Thema

Digitalisierung


Der digitale Wandel

factory Titel Digitalisierung

Was verbindet Demokratieverlust, Digitalisierung und Klimawandel? Sie sind die drängendsten Phänomene der vermögenden Welt – und auch der restlichen. Der Klimawandel bildet mit steigendem Meeresspiegel, sinkenden Ernteerträgen und Massenmigration die globale Klammer. Die Folge dieser Bedrohungen ist ein weltweit zunehmender Nationalismus, der seinerseits mehr und mehr demokratische Gesellschaften bedroht.

Diese Ängste sind verbunden mit einer rasanten technologischen Entwicklung, die wir Digitalisierung, Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge (Internet of Things – IoT) nennen. Denn diese unaufhaltsame und logische Entwicklung will zwar die vollkommene Vernetzung und Automatisierung, liefert aber wie alle Technologien keine befriedigende Antwort auf die damit verbundenen Befürchtungen.

Dabei verheißt die Digitalisierung gerade durch Vernetzung Einsparungen in der Circular Economy, in den Haushalten, bei der Mobilität. Eine weitere Energie- und Ressourcenwende wäre sogar ohne Digitalisierung erst gar nicht möglich. Doch gleichzeitig behindert sie diese: durch mehr Verbrauch für mehr Geräte, höhere Datenvolumina und schnellere Verbindungen.

Bots und Roboter könnten fast zwei Drittel aller Arbeitsverhältnisse ersetzen und andere, neue schaffen, das IoT könnte für zwei Drittel des Weltenergiebedarfs verantwortlich sein, so die Zukunftsszenarien für 2050. Dieses Gemisch aus technischer und „umweltlicher“, gesellschaftlicher Veränderung verlangt nicht etwa einfache Antworten, sondern verantwortungsvolles, vernetztes Forschen und Handeln abseits des bisherigen „Weiter-so“.

Denn ebenso wie sich die globale Erwärmung nicht aufhalten, sondern nur mühsam begrenzen lässt, indem sich ein ökologisch-sozialer, ein wirtschaftlich-politischer Wandel etablieren muss, ist auch die Digitalisierung wie jede historische Technologie nicht aufzuhalten oder zu begrenzen – dabei bietet sie große Chancen für ein „Gutes Leben“.

Gefragt sind dafür vor allem Menschen, die den digitalen Wandel mitgestalten: in Schulen, Organisationen, Unternehmen, in Politik und Gesellschaft, im Job und zuhause. Die eine Digitalisierung hinterfragen und angesichts planetarischer Grenzen und sozialer Folgen auch für ein konsequent ökologisch-soziales Gesellschaftssystem eintreten und dieses fordern.

Damit das gelingt, haben wir ein Magazin zur Digitalisierung aufgelegt, das den Wandel und seine erhofften wie befürchteten Folgen wenigstens annähernd beschreiben soll. Da sind zum Beispiel die Möglichkeiten einer durch Digitalisierung erfolgversprechenderen Circular Economy, wie sie Henning Wilts skizziert. Oder ein Blick in die ressourceneffiziente Produktionspraxis mit neuen Verfahren wie 3D-Druck und „Big Data“, wie ihn Verena Kern unternimmt.

Warum wir das Ende der Arbeit erwarten können, es aber deswegen auch gestalten müssen, führt der Soziologe Andres Friedrichsmeier aus. Über die Hoffnungen, die Verkehrswende mit digitaler Mobilität zu erreichen, berichtet Susanne Götze. Ihre Kollegin Susanne Schwarz widmet sich dem ökologisch-sozialen Wandel durch digitale Startups, der Rebound-Experte Tilman Sanarius nimmt sich der Energie-, Ressourcen-, Rebound- und Datenschutz-Effekte der Digitalisierung an.

Carolin Baedeker vom Wuppertal Institut stellt Reallabor-Ergebnisse vor, die zeigen, wie sich mit smarten Lösungen zuhause und im Büro Energie sparen lässt. Und der Ressourcenforscher Prof. Armin Reller spricht im Interview über den Ressourcenaufwand der Digitalisierung und wie wir ihn begrenzen können.

Wir hoffen, dass so die Wahrscheinlichkeit wächst, dass die Digitalisierung tatsächlich zu einem ökologisch-gesellschaftlichen Wandel, zu einem „Guten Leben“ für alle führt.

Ralf Bindel und das Team der factory

Weitere Beiträge zur Digitalisierung und ihren möglichen Wirkungen auf Ressourcen- und Klimaschutz, auf soziale Gesellschaften und Individuen gibt es im gleichnamigen factory-Magazin Digitalisierung. Das ist reich illustriert und enthält sämtliche Artikel im kompakten Tablet-Format, dazu entsprechende Zahlen und Zitate. Es lässt sich kostenlos laden und ist angenehm lesbar auf Bildschirmen und Tablet-Computern. Online im Themenbereich sind zunächst nur einige Beiträge verfügbar – dafür lassen sie sich dort auch kommentieren und bewerten.

Datenstrudel

Digitaler Kreislauf

Wie die Digitalisierung die Ressourceneffizienz in der Circular Economy verbessert – und wo sie eher Ressourcen kostet. Chancen und Risiken einer nachhaltigen Industrie 5.0.

Von Henning Wilts

Die Grundidee der Kreislaufwirtschaft klingt so bestechend wie einfach: Statt Produkte am Ende ihrer Nutzungsphase zu entsorgen, will sie den Wert der darin enthaltenen Rohstoffe möglichst optimal erhalten. Nicht zuletzt wegen dieser Klarheit steht die Circular Economy ganz oben auf der politischen Agenda. Damit stellt sich aber direkt eine Reihe komplexer Fragen: Aus welchen Stoffen bestehen Produkte genau? Wie sind sie verbaut, mit welchem Aufwand lassen sie sich zurückgewinnen; ist das Produkt z. B. verschraubt oder verklebt? Welche Nachfrage besteht eigentlich für recycelte Rohstoffe, aus der sich dann ihr Wert ergeben würde?

Alle Antworten darauf gehen in unserer aktuell „linearen“ Welt verloren, sobald die fertigen Produkte die Fabrik verlassen. Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Alois Flatz, der zu Abfallwirtschaft und Stoffstrommanagement geforscht hat, prägte dafür den Begriff des „Mauerwurfprinzips“: Unternehmen werfen die Produkte auf den Markt, was danach mit ihnen passiert, lässt sich von niemandem mehr nachverfolgen. Erschreckenderweise könnten aber sogar die Hersteller die oben genannten Fragen nicht beantworten. Die Vorlieferkette für Elektronikprodukte umfasst z. B. vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt mindestens sieben Stufen, bei der die Hersteller einzelner Komponenten zum Teil die stoffliche Zusammensetzung ihrer Chips je nach Tagespreis oder Leiterplatten verändern.

Theoretisch ließen sich all diese Daten erfassen und könnten entlang der Kette weitergegeben werden, so dass ein Recycler am Ende genau wüsste, was für ein Produkt er da vor sich hat. Die damit verbundene Datenmenge wäre jedoch gigantisch: Es müssten Informationen zu jedem der jährlich rund 200 Millionen verkauften iPhones verwaltet werden, aber auch zu einer Milliarde Cola-Flaschen – pro Tag! Erhebung, Sicherung, Verteilung etc. dieser Daten würde gigantische „Transaktionskosten“ verursachen, die am Ende die ökonomischen Vorteile einer verbesserten Kreislaufführung übersteigen würden. Die Kreislaufwirtschaft scheitert also nicht zuletzt an einem Informationsproblem!

