reduzierung des globalen Ressourcenverbrauchs.

    Reichhaltige Rebound-Erkenntnisse wünschen

    Ralf Bindel und das Team der factory

    Mehr Beiträge zum Thema gibt es nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Rebound. Das ist reich illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen und enthält zudem sämtliche Beiträge und Fotos sowie Zahlen und Zitate.

    Über das Wasser hüpfender Stein
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    Von Rebound, Prebound und Performanzlücken

    Effizienz als Wunderwaffe für den Umweltschutz? Effizientere Technologien können auch zu mehr statt weniger Verbrauch führen: Der Rebound-Effekt ist in der Diskussion angekommen. Gerade Energieeffizienz-Steigerungen sind in der Kritik. Für eine Beurteilung ist jedoch eine deutliche Differenzierung notwendig.

    Von Reinhard Madlener

    In den letzten Jahren hat das Rebound-Thema in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion sowohl in Deutschland als auch international an Bedeutung gewonnen. Dies ist auch gut so, denn die Politik sieht Energieeffizienz-Steigerungen als probates und kostengünstiges Mittel, um den Fossilenergieverbrauch und damit die Treibhausgasemissionen zu vermindern. Daher ist es wichtig, sowohl die gegenläufigen Trends dieser erhofften Einsparungen zu verstehen als auch den Einfluss der Methodik und der Systemgrenze (sowie möglicher Verzerrungen in den Schätzungen) auf die Höhe des Rebound-Effektes. Energiepolitisch bedeutet dies, dass Politiken nicht mehr so effektiv und damit auch kosteneffizient sind, als wenn der Rebound Null betragen würde.

    Die Begriffsdefinitionen und -verwendungen in der Literatur sind leider auch heute noch recht uneinheitlich – trotz einer über 30 Jahre andauernden Diskussion über Begrifflichkeiten in der wissenschaftlichen Literatur. Trotzdem bezeichnet „Rebound“ letztlich das Maß, in dem durch Verhaltensreaktionen auf aufgrund technischer Effizienzsteigerungen kostengünstiger gewordene Energiedienstleistungen erhoffte bzw. ingenieurwissenschaftlich kalkulierte Einsparungen konterkariert (Rebound zwischen 0 und 100 %), wieder zunichte gemacht (Rebound von 100?%) oder sogar überkompensiert werden (Rebound > 100 %, auch mit „Backfire“ bezeichnet) (Jenny et al., 2013). Beispiele sind höhere Fahrleistungen mit energieeffizienteren Fahrzeugen (für Toyota Prius Fahrer empirisch tatsächlich festgestellt und nicht zu vernachlässigen!) oder zusätzliche Heizenergieverbräuche nach energetischen Gebäudesanierungen (z. B. aufgrund ungesättigter Bedürfnisse oder wider besseren Wissens – etwa wenn das alte Heiz- und Lüftungsverhalten trotz effizienterer Gebäudehülle und neuartiger Systemtechnik beibehalten wird).

    Auf das Maß kommt es an

    Von Rebound zu unterscheiden ist die Energie-Performanz-Lücke (EPL): Sie ist ein Maß für die Differenz zwischen tatsächlichem und errechnetem Energiebedarf beispielsweise nach der energetischen Sanierung eines Gebäudes (in Prozent). Ebenso anders definiert ist das Energie-Einspar-Defizit (EED) als Maß für die Unterschreitung der erwarteten Energieeinsparungen nach der Sanierung (ebenfalls in Prozent). Solche Messgrößen helfen bei der Unterscheidung zwischen den verhaltensbezogenen Effekten (verhält sich der Mensch bewusst anders als vor der technischen Effizienzsteigerung) und den technischen Effekten (letztere können auch mit mangelnder Funktionalität der Technik oder unzureichend genauen technischen Berechnungen zu tun haben).

    Prebound wiederum – ein von Ray Galvin eingeführter Begriff (Sunikka-Blank und Galvin 2012) – bezeichnet das Phänomen, dass der tatsächliche Energieverbrauch (bereits vor der Energieeffizienzsteigerung) oft sogar unter dem kalkulierten, zu erwartenden Energieverbrauch liegt. Bei energieeffizienten Gebäuden kann oft „Rebound“ festgestellt werden, bei schlecht isolierten Gebäuden hingegen vielfach „Prebound“. Daraus lassen sich zumindest zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens, die errechneten Einsparungen sind ein gefährliches Maß dafür, um durch Gebäudesanierungen erzielbare Energie- und CO2-Einsparungen vorauszusagen. Zweitens, nicht-technische, durch Verhaltensänderungen erzielbare Einsparungen können die durch technische Verbesserungen erzielte Einsparungen bei weitem übertreffen (mit entsprechender Relevanz für die optimale Politikgestaltung).

    Soziokulturelle Effekte berücksichtigen

    Aus sozialer Sicht ist Rebound ebenfalls ein wichtiges Thema, da es Konflikte zwischen energiepolitischen und sozialpolitischen Zielen geben kann. Ist der Rebound-Effekt – beispielsweise bei der Raumwärme – nämlich bei Mietern höher als bei Eigenheimbesitzern, und höher bei einkommensschwachen Schichten (beides wurde für Deutschland erstmals nachgewiesen in Madlener und Hauertmann, 2011), so muss abgewogen werden, inwieweit Rebound eher bei einkommensschwachen Mietern oder bei reichen Eigenheimbesitzern bekämpft werden sollte (und ob überhaupt) – hier spielen also auch die ethisch-moralische und die soziale Dimension eine wichtige Rolle.

