Thema

Schuld und Sühne


Über Ressourcenschulden

factory Titel Wir müssen reden

In der gegenwärtigen Staatsschuldenkrise und dem sich abzeichnenden Drama innerhalb Europas ausgerechnet über Ressourcenschulden reden zu wollen, das ist mal wieder typisch factory. Schulden werden meist mit Rückzahlungsverpflichtungen gleichgesetzt, sie sind verbunden mit Krediten und Zinsen, aber auch mit Gebühren, Steuern und Rückstellungen. Der Begriff ist negativ belastet, niemand hat gerne Schulden, ist gerne abhängig. Wir sprechen von Schuldenlast, Schuldenberg, erfinden eine Schuldenbremse und genehmigen einen Schuldenerlass. Das Kunstwort Ressourcenschulden haben wir kreiert, um die Debatte aus der monetären Verpflichtungszone zu den anderen Bedrohungen zu führen. Dabei wollen wir nicht moralinsauer wirken. Aber es ist schon erstaunlich, dass die mit einer Naturentnahme, die über jegliches Erhaltungsmaß hinausgeht und Gemeingut unwiederbringlich zerstört, aufgenommenen Schulden willentlich nicht zurückgezahlt werden. Schulden, die nicht mit dem gleichen Furor behandelt werden wie in der Geldökonomie, die – nach der Entkopplung von Goldwerten – eigentlich nur aus Zahlen auf Papier oder in Computern besteht. Schließlich geht es dabei um Vereinbarungen zwischen Menschen – und Menschen können immer auch anders entscheiden.

Die wirklich große Gefahr sind die Ressourcenschulden, für sie gibt es keinen Schuldenschnitt. Sie verursachen die Kipppunkte bei Klima, Ozeanen, Boden, biologischer Vielfalt, Wasser, nach denen anschließend das menschliche Zusammenleben ganz anders aussehen wird – für die meisten wahrscheinlich grausamer und leidvoller, als wir uns das bereits jetzt angesichts der Flüchtlingsströme vorstellen können. Dabei geht es uns um das vermeidbare Leid durch eine Begrenzung der Schuldenaufnahme in einer von Menschen bestimmten Welt, nicht um eine moralische Schuld gegenüber "Mutter Erde". "Wir haben diese Welt nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geborgt." Das Zitat des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz trifft es eigentlich ganz gut, auch wenn es häufig missbraucht wird. Es geht um unsere Welt von Lebens- und Umweltqualität, die wir im vollen Bewusstsein zerstören, um spätere Generationen, deren Lebensbedingungen wir prägen. Es geht uns nicht um die Schuld am Planeten, wie es häufig formuliert wird. Für den Planeten Erde mit seiner Geschichte von 4,5 Milliarden Jahren, der vor 3,8 Milliarden Jahren anfing, sich zu beleben und aus dessen Cyanobakterien sich letztlich der Mensch entwickelte, sind wir ein Witz mit unseren 200.000 Jahren Homo Sapiens. Selbst wenn wir die Ressourcenausbeutung und -belastung weiter intensivieren, werden Menschen überleben – andererseits verschlechtern wir auch die Bedingungen unserer Gegenwart. Es geht weniger um den Planeten, dem wir übrigens ziemlich egal sind, als vielmehr um vermeidbares Leid. Steigende Meeresspiegel, Extremwetter, Hunger, Klima- und Ressourcenkonflikte werden die Zahl der Flüchtlinge, Kranken und Todesopfer weltweit dramatisch erhöhen. Diese und die gegenwärtigen Opfer ließen sich durch Anpassung weltweiten Handelns reduzieren. Aber nochmal: Mit einer Schuld am Planeten hat das nichts zu tun.

In dieser Ausgabe, die wir bewusst Schuld und Sühne nach Dostojewski betitelt haben, zeigen wir, wie wir Fehler bei der Schuld- und Schuldenaufnahme vermeiden können. Bei den Ewigkeitslasten für Risikotechnologien können wir für mehr Sicherheit zu ihrer Bewältigung und Vermeidbarkeit sorgen, mit einer Vereinbarungspraxis ausgehend von den maximal möglichen Schulden können wir das Wirtschaftssystem anpassen, mit einem Sinn für das Risiko lässt sich der Umbau gemeinschaftlich finanzieren, mit technischen Möglichkeiten können wir soziale Ungleichheiten ausgleichen, wiederum mit Zielvorgaben lassen sich problematische Stoffkreisläufe schließen und damit wir auch morgen noch Rohstoffe in urbanen Minen schürfen können, empfehlen wir Opulenz als Gebot der Stunde – so unsere Beiträge.

Für eine wahrhaftige Schuldendebatte,

Ralf Bindel und das Team der factory

Weitere Beiträge zum Thema Ressourcenschulden gibt es nicht nur online, sondern auch in unserem factory-Magazin Schuld & Sühne zum kostenlosen Download. Das ist wie immer schön illustriert und vor allem gut lesbar auf Tablet-Computern und Bildschirmen – außerdem enthält es sämtliche Beiträge und Fotos sowie zusätzliche Zahlen und Zitate.

Eine Möbius-Schleife geformt durch ein Rohr mit einem Handventil
© fotolia.com

Die unendliche Geschichte

Die Ewigkeitskosten für die Hinterlassenschaften von Atomkraftnutzung und Bergbau sind hoch. Niemand weiß, ob die Rückstellungen ausreichen. Von den drückenden Lasten möchten sich die Verantwortlichen befreien und die Risiken auf die Gemeinschaft übertragen.

Von Ralf Bindel

Im Ruhrgebiet ist die Welt in Ordnung. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau. Die Arbeitslosigkeit ist zwar hoch, doch die Mieten sind niedrig, der Ballungsraum bietet urbane Stadtkultur und dörfliche Waldlandschaft, Flüsse, Kanäle und Seen. Grün und Blau, mit viel frischen Steingrau und etwas Rostrot sind die Farben des größten europäischen Industrieraums, in dem inzwischen fünf Millionen Menschen leben. Nicht mehr Schwarz und Braun wie noch in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Denn die Zeit der rauchenden Schlote, Kokereien und Hütten ist hier endgültig vorbei, die Steinkohleförderung, die das Ruhrgebiet als Ganzes entstehen ließ, wird 2018 eingestellt, dann schließt die letzte Zeche. Doch an die Geschichte von Kohle und Stahl werden nicht nur markante Industriedenkmäler wie Fördertürme und Kraftwerke erinnern. Weit weniger sichtbar bleiben die Lasten des Bergbaus noch lange erhalten, wahrscheinlich sogar ewig.

Denn das Ruhrgebiet lebt auf Pump, besser gesagt: auf Pumpen. Würden die Grundwasserpumpen abgeschaltet, würde sich das Ruhrgebiet in eine Seenlandschaft verwandeln, die Städte und Dörfer verschluckt. Bis zu 40 Meter hat sich die Landschaft durch den Kohleabbau abgesenkt, die Innenstadt von Essen liegt heute 16 Meter tiefer. In Walsum am Niederrhein müssen 20 Millionen Kubikmeter Grundwasser jährlich gefördert werden, weil die Stadt unter dem Pegel liegt. In abgesenkten Orten muss, solange sie existieren, auch das Abwasser gepumpt werden. Gleichzeitig sind Poldermaßnahmen notwendig, weil die Städte ohne Deiche geflutet würden. 75000 Hektar im Ruhrgebiet sind Polderflächen, aus denen das tieferliegende Wasser in die Vorfluter gepumpt werden muss. Insgesamt 209 Pumpwerke sind im Einzugsgebiet von Emscher und Lippe entstanden, die jährlich 608 Kubikmeter Wasser fördern, damit das berggesenkte Ruhrgebiet nicht wieder zu dem typhusverseuchten Sumpfgebiet wird, das es vor dem Bergbau einmal war.

Hinzu kommt die Grundwasserreinigung, wenn hochgiftige Filterstäube aus Müllverbrennungsanlagen in den alten Flözen mit dem steigenden Grundwasser in Kontakt kommen, weil die künstliche Absenkung des Grundwasserspiegels für den Bergbau ausgesetzt wird. 700.000 Tonnen wurden so entsorgt, weil bergrechtliche Genehmigungen keine entsprechenden umweltrechtlichen vorsahen. Das größte Problem: Pumpen müssen dauerhaft unter Tage betrieben werden, um ein Vermischen aufsteigender Wasserschichten in höher liegende Grundwasserschichten zu vermeiden. Das Wasser aus der Tiefe würde Salz und aus den aufgelassenen Strecken auch Eisen-, Nickel- und Manganverbindungen ins Trinkwasser eintragen, es muss daher mit hohem Energieaufwand aus mehreren hundert Metern Tiefe gefördert und gereinigt werden.

„Dann muss auch da der Staat einspringen …“

Allein 55 Millionen Euro sind schon jetzt jährlich notwendig, damit das Ruhrgebiet nicht zur Seenplatte wird. Sie sind Teil der so genannten Ewigkeitskosten, Folgekosten des Bergbaus nach seiner Beendigung, auf ewig oder für lange Zeit zu tragen. Dazu kommen die Kosten für die Grubenwasserhaltung, damit kontaminiertes Tiefenwasser das Grundwasser nicht verseucht. Mit jährlich 220 Millionen Euro ab 2019 werden die Ewigkeitskosten veranschlagt, für die Folgen des Bergbaus im Ruhrgebiet und im Saarland. Übernehmen muss sie die RAG-Stiftung, so schreibt es das Steinkohlefinanzierungsgesetz von 2007 vor. Sie ist Alleinaktionärin der RAG Aktiengesellschaft und Mehrheitsaktionärin der Evonik Industries AG, in die der RAG-Konzern geteilt wurde. Die RAG übernimmt die ewige Abwicklung des auslaufenden Steinkohlebergbaus, davon unberührt muss sich die Evonik unternehmerisch weiterentwickeln, um das zu finanzieren. Ehemalige Miteigentümer der RAG wie E.On, RWE, Thyssen­Krupp und ArcelorMittal übertrugen ihre Anteile für jeweils einen Euro an die Stiftung, mit den Ewigkeitslasten haben sie nun nichts mehr zu tun.