Der Motor der Kreislaufwirtschaft

Genau an dieser Stelle setzt jetzt die Digitalisierung an: Durch die Entwicklungen bei Computerchips, Rechnerleistung und Datenkommunikation können wir heute immer mehr Informationen verarbeiten und brauchen dafür immer weniger Zeit – das autonome Fahren wird möglich, weil Daten aus verschiedenen Kameras erfasst, verarbeitet und in Sekundenbruchteilen ausgewertet werden können. Datenmanagement wird also immer billiger, womit sich auch für die Kreislaufwirtschaft ganz neue Möglichkeiten ergeben. Der Begriff „Digitalisierung“ umfasst dabei ganz verschiedene Entwicklungen, von der jede einzelne das Potenzial hätte, zu einer radikalen Verbesserung der Kreis­laufführung von Rohstoffen beizutragen:

Versteht man Produkte als „Cyber Physical Systems“, lassen sich Informationen zum gesamten individuellen Produktionsprozess eines Produktes integrieren. Diese Informationen könnten dann auch für das Remanufacturing oder das Recycling genutzt werden und gleichzeitig auch umweltrelevante Informationen wie Materialzusammensetzung oder auch Footprints beinhalten. So werden Informationsasymmetrien sinnvoll reduziert. 

Sensoring erlaubt in der Industrie 4.0 Datensammlung und -erzeugung in Echtzeit. Der genaue Ort des Anfalls von Abfällen, seine exakte stoffliche Zusammensetzung usw. können ort- und zeitgenau festgehalten („Fast Data“) und an andere Unternehmen weitergegeben werden, die daraufhin ihre Produktions­prozesse planen. Data Analytics-Anwendungen („Big Data“) können dann Aufschluss über weitere Verwendung, sinnvolle Logistiklösungen etc. liefern und projizieren. 

Das Matching von Angebot und Nachfrage nach Abfällen bzw. Sekundärrohstoffen kann durch internetbasierte Lösungen revolutioniert werden, wie sie heute bereits in der Distribution von Produkten eingesetzt werden. Eine zukünftige automatisierte Markt- und Logistikplattform (sozusagen als „Uber und Ebay für Abfall“) kann Such- und Transaktionskosten reduzieren; außerdem lassen sich leichter Skaleneffekte erzielen, da mehr Klarheit über Materialmengen besteht. 

In einem derart intelligenten Gesamtsystem wäre es sogar denkbar, dass sich wiederzuverwertende Produkte ihre Märkte über das Internet of Things automatisiert „selbst“ erzeugen, indem sie sich aufgrund der Informationen über Zusammensetzung und Einsatzmöglichkeit auf solchen Plattformen selbst vermarkten. Rezyklate sind zum Teil heute schon preiswerter als Primärmaterial, dies könnte so noch gesteigert werden. Rezyklierbarkeit wird dann auch zum technischen Wettbewerbsvorteil. 

Blockchain-Anwendungen, auf denen heute bereits z. B. die virtuelle Währung Bitcoin basiert, könnten Informationen zum Abfallaufkommen z. B. in einzelnen Betriebsstandorten anonymisiert und verschlüsselt weitergeben, ohne dass die Konkurrenz Rückschlüsse auf Produktionstechnologien ziehen kann. 

Zwischen Vision und Realität

Auch wenn vieles davon noch nach Science Fiction klingen mag: Die dafür notwendigen Technologien existieren bereits und werden in vielen Sektoren schon erfolgreich getestet; die Kreislaufwirtschaft hinkt jedoch deutlich hinterher. Eine vom Bundesumweltministerium beauftragte Studie hat den Stand der Digitalisierung in den Umweltleitmärkten untersucht: Demnach sind die durch Digitalisierung möglichen Umweltentlastungspotenziale nirgends höher als in der Kreislaufwirtschaft, gleichzeitig wird die „digital readiness“ nirgends niedriger eingeschätzt.

Während Deutschland sich noch auf seinen hervorragenden Recyclingquoten auszuruhen scheint (die in erster Linie darstellen, dass wir Abfall gut entsorgen aber nur sehr wenig darüber aussagen, ob wir Abfall als Ressource nutzen), gewinnt das Interesse an einer digitalen Kreislaufwirtschaft anderswo immer mehr an Aufmerksamkeit. Eine Umfrage des internationalen Abfallverbands ISWA hat ergeben, dass 97 Prozent der Befragten davon ausgehen, dass die Digitalisierung ihr Geschäftsmodell beeinflussen wird; gleichzeitig haben über zwei Drittel angegeben, dass sie zu diesem Thema bisher nur wenig oder sogar zu wenig wissen.

In diesem sich extrem dynamisch entwickelnden Markt schlägt die Stunde innovativer Start-Up Unternehmen mit Internet-Hintergrund, die häufig Quereinsteiger in die Abfallwirtschaft sind. Unbelastet durch die jahrzehntelangen Debatten um inkrementelle Technikoptimierungen, Marktanteile etc., versuchen sie die Abfallwirtschaft neu zu denken – ausgehend von der Frage, welche Chancen die Digitalisierung bietet.

Aus dem Forschungsprogramm Climate KIC, „Europe’s largest public-private innovation partnership focused on climate change“, ist beispielsweise das Hamburger Start-up Pendula entstanden (mehr zu Pendula im PDF-Magazin Digitalisierung), das über eine RecyclingApp Unternehmen die Möglichkeit bietet, in Echtzeit die Füllstände ihrer Abfallcontainer zu überprüfen, Abholungen der vollen Container online zu organisieren und auf dieser Basis detaillierte Statistiken und Auswertungen zu entwickeln. Diese liefern die Basis, Stoffströme zu optimieren und somit auch Kosten einzusparen.

Speziell die Logistik der Abfallsammlung hat offenbar noch erhebliche Ressourceneffizienz-Potenziale: In der „analogen“ Realität wird zu häufig jede Tonne einzeln angefahren, völlig unabhängig vom Füllstand. Dadurch wird die Sammlung für viele Abfallströme zum wichtigsten Kostenfaktor, der die separate Erfassung von Abfällen verhindert und damit auch ihre effiziente Rückführung in Produktionsprozesse. Vor diesem Hintergrund hat die Stadt Rotterdam ein Pilotexperiment durchgeführt, bei dem 250 Unterflurcontainer mit Sensoren ausgestattet wurden. Diese Sensoren übertragen Informationen zu Füllständen an eine zentrale Rechnereinheit, die dann die optimale Planung und Route für die Leerung der Container analysiert. Durch die kontinuierliche Verbesserung des eingesetzten Algorithmus konnte die Anzahl der Sammeltage von fünf auf drei reduziert werden. Die geleerten Container waren dann durchschnittlich zu über 75?Prozent gefüllt. So konnten ca. 25 Prozent der zuvor gefahrenen Kilometer vermieden werden, mit entsprechenden Einsparungen im Dieselverbrauch (123,500 l/Jahr) und CO2 Ausstoß (321 t/Jahr) (Bastein 2017).

Die Digitalisierung bietet jedoch vor allem die Möglichkeit, in Kreisläufen zu denken, bevor überhaupt Abfall angefallen ist: Die gemeinschaftliche Nutzung von Produkten wie z. B. beim Carsharing wäre ohne internetbasierte Buchungsplattformen nicht denkbar und genauso wird in Zukunft jeder Rohstoff so exakt verfolgt werden können, dass er genau da eingesetzt werden kann, wo er am dringendsten benötigt wird. Eine solche Transparenz wird sowohl Konsumenten als auch Unternehmen vor ganz neue Herausforderungen beim Datenschutz stellen: Welche Privatsphäre, welches Firmengeheimnis wäre in einem solchen System noch sicher? Hier liegen die Hoffnungen zur Zeit auf dem Konzept der Blockchain, die Informationen für alle fälschungssicher zugänglich machen könnte, ohne ihre Herkunft zu verraten.