    Soziokulturelle Aspekte sind ebenfalls ein spannendes Forschungsfeld im Rebound-Kontext. Hier möchte das Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior (FCN) an der RWTH Aachen im Rahmen des im Aufbau befindlichen Virtuellen Instituts Energietransformation NRW (Koordinatoren: Wuppertal Institut und Kulturwissenschaftliches ­Institut) in den kommenden Jahren weitere, tiefgreifendere Rebound-Forschungsaktivitäten betreiben. Damit soll letztlich auch mehr Klarheit über die Höhe der Rebound-Effekte nach soziokulturellen Gruppen (ein Projektverbund von ZEW/Universität Stuttgart/Fraunhofer-ISI hat in den letzten Jahren wichtige Vorarbeiten geleistet; vgl. www.zew.de/rebound), aber auch bezüglich der räumlichen Verteilung von Rebound-Effekten geschaffen werden.

    Nicht ein oder zwei Effekte ...

    Rebound-Effekte setzen sich zusammen aus direkten (erhöhte Nachfrage nach einer durch die Effizienzsteigerung günstiger gewordenen Energiedienstleistung – ein Preiseffekt), indirekten (erhöhte Nachfrage nach anderen energie- und ressourcenverbrauchenden Produkten und Dienstleistungen, da die eine Energiedienstleistung infolge der durch die Effizienzsteigerung eingesparten Energiekosten kostengünstiger geworden ist – ein Einkommenseffekt) und makroökonomischen Effekten (Effizienzsteigerungen verändern potenziell Angebot und Nachfrage in der gesamten Wirtschaft und führt zu Strukturveränderungen und meist auch zu wiederum ressourcenverbrauchsfördernden Wachstumseffekten).

    Betrachtet man die makroökonomischen Rebound-Effekte nicht nur auf der Ebene einer nationalen Volkswirtschaft, sondern global, wird die Untersuchung methodisch sehr aufwändig und anspruchsvoll. Durch die zunehmende Verflechtung der Volkswirtschaften in folge der voranschreitenden Globalisierung ist globaler Rebound jedenfalls ein nicht zu unterschätzender Faktor. Eine Energieeffizienz-Politik in einem Land könnte Rebound-Effekte in anderen Ländern hervorrufen, welche die Energieverbräuche untem Strich steigen statt sinken lassen. Dies ist bei Exporten von energieeffizienten Gütern kritisch mit einzubeziehen.

    Rebound und Ressourcen

    Außerdem können Energie-Rebound-Effekte auch zu Mehrverbräuchen an nicht-Energie-Ressourcen und dadurch zu Problemverschiebungen führen (bei einer bestimmten Energiedienstleistung wird zwar – notabene auf der Mikro­ebene – gegenüber der Situation vor der Effizienzsteigerung Energie eingespart, andererseits wird aber vielleicht ein erhöhter Materialverbrauch induziert). Die Ressourceneffizienz insgesamt bzw. die absolute Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und nicht regenerativem Ressourcenverbrauch ist also ebenfalls im Blick zu behalten.

    Ein noch viel zu wenig beforschter Aspekt der Energiewende, in dem auch Rebound-Potenziale schlummern (durch Effizienzsteigerungen erst kommerziell attraktiv genug gewordene Energietechnologien), sind schließlich auch die Energie- und Materialverbräuche (inkl. kostbarer Materialien, die in den sogenannten seltenen Erden vorkommen), aber auch die ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Nutzung erneuerbarer Energietechnologien.

    Hier ist es sehr wichtig mit Hilfe von Energiesystemanalysen (Lifecycle Costing, Lifecycle Sustainable Assessment usw.) festzustellen, wo und wie die Energiewende auch zu negativen Folgen führt (z. B. Kinderarbeit in Malaysia) und sie entsprechend zu minimieren. Eines steht jedoch trotz aller Komplexität um Rebound fest: Lösungen der großen energie- und ressourcenpolitischen Herausforderungen werden durch eine tiefgreifende Transformation der Gesellschaft in Richtung nachhaltiger Entwicklung und einer verbesserten Transparenz der Konsequenzen des eigenen Handelns leichter zu bewältigen sein als lediglich mit „technological fixes“ und blindem Vertrauen darauf, dass technischer Fortschritt im überwiegenden Maße immer nur gut ist.

    Prof. Dr. Reinhard Madlener ist Leiter des Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior (FCN) an der RWTH Aachen. Er schrieb 2011 das Gutachten zu Rebound-Effekten für die Bundestags-Enquete Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität.

    Literatur

    Antal M., van den Bergh J.C.J.M. (2014). Re-spending rebound: A macro-level assessment for OECD countries and emerging economies, Energy Policy, 68: 585-590.

    Kösler S., Swales K., Turner K. (2014). Beyond National Economy-wide Rebound Effects. An Applied General Equilibrium Analysis Incorporating International Spillover Effects, ZEW Discussion Paper No. 14-025.

    Madlener R. (2011). Energiesparen durch Effizienzfortschritte ist in einem weiter wachsenden System schlichtweg eine Illusion, Energiewirtschaftliche Tagesfragen Jg. 62 Heft 8, S. 2-5.

    Madlener R., Hauertmann M. (2011). Rebound Effects in German Residential Heating: Do Ownership and Income Matter?, FCN Working Paper No. 2/2011, Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior, RWTH Aachen.

    Santarius T. (2012). Green Growth Unravelled. How rebound effects baffle sustainability targets when the economy keeps growing. Heinrich Böll Foundation / Wuppertal Institute for Climate, Environment and Energy.

    Sunikka-Blank M., Galvin R. (2012). Introducing the prebound effect: the gap between performance and actual energy consumption, Building Research & Information, 40(3): 260-273.

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    Ein in Ketten gelegter Gefangener kickt seine Eisenkugel weg.
    © canstockphoto.com

    Rethink statt Rebound: Der Effizienzrevolution muss eine Suffizienzrevolution vorangehen.

    Die Effizienz-Versprechen sind kein Allheilmittel für die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit. Doch mit einer Politik des Genug lassen sich auch die Effekte des Rebound begrenzen. 