Den Ewigkeitskosten von 220 Millionen Euro jährlich stehen Einnahmen von derzeit 350 Millionen Euro gegenüber, Tendenz steigend, wie die RAG-Stiftung im Juni 2015 bilanzierte. „Wir haben das Vermögen der Stiftung von rund 11 Milliarden Euro Ende 2012 auf aktuell über 16 Milliarden Euro vermehren können“, sagte der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Dr. Werner Müller, Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung. „Damit haben wir bereits heute eine hervorragende Basis für die künftige Finanzierung der Ewigkeitslasten geschaffen.“ Der Steuerzahler werde so nicht mit den Ewigkeitsaufgaben belastet, denn das müsste er, wenn die Stiftung sie nicht tragen kann. Für die Stiftung und ihre Beteiligungen wie die Evonik Industries AG und die Vivawest läuft es derzeit gut. Aktien- und Wertentwicklung der Beteiligungen müssen aber auch in Zukunft stimmen. „Evonik und Co. bringen den Cash-Flow. Das müssen die auch sagen, damit sich niemand Sorgen macht“, meint Wolfgang Irrek, Professor an der Hochschule West in Bottrop und Experte für Ewigkeitskosten bei Kohle- und Atomindustrie. „Ob das in 100 Jahren noch so ist? Was ist, wenn Evonik oder seine Produkte im Wert verlieren? Dann muss auch da der Staat einspringen, wie im Atombereich.“

Eine solche Lösung wie die deutsche Steinkohle-Industrie hätte die Atomindustrie für ihre Ressourcenschulden auch gern – und es sieht ganz so aus, als ob sie ihr Ziel erreicht. Auch im Atomsektor ist der Ausstieg beschlossene Sache, auch hier sind seit langem Rückstellungen für den Rückbau der Kraftwerke, die Entsorgung und eine noch zu findende Endlagerlösung gesetzlich vorgeschrieben. 38 Milliarden Euro sollen es im Moment netto sein, sagen die verantwortlichen Konzerne E.On, RWE, EnBW und Vattenfall. Doch wie das Geld angelegt und ob es tatsächlich verfügbar ist, wenn es benötigt wird, ist nicht bekannt. „Die Konzerne wollen ebenfalls eine Stiftung“, sagt Irrek. „Der müssten sie bei Übertragung ihrer atomaren Verpflichtungen auch einiges an Aktiva übertragen, dann sind sie ihre Schulden los und sie können sich ganz auf ihr Geschäft konzentrieren.“ Reicht das übertragene Vermögen nicht, müssen sie auch nichts „nachschießen“, statt weiter Verantwortung zu übernehmen, muss das dann wie bei der Steinkohle der Staat. Irrek: „Alles folgt dem Betreibermotto: Gewinne privatisieren – Risiken sozialisieren.“

„Industriekonzerne sind nicht wie -Banken too big to fail.“

Dass es dazu kommen kann, ist nicht unwahrscheinlich, darin sind sich drei aktuelle Gutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, des Bundesumweltministeriums und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) einig: Die Finanzierung des dicken Endes der Atomkraft ist unsicher. Nicht nur, dass die tatsächlichen Vermögenswerte, die den 38 Milliarden Euro gegenüberstehen, nicht transparent sind. Die Kosten können auch höher sein als geschätzt, wie es bei großen Bauaufgaben (Stuttgart 21, Berliner Flughafen, Stadtschloss, Elbphilharmonie, ...) eigentlich immer der Fall ist (um mehr als hundert Prozent). Schließlich fallen die Mehrkosten erst in einigen Jahrzehnten an. Und nach Konzern-Teilungen, wie es E.On mit seiner Übergabe des Atomgeschäfts an die neue Gesellschaft Uniper vorgemacht hat – analog zu den Bad Banks entstehen dann Bad Industries –, stehen die kostenverursachenden Konzerne für notwendige Nachschüsse nicht mehr zur Verfügung. „Bereits fünf Jahre nach der Abspaltung muss E.On nicht mehr für etwaige Mehrkosten haften“, sagt Irrek. Die Gefahr besteht zudem, dass die Aktiva wie z. B. Sachanlagen und Beteiligungen nach Übertragung an Uniper an Wert  verlieren, sagen die Juristen des Bundesverwaltungsgerichts. „Ob die Rechnungen bezahlt werden können, hängt davon ab, wie sich das Geschäft von Uniper mit globalem Handel, Exploration und Produktion mit Kraftwerken entwickelt.“ Hinzu kommt die Insolvenzgefahr: „Spätestens seit dem US-amerikanischen Enron-Skandal wissen wir, dass auch große Energieunternehmen insolvent werden können.“ Noch 2012 bewertete das BMU zwar das Risiko „auch in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld als eher gering“, in den aktuellen Gutachten wird es dagegen ausführlich diskutiert.

„Industriekonzerne sind nicht wie Banken too big to fail, es kann durchaus sein, dass ein Unternehmen pleite geht und der Staat die Kosten übernehmen muss - es können sogar auch zwei oder drei Konzerne sein“, sagt Irrek. Schon jetzt ist ein Konzern wie RWE an der Börse nur noch 13 Milliarden Euro wert, muss aber 10,4 Milliarden Euro Rückstellungskosten garantieren. Mit der gesellschaftlichen Verantwortung der Konzerne ist es im Moment nicht weit her: sie klagen gegen den Atomausstieg auf Schadensersatz und gegen die Brennelementesteuer, die 2016 ohnehin auslaufen soll, obwohl sie der Europäische Gerichtshof gerade bestätigt hat. „Sie stehen so kurz vor dem Abgrund, da ist es nur wichtig, wie sie wirtschaftlich überleben können und mit welchem Geschäftsmodell sie ihren Verpflichtungen nachkommen können, die die Vorstände in der Vorgängergeneration eingegangen sind. Sie sind ihren Aktionären verpflichtet“, erklärt Irrek. .

Dass die Rückstellungskosten möglicherweise die öffentliche Hand tragen muss, dafür machen Klimaskeptiker wie Michael Limburg vom selbst ernannten Europäischen Institut für Klima und Energie die Energiewende verantwortlich. Er und seine Förderer fordern den sofortigen Stopp von Energiewende und Atomausstieg. „Durch die Wende rechnen sich konventionelle Kraftwerke nicht mehr, das hätte man voraussehen und auf den Zug aufspringen können“, weist Irrek den Vorwurf zurück. „Manche Energieversorger haben reagiert und wie die Stadtwerke Hannover oder MVV Mannheim frühzeitig in innovative Geschäftsmodelle und ein modernes Kundenbeziehungsmanagement investiert.“ Die Umsätze von RWE Innogy, dem regenerativen Zweig des RWE-Konzerns, sowie RWE Energiedienstleistungen und RWE Effizienz, die sich um innovative Dienstleistungen und Energieeinspar-Services kümmern, sind mit insgesamt 614 Millionen Euro gegenüber dem Gesamtumsatz von 52 Milliarden in 2013 dagegen verschwindend gering.

„Ein öffentlich-rechtlicher Fonds wäre die richtige Lösung“

Damit es nicht soweit kommt, und die Verbraucher und Steuerzahler nicht ein zweites Mal zur Kasse gebeten werden, fordern Irrek und andere Experten dringendes Handeln, ebenso die Oppositionsparteien und verschiedene Nichtregierungsorganisationen. Schließlich sind die Rückstellungen schon über den Strompreis eingesammelt worden – jetzt laufen die Bürger Gefahr, von den Konzernen darum geprellt zu werden. Kurzfristig bedarf es vor allem einer gesetzlichen Regelung, die verhindert, dass sich die Energiekonzerne durch Abspaltung des Atombereichs aus ihrer Verantwortung stehlen können, so Irrek. „Außerdem müssten die Gegenwerte, die den Rückstellungen gegenüberstehen, auf ihre Liquidierbarkeit und Werthaltigkeit geprüft und anschließend nachhaltig gesichert werden. Hierfür wäre beispielsweise ein öffentlich-rechtlicher Fonds mit Nachschusspflichten der Atomkonzerne die richtige Lösung.“ In den Gutachten werden neben der Fondslösung auch Alternativen wie die Bildung eines konzerninternen, staatlich überwachten Sicherungsvermögens diskutiert. So läuft es beim französischen Konzern Electricité de France. „Der Fonds funktioniert wie ein Pensionsversprechen, der spezifisch eingesetzt und treuhänderisch verwaltet wird.“ In jedem Fall bedeuten alle Modelle, dass eine bessere Finanzierungssicherheit und staatliche Aufsicht gegeben ist, so Irrek.

Deutschland ist zudem das einzige europäische Land, in dem es keine staatlich kontrollierte konzerninterne oder externe Fondslösung gibt. Die Anlagevorschriften solcher Fonds, ob und wie nachhaltig, können unterschiedlich ausgestaltet sein. „In der Schweiz gehen sie mehr Risiken ein, aber dort ist die Nachschusspflicht der Konzerne fest verankert, und in Schweden und Finnland gibt es gesicherte Garantien durch die Betreiber, dass auch höhere Kosten getragen werden.“ Doch in Deutschland wird die Gefahr beschworen, dass eine Fondslösung zur Insolvenz der Betreiber führen könne. Man dürfe die Kuh nicht schlachten, die man melken wolle, heißt es. „Was ist aber, wenn die Atomkühe am Ende so alt und dürr sind, dass man sie weder melken noch das Fleisch nutzen kann? Oder wenn die Mutterkuh einfach über den Zaun springt und nicht mehr zum Melken zur Verfügung steht?“ Bevor es dazu kommt, sollte die Bundesregierung schnell handeln und die Milliarden sichern, die von den Stromkunden über Jahrzehnte bezahlt wurden, damit sie für ihren eigentlichen Zweck zur Verfügung stehen, empfehlen die Gutachten.

