Einige schön braunbunte Kühe, die am Rande eines Sees stehen, in dem sie sich spiegeln
© canstockphoto.com

Mit Bio das Wasser schützen

Wasserversorger wie die Stadtwerke München fördern ökologischen Landbau, um die Trinkwasserversorgung der Stadt zu sichern. Viele Kommunen erkennen, dass das günstiger als die Reinigung von Rückständen aus der konventionellen Landwirtschaft ist.

Von Heike Mayer

„Es stinkt zum Himmel“, titelte die Süddeutsche Zeitung angesichts hoher Nitritkonzentration im Grundwasser als Folge der Landwirtschaft. Der Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter wird vor allem dort überschritten, wo sich große Tiermastbetriebe befinden und Millionen Tonnen Gülle auf den Feldern landen. Als zusätzliches Problem erweisen sich die Gärreste aus bundesweit rund 8000 Biogasanlagen. Wie Abhilfe schaffen? Einige Wasserversorger handeln vorausschauend: Sie bieten finanzielle Anreize dafür, dass Flächen in Wassereinzugsgebieten ökologisch und tiergerecht bewirtschaftet werden, damit die Probleme erst gar nicht entstehen. Oder sie praktizieren, wie etwa in Leipzig, selbst Öko-Landbau.

Stadtwerke München: Initiative Öko-Bauern

Die 1,5 Millionen Einwohner Münchens können sich in Sachen Trinkwasser glücklich schätzen. Ihr Wasser stammt zu 80 Prozent aus dem Alpenvorland, aus verschiedenen Quellen im Mangfalltal, 40 Kilometer östlich der bayerischen Landeshauptstadt gelegen. Im Freistaat Bayern sind hohe Nitritwerte und Pestizidrückstände mancherorts alarmierend. Nicht so in München: Hier weist das Wasser einen Nitratgehalt von nur 6 Milligramm pro Liter auf. Nachhaltig zu denken und zu handeln ist schon lange ein Leitmotiv für Entscheidungen des Stadtrates. So hat man bei den Stadtwerken München, einem der größten Versorgungsunternehmen in Deutschland, schon vor 23 Jahren ein Förderprogramm für ökologischen Landbau ins Leben gerufen. 

1992 startete die Initiative „Öko-Bauern“. Sie bietet Landwirten finanzielle Unterstützung, im Einzugsgebiet der Wasserversorgung Felder umweltschonend zu bewirtschaften und Tiere artgerecht zu halten. Für die notwendigen Investitionen und als Ersatz für den geringeren Ertrag erhalten die Betriebe eine Ausgleichszahlung. Bis heute konnten über 150 Bauern dafür gewonnen werden, auf Bio umzustellen. „Am Anfang waren die Landwirte zum Teil schon etwas skeptisch“, erinnert sich Cornelia Schönhofer, die bei den Stadtwerken München für das Förderprogramm Ökobauern zuständig ist. „Aber dann hat das Ganze schnell an Fahrt gewonnen.“ 

Voraussetzung für die Teilnahme am Förderprogramm: Die Bauern müssen einem Ökoverband wie Bioland oder Naturland angehören oder beitreten. Die Ausgleichszahlen sind gestaffelt, je nachdem, wo sich die Anbaufläche befindet – im Quellenschutzgebiet sind es aktuell 350 Euro jährlich pro Hektar, im Umstellungsgebiet 280 Euro und im sogenannten Erweiterungsgebiet und außerhalb des Versorgungsgebietes 250 Euro. Ein Vertrag läuft über 15 Jahre, ist aber seitens der Landwirte jederzeit kündbar. Die alljährlich durchgeführte Kontrolle einer unabhängigen Stelle gewährleistet, dass die Standards eingehalten werden. Die Auflagen sind streng: Die Bauern dürfen nur so viele Tiere halten, wie sie durch eigenen Anbau ernähren können, chemisch-synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel sind verboten, verwendet werden darf weitgehend nur eigener, aufbereiteter Naturdünger. Nur in sehr engen Grenzen darf Futter- oder Düngemittel hinzugekauft werden. Mit rund 3500 Hektar ist nach Angaben der Stadtwerke auf diese Weise eines der größten ökologisch bewirtschafteten Gebiete Deutschlands entstanden. Probleme mit Biogasanlagen gibt es hier nicht – einfach deshalb, weil es gar keine Anlagen gibt. Sie wären genehmigungspflichtig und über die Schutzgebietsverordnung hätten die Stadtwerke ein Mitspracherecht, falls jemand eine solche Anlage bauen wollte. Aber: „Das ist kein Thema im Mangfalltal“, erklärt Pressesprecher Michael Soli? von den Stadtwerken München. 