    Von Wolfgang Sachs und Tilman Santarius

    Suffizienz ist die Strategie des Unterlassens. Spätestens nach der Atombombe hat sich die Menschheit zu der Einsicht durchgerungen, dass nicht alles, was möglich ist, getan werden dürfte. Hans Jonas hat in den 1970er Jahren diese Erfahrung zum moralischen Imperativ verdichtet: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Laufend verstößt nun gegen diesen Imperativ die gesamte Weltwirtschaft: Sie ist gemeingefährlich für die Biosphäre geworden, die den Menschen und andere Lebewesen umhüllt. 

    Allein zu definieren, was „echtes menschliches Leben“ abgesehen von der nackten Fortexistenz der Gattung homo sapiens bedeutet, erfordert eine gesellschaftliche Wertedebatte. Und sich um diese drücken zu können, ist ein befreiendes Versprechen – zumal in Zeiten scheinbar unaufhaltsam fortschreitender Individualisierung und Globalisierung. Das ist die Attraktivität der Strategie der Effizienz: Sie verspricht, der weitreichende Wechsel von Technologien mache es unnötig, den Status-quo der Wirtschafts- und Lebensstile überhaupt in Frage zu stellen. Ist Autofahren schlecht für die Umwelt? Einerlei, sagen die Effizienz-Enthusiasten, wenn Autos zukünftig pro Kilometer nur noch so wenig Sprit verbrauchen wie öffentliche Verkehrsmittel heute. Doch die Sache hat einen Haken. Wenn die einzelne Autofahrt finanziell und moralisch kaum mehr ins Gewicht fällt – werden Menschen dann vielleicht immer häufiger und weiter fahren? Das ist die Problematik der Rebound-Effekte.

    SUV mit Hybrid-Motoren

    Gut bekannt sind bereits die finanziellen Rebound-Effekte: Effizientere Technologien sparen häufig Geld ein, das man an anderer Stelle für erneuten Konsum oder Investitionen ausgeben kann, die mit zusätzlichem Energie- und Materialverbrauch einhergehen. Für manchen mag es überraschend sein, dass indessen auch dann Rebounds eintreten, wenn durch eine Effizienzverbesserung gar kein Geld gespart wurde. Zunächst kann es materielle Rebound-Effekte geben, da schon die Herstellung effizienterer Geräte und Produkte einen Teil ihres Einsparpotenzials bei der Nutzung auffrisst. Hinzu aber kommen psychologische Rebound-Effekte, denn effizientere Produkte verändern nicht nur ihre technischen, sondern auch ihre symbolischen Eigenschaften. Sport Utility Vehicles (SUV), aufgrund ihres unnötigen Gewichts und horrenden Spritverbrauchs noch vor kurzem als ‚Vorstadtpanzer’ und ‚Klimakiller’ stigmatisiert, gelten plötzlich als Vorreiter-Autos, wenn sie mit einem Hybrid-Motor ausgestattet sind. Tatsächlich können deutliche Effizienzsteigerungen eines Produkts dazu führen, dass sich soziale Normen und individuelle Einstellungen gegenüber seiner Nutzung verändern. Doch ohne Suffizienz, oftmals in die falsche Richtung.

    Schließlich lösen Energieeffizienzsteigerungen in der gesamten Wirtschaft neue Wachstumsschübe und -zwänge aus. Für Ökonomen ist das ein Allgemeinplatz: natürlich macht jede Produktivitätssteigerung die Wirtschaft „fitter“ und forciert das Wachstum. Und was als Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und Wachstum völlig unstrittig ist, gilt ebenso für den Zusammenhang zwischen Energieeffizienzsteigerung und Wachstum. Übrigens ist dies eines der zentralen Argumente der Anhänger eines green growth: je stärker die ‚Karbonproduktivität’ der Wirtschaft, desto höheres Wachstum lässt sich erzielen.

    Doch wer die Rebound-Effekte dieser Wachstums- und Nachfrageeffekte einkalkuliert, wird nicht an der Einsicht vorbeikommen, dass Technologie- und Innovationsoffensiven alleine nicht ausreichen, um in den Industrieländern den Ressourcenverbrauch und die Treibhausgasemissionen um den Faktor 10 zu verringern. Mehr noch, wer ‚grünes Wachstum’ als Parole ausgibt, wird Rebound-Effekte gar noch vergrößern, denn der Konsum grüner Produkte kann dann als persönlicher Beitrag zum Umweltschutz missverstanden werden. Es ist offenkundig, dass der „Effizienzrevolution“ bei den Technologien eine „Suffizienzrevolution“ bei den gesellschaftlichen Institutionen vorangehen muss. Andernfalls lösen die neuen Technologien bloß eine weitere Fessel des Prometheus.

    Den Deckel auf die Rebounds

    Effizienz-Enthusiasten teilen diese Einschätzung selten. Wer gefangen ist im alten Steigerungsspiel der Moderne, der betrachtet absolute Reduktionsziele als Einschränkung der „Konsumentensouveränität“ und legt es daher allein darauf an, die Ressourcenproduktivität zu steigern. Doch produktiver für wen oder was? Für den Reichtum der Arten? Für die Würde der Mitarbeiter? Für die Langlebigkeit der Produkte? Nein. Produktiver, so wird gesagt, muss der Ressourcenverbrauch relativ zum Bruttoinlandsprodukt werden. Definiert wird die Steigerung der Ressourcenproduktivität als Entkoppelung von der Wachstumskurve – womit leicht übersehen wird, den Wachstumszwang selbst in Visier zu nehmen. Der Subtext der Rede vom „decoupling“ ist fortlaufendes Wachstum der Volkswirtschaften. Kein Wunder, dass die absolute Entkopplung, der Rückbau des Ressourcenverbrauchs bei anhaltendem Wachstum, nicht gelingt – und wenn, dann in Ausnahmefällen. Deswegen schert sich eine Politik der Suffizienz nicht um die Auswirkungen für das Wachstum, sie ist wachstumsindifferent, aber behält das Wohlergehen der Bürger im Auge. Die Wachstumsneutralität der Suffizienz hingegen ist widerständig gegenüber allen Arten von Rebound-Effekten. 