Das Risiko des Rebounds

Eine digitalisierte Kreislaufwirtschaft wird jedoch auch aus Umweltsicht nicht umsonst zu haben sein: Schon heute beansprucht die IKT-Technik etwa neun Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland (eigene Berechnung basierend auf UBA 2017 und Fraunhofer IZM/Borderstep Institut 2015) – jeder zusätzliche Funksensor, jede Datenübertragung würde diesen Verbrauch weiter ansteigen lassen. Insbesondere jedoch aus Ressourcensicht wird die Digitalisierung neue Herausforderungen mit sich bringen: Die überall eingesetzten Chips und Leiterplatten benötigen einen rasant ansteigenden Anteil speziell der als kritisch eingeschätzten Rohstoffe wie z.B. Indium für sämtliche Flachbildschirme oder Tantal. Bereits seit einigen Jahren wird beispielsweise der Einsatz von RFID Chips auf Produkten diskutiert, um so auch wichtige Informationen zur Kreislaufführung zu transportieren (Urban/Halm 2009). Bei einem massenhaften Einsatz würde jedoch ein Viertel der gesamten Silberproduktion notwendig, um diese Chips zu produzieren. Gleichzeitig zeigte die Studie „Auswirkung eines RFID-Masseneinsatzes auf Entsorgungs- und Recyclingsysteme“ der Universität Dortmund (Gliesche/Helmigh 2007), dass der verbreitete Einsatz solcher Chips negative Auswirkung auf das Glas-, Aluminium-, und Kunststoffrecycling haben könnte – und in der thermischen Restmüllverwertung zum Überschreiten der jeweils zulässigen Grenzwerte für Kupfer, Silber und Chloride führen könnte.

Die Digitalisierung der Kreislaufwirtschaft könnte also auch zu gigantischen Materialverlusten führen –  wenn die dafür notwendigen Rohstoffe nicht auch selbst im Kreis geführt werden. Doch davon ist man in der Realität zur Zeit noch weit entfernt (KRU 2017). Speziell im Bereich Elektronik wird der allergrößte Anteil bisher nicht zurückgewonnen, sondern endet in winzigen Mengen – Experten sprechen von „dissipativ verteilt“ – in Müllverbrennungsschlacken oder als Verschmutzung im Recyclingstahl (Abbildung 3 im factory-Magazin Digitalisierung). Und selbst wenn sämtliche Rohstoffe optimal erfasst werden könnten, stehen für viele Rohstoffe heute noch keine Technologien zur Verfügung, die diese sinnvoll recyceln könnten.

Wie geht es weiter?

Dass die Digitalisierung auch die Abfallwirtschaft – wie jeden anderen Aspekt unseres Lebens – komplett auf den Kopf stellen wird, ist absehbar. In den USA wurde das erst vor wenigen Jahren gegründete Start-up Unternehmen Rubicon Global, das ein Cloud-basiertes, nachhaltiges Abfall- und Recyclingmanagement anbietet und mit AirBnB und Uber verglichen wird, auf über eine Milliarde Dollar geschätzt. Die Tüftler im Silicon Valley und anderswo erkennen zunehmend ihre Chance, einen Teil des Marktes erobern zu können, der allein in Deutschland pro Jahr mehr als 50 Milliarden Euro Umsatz macht.

Diese Entwicklung eröffnet bisher kaum vorstellbare Möglichkeiten, Rohstoffe in geschlossenen Kreisläufen zu führen und damit den Bedarf an Primärmaterialien zu senken. Aber damit die digitale Kreislaufwirtschaft ein tatsächlich „grünes“ Projekt wird, darf der dafür notwendige Rohstoffeinsatz nicht übersehen werden. Es bedarf noch jeder Menge intelligenter Innovationen und neuer Rahmenbedingungen. So wird es in Zukunft überhaupt keinen Sinn mehr machen, Recyclingziele für Elektronikgeräte am Gewicht festzumachen – stattdessen muss die Rückgewinnung der darin enthaltenen Rohstoffe festgeschrieben werden. All das wird nur möglich sein, wenn wir vom klassischen Recycling der Massenabfallströme zu einem viel stärker auf das einzelne Produkt ausgerichteten Recycling kommen (UNEP 2013) – wofür wir dann gleichzeitig die Informationen über Inhaltsstoffe und  Verarbeitungstechniken vom allerersten Verarbeitungsschritt über alle Nutzer hinweg bis zum Recycling „behalten“ müssen. Eine solcher Nachverfolgbarkeit mag heute noch unvorstellbar sein, die Aufgabe erinnert aber an den Schwarzen Freitag bei der Weltwirtschaftskrise 1929. Damals erkannte man das Risiko, wenn Geldströme völlig unbeachtet in der Wirtschaft herumschwirren. Die Geburtsstunde der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die Herkunft und Verbleib jedes Euros nachvollziehbar macht – nichts weniger brauchen wir in Zukunft auch für unsere Rohstoffe.

Dr. Henning Wilts ist Volkswirt und leitet das Geschäftsfeld Kreislaufwirtschaft im Wuppertal Institut. Zuletzt schrieb er im factory-Magazin Circular Economy (1-2017) über die Notwendigkeit, die Ressourcen zirkulieren zu lassen.

Literatur:

Bastein, T. (2017) ICT-Based Waste and Resource Management. Recreate D4.4 Evidence-Based Narratives: Materials and Waste Management in a Circular City.

Flatz, A. (1996) Von der Abfallbewirtschaftung zum Stoffstrommanagement. Organisationsansätze am Beispiel elektrotechnischer Produkte. Signum, Wien.

Fraunhofer IZM & Borderstep Institut (2009) Entwicklung des IKT-bedingten Strombedarfs in Deutschland. Abschlussbericht. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Gliesche, M.; Helmigh, M. (2007): Auswirkung eines RFID-Masseneinsatzes auf Entsorgungs- und Recyclingsysteme. Abschlussbericht zu dem Forschungsprojekt. Studie des Fachgebiet Logistik der Universität Dortmund im Auftrag des BMBF. 

ISWA (2017) The Impact of the 4th Industrial Revolution on the Waste Management Sector. 

Ressourcenkommission am Umweltbundesamt KRU (2017) Produktkennzeichnungsstelle zur Förderung der Ressourceneffizienz und Kreislauffähigkeit von Produkten. Position der Ressourcenkommission am Umweltbundesamt. 

UNEP (2013) Metal Recycling: Opportunities, Limits, Infrastructure, A Report of the Working Group on the Global Metal Flows to the International Resource Panel. Reuter, M. A.; Hudson, C.; van Schaik, A.; Heiskanen, K.; Meskers, C.; Hagelüken, C.

UBA (2017) Stromverbrauch

Urban, A.I.; Halm, G. (2009) Mit RFID zur innovativen Kreislaufwirtschaft. Schriftenreihe des Fachgebietes Abfalltechnik, Bd. 10. Institut für Wasser, Abfall, Umwelt, Universität Kassel. 

Wilts, H.; Berg, H. (2017) Digitale Kreislaufwirtschaft: Die Digitale Transformation als Wegbereiter ressourcenschonender Stoffkreisläufe. Inbrief 4/2107, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Weitere Beiträge zur Digitalisierung und ihren möglichen Wirkungen auf Ressourcen- und Klimaschutz, auf soziale Gesellschaften und Individuen gibt es im gleichnamigen factory-Magazin Digitalisierung. Das ist reich illustriert und enthält sämtliche Artikel im kompakten Tablet-Format, dazu entsprechende Zahlen und Zitate. Es lässt sich kostenlos laden und ist angenehm lesbar auf Bildschirmen und Tablet-Computern. Online im Themenbereich sind zunächst nur einige Beiträge verfügbar – dafür lassen sie sich dort auch kommentieren und bewerten.