Vorteilhaft für die beteiligten Landwirte: Nicht nur die Erzeugung, auch die Vermarktung ihrer Produkte wird unterstützt. So wird beispielsweise ihre Milch über das Regionale Netzwerk Unser Land in Münchner Supermärkten angeboten, deutlich gekennzeichnet mit dem Slogan „Ökomilch schützt Wasser“. Positiv für die Verbraucher: Das Münchner Trinkwasser liegt mit 1,64 Euro pro Kubikmeter im Bundesdurchschnitt – das Förderprogramm hat lediglich einen Anteil von 0,5 Cent pro Kubikmeter Trinkwasser beim Wasserpreis.

Ostfriesland: Biogas-Boom ist kontraproduktiv

Am entgegengesetzten Ende der Republik im hohen Norden sind hohe Nitratwerte im Grundwasser ein massives Problem. Doch auch hier gibt es Initiativen, die verstärkt auf ökologischen Landbau zu setzen. Beispiel Niedersachsen: Der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband OOWV versorgt fast eine Million Menschen in neun Landkreisen mit Trinkwasser, das ausschließlich aus Grundwasser in einer Tiefe von bis zu 170 Metern gewonnen wird. Der Verband arbeitet beim Grundwasserschutz auf unterschiedlichen Ebenen. Ein  Kooperationsmodell – aus der Wasserentnahmegebühr finanziert – umfasst die Zusammenarbeit mit konventionellen und ökologischen Landwirten. Darüber hinaus gibt es ein eigenes Schutzkonzept, das noch höhere Anforderungen an die Landwirte stellt. Es wird aus Eigenmitteln finanziert.

745 Landwirte machen bei der Kooperation mit. Von den 41.000 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche werden insgesamt rund 1000 Hektar ökologisch bewirtschaftet. Die finanzielle Förderung beziehungsweise Pachtermäßigung variiert nach regional üblichem Pachtniveau und nach Auflagen für den Wasserschutz. Eine gängige Differenz kann bei 300 bis 400 Euro pro Hektar liegen. In einigen Regionen ist das Pachtniveau durch Veredelung und Biogas gestiegen, sodass bis zu 1.000 Euro pro Hektar – oder sogar mehr – an Ausgleichszahlungen geleistet werden müssen.

Die Landwirte schließen innerhalb der Kooperation freiwillige Vereinbarungen ab und bekommen für die Umsetzung der Maßnahmen gemäß dem Kooperationsmodell des Landes Niedersachsen eine Entschädigung, die je nach Maßnahme zwischen 30 und 330 Euro pro Hektar liegt. Die Einhaltung der Vorgaben wird kontrolliert. Auf OOWV-Pachtflächen gelten wesentlich strengere Anforderungen an die Reduktion der Düngung, so dass Düngungsabschläge von der erlaubten Düngermenge von über 50 Prozent vorgeschrieben sind.

Nach dem Erfolg des Programms gefragt, antwortet Gunnar Meister, Pressesprecher beim OOWV:  „Unser Programm hat in der Vergangenheit entscheidend dazu beigetragen, die Qualität des Grundwassers in der Fördertiefe in unseren Wasserschutzgebieten zu erhalten. Allerdings müssen sich alle beteiligten Akteure erheblich mehr anstrengen, um die Erfolge dauerhaft zu sichern und die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie einzuhalten. Seit dem Beginn des Biogas-Booms im Jahr 2006 stellen wir beispielsweise in vielen Bereichen wieder steigende Nitratwerte im oberflächennahen Grundwasser (bis 20 Meter Tiefe) fest, die den erlaubten Wert von 50 Milligramm pro Liter um mehr als das Doppelte übersteigen. Betroffen sind in erster Linie besonders viehintensive Regionen. Der Wasserschutz braucht ein Düngerecht, welches die Einhaltung von 50 Milligramm im Grundwasser sichert und das einen klaren Rechtsrahmen ohne Schlupflöcher vorgibt.“