„Ideal wäre ein globaler Handel mit Zertifikaten“

Letztendlich ist es eine gesellschaftliche Entscheidung, wie Menschen mit technologischen Risiken und den daraus folgenden Kosten umgehen möchten, sei es Fracking, Nano-, Gentechnologie oder Offshore-Windkraft, meint Irrek. Wenn die  Gesellschaft bestimmte Technologien mit großem Risikopotential haben möchte, wird sie die Wirtschaft nur mit einer Haftungsbeschränkung realisieren. Andererseits muss die Industrie bei Großtechnologien wie bei jedem Wirtschaften bestimmte Risiken auch selbst übernehmen – entsprechende Versicherungsgebühren kann sie sich über die Preise durch die Verbraucher bezahlen lassen. Professor Ortwin Renn, Leiter des Lehrstuhls für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart und international anerkannter Risikoforscher, hält Haftungsbeschränkungen, über die hinaus der Staat die Kosten übernimmt, für Warnzeichen. „Bei der Bankenrettung haben wir die Zunahme der Staatsverschuldung gesehen. Man sollte sich zehnmal überlegen, ob man eine bestimmte Technologie braucht, wenn es nur mit Haftungsbeschränkung geht.“

Und nicht alles ist geregelt. Für die Braunkohlenutzung gibt es überhaupt keine Ewigkeitskostenregelung, obwohl in den betroffenen Gebieten ausufernde Sanierungskosten drohen. So macht seit einigen Jahren die so genannte Verockerung der Spree in Südbrandenburg Schlagzeilen. Das Wasser wird zur braunen Brühe, weil Eisenhydroxidschlämme einsickern, eine Spätfolge des Grundwasseranstiegs in verlassenen Braunkohletagebauen. Die Ewigkeitskosten trägt hier allein der Steuerzahler. Und das ist erst der Anfang: Die wachsenden Folgekosten durch die Klimaveränderung, zum großen Teil verursacht durch den fossilen Kraftwerksbetrieb, werden ebenfalls nicht von den Profiteuren getragen. Renn verweist auf den Versuch der Ökonomen, die so genannte „Internalisierung der externen Kosten“ durch die Verschmutzungszertifikate voranzutreiben. „Das Problem ist, dass es ein künstlicher Markt ist. Der Staat muss festlegen, wie viel er herausgibt. Es ist ein verzerrter Markt, weil niemand weiß, welche Schäden durch wie viel CO2 verursacht werden. Die Zertifikate in der EU liegen leider weit unter dem realen Preis der Folgekosten“, sagt Renn. „Ideal wäre ein globaler Handel mit Zertifikaten“. Dass das beste Instrument derzeit ein zahnloser Tiger sei, müsse nicht sein. Das zweitbeste wäre eine Abgabe, wie sie die Bundesregierung jetzt für alte Kraftwerke abgelehnt hat, auch diese hätte Lenkungsfunktion. Die dritte Möglichkeit wäre eine höhere Besteuerung der Ressourcen, meint Renn.

Die Nichtübernahme von Ressourcenschulden durch die Verursacher ist jedoch in der Gesellschaft kein Thema. Klaglos haben die Verbraucher die Rückstellungen der Atom- und Kohlekonzerne über den Strompreis gezahlt, wie es auch von den Preisaufsichten der Länder bis zur Liberalisierung der Strommärkte genehmigt wurde. Die steigende EEG-Umlage zur Finanzierung der Energiewende aber wurde zum Problem der Verbraucher, obwohl der Erfolg des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und niedrige Strombörsenpreise wegen des nicht funktionierenden Zertifikatehandels die Ursache sind. Statt diesen in Gang zu bringen, kappte die Bundesregierung aus vermeintlicher Verbraucherrücksicht den Ausbau der Erneuerbaren Energien und die konventionellen Stromkonzerne erhielten eine Schonfrist. „Die Rückstellungen der Atomindustrie sind dagegen nicht wirklich kontrovers“, sagt Renn. „Weil sie nur Befürworter haben, keine Gegner, sind sie für die Presse langweilig.“ Es wird Zeit, dass das für die notwendige Fondslösung und die Klimafolgenkosten anders wird.

Ralf Bindel ist Redakteur der factory. Zuletzt schrieb er im factory-Magazin Wir müssen reden über Ressourcenkooperationen.

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Kondensstreifen am Himmel, das Bild ist jedoch gespiegelt, die Kondensstreifen scheinen auf dem dunklen Himmelshintergrund zu liegen.
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Schuld- und Schubumkehr

Der Kredit des Himmels ist begrenzt. Nicht die Energiequellen sollten den Preis für seine Verschmutzung bestimmen, sondern seine CO2-Aufnahmefähigkeit. Internationale Klimapolitik könnte erfolgreich sein, wenn ein Großteil der Ressourcen im Untergrund bliebe – also die (Klima-)Schuldenaufnahme und ihre Tilgungskosten reduziert würden. Um die Atmosphäre als Globales Gemeingut zu schützen, brauchen wir eine entsprechend steigende CO2-Bepreisung. Unternehmen würden in emissionsarme Technologien investieren. Und Staaten könnten die Einnahmen in ihre Infrastrukturen und Bildungssysteme stecken – oder ihre Verschuldung abbauen.

Von Ottmar Edenhofer

Der Menschheit wird erst langsam bewusst: Die Atmosphäre ist ihr Gemeineigentum. Als Treuhänder dieses Vermögens haben wir die Aufgabe, es klug zu nutzen. Wir sind jedoch drauf und dran, dieses Eigentum zu verschleudern. Die Atmosphäre wird von uns wie ein Niemandsland benutzt: Sie steht als CO2-Senke unbeschränkt jedem kostenlos zur Verfügung. 

Durch den unbeschränkten Zugang wird diese Deponie übernutzt. Die CO2-Emissionen wachsen heute sogar schneller als in den vorangehenden drei Dekaden, derzeit sind es 35 Milliarden Tonnen jährlich. Bereits in den nächsten 20 bis 30 Jahren könnte somit das komplette CO2-Budget aufgebraucht sein. Denn wenn wir das Zwei-Grad-Ziel  noch mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen wollen, dürfen wir nur noch insgesamt ungefähr 1000 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre blasen. 

Dem steht gegenüber, dass noch etwa 15.000 Milliarden Tonnen an fossilen Brennstoffen in der Erde lagern. Auf den ersten Blick mögen diese riesigen Vorkommen wie ein wahrer Lotteriegewinn wirken. Vorschnell ließe sich ausmalen, wie damit der gigantische Energiehunger der Welt gestillt werden kann. Doch wer das globale Kohlenstoffbudget von 1000 Milliarden Tonnen mit dieser Zahl vergleicht, erkennt rasch: Ein Großteil der Vorräte an Kohle, Gas und Öl muss im Boden bleiben.

Kohle, Öl und Gas im Boden lassen

Wir müssen Emissionen senken. Konkret heißt das, dass wir zunächst ausgehend vom heutigen Niveau die jährlichen Treibhausgasemissionen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent reduzieren und gegen Ende des Jahrhunderts gegen Null gehen lassen müssen, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen. Das bedeutet, dass mindestens 70 Prozent der derzeit bekannten Kohlevorkommen und mehr als 30 Prozent der Ressourcen und Reserven von Öl und Gas nicht mehr genutzt werden dürfen. Die Nutzung in diesem Umfang wird jedoch nur möglich sein, wenn die Menschheit nicht nur die Atmosphäre, sondern auch unterirdische Lagerstätten als Deponieraum für CO2 nutzen kann. Grundsätzlich kann bei der Verbrennung von Kohle, Öl, Gas und Biomasse freigesetztes CO2 eingefangen und dann unterirdisch eingelagert werden. Steht diese Option nicht zur Verfügung, können entsprechend weniger fossile Energieträger genutzt werden.

Die Hoffnung, die Erneuerbaren Energien könnten rasch billiger werden als Kohle, Gas und Öl, ist jedoch gefährlich. Diese Hoffnung könnte nämlich verhindern, dass es zu weiteren klimapolitischen Anstrengungen kommt. Zwar hat es bei den Erneuerbaren Energien in den letzten Jahren deutliche Kostenreduktionen gegeben. Derzeit macht ihr Anteil am globalen Primärenergieverbrauch aber nur zwölf Prozent aus, wobei etwa die Hälfte davon auf die Nutzung traditioneller Biomasse entfällt. Zweifellos werden die Preise für fossile Energieträger irgendwann steigen und die Kosten für Erneuerbare fallen. Die Frage ist nur: Kommt dieser Strukturwandel schnell genug? Die Antwort nahezu aller Szenarienrechnungen aus dem Weltklimarat lautet: nein.

Ein Preis von Null wäre schon gut

Die Nutzung fossiler Energieträger muss also durch effektive Klimapolitik global gedeckelt werden. Das aber führt zu Verteilungskonflikten: Wenn ein Großteil ihrer Kohlenstoffressourcen im Boden bleiben muss, kommt Klimapolitik für die Besitzer von Kohle, Öl und Gas einer Entwertung ihres Vermögens gleich. Außerdem müssen die knappen atmosphärischen Nutzungsrechte beispielsweise zwischen Staaten in Afrika, China, den USA und anderen Weltregionen fair verteilt werden. Die Menschheit steht somit vor einer Herkulesaufgabe.