3D-Drucker produziert menschlichen Knochen

Neue Produktion

Vom 3D-Druck bis zu Big Data: Die Digitalisierung verspricht eine Industrie 4.0, die Ressourcen effizienter und damit produktiver als bisher einsetzt. Doch den Ressourcenhunger kann eine digitalisierte Produktion nur bremsen, wenn sie tatsächlich erfasst, wieviel sie wofür benötigt. Davon sind die meisten Unternehmen in der Praxis noch weit entfernt.

Von Verena Kern 


Anfang der 1980er Jahre hatte Chuck Hull genug vom Warten. Der Technische Direktor eines kunststoffverarbeitenden Unternehmens in San Gabriel, Kalifornien, ärgerte sich immer wieder über langwierige Verzögerungen bei der Entwicklung neuer Bauteile. Bis aus einem Entwurf endlich ein Prototyp hergestellt war, vergingen viele Monate. Technisch war dies damals nicht anders möglich. „Das war ein großes Problem“, sagt der Physikingenieur. „Es dauerte zu lange.“ 

Hull wollte Zeit sparen, die Fertigung beschleunigen. Die Idee, auf die er schließlich kam, war so radikal wie einfach. Er stellte die bisherigen Verfahren quasi auf den Kopf. Anstatt Material abzutragen und so zunächst mit großem Aufwand eine Form herzustellen, in die das entworfene Teil gegossen werden kann, entschied Hull sich für den umgekehrten Weg: einen Gegenstand Schicht für Schicht aufzubauen. 

Nötig war dafür nichts anderes als ein geeigneter Kunststoff, ein Laser und ein Computerprogramm. Dieses steuert den Laser, der wie der Kopf eines Tintenstrahl-Druckers in einem Bad aus lichtempfindlichem flüssigen Kunststoff die Stellen abfährt, die Teil des neuen Gegenstands werden sollen. Dort härtet der Kunststoff aus. Dann fährt der Laser die nächste Lage ab und so weiter, bis der komplette dreidimensionale Körper entstanden ist. „Es war“, sagt Chuck Hull, „ein magischer Moment“, als er das erste Objekt mit seinem neuen Verfahren herstellte, eine Augenmuschel für den Optikerbedarf. „Ich war damit in der Lage, die digitale Welt mit der echten Welt zu vernetzen.“ 

Stereolithografie nannte Hull seine Erfindung, für die ihm 1986 das Patent 4,575,330 erteilt wurde. Die Bezeichnung 3D-Druck setzte sich erst später durch. 

Doch das Verfahren führte lange Zeit nur ein Nischendasein. Es wurde zunächst vor allem für die Herstellung von Prototypen und Modellen eingesetzt, war auf die Verarbeitung von Kunststoffen beschränkt und vom Einsatz in der industriellen Fertigung meilenweit entfernt. Hull selbst brauchte mehrere Jahre, bis er genug Startkapital für eine eigene Firma zusammen hatte. Erst in den 1990er Jahren flossen erste Gewinne. 

Additiv statt abrasiv

Dabei gilt das 3D-Drucken inzwischen als „Wundertechnik“ mit dem Potenzial, eine neue industrielle Revolution auszulösen. Schließlich ist es damit möglich, praktisch jede denkbare Form herzustellen, und das auf ganz einfache Weise. Selbst vollständige Häuser könnten so gebaut werden. Auch völlig neue und komplizierte Teile, bei denen die herkömmlichen Verfahren an ihre Grenzen stoßen, lassen sich fertigen. Gerade für den ressourcenschonenden Leichtbau hat das immense Vorteile.

„Sie müssen es sich so vorstellen“, sagt Frank Brückner. „Mit der additiven Fertigung können Sie sogar eine Kugel in einem Würfel herstellen. Das war vorher nicht möglich.“ Additive Fertigung ist der Fachbegriff für den 3D-Druck. Er bezieht sich darauf, dass Material nicht abgetragen, sondern aufgetragen, hinzugefügt wird. 

Brückner arbeitet für das Zentrum Additive Fertigung des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik IWS in Dresden. Es ist das größte Zentrum für angewandte Forschung in diesem Bereich in Europa. Geforscht wird hier an der neuesten Entwicklung im 3D-Druck, dem Drucken aus Metall. Das IWS sieht darin einen Paradigmenwechsel in der Fertigungstechnik. Das Verfahren erlaubt „neue Freiheitsgrade“, Produkte können „losgelöst von den Grenzen der konventionellen Fertigungstechnik“ optimiert werden, die Produktion wird „in bislang unbekanntem Ausmaß“ flexibilisiert. Statt Metallteile zu gießen oder aus Metallblöcken herauszufräsen, werden sie aus pulver-, pasten- oder drahtförmigem Metall und per Laser hergestellt. Das spart viel Aufwand und Material. Auch die Kombination verschiedener Werkstoffe und damit verbesserte Produkteigenschaften werden so möglich

Gerade hat das IWS gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland eine innovative Schutzschicht für Flugtriebwerke entwickelt, mit der die Effizienz der Triebwerke verbessert wird. Mit einem hochpräzisen Laser werden metallische Mikrostrukturen aufgetragen, die für außergewöhnliche Haftfestigkeit sorgen, so dass die Schutzschicht mit höheren Arbeitstemperaturen belastet werden kann. Die Lebensdauer der Schicht erhöht sich, die Bauteile müssen seltener gewartet werden. Bei Rolls-Royce läuft die Anwendung nun in der Serienfertigung, wird also in jedem neuen Triebwerk eingesetzt.

Besonders großes Interesse an der neuen Technik zeigen bislang die Luft- und Raumfahrt, die Medizintechnik und die Automobilindustrie. „Bei komplexen und hochpreisigen Teilen lohnt es sich natürlich am meisten“, sagt Brückner. Doch inzwischen wird es auch für den weniger hochpreisigen Bereich interessant. „Immer mehr Unternehmen kommen auf uns zu.“

Völlig verdrängen wird der 3D-Druck die bisherige Fertigungstechnik jedoch nicht. „Auch in einigen Jahrzehnten wird es noch traditionelle Verfahren geben“, sagt Brückner. „Die additive Fertigung ist eine Ergänzung, eine Erweiterung.“ Eine zusätzliche Möglichkeit also, aber kein Ersatz.

Fertigung bleibt ressourcenintensiv

Auch für den enormen Ressourcenhunger der Fertigungsindustrie liefert die neue Technik bei all ihren Vorzügen keine Lösung. Eine weitere, ergänzende Technologie wird kaum etwas daran ändern, dass die produzierende Industrie der mit Abstand größte globale Energieverbraucher ist. Gut 50 Prozent des Gesamtverbrauchs landen in ihren Fabriken, hat die US-amerikanische Energy Information Administration (EIA) in einer Studie errechnet. Damit steht die Fertigungsindustrie für gut die Hälfte des weltweiten Bedarfs an Kraftstoffen, Gas, Fernwärme und Strom. Auch die Wachstumsraten des industriellen Energiehungers sind überdurchschnittlich. In den vergangenen 40 Jahren wuchs ihr Verbrauch dreimal so schnell wie der Energieverbrauch insgesamt. 