    Suffizienz kann in vielen Feldern erfolgen, gemeinsam aber ist die Idee des „cap“, des Deckels, oberhalb dessen der Ressourcenverbrauch nicht steigen darf. Um Rebound-Effekten Einhalt zu gebieten, ist es ratsam, Caps auf kollektiver Basis einzuführen. Denn Caps auf persönlicher Ebene, so verdienstvoll sie auch immer sein mögen, können Caps auf kollektiver Ebene nicht ersetzen. Suffizienz ist keineswegs nur eine persönliche Sache, sie ist eine Sache der Institutionen und ihres Designs. Eine rein auf individueller Ebene ansetzende Suffizienz kann materielle und wachstumsbedingte Rebound-Effekte nicht ausschließen und die Verlagerung von Ressourcenverbrauch – zu anderen Verbrauchern, in andere Länder – gar noch verstärken. 

    Indessen können kollektive Vereinbarungen leidlich gegen Verlagerung und Nachrücker des Überverbrauchs schützen. Einige der größten Erfolge der Umweltpolitik sind der Suffizienz zu verdanken: Das bleifreie Benzin, der Ozon-Vertrag (Montreal-Protokoll), die POP-Konvention über langlebige organische Schadstoffe, der Atomausstieg, ja letztendlich der Anfang aller Umweltpolitik, die Ausweisung von Naturschutzgebieten, sind aus dem Geiste der Suffizienz erwachsen. Nicht der Ressourcenproduktivität und ihrer Steigerung zuliebe. Zugegeben, die CO2-Emissionen sind von anderer Qualität, sie durchdringen jeden Aspekt des Wirtschaftens und erfordern ressourcenleichte Technologien allerorten. Doch die kollektiv vereinbarten Emissions-caps, also Suffizienzziele, bringen erst die „Effizienzrevolution“ in Schwung – und halten zugleich die Rebound-Effekte im Zaum. Auch die vielerorts diskutierten Energie- und Ressourcensteuern, die Einsparungen aus Effizienzgewinnen kompensieren können, sind, genau betrachtet, Suffizienz light.

    Der Kapitalismus überlebt nur, wenn er sein Betriebssystem ändert

    Wie schaut eigentlich eine Politik der Suffizienz aus? Falls man in den nächsten Jahrzehnten den Herausforderungen gerecht werden möchte, wäre zu nennen: ein ressourcensparendes solares Energiesystem, niedermotorisierte Autos, Abbau des europäischen Flugverkehrs, Null-Option im Flächenzubau, ökologischer Landbau, Exit-Strategie für schwimmende Fischfabriken. Und im sozialen Sinne: Sharing von Autos, Wohnungen, Geräten und alle Formen von Ko-Produktion, elektronisch wie handgreiflich. Solche Vorhaben gibt es bereits; sie aus der Nische zu holen, ist das Gebot der Stunde. Sie tragen bei zu einer Kultur des Genug. Werden sie größer und umfassen ganze Sektoren, verblassen die Rebound-Effekte.

    „Ausstieg“ und „Wende“, „Transformation“ und „Postwachstum“, diese Begriffe deuten schon an, dass sich Suffizienzpolitik in einen größeren Wandel eingebettet versteht. Überhaupt ergibt eine Politik des rechten Maßes nur dann Sinn, wenn sie Chancen öffnet. Zum Beispiel: eine verkehrsberuhigte und daher lebenswerte Stadt; eine chemiefreie, aber qualitativ hochstehende Landwirtschaft; und eine dezentrale, doch dichte Regionalwirtschaft. Auf ein Wort gebracht: eine Gemeinwohlökonomie, die der Natur verpflichtet ist und den Menschen achtet. So wenig mehrheitsfähig es heute manchen Orts erscheinen mag: Der Kapitalismus in der Demokratie überlebt nur, wenn er sein Betriebssystem ändert und auch ökologische und soziale Wertschöpfung betreibt. Das ist ein weites Feld, aber es geht schließlich darum, eine Gesellschaft nicht nur auf Geld, sondern auch auf Solidarität mit Menschen sowie mit anderen Lebewesen zu bauen. Das nicht zu vernachlässigen, ist vielleicht die wichtigste Empfehlung, die man ins Stammbuch der Effizienz-Enthusiasten schreiben kann.

    Prof. Dr. Wolfgang Sachs  ist Senior Researcher am Wuppertal Institut, war Vorsitzender des Aufsichtsrats von Greenpeace, lead author beim IPCC und hat die Studie Zukunftsfähiges Deutschland geleitet. Tilman Santarius war bis 2009 Projektleiter am Wuppertal Institut, bis 2011 Referent bei der Heinrich-Böll-Stiftung und bis vor kurzem Gastwissenschaftler an der University of California in Berkeley.

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    Ein Esel, von der Seite zu sehen
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    Kann ein Esel tragisch sein?

    Technologische Entwicklung und ihre nachteiligen Folgen für Umwelt und Menschen lassen sich kaum vernünftig regulieren, einen Weg zurück gibt es nur nach Störfällen. Nötig zur Bewältigung des Rebound ist eine andere Erzählung, eine philosophische Ästhetisierung der Unschärfe.