Die Lösung wäre eine Bepreisung von CO2. Denn ein CO2-Preis führt dazu, dass Investoren ihre Strategien verändern. Wenn der Preis der Nutzungsrechte steigt, gibt es einen ausreichenden Anreiz, die Emissionen zu vermindern und in emissionsarme Technologien zu investieren. Allerdings werden von einem steigenden Nutzungspreis arme und reiche Länder unterschiedlich betroffen sein. Daher wird man im Rahmen eines globalen Klimaabkommens auch darüber verhandeln müssen, wie die Nutzungsrechte zu verteilen sind, damit dies von den beteiligten Staaten als fair empfunden wird.

Grundsätzlich kann die Knappheit dieses Deponieraums auf zwei Weisen institutionell verankert werden: Man legt entweder eine CO2-Steuer fest oder implementiert ein Emissionshandelssystem. In beiden Fällen wird den Investoren, Firmen und Konsumenten über den Preis eine Knappheit des begrenzten Deponieraums signalisiert. Egal, welchen Weg man wählt: Die Nutzung des CO2-Deponieraums Atmosphäre darf nicht mehr kostenlos sein. 

Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir in einem ersten Schritt zumindest einen CO2-Preis von Null hätten. Das würde bedeuten, dass die sehr hohen Subventionen für fossile Energien wegfallen – immerhin derzeit 548 Milliarden US-Dollar weltweit. Gleichwohl ist auf dem Weg zu einer CO2-Bepreisung die Hürde der politischen Machbarkeit zu nehmen. Manche Länder empfinden zum Beispiel eine CO2-Steuer als Bedrohung ihres Wirtschaftswachstums – welches schließlich ein zentrales Ziel fast aller Regierungen und Gesellschaften weltweit darstellt. Global gesehen kostet es aber dieses Vermögen nicht, wenn wir über eine CO2-Bepreisung die Atmosphäre schützen. Wir würden das Wirtschaftswachstum bis 2050 lediglich um anderthalb Jahre verzögern.

Mit der Tilgung die Armut bekämpfen

Vielmehr könnte diese Form der Klimapolitik Regierungen in vielen Ländern in die Lage versetzen, weitere drängende und nationale Probleme leichter und zu geringeren Kosten zu lösen. Zum Beispiel wäre es denkbar, dass die Einnahmen aus einer CO2-Steuer in die Versorgung mit sauberem Wasser investiert werden. So würden die Emissionen reduziert und zugleich die Qualität der Wasserversorgung und anderer Infrastrukturen gehoben.

Denn die Klagen über die Situation der Infrastruktur nehmen weltweit zu, der Erneuerungsbedarf ist gewaltig. Das lässt sich beispielsweise an Indien zeigen: Würde die Regierung dort die Tonne CO2 mit zehn Dollar belasten, könnte sie aus den Einnahmen jedes Jahr mehr als 60 Millionen Menschen zusätzlich Zugang zu Elektrizität, sauberem Wasser, Sanitäreinrichtungen und Telekommunikation verschaffen. Die CO2-Bepreisung käme somit einem riesigen Programm zur Armutsbekämpfung gleich. Ähnliches gilt für China oder auch für Mexiko, wo eine CO2-Bepreisung ebenfalls helfen würde, die lokale Luftqualität drastisch zu verbessern.

Der Erfolg dieser Doppelstrategie hängt zwar von den lokalen Gegebenheiten ab. Generell aber lässt sich sagen, dass die Einnahmen Investitionen in die Standortqualität der Staaten auslösen können. So könnten die Länder das Geld auch in „weiche Infrastrukturmaßnahmen“ wie Bildungssysteme stecken, die Steuern auf Arbeit senken oder die Staatsverschuldung abbauen.

In vielen Ländern der Erde hat sich mit Blick auf die nationalen Haushalte die Einsicht durchgesetzt, dass eine zu hohe Verschuldung auf Dauer nicht funktioniert. Eine kluge Bewirtschaftung der Gemeinschaftsgüter bietet hier einen kühnen und zugleich praktikablen Lösungsansatz. Klimapolitik bürdet der Wirtschaft nicht einfach Lasten auf, sondern leistet im Gegenteil einen Beitrag zur Vermögensbildung und zum Wohlstand. Die Natur hat uns mit der Atmosphäre als Senke für Treibhausgase einen Kredit gewährt. Wir dürfen ihn nicht überziehen – sonst verspielen wir unser Vermögen, statt es zu mehren.

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer ist Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) und Chefökonom am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sowie einer der Vorsitzenden der Arbeitsgruppe III des Weltklimarates IPCC. Seine Forschungsarbeiten beschäftigen sich mit dem Einfluss induzierten technologischen Wandels auf Vermeidungskosten und -strategien sowie der Entwicklung von Instrumenten in Kontext von Klima- und Energiepolitik.

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Ein Pärchen, das Adam und Eva darstellen soll, sitzt nackt auf einer Bank. Sie spielt mit einer Schlange, er mit einem Apfel.
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Kein Wandel ohne Risiko

Ressourceneffiziente Innovationen und eine Energiewende sind nicht möglich ohne Investitionen. Doch zur Geldanlage gehört auch das Risiko des Kapitalverlusts. Die neuen amtlichen Sorgen um Sicherheit und Regulierung hingegen führen nicht zu mehr Nachhaltigkeit. Statt zu gängeln, sollte der Staat Interesse und Risikobewusstsein wecken. Bürger dürfen zwar wählen und mit Teilkasko Auto fahren, doch bei der Geldanlage sprechen Politiker ihnen die Mündigkeit ab.

Ein Standpunkt von Susanne Bergius

Die globale Finanzkrise kostete Privatanleger ein Vermögen. Hausgemachte Pleiten wie die des Windprojektierers Prokon prellten zig Tausende Menschen. Die Bundesregierung zog daraus den Schluss: „Otto Normalverbraucher“ ist davor zu behüten, in derartige Fallen zu tappen. Der Graue Kapitalmarkt gehört reguliert: all diese heiklen Anlageklassen, wie Genussrechte oder geschlossene Fonds, die Lieschen Müller und Max Mustermann angeblich nicht durchschauen. In ihrem Eifer meinte die Regierung es zunächst zu gut. So trieb sie beispielsweise Genossenschaften total in die Enge. Einem seit mehr als 160 Jahren bewährten Geschäftsmodell und einer der sichersten Anlageklassen überhaupt drohte der Untergang. Die Regulierung erschwere sowohl die Entwicklung einer neuen, an sozialen und ökologischen Werten orientierten Bankarbeit als auch von selbstorganisierten Finanzierungsformen der Zivilgesellschaft, kritisierte Ende Januar Thomas Jorberg, Chef der für ihr nachhaltiges Wirtschaften mehrfach prämierten GLS Bank.

Bürgerschaftliche Beteiligungsformen sind für eine nachhaltige Entwicklung unerlässlich. Dazu gehören auch Finanzierungen durch Genussrechte, geschlossene Fonds, Bürger-Aktiengesellschaften oder Schwarmfinanzierungen (Crowdinvesting) durch eine große Schar von Menschen. Die Bürger geben Geld für z.?B. die regenerative Energieversorgung, ökologischen Landbau, Mehrgenerationenhäuser oder ressourcenleichte Produktinnovationen. Alle diese so finanzierten jungen Firmen oder Projekte hätten nämlich keine Chancen, von herkömmlichen Banken auch nur einen Cent zu bekommen. Gleichwohl fürchten die unter Reputationsschäden leidenden Banker darin eine Konkurrenz, die ihre traditionellen Geschäftsmodelle bedrohen könnte. Genossenschaftler und andere kluge Leute haben jetzt die Gefahr gebannt: Der Bundestag hat das vom Finanzausschuss deutlich angepasste Kleinanlegerschutzgesetz Ende April verabschiedet. Damit bleiben Chancen erhalten für innovative Finanzierungskonzepte zugunsten verantwortlicher Geschäftsmodelle sowie einer Gemeinwohlökonomie. 

Keine Warnung vor den Konventionellen

Bei sozialen Projekten etwa wird die Prospektpflicht bis zu einer Schwelle von 2,5 Millionen Euro ausgesetzt, was einschließlich des Fremdkapitals Investitionen von bis zu zehn Millionen Euro ermöglicht. Auch bei der jungen, stark aufstrebenden Form des Crowdinvesting sind Investitionsvorhaben von bis zu 2,5 Millionen Euro (statt zuvor einer Million) von der Prospektpflicht befreit. Ein kleiner Anleger kann ohne Schwierigkeit bis zu 1000 Euro investieren, will er aber mehr anlegen, muss er per Selbstauskunft darlegen, dass er sich mit den Risiken beschäftigt hat. Sinnvoll ist, dass Werbung und Prospekte derartiger nun „hellgrauer“ Anlagen künftig vor den Risiken und einem möglichen Totalverlust warnen müssen. Gut auch, dass die Parlamentarier 2016 prüfen wollen, ob sich die Ausnahmen von der Prospektpflicht bewähren oder ob nachzubessern ist. Da Prospekte aber kein Garant sind, wie der Fall Prokon zeigte, wäre ein kürzeres, verständlicheres Informationsblatt erforderlich, das Vergleiche erleichtert. Derartiges forderte die Opposition – bisher vergeblich.

