Wachstums-Illusionen

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Es gibt sie, die „Grenzen des Wachstums“. Die Stichworte kennt mittlerweile jeder: Klimawandel, leer gefischte Ozeane und teures Öl. Spricht man Unternehmen und Politiker darauf an, geht es schnell um das Thema Wettbewerbsfähigkeit: Ohne Wachstum ginge man ganz schnell unter, einzelne Unternehmen wie ganze Volkswirtschaften, die im Wettbewerb stehen. Ökologen entgegnen: Mit Wachstum gehen wir genauso unter, es dauert nur etwas länger. Recht haben beide.

Von Bert Beyers

Was ist es, das da wächst?

Wachstum hat etwas mit Zunahme, Vergrößerung, Entwicklung, Vermehrung, Ausdehnung, Verbreitung zu tun. Es geht um ein Mehr, mehr als.

Wachstum im ökonomischen Sinne wird üblicherweise definiert als Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, also das jährliche Mehr an Waren und Dienstleistungen, wie sie auf dem Markt gehandelt werden. Diese „Brille“ jedoch blendet entscheidende Dinge aus. Wachstum geht mittlerweile häufig zu Lasten der natürlichen Lebensgrundlagen. Und das Ziel der Wirtschaft gerät aus dem Blick: die Lebensqualität.

Die Ära des Hyperwachstums

Um 1950 gab es etwa 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, mittlerweile sind es sieben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Wirtschaft gleichsam explodiert, eine Steigerung des Weltbruttosozialprodukts um das Siebenfache. Nach den beiden Weltkriegen folgten drei Jahrzehnte, die Historiker das Goldene Zeitalter nennen. In Europa, Nordamerika und in Japan erfuhren breite Bevölkerungsschichten einen Wohlstand, der zu Zeiten ihrer Großeltern nur Millionären vorbehalten war, mit Telefon, eigener Waschmaschine und Auto. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es eine Steigerung des globalen Wasserverbrauchs um das Dreifache, des Kohlendioxidausstoßes um das Vierfache und der Anlandung von Fisch um das Fünffache. 

Wird das Wachstum weitergehen?

Ja, sicher. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf neun bis zehn Milliarden Menschen zunehmen. Ungefähr in der Mitte des Jahrhunderts dürfte ihre Größe den Höhepunkt erreicht haben. Allein in China und Indien werden dann jeweils etwa 1,5 Milliarden Menschen leben, zusammen mehr als die gesamte Weltbevölkerung von 1950. Chinesen, Inder oder Brasilianer möchten ebenfalls Telefone, Waschmaschinen und Autos. Auf dem Weg bis 2050 wird die Menschheit Erfahrung nicht mehr nur mit Wachstum machen, sondern zunehmend auch mit Grenzen.

Grenzen des Wachstums

Die Welt ist hinsichtlich der Klimafrage in einer schwierigen Situation. Das rasche globale Bevölkerungswachstum, der zunehmende Wohlstand einer „Mittelschicht“ in bevölkerungsreichen Schwellenländern und die überwiegend fossile Energiegewinnung spielen hier zusammen. Ein Anstieg der mittleren Temperatur auf der Erde um etwa 2 Grad Celsius ist nicht mehr zu verhindern. Will man tatsächlich bei dieser Marke die Bremse ziehen, müssten die von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 etwa auf ein Drittel reduziert werden. Das ist äußerst ambitioniert.

Angesichts der ökonomischen Wachstumsprozesse und der vergleichsweise niedrigen Energieeffizienz in Ländern wie China, Indien oder Brasilien zeigen die Trends bis zur Mitte des Jahrhunderts aber in eine ganz anderer Richtung: statt 30 Prozent der heutigen Emissionen eine deutliche Steigerung in Richtung Verdoppelung. Sollte dies tatsächlich so eintreffen, wäre die ultimative Klimakatastrophe nicht mehr zu verhindern. Sie wäre auch nicht vergleichbar mit einer globalen Finanzkrise. Die ist in wenigen Jahren möglicherweise ausgestanden. Das globale Klimasystem zurück zu justieren erforderte zehntausende Jahre oder noch mehr.

Bislang haben wir noch nicht von Peak Oil, dem bevorstehenden Förderhöhepunkt von Öl, gesprochen, von den historisch einmaligen Verlusten an Biodiversität, dem Kollaps von Fischbeständen, der Wasserknappheit in vielen Teilen der Welt und dem globalen Verlust an fruchtbarem Boden. Keine Frage, es gibt sie, die Grenzen der Ökosysteme.

Der Bumerangeffekt

Der technische Fortschritt hat uns ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Die Fähigkeit, Feuer zu machen, hat der Menschheit dereinst einen vielfach größeren Umweltraum mit den entsprechenden Nahrungsquellen erschlossen. Von der neolithischen Revolution vor etwa 10 000 Jahren bis zur so genannten Grünen Revolution unserer Tage ist der Ertrag landwirtschaftlicher Flächen drastisch gestiegen. Die Tatsache, dass wir heute sieben Milliarden Menschen ernähren können, ist eine direkte Folge des technischen Fortschritts.

Der Gegenspieler des technischen Fortschritts ist der sogenannte Bumerangeffekt. Die wohl erste Beschreibung des Phänomens stammt von dem britischen Ökonomen Stanley Jevons Mitte des 19. Jahrhunderts: „Es ist eine vollständige Verwirrung der Ideen anzunehmen, dass der sparsame Gebrauch von Kraftstoffen zu einem geringeren Verbrauch führt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Regel ist vielmehr, dass neue Formen der Sparsamkeit eine Zunahme des Verbrauchs nach sich ziehen, und zwar in vielerlei Hinsicht.“ Die Dampfmaschine des James Watt war ungefähr 17-mal energieeffizienter als ihre Vorgängermodelle, aber sie führte zu einem gewaltigen Anstieg des Kohleverbrauchs.

Was heißt das?

Ein jährliches Wachstum von 3 Prozent bedeutet rechnerisch eine Verdoppelung der Güter und Dienstleistungen alle 23 Jahre, eine Vertausendfachung innerhalb von 234 Jahren. Da hilft auf Dauer auch die schönste Dematerialisierung nicht. Auf der Ebene der Zahlen ist deshalb leicht zu sehen, dass dieser Prozess einmal auslaufen wird und muss.

Es führt kein Weg daran vorbei, die „Grenzen des Wachstums“ knallhart in die ökonomischen Regelwerke zu integrieren, und zwar global. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Beim Klima sind es Obergrenzen der Emissionen von Klimagasen. Beim Fischfang sind es Fangquoten. Und will man die Artenvielfalt in Teilen erhalten, müssen bestimmte Regionen aus der ökonomischen Nutzung schlicht herausgenommen werden. Ohne wenn und aber. Damit hebelt man in einem den Bumerangeffekt aus. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen sorgt dann der Wettbewerb für effektive und „dematerialisierte“ Lösungen. Letztlich eine globale ökosoziale Marktwirtschaft.

Die entwickelten Länder trennen sich derweil von der Illusion, man könnte das Wachstum auf Pump perpetuieren – ein schmerzhafter Abschied steht ins Haus.

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