    Von Bernd Draser

    Als Ödipus vom delphischen Orakel erfuhr, es sei sein Schicksal, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu heiraten, unternahm er sein Möglichstes, das zu verhindern. Er verließ Vater, Mutter und die Heimatstadt Korinth und begann ein neues Leben als König in Theben. So lässt sich die Vorgeschichte der Tragödie „König Ödipus“ von Sophokles zusammenfassen. Doch Ödipus hatte nicht alle Informationen, um eine gute Entscheidung zu treffen, obgleich sie gut gemeint war: Seinem leiblichen Vater begegnete er, ohne zu wissen, wer der sei, auf dem Weg nach Theben und erschlug ihn. In Theben angelangt, befreite er die Stadt von einer Krise und wurde mit der Königswürde samt Königin entlohnt; die war aber, auch das wusste er nicht, seine leibliche Mutter. Der erste Schritt zum tragischen Helden war für Ödipus der unbedingte Versuch, alles zu tun, um die Erfüllung des Orakels zu verhindern – und es eben dadurch erfüllte. 

    Die wörtlichste Übersetzung des Begriffs Rebound-Effekt lautet „Abprall“ oder „Rückstoß“. Vom Rebound spricht man in der Pharmazie und der Mechanik, in der Finanzwelt und im Basketball, und seit den Neunzigern auch kontrovers in der Nachhaltigkeitsforschung, nämlich stets dann, wenn Effizienzgewinne, die eigentlich die absoluten ökologischen Auswirkungen mindern sollen, durch verschiedene immanente Verstrickungen das nur eingeschränkt oder sogar das Gegenteil davon tun. Der Rebound-Effekt ist, das zeigt die Ödipus-Analogie, die tragische Dimension der Nachhaltigkeitsstrategien, die auf die Steigerung von Effizienz und Produktivität setzen. 

    Von Rückstoß bis Backfire

    Die Verstrickungen, die zum Rebound-Effekt führen, können ökonomische, materielle, aber auch moralische Wechselwirkungen sein, die ungenügend berücksichtigt werden, da sie schwer zu quantifizieren sind. Der Effekt ist älter als das Wort und wurde bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts vom englischen Ökonomen William Jevons als Paradoxon beschrieben, damals noch in Bezug auf die Kohle, deren effizientere Nutzung nicht etwa zum Minder-, sondern im Gegenteil zum Mehrverbrauch führte. In Wirklichkeit ist der Effekt nicht nur klassisch, sondern menschlich – allzumenschlich, und in reinster klassischer Gestalt finden wir ihn im Ödipus-Drama des Sophokles. 

    Delikat ist der moralische Rebound-Effekt, der oft, mehr verhüllend als entlarvend, psychologisch genannt wird: Durch die Moralisierung nachhaltiger Lebensweisen eröffnet sich dem Moralisten nicht nur die Möglichkeit, sich selbst zu erhöhen, sondern auch noch unbeschwert mehr – weil moralisch –  zu konsumieren. Die Beispiele sind geläufig: Wer Sparlampen einsetzt, ist verführt, das Licht länger brennen lassen; zusammen mit dem materiellen Mehrverbrauch wird die Stromersparnis locker überkompensiert. Wer ein Auto mit ökologischem Image fährt, kann im Hochgefühl sittlicher Überlegenheit auch öfter und weiter fahren; zusammen mit der Produktion des Autos reicht auch das an ein „Backfire“ heran, also einen Rebound-Effekt von über 100%. 

    Jean-François Lyotard führte die Rede von den „großen Erzählungen“ ein; das sind Modelle der Weltdeutung, die ein System entwerfen, das für dienlich gehalten wird, alles zu deuten. Das sind heilsgeschichtliche Erzählungen wie die christliche und die Systemphilosophien von Hegel und Marx, das Weltbild der Naturwissenschaften etc., die jeweils eine umfassende Deutung der Welt unternehmen und aus dieser Deutung Maßnahmen ableiten, um die Welt mit der Erzählung in Einklang zu bringen. Die Differenz zwischen dem, was man als Ziel erhofft und dem, was wirklich passiert, oder anders gesagt: die Differenz zwischen der Einfalt der großen Erzählung und der Vielfalt der Wirklichkeit, diese tragische Differenz entspricht dem Rebound-Effekt.

    Die Wirkung des Modells

    Die große Erzählung der Technik ist für ihn besonders anfällig, weil die technischen Lösungen als funktionale Einheit an sich so raffiniert sein können, auf der Makroebene der Wechselwirkungen mit der Welt allerdings nur rudimentär durchdacht sind. Technik denkt hermetisch im Rahmen der eigenen großen, der technisch-instrumentellen Erzählung und kommt selten auf die Wechselwirkungsebene. Ein Smartphone zum Beispiel ist ein Wunderding an Hochtechnologie auf allerkleinstem Raum; es darf aber bezweifelt werden, ob im Entwurfsprozess die Frage nach der Gesamtmenge der Geräte und ihre Wechselwirkung mit der Natur eine prominente Rolle spielte. Es ist das erste Kriterium eines nachhaltigen Industrial Design, diese Wechselwirkungsdimension – man kann sie auch zyklisch nennen – im Entwurfsprozess angemessen zu berücksichtigen. 

    Erkenntnistheoretisch ist der Rebound-Effekt die Unschärfe, die jeder Modellbildung eigen ist. Die hat durchaus einen Erkenntniswert, weil sie alles ausblendet, was im Rahmen des Modells unberücksichtigt bleiben soll, also Komplexität reduziert. Zum Problem wird diese Unschärfe erst dann, wenn das Modell seinen Modellcharakter vergisst und die reduzierte Komplexität mit dem Sinn der Geschichte oder ähnlichen Blasiertheiten verwechselt – der Fall bei den großen Erzählungen. Das technisch-instrumentelle Denken neigt dazu, die technische Machbarkeit mit dem Beleg für die Richtigkeit des Machens zu verwechseln; als Korrektiv setzen hier Disziplinen wie die Technikfolgenabschätzung an, um die Unschärfe des Modells wieder scharf zu stellen.