Aber das komplette Verbot der Nachschusspflicht kommt einer Überbemutterung der Kleinanleger gleich. Zwar muss beim „Nachschuss“ ein Anleger im Krisenfall zusätzlich Geld geben. Aber erstens sind die Beträge oft überschaubar. Und zweitens: Wer für sein Auto eine Teilkaskoversicherung abschließt, weiß, dass er nach einem Unfall für den Schaden am eigenen Fahrzeug oder den Totalverlust selbst aufkommen muss, was unter Umständen sehr teuer werden kann. Etwas, das Politik und Verbraucherschützer den Menschen zutrauen. Jedoch nicht eine auf 5000 Euro begrenzte Nachschusspflicht – wie etwa bei der GLS Bank, die in 40 Jahren keinen einzigen Unfall verursacht hat.

Besonders absurd ist dies vor dem Hintergrund, dass sich vermeintlich ‚sichere’, weil regulierte Anlagen als zunehmend unsicher entpuppen. Das lehrten die Internetblase, die Finanzkrise und die Immobilienblase. Auch andere Gründe sorgen dafür, dass Aktien traditioneller Erfolgskonzerne abstürzen. Wie die Aktie von BP, die nach der Ölkata­strophe im Golf von Mexiko 2010 um die Hälfte einbrach und sich bis heute nicht erholt hat. Oder Aktien von Atom- und Kohlestromversorgern wie RWE oder E.On, die Jahrzehnte glaubten, die Gefahren von Atommeilern sowie die globale Herausforderung des Klimaschutzes und die einsetzende Energiewende nicht ernst nehmen zu müssen – und jetzt kalt erwischt wurden. Ebenso wie gängige Publikumsfonds, die zwar reguliert sind, in denen Aktien oder Anleihen dieser Konzerne stecken. Das trifft Privatanleger sowie die Gesellschaft, auf die meist die Kosten nicht-nachhaltigen Wirtschaftens abgewälzt werden.

Doch in der politischen Wahrnehmung und medialen Vermittlung spielen derartige Risiken von herkömmlichen Anlagen keine so große Rolle wie das Scheitern einzelner Umwelttechnikfirmen – selbst wenn es bei diesen im Schnitt nicht mehr Totalverluste gibt als bei sonstigen Technologie-Newcomern. So schlimm ein Verlust wie bei Prokon für den einzelnen Anleger sein mag, medial wird hier eine Sau durchs Dorf getrieben, während größere Anlagerisiken gar nicht erst auf den Radarschirm kommen.

Hingegen gab es beim konventionellen geschlossenen Immobilienfonds zum Berliner Bürogebäude ‚Pyramide’ der Fundus-Gruppe, bei dem nach dem Verkauf des Pleiteprojekts die Privatanleger leer ausgingen, keinen derartigen Aufschrei von Medien und Regulatoren, konstatiert Finanzberater Tilo Peter. Dabei sind Fundus dieselben Investoren, die auch schon das Millionengrab des G8-Hotels in Heiligendamm zu verantworten hatten. Vor ökosozialen Anlagerisiken bei Konzernen wird selten gewarnt. Die Berichterstattung folgt meist erst, wenn das Kind bereits in den Brunnen ­gefallen ist, siehe BP, Fukushima oder Griechenland.

Die Großen steigen aus

Womit wir beim Thema Risikokultur wären. Kapital soll immer sicherer angelegt sein. In der Hoffnung, dass der Satz zutrifft „Wer nichts riskiert, kann auch nicht scheitern.“ Doch wo stünden unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft, gäbe es nicht Menschen, die intelligente Ideen unterstützen und dafür bereit sind, Risiken in Kauf zu nehmen?

Die Energiewende, die Deutschland inzwischen einen Anteil von 28 Prozent an erneuerbaren, klimafreundlichen Energien auf dem Strommarkt beschert, wäre nicht möglich gewesen ohne Menschen, die das Risiko des Kapitalverlusts bewusst eingehen. Innovationen für ressourcenschonendes Wirtschaften bedürfen ebenfalls solcher risikobewusster Menschen. Zumal die Sensibilisierung der Kreditabteilungen in konventionellen Banken für die Chancen von ressourcenleichten Produkten oder Produktionsprozessen - auch für ihr eigenes Geschäft - noch nicht sehr weit gediehen ist. Gerade in Zeiten günstiger Zinsen sollten Banken Unternehmen Investitionen zur Ressourceneffizienz erleichtern.

Aber derzeit dominiert die Sorge um die Sicherheit für den angeblich begriffsstutzigen, unfähigen und kurzsichtigen Verbraucher. Die Bürger sollen zwar die Politiker wählen, aber gleichzeitig sprechen ihnen diese und die Verbrauchschützer ihnen in der Geldanlage das Denken und die Fähigkeit dazu ab – das ist eine merkwürdige Vorstellung von Mündigkeit. Darum bergen die Anstrengungen zur Regulierung – trotz des abgeschwächten Kleinanlegerschutzgesetzes – die Gefahr, dass nötige Strukturwandlungen zugunsten zukunftsfähiger Lebens- und Wirtschaftsweisen im Keim erstickt werden und sich überkommene nicht-nachhaltige Strukturen verfestigen. Bei der Evaluierung der Prospekthaftpflicht 2016 ist das zu beachten.

Immerhin setzt bei Großanlegern ein Umdenken ein, wenn auch weniger aus ethischen, denn aus knallharten ökonomischen Erwägungen. Rund um die Welt steigen kapitalkräftige institutionelle Investoren aus Erdöl- und Kohleunternehmen aus, weil sie den Verlust ihres Kapitals befürchten. Klimaschädliche fossile Energieträger haben keine Zukunft mehr, auch wenn die Branche anderes behauptet. Das machte kürzlich der Norwegische Pensionsfonds jenen klar, die es noch immer nicht begriffen hatten: Der weltgrößte Staatsfonds steigt aus Konzernen aus, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle verdienen, also auch aus RWE.

Beteiligung ist Verantwortung

Nachhaltige Anlagealternativen – seien es regulierte oder noch wenig regulierte – beachten derart ökologische als auch ethische Kriterien wie Arbeitsrechte schon viel länger. Das schützt zwar nicht vor jedem schwarzen Schaf. Riskante Anlageklassen sind und bleiben riskant, ob nachhaltig oder nicht. Es kann auch dort zu Verlusten kommen. Aber wer öko-soziale Knackpunkte beachtet, vermindert sowohl die Gefahr, an Umwelt- und Sozialverstößen beteiligt zu sein, als auch das Anlagerisiko. Das haben Wissenschaftler mehrfach nachgewiesen, zuletzt in Metastudien der Steinbeis-Hochschule Berlin 2013 und der Universität Kassel 2014 sowie in einer Langzeitstudie der Havard Business School und der London School of Business 2014.

Statt also Verbrauchern ihre Mün­dig­keit abzusprechen, sollten Regie­rungsverantwortliche diese Art der Risikominderung bei Kapital­anlagen vorgeben, zumindest bei staatlichen und staatlich geförderten Anlageformen wie Pensionsfonds oder Rentenversicherungen. 

Zudem sollte der Staat mehr in die Bildung zu Wirtschaft und Nachhaltigkeit stecken und parallel Interesse dafür wecken. Angefangen vom Schulfach bis zur Berufsausbildung oder dem Studium. Es geht nicht um mehr Geld, sondern um zeitgemäße Inhalte. Denn wer sich für etwas interessiert, befasst sich auch mit komplizierten Themen. Für den Autokauf verbringen Menschen Tage und Wochen, um die Vor- und Nachteile der angepriesenen Modelle abzuwägen und sich zu entscheiden. Warum tun sie das nicht für ihr Erspartes und die Altersvorsorge? Bloß weil das nicht so sexy erscheint wie ein Auto? 

Es kann aber durchaus spannend sein, sich mit den Folgen von Geldanlagen zu befassen – mit finanziellen Chancen und Risiken genauso wie mit positiven oder negativen gesellschaftlichen Wirkungen. Es kann als sinnstiftend empfunden werden, Menschen und Geschäftsmodelle zu unterstützen, welche sozial und ökologisch verantwortlich handeln oder gar echten Nutzen für die Gesellschaft bringen. Durch vorausschauendes und langfristiges Investieren zugleich Anlagerisiken zu senken, ist doch erfreulich! 

Mit gutem Gewissen hat das nicht zwingend zu tun – vielmehr sind solche Win-win-Situationen erbaulich – genauso wie eigenständig zu denken, eigenverantwortlich zu handeln und etwas zu bewegen. Und diese Fähigkeiten bei Kindern oder Enkeln zu wecken, etwa wenn sie bei einem Spaziergang erfahren, dass die Familie dieses Windrad, jene Solar­anlage, den dortigen Bio-Bauernhof oder den hiesigen ressourceneffizienten Möbelfabrikanten mit ermöglicht hat.

Susanne Bergius ist Journalistin für nachhaltiges Wirtschaften und Investieren. Sie schreibt für das Handelsblatt, das Lexikon der Nachhaltigkeit und weitere Medien, moderiert und referiert als Expertin. Mit Thomas Schulz hat sie das Buch CSR und Finance herausgegeben. Sie ist Vorstandsvorsitzende des 2015 gegründeten gemeinnützigen „Netzwerk Weitblick – Verband Journalismus & Nachhaltigkeit e.V.“

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Eine Kühlschrankinnenansicht mit einem Sparschwein.
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Zum Beispiel Energieschulden

Die Kosten für Ressourcen wie Wasser, Wärme und Strom steigen, Millionen Menschen leben in Armut. Welche Lösungen gibt es für eine faire Ressourcenwende?

Von Michael Kopatz

Früher war es keine Seltenheit, in der Kneipe oder im Laden von Tante Emma anschreiben zu lassen. Man kannte und vertraute sich und meist ging alles gut. Heute gibt es das kaum noch, schon gar nicht beim Discounter. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn Schulden sind etwas Unangenehmes, vor allem wenn sie für die Produkte des alltäglichen Bedarfs aufgenommen werden. Die Freude daran ist schon längst vergangen, die Schulden bleiben. Fernseher zum Beispiel werden nicht selten auf Kredit gekauft. Doch sie halten womöglich nicht so lang wie die Verbindlichkeiten. Für etwas zahlen, wovon man nicht mehr profitiert, ist unangenehm.