Leipzig: Aktive Vorsorge ist ein „Erfolgsprojekt“

Etwa zur selben Zeit wie in München erkannte man auch in Leipzig, dass es Zeit zum Handeln ist. Die Kommunalen Wasserwerke Leipzig GmbH (KWL) versorgen rund 645.000 Menschen in der Stadt und der Region mit Trinkwasser. Das Einzugsgebiet der Wasserwerke im Muldetal ist landwirtschaftlich geprägt – Ackerbau und intensive Viehhaltung ließen den Nitratgehalt im Wasser besorgniserregend steigen. 1991 erfolgte deshalb der Beschluss, die Bewirtschaftung der dort liegenden städtischen Flächen auf ökologischen Landbau umzustellen. Ende 1994 wurde dafür das Wassergut Canitz gegründet, ein 100-prozentiges Tochterunternehmen der Wasserwerke. Seit 2004 arbeitet man hier nach Bioland-Richtlinien.

Von aktuell 740 Hektar Gesamtfläche sind 120 Hektar Grünland, 620 Hektar Ackerland. Auf Futtermittel- und Düngerimporte wird hier ebenso verzichtet wie auf chemischen Pflanzenschutz. Die ganzjährig stallbezogene Viehhaltung wurde aufgegeben, stattdessen wurde die Mutterkuhhaltung eingeführt. Die artgerechte Tierernährung kommt ohne Hormone und Leistungsförderer aus. Auf insgesamt fast 750 Hektar liegen die ökologisch bewirtschafteten Landwirtschaftsflächen eingebettet in Auenwiesen, Wälder und Gehölze und leisten nicht zuletzt auch einen wichtigen Beitrag zur Wahrung der Artenvielfalt.

Zudem leistet das Leipziger Versorgungsunternehmen Ausgleichszahlungen unter anderem für weitere 1620 Hektar in fünf Betrieben, die mit den Wasserwerken eine auf die Nährstoffströme bezogen extensivere Bewirtschaftung durch Begrenzung der Stickstoff-Emissionen (Begrenzung des N-Bilanzüberschusses, ermittelt auf Basis einer dynamischen Humusbilanz) vereinbart haben. 

Ergebnis der Bemühungen: Das Ziel einer maximalen Nitratkonzentration im Rohmischwasser von 25 Milligramm pro Liter wird „in der Regel sehr gut erfüllt“, teilt das Unternehmen mit. Ein dauerhaft guter Zustand des Grundwassers konnte im engeren Einzugsgebiet erreicht werden. Und der finanzielle Aufwand rechne sich, denn durch den Ökolandbau kann auf den Einbau zusätzlicher und kostenintensiver Aufbereitungsstufen in den Wasserwerken verzichtet werden. 

„Allein im Wasserwerk Canitz würden Investitionskosten für Aufbereitungsverfahren zur Nitrateliminierung von etwa 14 Millionen Euro entstehen“, erläutert KWL-Sprecherin Katja Gläß. 

„Eine technische Aufbereitung wäre auch unter ökologischen Gesichtspunkten – Energie- und Chemikalieneinsatz, Reststoffanfall, CO2-Bilanz – als bedenklich einzustufen. Zu den Investitionskosten müssten zudem noch Betriebskosten für die zusätzliche Behandlungsstufe von etwa 19 Cent pro Kubikmeter Trinkwasser hinzugerechnet werden.“ Für die KWL steht deshalb fest: „Das Prinzip der aktiven Vorsorge ist für die Wasserversorgung in Leipzig ein Erfolgsprojekt.“

Nordrhein-Westfalen: Kooperation für Gewässerschutz

Vom Osten noch ein kurzer Blick Richtung Westen, denn auch hier sind engagierte Wasserversorger zu finden: Seit 1993 arbeiten im Kreis Minden-Lübbecke unter dem Motto „Miteinander reden – nicht gegeneinander arbeiten“ Land- und Wasserwirtschaft zusammen. 15 Wasserversorgungs-Unternehmen und etwa 450 Landwirte sind an der Kooperation beteiligt. Ziel ist eine gewässerschonende Landwirtschaft, um die Nitratwerte im Trinkwasser zu reduzieren. Arbeitsschwerpunkt sind Beratungsleistungen, dazu gibt es auch eine finanzielle Unterstützung der Landwirte bei gewässerschonenden Maßnahmen, die über einen Förderkatalog definiert werden.