    Das Versprechen der Effizienz

    Viel transparenter und damit erkenntnissicherer sind Erzählungen, die sich als solche zu erkennen geben, weil sie ästhetischen Charakter haben, wie die Ödipus-Tragödie des Sophokles: Es ist wieder eine schwere Krise, die Pest, die das Gemeinwesen von Theben belastet. Es ist wieder ein Orakelspruch, der die Auskunft gibt, dass ein Frevel die Ursache der Pest sei. Ödipus hatte ja bereits eine Krise zugunsten der Stadt entschieden, indem er das Rätsel der Sphinx löste. Die Antwort lautete damals: „Es ist der Mensch.“ Diese Antwort haben wir vor Jahrzehnten auch gefunden, dass nämlich die bedrohlichen Veränderungen der Natur anthropogen sind. 

    Wenn Ödipus sich nun als detektivisch aufklärender Rätsellöser auf die Spur des Frevels macht, wendet sich jeder seiner Erkenntnisfortschritte als tragischer Rückstoß gegen ihn selbst, denn er muss feststellen, dass er der gesuchte Frevler ist, und zwar nicht er als Mensch, sondern er als Individuum, ganz persönlich, völlig ohne Intention des Frevels oder Willen zum Verstoß, und doch vollständig in der Verantwortung. Jeder von uns als Einzelner steht wie er in der Verantwortung, die Rebound-Effekte mit zu bedenken und das eigene Handeln darauf hin zu überprüfen. Damit nehmen wir nicht nur unsere Souveränität als Individuen an, sondern beharren auch auf der Untilgbarkeit der Individualität, die kein Modell zurechtzustutzen vermag, die sich durch nichts auf den Begriff bringen lässt und lassen darf. 

    Der Rebound-Effekt ist in doppeltem Sinne tragisch. Zum Einen bezeichnet er das Gegenteil dessen, was die Intention einer Handlung war – tragisch im Sinne der schicksalhaften Verstrickung in überkomplexe Wechselwirkungen. Zum Anderen kann man ihn nicht vollständig wegwünschen, weil sein Verschwinden das Auslöschen dessen bedeutet, was Adorno das Nichtidentische nennt, das widerständig Eigene eines jeden einzelnen Menschen. Wo ein Rebound-Effekt feststellbar ist, da sind wir vor der Tyrannei der großen Erzählungen noch sicher, da sind wir noch Herr der Modelle, noch nicht deren Gegenstand – doch die Modelle rüsten nach. 

    Dieser Versuch kann nur mit Nietzsche schließen: „Kann ein Esel tragisch sein? — Dass man unter einer Last zu Grunde geht, die man weder tragen, noch abwerfen kann? … Der Fall des Philosophen.“ Und nicht nur des Philosophen.

    Bernd Draser lehrt Philosophie an der Ecosign-Akademie in Köln. Sein letztes Thema in der factory Sisyphos war Die tröstliche Schönheit des Scheiterns.

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    Schiedsrichterpfeife
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    Den Ressourcenverbrauch durch Gleichheit drosseln

    Gleichheit ist ein Schlüsselfaktor zu Ansätzen solidarischer Postwachstumsökonomie und von Commons, mit dem im post-fossilen Zeitalter die herrschende nicht-nachhaltige Wirtschaftsordnung und Rebound-Effekte überwunden werden können. 

    Von Andreas Exner

    Wachstums- und Rebound-Effekte werden in der Diskussion um eine zukunftsfähige und gerechte Wirtschaftsweise häufig als Beleg dafür verwendet, dass mit der bisherigen Wirtschaftsordnung eine ressourenschonende Ökonomie nicht möglich ist. Häufig wird danach gefragt, was eigentlich das Wachstum der Wirtschaft so antreibt, dass es durch den damit verbundenen wachsenden Ressourcenverbrauch ersichtlich negative Folgen für Umwelt und Lebensqualität hat. Den gegenwärtigen Diskurs prägen zwei Erzählungen: Das technizistische Narrativ macht ineffiziente Technologien dafür verantwortlich, dass sich das Wachstum als ökologisch problematisch erweist, das anti-konsumistische sieht im wachsenden Konsum die Ursache für den zunehmenden Ressourcenverbrauch. Die  technologische Argumentation fokussiert dabei vor allem auf weitere Effizienzsteigerungen und eine Ablösung nicht erneuerbarer durch erneuerbare Energieträger.
    Für die technologischen Lösungen spricht die Hoffnung, dass auf ein einzelnes Produkt bezogen mit steigender Ressourceneffizienz der Ressourcenverbrauch abnimmt. Daraus wird geschlossen, dass sich auch gesamtgesellschaftlich der Ressourcenverbrauch und damit Umweltschäden durch einen entsprechenden technologischen Fortschritt reduzieren müssten. Auch das anti-konsumistische Narrativ wirkt zunächst überzeugend: Kaufen die Konsumierenden weniger ein, so die Annahme, sollte auch die Produktion zurückgehen. Auf diesem Wege wäre ebenfalls ein Nachlassen von Umweltbelastungen zu erwarten.

    Diese Annahmen erweisen sich bei näherer Betrachtung als fragwürdig. Die technisch orientierte Strategie der Effizienzsteigerung übersieht den so genannten Rebound-Effekt. Dieser zeigt sich empirisch als parallele Entwicklung eines sinkenden Ressourcenverbrauchs pro Produkteinheit oder Transportkilometer mit in der Regel insgesamt wachsenden Verbräuchen. Auch das Konsumargument ist wenig plausibel: Löhne und Gehälter und deren Anteil am Volkseinkommen sinken seit den 1980er Jahren in sehr vielen westlich-industrialisierten Ländern – während die Ressourcenverbräuche steigen.

    In beiden Argumentationsweisen zeigt sich ein gemeinsames Defizit: Ihnen fehlen Sensorium und Begrifflichkeiten für die existierende Wirtschaftsstruktur und die damit verbundene spezifische Form sozialer Beziehungen. Denn charakteristisch für die herrschende Produktionsweise sind die Produktion von Profit und die sich daraus ergebende umfassende Marktorientierung.