Das gilt besonders für Energieschulden. Während beim Tanken eigentlich gar keine Schulden entstehen können, kann man für Strom, Wärme und Wasser immer noch anschreiben lassen. Und das geht so: Wir zahlen Energie mit einem monatlichen Abschlag. Die voraussichtlichen Kosten werden grob abgeschätzt. Nach einem Jahr kommt die Rechnung. Sind die Preise in der Zeit gestiegen, hat sich der Haushalt vergrößert oder verbraucht ein neues Gerät mehr als gedacht, steht eine kräftige Nachzahlung an. Wer knapp bei Kasse ist, kommt damit nicht zurecht und schlimmstenfalls wird daraufhin die Leitung gekappt.

Die Spitze des Eisbergs: Stromsperre

Rund 345.000 Mal kappten Versorger 2013 in Deutschland die Stromleitung, so die offiziellen Zahlen der Bundesnetzagentur. Die Unterbrechung der Energieversorgung ist ethisch sehr umstritten. Strom und Wärme sind gerade in kälteren Klimazonen fast genauso existenziell wie Wasser und Brot. Medien berichten regelmäßig über die harten Folgen von Strom- und Gassperren. Oft werden Familien präsentiert, die durch Schicksalsschläge in Armut geraten sind und aus der Energieschuldenfalle keinen Ausweg finden. Auf der anderen Seite steht der "böse" Versorger, der kaltblütig den Saft abdreht.

Obwohl sich die Realität meist viel differenzierter darstellt, lassen sich die dramatischen Umstände nicht leugnen, in denen Hunderttausende leben: Die Gefahr von Unfällen und Bränden steigt, wenn Kerzen als Notbeleuchtung eingesetzt werden. Beinahe jährlich kommt es zu Brandunfällen mit tödlichem Ausgang. Bei flackerndem Kerzenschein und nur mit Taschenlampen ausgestattet bewegen sich die Bewohner unsicher durch ihre Wohnung. Die Lebensmittel im Kühlschrank verderben, die Tiefkühlkost in der Gefriertruhe taut auf und vergammelt. Wer das aufgetaute Schnitzel durch baldigen Verzehr retten möchte, steht vor dem Problem, dass der Elektroherd nicht mehr funktioniert. Warme Speisen können fortan nur noch mit einem Campingkocher zubereitet werden. Auch das erhöht die Brandgefahr. 

Die Bekleidung muss fortan im Waschsalon teuer gereinigt werden, Freunde helfen aus. Die Annehmlichkeiten der Medienwelt reduzieren sich auf ein batteriebetriebenes Radio. Die meisten Telefone versagen ihren Dienst, und das Handy lässt sich nur noch bei Freunden aufladen. Wird das Wasser elektrisch erwärmt, gibt es auch keine warme Dusche mehr. Am schlimmsten trifft es allerdings Haushalte mit Gas-Etagenheizung. Denn keine Heizung arbeitet ohne Strom. Im Winter ist damit die Katastrophe komplett. Nicht wenige richten sich dann dauerhaft mit dem Martyrium ein.

Energiearmut in Deutschland

Die 345.000 jährlich vom Strom getrennten Haushalte bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Millionen Bundesbürger zahlen pünktlich ihre Rechnung und sparen dafür bei Lebensmitteln und Kleidung. Man kann das auch als "Energiearmut" bezeichnen. Nach einer Definition aus Großbritannien sind davon in Deutschland knapp 16 Prozent der Haushalte betroffen, weil sie mehr als zehn Prozent ihres Nettoeinkommens für Energie aufbringen müssen. Vor einigen Jahren waren es noch 14 Prozent. Die Situation hat sich also verschlimmert.

Nun könnte man sagen, Energie ist zu teuer und deswegen Sozialtarife fordern oder gar einen Ausbaustopp für Erneuerbare Energien. Beide Vorschläge bringen keine substanzielle Lösung des Problems. Die Preise für Kohle, Öl und Gas werden tendenziell steigen, während die Kosten für Energie aus Sonne und Wind immer weiter abnehmen. Kohlestrom ist hierzulande im Neubau schon heute unwirtschaftlich. Profitabel sind nur noch die alten abgeschriebenen Anlagen. Was kann man dagegen tun?

Mehr Einkommen

Die häufigste Ursache für Energieschulden sind unterdurchschnittliche Einkommensverhältnisse. Daher ist es zunächst einmal notwendig, die Sozialtransfers an die gestiegenen Energiepreise anzupassen, also, zum Beispiel, den Anteil für Strom im Arbeitslosengeld II. Darüber hinaus gibt es einige Millionen Haushalte, die ohne staatliche Hilfe auskommen, jedoch ebenfalls ihre Energierechnungen nur schwer begleichen können. Hier stellt sich die grundsätzliche Frage, wie sich die Einkommensverhältnisse im Niedriglohnbereich so fortentwickeln lassen, dass ein Vierpersonenhaushalt mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 60 Stunden genug verdient, um nicht auf die Tafel oder andere Nothilfen angewiesen zu sein. Der Mindestlohn ist ein Schritt in diese Richtung.

Beratung

Darüber hinaus gibt es allerdings noch zahlreiche Maßnahmen, um Energieschulden zu vermeiden. Der erste Ratschlag lautet ganz banal: sparen. Bei einem durchschnittlichen Haushalt liegen die Einsparpotenziale für Strom und Wärme zwischen zehn und 30 Prozent. Richtiges Lüften und moderate Raumtemperaturen können mehrere Hundert Euro sparen. Doch ein Wandel von Alltagsroutinen und Gewohnheiten lässt sich nicht durchsetzen, indem einige Infobroschüren verteilt werden. Notwendig ist die fachkundige Beratung in der Wohnung – im Idealfall durch einen anerkannten Energieberater. Dabei gilt es, anschaulich und mit didaktischem Geschick zu erläutern, warum beispielsweise Kipplüften die Schimmelgefahr erhöht und viel Energie kostet.

Es stimmt übrigens nicht, dass arme Menschen besonders verschwenderisch mit Energie umgehen, während wohlhabende Bürger sparsam sind. Die Auswertung von Beratungsprojekten zeigt, dass Arme meist weniger Strom benötigen als der Durchschnitt. Bundesweite Erhebungen machen deutlich: Je wohlhabender die Bürger sind, desto mehr Energie verbrauchen sie. Denn es kann zwar sein, dass Einkommensarme sich einen hocheffizienten Kühlschrank nicht leisten können. Gutverdiener haben dafür größere Geräte, Wohnungen und Autos.

Kühlschranktausch

Ein wichtiger Ansatzpunkt, um die technischen Sparpotenziale zu erschließen, ist der Kühlschranktausch. Damit lässt sich die Stromrechnung leicht um 100 Euro jährlich verringern. Doch neue, effiziente Geräte sind teuer und reines Wunschdenken, wenn das Geld knapp ist. Das macht ein bundesweites Förderprogramm notwendig, das in den Kommunen umgesetzt wird. Die Sozialbehörden können wie in Nürnberg mit Hilfe von fachkundigen Energieberatern klären, ob ein Neugerät helfen kann. Anschließend erhält der Haushalt einen Spendengutschein über 350 Euro, der bei teilnehmenden Fachgeschäften eingelöst werden kann. 

Gebäudesanierung

Hilfreich ist sodann eine sozialverträgliche Gebäudesanierung. Arme Menschen leben vorwiegend in schlecht isolierten Gebäuden. Das liegt auch daran, dass die Sozialträger nur geringe Mieten übernehmen. In Bielefeld stellt man sich dem Problem mit einem Klimabonus. Die Stadt erlaubt höhere Mieten, wenn das Gebäude vergleichsweise geringe Heizkosten verursacht. Das ist für die Staatskasse aufkommensneutral und erhöht den Sanierungsanreiz für Vermieter. Zuträglich wären auch Obergrenzen für Mietsteigerungen sowie eine Stärkung genossenschaftlicher Wohnformen und des sozialen Wohnungsbaus.

Sozialtarif?

Die Einführung von Sozialtarifen für Strom ist dagegen weniger empfehlenswert. Um sie fair auszugestalten, müsste nach Personenzahl je Haushalt unterschieden werden und das mehrfach im Jahr. Zu klären wäre bei jedem Sozial­tarif, wie das Duschwasser erwärmt wird. Insgesamt entstünde dadurch ein hoher administrativer Aufwand. Bedenklich stimmen auch rechtliche Hürden und wettbewerbliche Verzerrungen. Und nicht zuletzt sprechen klimapolitische Überlegungen gegen eine bundesweit verpflichtende Einführung solcher Tarife. Hohe Preise für Energie sind an sich ein positiver Lenkungseffekt. Statt die Preise künstlich zu vergünstigen, ist es zielführender, beispielsweise sparsame Geräte zu bezuschussen.

Prepaid statt Sperre

Die schlimmsten Folgen der Energiearmut, die Versorgungsunterbrechung, können Prepaid-Zähler verhindern. Davon gibt es in Großbritannien inzwischen 3,4 Millionen für Strom und über zwei Millionen für Gas. Ein Drittel der Haushalte in Irland nutzt einen Prepaid-Zähler. Wie beim Prepaid-Handy üblich, kann man Strom per Guthaben kaufen. Dieses wird auf den Zähler übertragen. Neigt sich das Guthaben dem Ende, weist eine SMS oder E-Mail darauf hin. Verschiedene Studien zeigen, dass die Betroffenen bewusster und sparsamer mit Elektrizität umgehen. Das ist gut für den Klimaschutz und deshalb auch für Gutverdiener relevant. Sperrungen sind bei diesen Zählern nicht mehr erforderlich. Weitere Schulden, Mahn-, Sperr- und Entsperrgebühren sind nicht möglich und der Energielieferant hat weniger Personalaufwand, um die Schulden einzutreiben. Das gleicht die Kosten für den Prepaid-Zähler aus.

