• Kies ist nach Sand der meistverbrauchte Massenrohstoff in Deutschland. In 15 EU-Ländern werden die Umweltauswirkungen durch Ressourcensteuer begrenzt.

Mittwoch, 29. Juni 2016

Rohstoffwende mit Baustoffsteuer und Importzöllen

Den Ressourcen- bzw. Rohstoffverbrauch erheblich zu reduzieren, um negative Wirkungen auf Mensch, Klima und Umwelt zu vermeiden, ist das Ziel des Projekts Rohstoffwende 2049 des Öko-Instituts. Für zwei entscheidende Rohstoffe, Kies und Neodym, hat es jetzt politische Instrumente entwickelt.

75 Rohstoffe, 11 Nachhaltigkeitskriterien, vier Bedürfnisfelder, zwei Szenarien – die Rohstoffwende verlangt eine detaillierte Analyse. Das Öko- Institut definiert erstmals für verschiedene Rohstoffgruppen rohstoffspezifische Ziele und Instrumente für eine künftige nachhaltige Rohstoffpolitik. In seinem zweiten Policy Paper im selbst finanzierten Projekt Rohstoffwende Deutschland 2049 ermittelte das Projektteam am Beispiel der Rohstoffe Neodym und Kies Entlastungspotenziale für die vier wesentlichen Bedürfnisfelder Wohnen, Arbeiten, Mobilität und Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Der detaillierte Vergleich zeigt: Für den heimischen Massenrohstoff Kies braucht es unbedingt konkrete politische Vorgaben, die den Verbrauch reduzieren und den Einsatz von recyceltem Baumaterial steigern. Bei Neodym, das in der Zukunft voraussichtlich verstärkt für Elektromotoren beispielsweise für Elektro- Pkw genutzt werden wird, ist eine Zertifizierung nachhaltig geförderter Rohstoffe notwendig.

Fokus Kies: Längere Lebensdauer von Gebäuden, verstärktes Betonrecycling

Die Analyse des Rohstoffs Kies macht deutlich, dass für eine Rohstoffwende der Bedarf dieses heimischen Primärbaustoffs deutlich sinken muss. Nach Sand ist Kies der wichtigste Massenrohstoff in Deutschland. Er ist ein wichtiger Rohstoff für die Bauwirtschaft und wird dort vor allem als Zuschlagsstoff in Beton (Gesteinskörnung) sowie als Schüttgut im Erdbau eingesetzt. Der Abbau in Kiesgruben nimmt viel Fläche in Anspruch und zerstört intakte Landschaften und damit Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Das „Rohstoffwendeszenario“ nimmt deshalb an, dass durch eine längere Nutzung von Bestandsgebäuden durch vorausschauende Sanierung der Neubaubedarf zurückgeht. Zusätzlich soll bei der Errichtung neuer Bauten mehr Sekundärmaterial, also etwa Betonbruch als Kiesersatz, verwendet werden, bisher liegt der Recyclinganteil von Kies bei 0,4 Prozent.

„Wir sehen hohe Potenziale, um künftig weniger Primärkies in Tagebauen fördern zu müssen“, erläutert Dr. Matthias Buchert, Projektleiter von „Rohstoffwende Deutschland 2049“. „Dafür muss bis zum Jahr 2049 der Rohstoffbedarf für Neubauten stark reduziert werden und es muss mehr Recyclingbeton zum Einsatz kommen. Das ist heute schon technisch möglich, wird jedoch selten praktiziert. Dann können jährlich 23 Millionen Tonnen Primärkies weniger nachgefragt werden – das ist fast eine Halbierung im Vergleich zu heute und einem „Weiter so“-Szenario.“

Um steuernd einzugreifen schlägt das Projektteam des Öko-Instituts vor, eine Primärbaustoffsteuer einzuführen. Sie soll Anreize schaffen, die Primärrohstoffvorkommen an Kies zu schonen und den Einsatz von Recyclingbaustoffen zu fördern. Baustoffsteuern unterschiedlicher Art sind ein weit verbreitetes Instrument in 15 EU-Staaten. Dazu zählen u. a. die „aggregates levy“ in Großbritannien, die „gravel tax“ in Schweden, die „raw materials tax“ in Dä?nemark, die „payments for mineral extraction“ in Tschechien und die „mineral extraction charge“ in Polen. In Schweden wurde die Kiessteuer durch weitere Maßnahmen flankiert, wie einer Verschärfung der Konzessionsverfahren für den Kiesabbau und des Ziels der Senkung des Primärkiesbedarfs. Als Eckpunkte fü?r die Ausgestaltung einer Kiessteuer in Deutschland nennt das Institut die Einführung auf Bundesebene, weil der Bundesgesetzgeber ü?ber die notwendige Gesetzgebungskompetenz verfügt und zudem eine solche Steuer verfassungsrechtlich zulä?ssig ist.

Fokus Neodym: Zertifiziertes Material, mehr Recycling und längere Nutzung

Neodym ist ein Technologiemetall, welches - im Vergleich zu den Massenrohstoffen - nur in geringen Mengen eingesetzt wird. Neodym hat in den letzten Jahren vor allem als Legierungsbestandteil von Permanentmagneten zunehmend an Bedeutung gewonnen. In Kombination mit Eisen und Bor (Neodym-Eisen-Bor Magnete) lassen sich die derzeit stärksten Permanentmagnete herstellen und kommen z. B. zur Permanenterregung von Generatoren in Windkraftanlagen oder in Elektromotoren von E-Fahrzeugen zum Einsatz. Gewonnen wird Neodym zu 95 Prozent in China. die Recyclingquote liegt unter einem Prozent, die Preise sind stark schwankend. Bei Abbau und Produktion sind Umwelt und Verarbeiter Radioaktivität und Schwermetallen ausgesetzt. Ziel der Rohstoffwende des Instituts ist es, den Anteil von zertifiziertem Neodym auf 80 Prozent zu erhöhen. Zusätzlich soll der Recyclinganteil auf 30 Prozent steigen und die Nutzungsdauer von Informations- und Kommunikationsprodukten wie Smartphones und Co. um mindestens 50 Prozent verlängert werden, z. B. durch verbesserte Reparaturfähigkeit und neue Servicemodelle.

Als Instrumente schlagen die Wissenschaftlerinnen des Öko-Instituts eine zweistufige Zertifizierung nach ökologischen und sozialen Kriterien vor und ihre Einführung in den nächsten drei Jahren. Bleibt dies ohne Wirkung, soll ab 2022 mit Importzöllen Druck auf Verarbeiter und Produzenten aufgebaut werden, bei weiterem Misserfolg mit der Drohung des Importverbots ab 2029.

Finale Ergebnisse im Dezember

Seit Sommer 2014 erarbeitet das Öko-Institut eine umfassende Strategie für eine Rohstoffwende. Dazu diskutiert es in Stakeholder-Workshops mit Teilnehmern aus Politik, Wissenschaft, Industrie und NGOs die Zwischenergebnisse und lässt die Ergebnisse dieser Workshops in die beiden bisherigen Policy Paper einfließen.

Bis Ende 2016 will das Projektteam für alle untersuchten Rohstoffgruppen spezifische Ziele definieren. Die finalen Projektergebnisse sollen auf der Jahrestagung des Öko-Instituts am 1.12.2016 erstmals öffentlich vorgestellt werden.

Quelle: Öko-Institut e.V.
Germany 2049 - On the path to sustainable raw materials management: Bo2W synthesis report is now available

Bild: Gravel, Dave Brookes, Flickr.com



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