    Eine ökologische Konsequenz dieser Wirtschaftsweise ist die Funktionalisierung konkreter Bedürfnisse, die an sich begrenzt sind. Das eingesetzte Kapital muss jedoch wachsen, die Konkurrenz am Markt verlangt nach einem Überschuss – und zwar an Geld. Ein Unternehmen, das mangels Rentabilität nicht in neue, produktivere Maschinen, Marketing, eine Rationalisierung der Arbeitsabläufe und höher qualifizierte Mitarbeiter investieren kann, wird profitableren Betrieben im Wettbewerb unterliegen. Neben diesem Wachstumszwang durch Konkurrenz wirkt auch der Wachstumsdrang: mit einer Investition nur gleich hohe Einnahmen zu erzielen macht keinen Sinn, wenn der Zweck der Produktion nicht primär der Bedürfnisbefriedigung dient.

    Ressourcenreduzierung ermöglicht neue Investitionen

    Die Grenzen beider Positionen sind offensichtlich: Die Technik löst das Problem des nachhaltigen Wirtschaftens insoweit nicht, als durch die Ersparnis an Ressourcen ersparte Ausgaben als vermehrte Geldmittel für erneute Investitionen erscheinen, die sich letztlich in neuen Produktionsmitteln oder neuen Produkten materialisieren. So werden Effizienzsteigerungen konterkariert oder sogar überkompensiert. Ein ähnlicher Effekt wirkt auch auf Seiten der Konsumierenden, die bei steigender Effizienz von Neuwagen oder Rechnerleistung mehr davon nachfragen, angetrieben nicht durch eine Konkurrenz am Markt, sondern durch den Zwang zum Status­erhalt und -zugewinn.

    Eine Position, die den Konsum für die ökologische Krise verantwortlich macht, ohne seine wirtschaftliche Funktion und Einbettung zu berücksichtigen, verkennt wiederum zweierlei: Erstens ist nicht der Konsum das Motiv kapitalistischen Wirtschaftens, sondern der Profit. Dieses Motiv setzt Konsum voraus, hat jedoch die Vermehrung von Kapital durch die Akkumulation von Geldüberschüssen zum Inhalt (als Unternehmergewinn, Grundrente und Aktiendividende). Diese Überschüsse in Form von Profit treten als genau jener Teil des Volkseinkommens in Erscheinung, der eben nicht konsumiert wird, sondern in der Folge stattdessen investiert wird. Ein Konsum, der das gesamte Volkseinkommen „aufisst“, würde zugleich den Profit annullieren und damit weitere Produktion unter kapitalistischen Bedingungen.

    Die Voraussetzungen von Suffizienz

    Welcher Weg zur Nachhaltigkeit wäre also einzuschlagen, wenn technologische Entwicklung allein zu kurz greift und der Konsum als solcher noch nicht sein eigentliches Hindernis darstellt? Die Antwort ergibt sich, wenn man den Mechanismus des Wachstumszwangs in den Blick nimmt, die Konkurrenz um den Profit, die aus der Konkurrenz der Unternehmen um ihr wirtschaftliches Überleben resultiert. Diese Konkurrenz wirkt zwangsläufig, wenn diese sich über ihre Produktion nicht absprechen, sondern gegeneinander rücksichtslos verfahren. Und das kann auf einem Markt anders auch nicht sein. Eine nur scheinbare Alternative besteht in einer autoritären, den Konkurrenzmechanismus oberflächlich aussetzenden staatlichen Planung des Marktes wie im Modell des Realsozialismus, worin sich die Konkurrenz in „negativer Form“ fortsetzte. Eine wirkliche Alternative bestünde in einer demokratischen, bedürfnisorientierten Regulierung der Produktion ohne staatliche Intervention. Für diesen letzteren Weg sind grundsätzlich neue Wirtschaftsweisen erforderlich und eine Große Transformation zu einer historisch neuen Form von Gesellschaft. 

    Sekundär spielt auch die Konkurrenz der Konsumierenden für den Wachstumszwang eine Rolle, die symbolisches Kapital in Form von Prestigegütern akkumulieren; allerdings insbesondere auf den unteren Stufen der sozialen Rangleiter auch schlicht um einen Arbeitsplatz überhaupt kämpfen. Die Statusleiter, die sich vom Investor bis zur Erwerbslosen aufspannt, verlängert sich unter dem Wirken der Konkurrenz beständig, nachdem diese systematisch die Reichen belohnt und die Armen straft. Je mehr ein Individuum über ökonomisches und kulturelles Kapital verfügt, desto eher wird es in der Konkurrenz reüssieren und weiteres Kapital akkumulieren können. Die Statuskonkurrenz auf Seiten der Investoren und Firmeneigentümer, sekundär auch die zwischen den Lohnabhängigen, ist die subjektive Triebkraft des Wachstumszwangs, dem folgerichtig nur durch den Abbau von sozialer Ungleichheit begegnet werden kann. Dies ist eine wesentliche, wenngleich noch keine hinreichende Bedingung für Nachhaltigkeit.

    Soweit die kurz gefasste Analyse der Ursachen und Folgen des Wachstums. Doch ist der Wunsch nach einer neuen Wirtschaftsordnung der Suffizienz praktisch mehr als eine vage Hoffnung?