Mitarbeiter von Stadtwerken berichten von der hohen Zufriedenheit der Kunden mit Prepaid-Zählern. Wie viele Haushalte die Technik hierzulande nutzen, ist nicht bekannt. Vermutlich sind es einige Tausend. Darunter befinden sich auch Gewerbetreibende. Umfangreiche Studien aus Irland und Großbritannien besagen, dass 85 bis 90 Prozent der Befragten die Guthaben-Aufladung gegenüber den Monatspauschalen bevorzugen. Verwunderlich ist das vor allem, weil dort der Prepaidstrom meistens teurer ist. So etwas ist beim breiteren Einsatz von Guthabenzählern in Deutschland zu vermeiden. 

Eine Kritik am Prepaidsystem lautet, es sei keine Hilfe, wenn die Menschen sich mit den neuen Zählern fortan "selbst sperren". Wenn beispielsweise das Guthaben nach 15 Tagen verbraucht sei, säßen die Betroffenen für die nächsten 15 Tage ohne Strom im Kalten und im Dunkeln. Doch warum sollte jemand mit der Guthabenaufladung so lange warten? Schließlich kann auch mit Kleinstbeträgen aufgeladen werden. Damit lassen sich mindestens noch die wichtigsten Geräte bis zum Monatsende betreiben. Schließlich stehen die Menschen bei Lebensmitteln vor dem gleichen Problem: Wer schon zum 20. des Monats sein Geld ausgegeben hat, müsste in letzter Konsequenz bis zum Monatsende hungern.

Wie die Erfahrungen in Großbritannien, Irland und auch in Deutschland zeigen, lassen die Haushalte in der Regel das Guthaben nicht völlig auslaufen. Und falls doch, wird umgehend nachgeladen. Je nach Lage gegebenenfalls auch nur mit fünf Euro. Übrigens: Leert sich das Guthaben ausgerechnet am Wochenende, läuft der Zähler bei den meisten Versorgern weiter, bis dann am Montag wieder aufgeladen werden kann. Die entsprechenden Voreinstellungen lassen sich am Gerät leicht einrichten.

Energiewende sozial gestalten

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um das Entstehen von Energieschulden zu verhindern. Ein Teil der Verantwortung liegt bei den Menschen selbst. Doch wer seinen schwierigen Alltag mit sehr wenig Geld bestreiten muss, hat meistens nicht die psychische Kapazität, sich um Energieeinsparungen oder dem Klimaschutz zu kümmern. Umso mehr sind daher Energieversorger, Politik und Verwaltung gefragt. Sie können durch finanzielle Unterstützung, Beratung und vieles mehr das Entstehen von existenziellen Notlagen durch Energiekosten verhindern. Auf diese Weise kann eine Gesellschaft den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien sozial tragfähig gestalten. Das wird sich bereits für die gegenwärtigen Generationen auszahlen. 

Dr. Michael Kopatz ist Sozialwissenschaftler, Projektleiter in der Forschungsgruppe 2: Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut und Lehrbeauftragter an den Universitäten in Kassel und Lüneburg. Sein Buch „Energiewende. Aber fair!  Wie sich die Energiezukunft sozial tragfähig gestalten lässt“ ist beim Oekom Verlag erschienen.

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Ein Strand mit viel Plastikmüll.
© canstockphoto.com

Dauerplastik

Kunststoffe sind ein elementarer Bestandteil unseres Lebens und tragen in vielen Bereichen zur Reduktion von Umweltbelastungen bei. Gleichzeitig lassen sie eine sehr spezielle Zukunftsschuld entstehen: die Vermüllung unserer Meere. Eine aktuelle Studie zeigt konkrete Einsparpotenziale auf.

Von Henning Wilts

Kunststoffe sind aus unserem täglichen Leben kaum noch wegzudenken, es vergeht praktisch keine Sekunde, in denen wir nicht von Plastik in seinen unterschiedlichen Formen profitieren – von den allerersten Anfängen in Form von Bakelit-Telefongeräten und Nylonstrümpfen bis hin zum Mars-Rover, der ohne Hightech-Kunststoffteile niemals seinen Weg durch das All gefunden hätte. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die weltweite Nutzung fossiler Rohstoffe zur Herstellung von Kunststoff seit Jahren kontinuierlich zunimmt. Die globale Kunststoffproduktion ist zwischen 1950 und 2012 von 1,7 auf 288 Millionen Tonnen (Mt) angestiegen, wovon im Jahr 2012 allein in Europa 57 Mt hergestellt wurden, so die Studie PlasticsEurope 2013 der Association of Plastics Manufacturers. Dieser Trend wird aller Voraussicht nach anhalten: Gerade die kunststoffintensiven Sektoren wie der Verpackungsbereich, der Bau- oder der Automobilsektor weisen hohe Wachstumsraten auf und mit ihnen wird die Nachfrage nach Kunststoffen steigen.

Doch auch wenn die Herstellung und Verarbeitung von Kunststoffen – wie von allen Rohstoffen – mit Umweltbelastungen verbunden sind, so ersetzen Kunststoffe in vielen Bereichen durch ihre vielseitige Anwendbarkeit andere noch deutlich ressourcen­intensivere Rohstoffe. Durch ihre Materialeigenschaften tragen sie in vielen Bereichen zu einer verminderten Umweltbelastung bei, zum Beispiel durch Leichtbau von Fahrzeugen oder Dämmmaterialien. Insofern wäre eine Welt ganz ohne Kunststoffe mit Sicherheit keine bessere.

Ein gigantischer Müllwirbel

Trotzdem trägt auch Plastik zu einer speziellen Form von Zukunftsschulden bei: Wenn kunststoffhaltige Produkte am Ende ihrer Nutzungsphase unweigerlich zu Abfällen werden, verursachen sie insbesondere durch die Vermüllung von Flüssen und Ozeanen erhebliche Probleme. Rund acht Millionen Tonnen Kunststoffabfälle gelangen jährlich vor allem über Flüsse in die Ozeane. Die Meeresschutzorganisation Oceana schätzt, dass weltweit jede Stunde rund 675 Tonnen Müll direkt ins Meer entsorgt werden, die Hälfte davon Kunststoffe. Laut einer Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) treiben bis zu 18.000 Kunststoffteile in jedem Quadratkilometer der Weltozeane. Eine 2015 in Science veröffentlichte Studie Plastic waste inputs from land into the ocean zeigt, dass sich ohne verbesserte Abfallinfrastrukturen die Menge der Kunststoffeinträge in die Ozeane bis zum Jahr 2025 um den Faktor 10 erhöhen könnte.

Mit den Strömungen wandern die Kunststoffe über die Meere und sammeln sich nach Jahren in großen Strömungswirbeln an. Südöstlich von Hawaii hat sich in der im Uhrzeigersinn drehenden Meeresströmung des Pazifiks ein gigantischer Müllwirbel gebildet, in dessen Zentrum drei Millionen Tonnen Kunststoffabfall rotieren. Dieser wächst stetig und hat sich nach einer Studie des Scripps Instituts für Ozeanographie in San Diego von 2012 in den letzten 40 Jahren verhundertfacht.

40 bis 80 Prozent weniger sind möglich

Vor diesem Hintergrund hat das Wuppertal Institut im Auftrag des NABU eine Studie zu „Einsparpotenzialen beim Kunststoffeinsatz durch Industrie, Handel und Haushalte“ erstellt. Ihr Ziel war, den Status Quo des Einsatzes von Kunststoffen in Deutschland und Europa zu beschreiben und ein Referenzszenario für den Einsatz von Kunststoffen zu entwickeln. Damit sollten Optionen identifiziert werden, wie der Einsatz von Kunststoffen reduziert werden könnte und welche konkreten Instrumente und Handlungsansätze zur Realisierung beitragen. Und Optionen sind unbestritten vorhanden: Insgesamt wurden neun konkrete Ansätze zur Verringerung des Kunststoffeinsatzes untersucht, auf deren Basis zwei Szenarien („low hanging fruits“ und „harte Markteingriffe“) entwickelt wurden, in denen der Kunststoffeinsatz um 40 bzw. 80 Prozent reduziert werden konnte. Damit sind nicht notwendigerweise Umweltentlastungen verbunden, denn Substitutionsprozesse können immer auch zu einer reinen Verlagerung von Umweltbelastungen führen. Trotzdem versuchen die Beispiele dafür zu sensibilisieren, dass Kunststoffeinsatz und insbesondere der Anfall von Kunststoffabfällen keine unvermeidbare Notwendigkeit sind, sondern immer an konkrete Konsum- und Produktionsmuster gekoppelt sind.