Bei solchen Größenordnungen ist jede Idee, wie Energie eingespart werden könnte, von Bedeutung. Die Siemens-Sparte Financial Services beziffert das Einsparpotenzial in Deutschland auf knapp 15 Prozent, in Großbritannien auf 14 Prozent und in Russland auf 19 Prozent. Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur IEA könnte die Industrie weltweit bis 2035 gut drei Billionen US-Dollar an Energiekosten einsparen, wenn sie gleichzeitig gut eine Billion investiert.

Doch um Effizienzpotenziale heben zu können, muss man erst einmal in der Lage sein, sie zu finden. Sprich: Wenn ein Unternehmen nicht erkennen kann, wo und wie in seinem Betrieb Einsparmöglichkeiten vorhanden sind, kann und wird es kaum etwas tun. Man braucht Daten. Man muss sie erheben, muss sie ordnen und auswerten, um, wie Siemens es ausdrückt, einen „sinnvollen Diätplan“ für die energiehungrige Industrie entwerfen zu können.

Mit der Digitalisierung sollte das eigentlich kein Problem mehr sein. Zumindest theoretisch. In der Praxis sieht es häufig anders aus. „Das größte Problem bei Effizeinzmassnahmen ist die intransparente und zumeist nicht ausreichende Datengrundlage.“ sagt Henning Sittel. 

Sittel arbeitet für die Effizienz-Agentur NRW (EFA). Seit Jahren berät und begleitet er Unternehmen, die in ihrem Betrieb Ressourcen wie Material, Energie und Wasser einsparen wollen. Die Agentur geht auf die Firmen zu, wirbt für Effizienzmaßnahmen. Rund 150 Beratungsprojekte kommen so pro Jahr zusammen, sowie weitere 50 Finanzierungsberatungen.

Daten zur Veränderung

Doch nur die Hälfte der Unternehmen setzt die Projekte auch um. „Aber das ist eine gute Quote“, sagt Sittel. Der erste Stolperstein sind oft die fehlenden Daten. „Daten zu erheben, die Sie bislang nicht erhoben haben, ist mit viel Aufwand verbunden“, sagt er. „Sie müssen Leute dafür abstellen, Abläufe unterbrechen.“ Viele Firmen können das nicht leisten, hat der Berater festgestellt. „Die Betriebe sind mit ihrem Tagesgeschäft dicht.“ Sie haben keine Zeit und insgesamt keine Kapazitäten für zusätzliche Aufgaben übrig.

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Beratung sind die Edelstahlwerke Schmees. Die Firma produziert am NRW-Standort Langenfeld mit 140 Mitarbeitern und im sächischen Pirna mit weiteren 170 Mitarbeitern Stahlgussteile für die Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie sowie den Energiemaschinenbau. Die Ressourceneffizienzberatung der EFA half dem Unternehmen, seinen Material- und Energieeinsatz besser zu erfassen. So konnten Materialverschwendungen frühzeitig identifiziert und die Effektivität des Fertigungsablaufs verbessert werden. Insgesamt spart das Unternehmen so pro Jahr 130 Tonnen Stahl ein, reduziert seine Kosten um 400.000 Euro und senkt seinen jährlichen Ausstoß an CO2-Äquivalenten um fast 700 Tonnen.

„Es geht um viele kleine Bausteine“, sagt Berater Henning Sittel. Je mehr Unternehmen mitmachen, desto besser. „Das summiert sich.“ Den Firmen gehe es natürlich vor allem um die Kosten und um ihre Wettbewerbsfähigkeit. „Mehr Ressourceneffizienz und Klimaschutz sind dann quasi der Nebeneffekt.“

Allerdings beobachtet Sittel auch eine gewisse Beratungsresistenz in der mittelständischen Wirtschaft. Die Firmen wollen oder können nur wenig investieren, erwarten aber, dass sich die Maßnahmen schon in kürzester Zeit rechnen, diese sind jedoch in vielen Fällen als längerfristig anzusehen.

Und dann gibt es noch den menschlichen Faktor. „Es geht hier um Veränderungsprozesse“, sagt Sittel. „Und Menschen mögen keine Veränderungen, sie halten lieber fest an dem, was und wie sie es immer gemacht haben.“ Möglicherweise müsse man künftig auch Arbeitspsychologen mit ins Beratungsteam nehmen, um auch solche Schwierigkeiten auffangen zu können.

Systematisch bewerten und kennzeichnen

In einer groß angelegten Studie hat das VDI Zentrum Ressourceneffizienz kürzlich untersucht, wie viel das verarbeitende Gewerbe durch die Digitalisierung an betrieblichen Ressourcen einsparen könnte. Das fast 300 Seiten starke Papier zieht anhand zahlreicher Fallbeispiele eine ernüchternde Bilanz. Maßnahmen der digitalen Transformation bewirken zwar durchaus Einsparungen, so beim Stromverbrauch und Materialeinsatz, bei der Menge an Abfall und an innerbetrieblichen Transporten sowie an benötigtem Lagerraum. Wie groß diese Einsparung ist, lässt sich jedoch nur schätzen. Denn in den Unternehmen erfolgt „keine systematische Erfolgskontrolle zur Nachverfolgung und Quantifizierung der Ressourceneinsparungen“, heißt es in der Studie. Denn den Firmen geht es in erster Linie um die Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit, etwa durch Prozessautomatisierung. Die Steigerung der Ressourceneffizienz ist keine Priorität und wird deshalb auch nicht gezielt analysiert und ausgewertet.

Genauso wenig wird erfasst, wie viele Ressourcen durch die Digitalisierung zusätzlich verbraucht werden – durch den Einsatz weiterer Hardware sowie durch den höheren Stromverbrauch des Betriebs von Hard- und Software. Beispielrechnungen zeigen indes, dass die zusätzlichen Aufwände die Netto-Einsparungen von Effizienzmaßnahmen reduzieren.

Gut möglich, dass die Digitalisierung die Wirtschaft nur scheinbar effizienter macht. Schon heute liegt der Energiebedarf von Telekommunikationsnetzen und Rechenzentren laut Bundesregierung bei 18 Terawattstunden. Dafür müssen rechnerisch etwa fünf mittelgroße Kohlekraftwerke Strom liefern. Bis zum Jahr 2025 allerdings dürfte der Bedarf auf 25 Terawattstunden steigen, das wäre ein Zuwachs von 39 Prozent. Der Energiebedarf der gesamten informations- und kommunikationstechnischen Ausstattung Deutschands – einschließlich Computern, Smartphones, Tablets und Co. wird laut Regierungsprognose bis 2025 gar auf rund 46 Terawattstunden anwachsen. 

Die VDI-Studie empfiehlt der Politik deshalb eine ganz schlichte Maßnahme: die Entwicklung von Labeln beziehungsweise Kennzeichnungssystemen zur Angabe des Energieverbrauchs in diesem Bereich – damit überhaupt erst einmal die Daten vorliegen, die man für sinnvolle Effizienzmaßnahmen braucht. Höchste Zeit dafür wäre es.

Verena Kern ist freie Journalistin in Berlin. Ihre Schwerpunkte sind Umwelt-, Klima- und Energiethemen. Seit 2011 gehört sie zum Redaktionsteam des Online-Magazins klimareporter.de. Daneben schreibt sie für die Frankfurter Rundschau, Deutsche Welle und Fachmagazine. Im factory-Magazin Besser bauen (2-2017) schrieb sie zuletzt über Bauen mit (Ressourcen)-Bewusstsein.