    Nicht unbedingt. Wirtschaftsweisen, die nicht der Logik von Konkurrenz und Profitmaximierung folgen, sondern sich an konkreten Bedürfnissen orientieren und daher suffizienzfähig sind, werden vermehrt unter dem Titel einer Solidarischen Ökonomie oder als Commons diskutiert. Sie reichen beispielsweise von gemeinschaftsgestützten Landwirtschaftsprojekten über foodcoops bis hin zu vernetzten demokratischen Genossenschaften. Historische Beispiele gehen zurück bis zu den ersten Jahrzehnten der israelischen Kibbuz-Siedlungen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Während sich Israel insgesamt kapitalistisch entwickelte, verfolgte der wirtschaftlich bedeutende Kibbuz-Sektor bis in die 1980er Jahre einen anderen Weg. Aber auch die vielfältigen subsistenzorientierten Praktiken, die global immer noch einen großen Teil des Alltags sehr vieler, wenn nicht der meisten Menschen bilden, gehören in dieses Spektrum. 

    Soziale Nähe reduziert den Umweltverbrauch

    Untersuchungen zu den Folgen von sozialer Gleichheit belegen, dass schon allein reduzierte Einkommensspannen in einer Volkswirtschaft die Lebensqualität stark erhöhen. Das BIP hat dagegen keinen statistisch messbaren Einfluss auf die Lebensqualität in den reicheren Ländern. Länder mit mehr Gleichheit zeigen zudem einen geringeren Anteil von absatzfördernden Werbeausgaben am BIP und einen höheren an Entwicklungshilfe; auch ihr Friedensindex schneidet besser ab. Mehr Lebensqualität erfordert daher nicht eine höhere Wirtschaftsleistung und ihren im Schnitt größeren Umweltverbrauch sondern mehr Gleichheit. Wichtige Indikatoren eines ökologisch positiven Naturverhältnisses im Vergleich reicher Länder korrelieren positiv mit sozialer Gleichheit. So korreliert die Zahl der Kraftfahrzeuge pro Kopf in einem Land mit dem Grad sozialer Ungleichheit, während diese Quote mit dem BIP pro Kopf keine Korrelation aufweist. Die Größe von Wohnungen am neueren Gebäudebestand ist negativ mit dem Grad sozialer Gleichheit korreliert, die durchschnittlich gefahrenen Radkilometer pro Person und der Anteil von Radfahrten auf alle Fahrten bezogen korrelieren dagegen positiv mit dieser Variable. Der direkte Materialverbrauch im Vergleich reicher Volkswirtschaften korreliert positiv mit steigender sozialer Ungleichheit.

    Mehr Gleichheit würde zudem die Schwierigkeiten einer insgesamt schrumpfenden Wirtschaft erheblich mildern. In einer ungleichen Gesellschaft fallen die Lasten einer solchen Reduktion unverhältnismäßig stark auf jene Gruppen, die ohnehin schon benachteiligt sind. Weil der Grad der sozialen Gleichheit über die Lebensqualität entscheidet, haben gleichere Gesellschaften bessere Voraussetzungen, mit weniger Produkten mehr Wohlstand für alle zu erzielen als ungleichere. Eine deutlich stärkere Besteuerung von Vermögen, Spitzeneinkommen und Kapitalgewinnen ist also aus sozialen wie ökologischen Gründen nötig.

    Dazu parallel sollten staatliche Politiken und soziale Bewegungen jedoch auf eine Veränderung der Wirtschaftsordnung selbst abzielen. Und zwar durch eine Förderung von Betrieben und Projekten, die sich allenfalls in demokratisch gebändigter, sozial regulierter Form auf den Markt hin ausrichten müssen, und stattdessen möglichst weitgehend auf konkrete Bedarfsdeckung hin abzielen können und solidarisch produzieren. Nicht zuletzt zeichnen sich demokratische Genossenschaften und ähnliche Organisations­typen durch ein höheres Maß an pro-sozialen und demokratischen Haltungen ihrer Mitglieder aus. Dies ist lediglich eine Voraussetzung solcher Wirtschaftsweisen, keineswegs schon eine zureichende Bedingung. Im Rahmen der vom Markt geprägten Wirtschaftsordnung kann es keine stationäre Wirtschaft geben, und schon gar keine schrumpfende, die nicht mit massiven sozialen Verwerfungen einhergehen würde. Kooperatives, auf Gleichheit beruhendes Wirtschaften erfordert daher letzten Endes eine weitgehende Ablösung des Marktes durch Formen bedürfnisorientierter, demokratischer Regulierungen des Wirtschaftens jenseits staatlicher Planung.

    Andreas Exner ist Ökologe und Sozialwissenschafter in Graz und Wien. Zur Zeit  ist er Co-Leiter des Projekts Green Urban Commons am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und forscht derzeit zu Gemeinschaftsgärten. Er leitete die Forschungsprojekte des Österreichischen Klima- und Energiefonds Save our Surface, Feasible Futures und Resilienz Österreich. Zusammen mit Martin Held und Klaus Kümmerer gibt er den Sammelband „Kritische Metalle in der Großen Transformation“ heraus, der 2015 bei Springer erscheinen wird.

    Literaturempfehlungen

    Zum Wirtschaftssystem: 

    Altvater, E. (2005): Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Westfälisches Dampfboot, Münster.

    Binswanger, H. C. (2006): Die Wachstumsspirale. Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. Metropolis-Verlag, Marburg.

    Exner, A., Zittel, W., Fleissner, P., Kranzl, L. (Hrsg., 2013): Land and Resource Scarcity. Capitalism, Struggle and Well-being in a World without Fossil Fuels. Routledge, London

    Zu Alternativen:

    Exner, A.; Kratzwald, B. (2012): Solidarische Ökonomie & Commons. Mandelbaum-Verlag, Wien.

    Zu sozialer Gleichheit:

    Wilkinson, R.; Pickett, K. (2009): The Spirit Level. Why Equality is Better for Every­one. Penguin Books, London.

    Mehr Beiträge zum Thema gibt es nicht nur online, sondern auch in unserem Magazin Rebound. Das ist reich illustriert und gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen und enthält zudem sämtliche Beiträge und Fotos sowie Zahlen und Zitate.

     
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