Option 1: Substitution durch ­erneuerbare Rohstoffe
Option 2: Verringerung des Kunststoff­einsatzes durch Optimierung von Produktionsprozessen
Option 3: Einsatz von Kunststoff-Rezyklaten
Option 4: Kunststoffleichte Verpackungsoptionen
Option 5: Komplettverzicht auf Kunststoffverpackungen
Option 6: Verringerung des Einsatzes von Einweg-Plastiktüten
Option 7: ReUse Elektronik
Option 8: Kunstoffeinsparungen durch Dienstleistungen anstatt Produkte
Option 9: „Plastik fasten“

In vielen Bereichen bietet der effizientere Einsatz von Kunststoffen nicht nur ökologische Vorteile, sondern ganz konkrete Kosteneinsparpotenziale. So wurden beispielsweise im US-Bundesstaat Oregon im Rahmen eines Pilotprojekts der Umweltverwaltung in Kooperation mit sieben national und international tätigen Unternehmen Transportverpackungen optimiert: Obwohl bei den Unternehmen selbst aufgrund einiger Hemmnisse nicht alle möglichen Änderungen realisiert wurden und diese bereits vorher eine Vorreiterrolle in Umweltaspekten innehatten, betrugen die geschätzten finanziellen Einsparungen durch diese Maßnahmen in drei Unternehmen mehr als 994.000 Dollar im Jahr, evaluierte das Department of Environmental Quality 2014 über das Business Packaging Waste Prevention Project (2002 – 2005). 

Geschlossene Kreisläufe sind besser

Aber werden diese finanziellen Anreize ausreichen, die drohende „Kunststoffschuld“ in Form vermüllter Ozeane und Flüsse zu verhindern? Auch hier liefert die Wuppertaler Studie eine klare Antwort: definitiv nicht. Das absehbare Wachstum der eingesetzten Kunststoffmengen ist deutlich größer als die realisierbaren Effizienzgewinne. Die Umsetzung der identifizierten Potenziale wird den Einsatz informatorischer, ökonomischer und regulatorischer Instrumente erfordern, da angesichts des Ausmaßes externalisierter Umweltkosten die vorhandenen Anreize in vielen Bereichen noch nicht ausreichen, um Investitionen in innovatives Produktdesign, effiziente Produktionstechnologien oder neue „kunststoffleichte“ Geschäftsmodelle zu rechtfertigen. Insofern ergibt sich ein klarer Bedarf an verbesserten Rahmenbedingungen, die die Produktion von Kunststoffen umweltfreundlicher gestalten, ihre ressourcenschonenden Nutzungsmöglichkeiten fördern, aber die drohende Zukunftsschuld verhindern. Klar ist dabei auch, dass es keine „deutsche“ Lösung sein kann: Angesichts der hochwertigen abfallwirtschaftlichen Infrastrukturen mit Sammelsystemen, Deponieabdichtungen etc. ist es nicht der Müll aus Deutschland, der im Meer landet – aber es ist der Müll, den wir anderswo durch unsere Konsumnachfrage entstehen lassen. Insofern ist es auch unsere Verantwortung, radikale Veränderungsprozesse anzustoßen, die ihre Wirkungen weit über Deutschland hinaus entfalten.

Optionen dazu bieten sich aktuell in der Diskussion des Circular Economy Pakets der Europäischen Kommission. Einerseits ermöglicht die Vielfalt der eingesetzten Kunststoffsorten und Zuschlagstoffe genau auf die jeweiligen Kundenbedürfnisse abgestimmte technische Lösungen. Diese Komplexität der Produkte ist jedoch ein massives Hemmnis für die Schließung von Stoffkreisläufen. Insofern müssen Lösungen gefunden werden, Kunststoffe nur in solchen Kombinationen einzusetzen, die sich auch ökonomisch sinnvoll recyceln lassen – die dann entstehende Nachfrage nach Kunststoffabfällen wird sie effektiver aus den Weltmeeren raushalten als jeder Versuch, Plastiktüten im Supermarkt zu verbieten. Unterstützt werden könnten solche Ansätze durch Vorgaben zum Rezyklatanteil von kunststoffhaltigen Produkten – wir müssen weg von den klassischen Abfallzielen hin zu verbindlichen Zielvorgaben, die zu tatsächlich geschlossenen Stoffkreisläufen durch bessere Produkte ­führen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es tatsächlich einen politischen Wille gibt, die Kreislaufwirtschaft zu einem Motor der Ressourceneffizienz weiterzuentwickeln.

Henning Wilts ist am Wuppertal Institut Projektleiter für Abfall und Ressourceneffizienz. In seinen Projekten zum Beispiel für die Europäische Kommission oder das Umweltbundesamt untersucht er, ob Abfall ein notwendiges Übel ist oder wie er vermieden werden kann. Unter anderem leitet er die Arbeitsgruppe Abfallvermeidung im European Topic Center Waste and Materials in a Green Economy. Die Studie Einsparpotenziale beim Kunststoffeinsatz durch Industrie, Handel und Haushalte in Deutschland ist beim Nabu unter www.nabu.de im Bereich Ressourcenschonung/ Kunststoffe & Bioplastik als PDF verfügbar.

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Eine edle Küchenzeile.
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Opulenz ist das Gebot der Stunde

Die Ressourcenschulden von gestern sind unsere Ressourcensicherheit von morgen. Wie gut, dass wir wertvolle Rohstoffe auf den Müll geworfen und ressourcenintensiv gebaut haben. Doch was machen wir, wenn die urbanen Minen erschöpft sind? 

Eine Glosse von Klaus Dosch

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Die Zukunft seiner Rohstoffversorgung liegt daher im Recycling, in der Identifizierung und Nutzbarmachung wertvoller Rohstoffe aus vormals entsorgten Dingen. Urban Mining heißt das auf Neudeutsch und meint die Rohstoffgewinnung in und aus den Resten der Stadt. Kupfer, Stahl, Aluminium und viele andere wertvolle metallische und mineralische Rohstoffe lassen sich in den großen und kleinen Hinterlassenschaften moderner Zivilisationen finden und herausfabrizieren. So werden beispielsweise aus Stahlträgern Kotflügel oder aus Bierdosen Leichtbaumotoren. Ein vielversprechender Ansatz, denn andere Strategien zur Rohstoffsicherung waren historisch gesehen weit weniger erfolgreich: Die kurze Kolonialzeit brachte weder den Zugang zu wesentlichen Ressourcen noch trug es dem Deutschen Reich belastbare Freundschaften ein. Auch gewaltsame Interventionen zur Sicherung dringend benötigter Rohstoffe brachten unterm Strich neben unermesslichem menschlichem Leid und Tod keinerlei stofflichen Gewinn. So erscheint nun zu Recht das Urban Mining der Schlüssel zur Ressourcensicherheit von morgen. Die Frage ist nur, was wir denn demnächst urban minen möchten.

Leider müssen wir feststellen, dass wir Deutschen – und nicht nur wir – auf diese neue Schlüsseltechnologie unzureichend vorbereitet sind. Unsere Konsummuster müssen sich ändern, wollen wir uns eines Tages von Rohstofflieferungen unsicherer Kantonisten lossagen. Die Erkenntnis schmerzt, doch müssen wir ihr schonungslos ins Auge sehen. 

Sehen wir uns moderne Kaffeemaschinen an: Kunststoffe dominieren, ein wenig Elektronik. Wenn die netzfähige High-Tech-Kaffeemaschine nach zweieinhalb Jahren planmäßig ihren Geist aufgegeben hat, lohnt ein Aufheben zwecks späteren urbanen minings kaum. Wie anders hingegen einige Ikonen des Recyclingzeitalters: Chromblitzend, beinahe zentnerschwer tun sie dampfend ihren Dienst in der Küche. In ehrlichen Kupferkesseln erhitzen sie große Mengen an Wasser und Dampf, schwere Siebträger entlocken dem Kaffeepulver wunderbare Aromen. Und wenn sich ein solches Wunderwerk irgendwann in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet, geben die verbauten Materialien wirklich etwas her: Zwei, drei Kilo Kupfer, jede Menge Edelstahl, Aluminium. 

Andere Beispiele: Kupferdachrinnen werden zu unrecht verteufelt. Sie sind ein wunderbares urbanes Lager für den wertvollen Rohstoff Kupfer. Oder Stromleitungen. Unsere belgischen Nachbarn sind uns auf diesem Gebiet allerdings weit voraus: Jede 230 V-Leitung muss dort einen Querschnitt von 2,5 mm² haben. Da stecken zwei Drittel mehr Kupfer zum späteren Recycling drin, als in unseren mickrigen 1,5 mm² Leitungen – Chapeau!

Vor diesem Hintergrund müssen wir auch die gegenwärtigen Entwicklungen bei der Effizienzsteigerung von Automobilen anders sehen. Anfangs konnte man meinen, einem Schildbürgerstreich aufgesessen zu sein: Massereiche Kraftwagen erreichen eine bessere Effizienzklasse als kaum Sprit verbrauchende Kleinwagen? Diese hybriden PS-Monster mit Vierradantrieb und einem Normverbrauch von unter drei Litern? Nicht Wahnsinn oder übertriebene Industriefreundlichkeit haben dem Gesetzgeber die Feder geführt. Nein, es ist die gezielte und stringente Annäherung unserer Gesellschaft an das Urban Mining. Wenn diese massereichen Vehikel ihrer Außerbetriebnahme entgegensehen, freut sich jeder Recyclingbetrieb: Hunderte Kilo an Stahl, wertvolles Lithium, enorme Mengen an Kupfer und Aluminium, Gold und Silber in unzähligen Steuergeräten und Computern. Und wegen der zum Laden der Krafthybride notwendigen stabilen Elektrizitätsinfrastruktur können diese Fahrzeuge auch nicht als Altfahrzeuge in Drittweltstaaten exportiert werden. Denn dort fehlt es am Strom für die Akkus. Wahrhaft ein genialer Schachzug zum Erhalt strategisch wichtiger Rohstoffe! 

Factorys Fazit: Metall statt Plastik, Hybrid- statt Kleinwagen, Opulenz statt Effizienz. Unsere urban minenden Nachkommen werden es uns danken.

Klaus Dosch ist wissenschaftlicher Leiter der Aachener Stiftung Kathy-Beys, die Mitherausgeberin der factory ist. Zuletzt schrieb er in factory Vor-Sicht über die Szenarientechnik zur Abbildung möglicher Zukünfte.

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