Weitere Beiträge zur Digitalisierung und ihren möglichen Wirkungen auf Ressourcen- und Klimaschutz, auf soziale Gesellschaften und Individuen gibt es im gleichnamigen factory-Magazin Digitalisierung. Das ist reich illustriert und enthält sämtliche Artikel im kompakten Tablet-Format, dazu entsprechende Zahlen und Zitate. Es lässt sich kostenlos laden und ist angenehm lesbar auf Bildschirmen und Tablet-Computern. Online im Themenbereich sind zunächst nur einige Beiträge verfügbar – dafür lassen sie sich dort auch kommentieren und bewerten.

Roboter tippt in ein Laptop

Uns geht die Arbeit aus – warum habe ich zu viel davon?

Digitalisierung, Bots und das Internet of Things (IoT) – die Vernetzung sämtlicher Dinge – treiben die Automatisierung und das Ersetzen menschlicher Arbeitskraft wie nie zuvor voran. Andererseits leiden fast alle Arbeitenden unter Arbeitsverdichtung und -überlastung. Das neue Zeitalter erzwingt eine gesellschaftliche Richtungsentscheidung.

Von Andres Friedrichsmeier

factory-Leser kennen vermutlich beides: Die These vom Ende der Arbeit und bei sich selbst völlige Überarbeitung, zu wenig Zeit für das Lesen guter Texte und andere schöne Dinge des Lebens. Gestresst fragen wir uns, wann die Arbeit denn endlich mal anfängt auszugehen. Denn die These vom Ende der Arbeit ist zwar hoch plausibel, hat aber einen langen Bart, den sie sich aktuell mit Verweis auf die Digitalisierung bloß noch einmal Hipster-mäßig neu frisiert. Ihre Voraussagen vom Ausgehen der Arbeit haben sich schlicht nicht erfüllt, subjektiv erleben hunderttausende Freiberufler, Führungskräfte, Wissenschaftler, sogar Lehrer und Verwaltungsbeamte das Umgekehrte: Arbeit nimmt immer mehr zu, sie verdichtet, beschleunigt sich. Handwerker, Industriearbeiter, Putzfrauen und Versandboten können das bestätigen.

Dieser Widerspruch zwischen Theorie und Erleben lässt sich auf dreierlei Art interpretieren. Erste Option ist das Verwerfen der Theorie und stattdessen ein „Weiter-so“ in der Arbeits- und Sozialpolitik. Die zweite Variante ist die der klassischen Endzeitprophetie: Wenn schon die Industrialisierung 2.0 und 3.0 kein Ende der Arbeit brachten, dann sicherlich die Industrie 4.0 und 5.0. Interessanter ist die dritte Version, in dem man den Widerspruch der ersten beiden als Aufforderung zum Handeln liest: Wenn die meisten von uns verdichtet arbeiten, obwohl die Arbeit eigentlich weniger werden müsste, machen wir etwas falsch. Ziehen wir aktiv keine Schlüsse aus der These vom Ende der Arbeit, ziehen wir die falschen. Erwarten wir ein Ende der Arbeit, sollten wir es gestalten, so diese dritte Lesart. Was für sie spricht, ergibt sich am einfachsten, wenn man die Argumente der anderen beiden Interpretationen gegeneinander stellt.

"Erwarten wir ein Ende der Arbeit, sollten wir es gestalten.“

Gerade bei Denkern, die sich für menschliche Kreativität interessieren, hatte die Idee der durch Technisierung schneller wegfallenden als durch Technik neu entstehenden Arbeitsplätze schon immer Popularität. 1995 war Jeremy Rifkin mit dem Buch End of Work keineswegs Erfinder der gleichnamigen These. Sie findet sich schon bei frühsozialistischen Utopisten oder später, etwa bei Jean Fourastié, dem Mitentwickler der Drei-Sektoren-Hypothese, nach der eine Volkswirtschaft in Rohstoffgewinnung, -verarbeitung und Dienstleistung zu unterteilen ist. Oder bei Peter Drucker, dem Pionier der modernen Managementlehre.

Auch die unmittelbare Gegenthese, nach der nicht ein Weniger, sondern umgekehrt eine Beschleunigung von Arbeit Signum unserer Zeit ist, hat kreative Fürsprecher, wie den Jenaer Soziologen Hartmut Rosa oder zwei Jahrzehnte früher die Querphilosophierer Gilles Deleuze und Felix Guattari. In all diese Argumentationsrichtungen lässt sich die Digitalisierung, speziell das IoT, hervorragend einbauen – ein erster Hinweis darauf, dass sich hier These und Gegenthese nicht unbedingt widersprechen.

Der Beschleunigungsaspekt liegt auf der Hand, da das Beschleunigungsziel regelmäßig Grund für Investitionen in die Vernetzung ist, etwa bei Logistikketten. Die entgegengesetzte These von der Digitalisierung als Arbeitsplatzvernichter hat ebenfalls eine Reihe stechender Argumente. Rasante Internetvideos, etwa von Kurzgesagt oder CGP Grey, vermitteln den passenden Eindruck.

Ihr Ausgangspunkt ist nicht Science Fiction, sondern dass gesellschaftlicher Wandel durch kostengünstig breit einsetzbare Technik entsteht – historisch wie zukünftig. Dazu zählen heute schon selbstfahrende Autos, automatisch kassierende Supermarktkassen, vernetzte Logistik von der Produktion bis zum Kunden und im Bereich der höher qualifizierten Jobs die selbstlernenden Algorithmen (Bots) und Big Data. In der Fertigung oder auch in der Pflege und Versorgung sind es wiederum die selbstlernenden Roboter. Ein Beispiel ist „Baxter“, dessen Herstellung und Programmierung einfacher als die jedes Auto-schweißenden Fertigungsroboters ist, weil er sich die Handlungen des Menschen abschaut und selbst lernt.

"Gesellschaftlicher Wandel entsteht durch kostengünstig breit einsetzbare Technik."

Hochgerechnet könnte die Hälfte der heutigen Jobs betroffen sein, einer Studie von 2013 zufolge beispielsweise 47 Prozent von 702 untersuchten Berufen in den USA. Betroffen sind nicht nur Kassierer, Taxi- Bus- und LKW-Fahrer, Lager- und Servicehotline-Arbeiter. Denn von zu ersetzender Arbeit gibt es reichlich: Man wundert sich, wieviel Formulararbeit in den Verwaltungen noch von Hand erledigt wird. Wer braucht die heutige Zahl von Wissenschaftlern in der Lehre, sobald es herausragende Onlinekurse gibt, natürlich von Algorithmen betreut, fragt Jeremy Rifkin gerne. Wer finanziert die heutige Zahl von Ärzten und Juristen für Standardaufgaben, wenn wenige Top-Spezialisten für die Supervision und die Spezialaufgaben ausreichen? Industrie 4.0, Digitalisierung und IoT bedeuten weniger Kaufleute, weniger mittleres Management, weniger Kreative – es setzt nach derzeitiger Indizienlage wesentlich mehr Arbeitskräfte frei, als durch den Innovationsschub neu entstehen. Weil Roboter und Bots keine Menschen mehr benötigen, um sich weiterzuentwickeln.

Positiv ausgedrückt: Da könnte viel Zeit für gemütliche Lesestunden und gesellige Kaffeerunden entstehen. Bekannte Beschleunigungstheoretiker wie Hartmut Rosa ficht das nicht an. Gerade weil Arbeit knapp wird, sei sie vom Makel zum Adel avanciert. ‚Überarbeitet sein‘ hat sich von einem bemitleidenswerten Zustand zu einem Signum persönlicher Wichtigkeit gemausert. Erst eine problematische Work-Life-Balance weist einen als High Performer aus – im Unterschied zur Müllabfuhr, wo man einen festen Dienstschluss hat. Wir stressen uns nicht obwohl, sondern weil wir nicht müssen. Rosa resümiert: „Das Dynamisierungsprogramm der Moderne ist gekippt.“ Dabei ist Rosa gar kein echter Vertreter der oben genannten ersten Lesart und des „Weiter-so“.