In Siegburg, im Süden Nordrhein-Westfalens gelegen, hat der Wahnbachtalsperrenverband ein Förderprogramm für landwirtschaftliche Betriebe in den dortigen Wasserschutzgebieten aufgelegt. Ziel ist auch hier die Unterstützung einer nachhaltigen, gewässerschützenden Landbewirtschaftung, die die Betriebe umsetzen sollen, ohne wirtschaftliche Nachteile zu erleiden. Die Landwirte können aus einer Vielfalt einzelner Fördermaßnahmen auswählen. Das Programm fördert beispielsweise umweltfreundliche Methoden und Techniken zur Einsparung von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln, finanziert Saatgut, bezuschusst die Anschaffung von solchen Maschinen oder bauliche Anlagen, die dem Gewässerschutz zugute kommen. Die Höhe der Förderung richtet sich nach dem Anteil der Betriebsflächen im Wasserschutzgebiet. Wer eine Förderung in Anspruch nimmt, muss eine jährliche Nährstoffbilanz aufstellen und auf Verlangen vorlegen. Stellt sich heraus, dass jemand gegen gesetzliche Auflagen, Genehmigungen oder Vereinbarungen verstoßen hat, droht eine Rückzahlung. 

Für die gesamte Republik gilt: Wasserversorger sind gesetzlich verpflichtet, gesundheitlich unbedenkliches Trinkwasser anzubieten und bei belastetem Wasser teure Sanierungsmaßnahmen durchzuführen – es liegt für sie also nahe, vorbeugende Maßnahmen zur Reinhaltung des Wassers zu ergreifen, denn die Umweltkosten der konventionellen Landwirtschaft muss die öffentliche Hand tragen. Gewässerschutz durch Ökolandbau erweist sich dabei auch als wirtschaftlich rentabel. Kommunale Wasserversorger entfalten mit derartigen Förderprogrammen und Kooperationen unmittelbare Wirkung und erreichen gleichzeitig in der Öffentlichkeit ein positives Image. 

Was ist denjenigen zu empfehlen, die überlegen, selbst ein Programm zur Förderung der ökologischen Landwirtschaft aufzulegen? „Jeder zielgerichtete Beitrag zum Grundwasserschutz hilft, die Qualität unserer Ressourcen zu erhalten“, betont Gunnar Meister vom OOWV. „Deshalb empfehlen wir insbesondere die Förderung des Dauergrünlands.“ Hilfe gibt es dazu von den Pionieren: Zeit, herumzufahren und Vorträge zu halten habe sie zwar leider nicht, meint Cornelia ­Schönhöfer von den Münchner Stadtwerken: „Aber wenn jemand anruft oder zu uns kommt, dann zeigen wir gerne, wie wir alles machen und erklären, wie unsere Verträge mit den Biobauern ausgestaltet sind.“?

Dr. Heike Mayer ist freie Journalistin und Redakteurin in Oberbayern und München. Ihre Themenschwerpunkte sind Informationsfreiheit, Verwaltungstransparenz und Kommunalpolitik. Sie betreibt ein regionales Internetportal (www.gradraus.de) und leitet seit 2008 die Redaktion des Scheinwerfer, der Mitgliederzeitschrift der Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland.

Mehr Beiträge zum Thema Meeresspiegelanstieg und Wasserschutz gibt es nicht nur online, sondern auch in unserem factory-Magazin Baden gehen zum kostenlosen Download. Das ist wie immer schön illustriert und angenehm lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen – außerdem enthält es sämtliche Beiträge und Fotos sowie zusätzliche Zahlen und Zitate.

Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen







Mehr zum Thema «Baden gehen»:

News:

  • drucken
 
© 2018 factory - Magazin für nachhaltiges Wirtschaften