Für Vertreter des Business as Usual-Ansatzes zeigen die Beispiele vom Taxifahrer bis zum Allgemeinmediziner allerdings ebenfalls: All dieses Ersetzen von Arbeitsplätzen wird nicht gleichzeitig kommen, weder von Land zu Land, noch von Branche zu Branche. Entsprechend gut vorstellbar ist, dass die Folgen über räumliche oder geschäftsfeldmäßige Verlagerungen sowie, jedenfalls in Europa und Japan, über eine demografisch bedingt sinkende Erwerbstätigenzahl abgefedert werden. Bis auf die Demografie war das auch schon bei früheren Industrialisierungsschritten so: Die Dampfmaschine kam nicht auf einen Schlag, sondern über Jahrzehnte, was nichts daran änderte, dass ihr große soziale Verwerfungen folgten. Trotz riesiger technischer Fortschritte brach etwa in Großbritannien die Lebenserwartung zwischen 1750 und 1850 deutlich ein.

"Der Rebound sind Bullshit Jobs.“

Das stärkste Argument der Businss as Usual-Lesart ist in der ökologischen Debatte unter dem Titel Rebound-Effekte bekannt und es spielt der dritten Lesart, das „End of Work zu gestalten“, in die Hände. Rebound meint beispielsweise, dass Geräte zwar effizienter gebaut werden, man sie dann aber mit unsinnigen Zusatzfunktionen vollstopft und intensiver nutzt, so dass gar keine Einsparung stattfindet. Zeit-Rebound heißt, dass der Mensch durch Automatisierung gewonnene Zeit für ressourcenintensivere Tätigkeiten verwendet (statt Wäsche aufzuhängen mit dem Auto ins Fitness-Center). Bezogen auf die Arbeit argumentieren Walter Rogge und Heik Afheldt in einer bekannteren Sammelschrift von 1983 eher marxistisch mit „neuen Bedürfnissen“, die die Menschen nach jedem Automatisierungsfortschritt entwickeln. Anschaulich ausgedrückt: Erlauben uns Fließbänder mehr Massenware, wollen wir zusätzlich individueller auf uns zugeschnittene Produkte.

Digitalisierung und Industrie 4.0 befriedigen diese Wünsche leicht: Sie erlauben uns heute massenhaft individuellere Produkte – durch immer universellere Vernetzung zwischen Konsum und Produktion. Moderne Konsumenten sind Prosumenten, in jedes Reihenhaus gehört demnächst ein 3D-Drucker. Zur eigenen Distinguierung wünschen wir – genauer: diejenigen mit ausreichend Vermögen – uns deshalb heute handgefertigte Möbel und hand crafted beer – und reden uns ein, dies sei auch nachhaltiger (was es meist nicht ist).

Sehr viele Jobs können in diesem Segment nicht entstehen, weshalb sich parallel ein Segment entwickelt, das doch am besten mit den oben genannten „Zusatzfunktionen“ des Rebound-Geräts verglichen werden kann: Außerhalb Deutschlands etwa als Revival des Tütenpackers an der Supermarktkasse, als Return of the Maidservant, also in Form von Dienstleitstungen, für die Occupy-Wallstreet-Theoretiker David Graeber den Titel Bullshit Jobs geprägt hat. „Es ist, als wäre da draußen jemand, der sinnlose Jobs erfindet, nur um uns alle am Arbeiten zu halten“, resümiert Graeber.

So hat zwar in den letzten Jahren jeder Roboter zwei menschliche Arbeitsplätze ersetzt. Dafür entstand für jeden verlorenen Industrie-Arbeitsplatz ein neuer im Dienstleistungsbereich, erklärt Jens Südekum. Er forscht und lehrt am Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie (DICE) der Heinrich-Heine-Universität. Sein Fazit: „Der Nettoeffekt ist also gleich Null, wenngleich die Dienstleistungs-Jobs schlechter bezahlt sind.“

Für viele „Überflüssige“ bedeutet das trotz guter Ausbildung eben auch Arbeitslosigkeit, die die meisten EU-Staaten vorerst für ihre Jugend reservieren. Nach den Eurostat-Zahlen von Dezember 2017 für unter 25-Jährige sind das etwa 50 Prozent in Griechenland, 48 Prozent in Spanien und 40 Prozent in Italien, selbst in Frankreich 25 Prozent. Genau wie das Ende der Arbeit nicht auf einen Schritt droht, entsteht selbst mit Bullshit Jobs kein einheitlich strukturierter Rebound. Digitalisierung und Robotik führen darüber hinaus absehbar dazu, dass viele Menschen während ihres Berufslebens den Beruf werden wechseln müssen – viele sogar mehrmals. Auch wenn es gelingen sollte, dem Ende der Arbeit das Ende zu nehmen, folgen zumindest Prekarisierung und soziale Polarisierung. Lücken im Lebenslauf werden zum Normalfall. Welche Form der sozialen Sicherung kann hier helfen?

"An welche Arbeit lässt sich soziale Sicherung koppeln, wenn sie uns ausgeht?“

Offensichtlich wäre eine an Arbeit gekoppelte soziale Sicherung ein Schildbürgerstreich. Auf diesem, also unserem aktuellen Weg, straft eine heute die politischen Entscheidungen dominierende und gut abgesicherte ältere Generation die junge doppelt: Sie bietet ihr erstens nur wenige feste Jobs an und nutzt das dann zur Rechtfertigung, um sie auch bei der sozialen Sicherung zu benachteiligen.

Eine zeitgemäße soziale Sicherung bestünde stattdessen aus einem Grundeinkommen, gepaart mit einer Bürgerversicherung. Die Gegenargumente gegen diese beiden sind inzwischen im Wesentlichen auf zwei geschrumpft: Dass ihre Finanzierung Etliches umkrempeln würde und dass das Grundeinkommen nicht reflektiert, dass Arbeit den derzeitigen Hauptweg zu gesellschaftlicher Anerkennung darstellt. Selbst wenn ein Grundeinkommen eine gerechtere soziale Absicherung bedeute, argumentieren die Gegner, wären doch ordentliche Jobs das bessere Gerechtigkeitsziel. Aber um welche Jobs könnte es hier gehen, wenn nicht um Bullshit Jobs? 

Für einen nennenswerten Rebound-Effekt der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt benötigt es also personalintensive Bedürfnisse. Die von Denkern wie Rifkin herausgestellten neueren Bedürfnisse mit überwiegend postmaterieller Natur – wie das Bedürfnis sozial vernetzt zu sein – helfen nicht, denn ihre materielle Restkomponente – das von Jugendlichen nicht mehr aus der Hand gelegte Smartphone – macht viel weniger Arbeit als die Befriedigung älterer, meist statusbezogener Bedürfnisse, etwa nach einem größeren SUV.

Der bekannte US-amerikanische Videoblogger CGP Grey argumentiert in Bezug auf Digitalisierung, in der durch sie freigesetzten Zeit könnten zwar viele von uns Künstler werden, aber von Kunst könne man nur leben, wenn auf jeden einzelnen Künstler ein riesiges Publikum komme. Das ist aus marktwirtschaftlicher Perspektive in der Tat ein Problem, nicht aber aus gesellschaftlicher Sicht. Denn mehr Künstler – auch mit jeweils zu kleinem Publikum für eine ohne Grundeinkommen tragfähige Einkommenslage – wären für eine digitalisierte Gesellschaft kein Schaden.

"Es beginnt eine Zeit ohne Markt.“

Stellen wir uns vor, die Digitalisierung erlaube vom Produzenten bis zum Kunden immer mehr Logistikketten ohne den Umweg über die Front End Shops des stationären Handels wie heute schon über Amazon und Co. spürbar. Dann sinkt in den meisten Innenstädten – speziell in den Mittelzentren – der Bedarf für Ladenlokale, die schon rein technisch für unsere Warenversorgung nicht mehr benötigt werden. Vor allem aber können sie größenmäßig nicht mit unseren weiter individualisierten Konsumwünschen mithalten. Und sie erlauben auch nicht das verdichtete Shoppingerlebnis, für das aktuell noch die ganz großen Einkaufs-Meilen und -Center stehen. Was also wird aus den Innenstädten von Delmenhorst oder Witten, die anders als San Francisco oder Bilbao absehbar keine ökonomisch tragfähige Kreativwirtschaft ansiedeln werden? Statt den Wegzug von Douglas, Zara und Co. als Kulturverfall zu erleben, müssten Witten und Co. auf – z. B. über ein Grundeinkommen quersubventionierte – Künstler und Sozialprojekte setzen.

So etwas ist heute erst in Ansätzen vorstellbar. Dabei waren in früheren Jahrhunderten Städte mit knapp fünfstelliger Einwohnerzahl sprudelnde Zentren des Geisteslebens und des kulturellen Austausches. Delmenhorst und Witten haben also mehr zu gewinnen als zu verlieren. Ein Grundeinkommen müsste dazu einen Kulturwandel ermöglichen, durch welchen auch andere als monetär ertragreiche Arbeit Anerkennung findet. Aus eben diesem Grund lautet der Untertitel von Rifkins „End of Work”-Buch auch „The Dawn of the Post-Market Era“.

Vermutlich ist es genau dieser befürchtete Kulturwandel, der die wesentliche Ablehnung der Idee des Grundeinkommens nährt. Verdient nicht in erster Linie handfeste Arbeit Anerkennung, während die Idee eines Werts virtueller Spielereien von Marketingkünstlern etc. eine neoliberale Verirrung ist? Damit kehrt unsere Argumentation zurück zum Thema Überarbeitung: Warum fühlen sich immer mehr Deutsche von der Arbeit gestresst, obwohl 2016 jeder Erwerbstätige im Schnitt nur noch 1363 Arbeitsstunden leistete, während es 1960 noch 59 Prozent mehr waren?

"Die Wertschöpfung ist aus den Fabrikhallen gewandert …“

Die individuellen Ursachen sind natürlich unterschiedliche. Die oben genannte, dass sich diejenigen mit Arbeit von denjenigen, deren Arbeit überflüssig geworden ist, abheben wollen, gehört nicht immer dazu. Eine wichtige Antwort liefert die Theorie: Automatisierung und Digitalisierung zersetzen den Wertmaßstab der Arbeitszeit, eben weil sie ‚echte‘ Arbeit ersetzen. Bildlich ausgedrückt: Die Wertschöpfung ist zusammen mit den menschlichen Arbeitskräften aus den Fabrikhallen gewandert – und nun läuft sie ihnen davon. Nur noch geringe Anteile der Arbeit und der Wertschöpfung werden am Fließband geleistet, stark gestiegen ist dagegen die Bedeutung des Marketings- und Entwicklungsbereichs, der aber nicht in gleichem Maße personell gewachsen ist.

Fragt man die Marketingleute, gibt es nennenswerten Profit nur noch, wenn man immer kleinere Nischen besetzt. Das kennen auch nahezu alle Freiberufler und Wissenschaftler unter den Lesern – es trifft aber auch insgesamt für kleine und mittlere Unternehmen zu. Größer ist der Erfolg, wenn man diese Nischen nicht nur sucht, sondern auch aktiv aufbaut. So kultiviert man eine Nachfrage, die auf einen Engpass an Angebot trifft – und am Engpass ist man selbst positioniert. Jedenfalls so lange, bis die Nische unter dem Druck von Wettbewerbern und weiterer Automatisierung schließlich nicht mehr profitabel ist.

Profitable Nischen sind also prekär und müssen ständig gepflegt werden. Und sie sind ja gerade deshalb eine Nische, weil sie nicht jeder ohne weiteres besetzen kann – denn dann wären sie nicht profitabel. Wer eine Nische aufgebaut hat und hält, ist deswegen nie fertig mit der Aufbauarbeit und gleichzeitig besonders schlecht in der Lage, diese Arbeit mit anderen zu teilen – denn dann ließe sie sich auch von anderen besetzen oder durch Automatisierung beseitigen.

"Stress ist bloß ein Vorgeschmack…“

Die Philosophen Deleuze und Guattari beschreiben es so: „Die Eroberung des Marktes geschieht […] eher durch Kursfestsetzung als durch Kostensenkung, eher durch Transformation des Produkts als durch Spezialisierung der Produktion. Die Korruption gewinnt hier neue Macht.“ Gemeint ist damit, dass Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr im alten Sinne produktiv ist, weil sie monopolistische Verkaufssituationen aufzubauen versucht. Profit ergibt sich aus Engpässen oder Monopolen. Dort, wo Automatisierung und Konkurrenz greifen, verschwindet er nach kurzer Zeit. Sobald Computer und Roboter gelernt haben, nach welchem Schema Menschen arbeiten, können sie es schneller und billiger. Wird Konkurrenz nicht künstlich ausgeschaltet, etwa über Patent- und Copyright oder den Netzwerk-Effekt, vernichtet sie den Profit.

Selbstlernende Algorithmen beschleunigen diesen Prozess. Digitalisierung ist das Treibmittel, das Wertschöpfung in immer kleinere und immer kürzer funktionierende Nischen treibt – und die High Performer, die diese profitablen Nischen aufbauen, treibt sie gleich mit. Die Arbeit am Aufbau immer neuer profitabler Engpässe, an lokalen Monopolsituationen, verengt also auch das Leben derer, die sie aufbauen. Nischen sind arbeits- und zeitintensiv – ihre Schöpfer sind dazu verdammt.

Der heutige Stress ist demnach bloß ein Vorgeschmack auf das, was kommt. Das ‚Ende der Arbeit‘ gesellschaftlich zu gestalten, ist also nicht nur eine Frage der Reichtumsverteilung im Angesicht eines Umbruchs, etwa mittels Grundeinkommen. Es ist nicht allen eine Frage der Fairness, mit dem Blick auf eine Jugendgeneration in Bullshit Jobs, sondern auch eine Frage des Eigeninteresses der gestressten Eliten. Wie der Historiker und Bestseller-Autor Rutger Bregman feststellt, “There’s not a person on earth who on their deathbed thinks: Had I only put in a few more hours at the office”.

Dr. Andres Friedrichsmeier ist Organisationssoziologe und arbeitet für das Thüringer Bildungsministerium. Im factory-Magazin Circular Economy (1-2017) schrieb er über den Kreislauf als Alternative.

Weitere Beiträge zur Digitalisierung und ihren möglichen Wirkungen auf Ressourcen- und Klimaschutz, auf soziale Gesellschaften und Individuen gibt es im gleichnamigen factory-Magazin Digitalisierung. Das ist reich illustriert und enthält sämtliche Artikel im kompakten Tablet-Format, dazu entsprechende Zahlen und Zitate. Es lässt sich kostenlos laden und ist angenehm lesbar auf Bildschirmen und Tablet-Computern. Online im Themenbereich sind zunächst nur einige Beiträge verfügbar – dafür lassen sie sich dort auch kommentieren und bewerten.

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