Koralle auf einem Korallenriff
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Mee/hr geht nicht

Die Meere sind Kühlschrank und Kohlendioxidspeicher der Welt. Die steigenden Temperaturen und der unverminderte Treibhausgasausstoß haben sie jedoch an ihre Grenzen gebracht. Forscher befürchten einen grundlegenden Wandel der Ozeane – selbst bei Erreichen des Zwei-Grad-Klimazieles.

Von Sina Löschke

Mit nicht weniger als einer sofortigen und umfassenden Reduktion der Treibhausgas-Emissionen durch den Menschen: Nur so können weiträumige und größtenteils unumkehrbare Schäden im Lebensraum Meer vermieden werden, von deren Folgen vor allem auch Entwicklungsländer betroffen sein werden. Das ist das Fazit einer neuen Review-Studie, die Anfang Juli im Fachmagazin Science erschien. Das Forscherteam der Ocean 2015-Initiative bewertet in ihr die jüngsten Erkenntnisse zu den Risiken des Klimawandels für die Meere. Zusätzlich zeigen die Wissenschaftler auf, wie grundlegend sich die Ökosysteme der Ozeane verändern werden, wenn wir Menschen weiterhin so viel Treib­hausgase freisetzen wie bisher.

Der Grund für die dringende Warnung aus Forschersicht kommt nicht von ungefähr: Seit vorindustrieller Zeit ist die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre der Erde von 278 auf 400 Parts per Million gestiegen. Das ist ein Plus von 40 Prozent, was in den Ozeanen grundlegende Veränderungen in Gang gesetzt hat. „Die Weltmeere funktionierten bisher als Kühlschrank und Kohlendioxidspeicher unserer Erde. Sie haben zum Beispiel seit den 1970er Jahren rund 93 Prozent der durch den Treibhauseffekt von der Erde zusätzlich aufgenommenen Wärme gespeichert und auf diese Weise die Erwärmung unseres Planeten verlangsamt“, sagt Prof. Hans-Otto Pörtner, Co-Autor der Ocean-2015-Studie und Wissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Der Preis für diese Klimaleistung der Ozeane ist hoch. Infolge all dessen verändern sich die biologischen, physikalischen und chemischen Abläufe im Lebensraum Meer: Selbst in Tiefen von 700 Metern steigt die Wassertemperatur. Innerhalb eines Jahrzehntes sind Arten deshalb bis zu 400 Kilometer weit Richtung Pol abgewandert. Aufgrund der zunehmenden Versauerung können Korallen und Muscheln in vielen Meeresregionen weniger gut Kalkskelette bilden. Das Eis in Grönland und der Westantarktis schmilzt immer stärker und trägt zum Meeresspiegelanstieg

Zwei Szenarien des Handelns

Um die Konsequenzen des menschlichen Nicht-Handelns bei der Emissionsreduzierung auf die Ozeane zu erforschen, hat das Forscherteam der Ocean 2015-Initative zwei Emissionsszenarien zugrunde gelegt. Erstens: Wir erreichen das 2-Grad-Ziel der Begrenzung der globalen Erwärmung und zweitens: Wir machen weiter wie bisher. Dazu bewerteten sie die Kernaussagen des 5. Weltklimaberichtes sowie aktueller Fachliteratur im Hinblick auf die Risiken für die Ozeane. „Wenn es gelingt, den Anstieg der Lufttemperatur bis zum Jahr 2100 auf unter zwei Grad Celsius zu beschränken, steigt das Risiko vor allem für tropische Korallen und Muscheln in niedrigen bis mittleren Breiten auf ein kritisches Niveau. Andere Risiken bleiben in diesem Fall eher moderat“, sagt Leitautor Jean-Pierre Gattuso. Problem: Für diese bestmögliche Option ist jedoch eine schnelle und umfassende Reduktion des Kohlendioxidausstoßes nötig, so der Forscher.

Bleiben die Kohlendioxid-Emissionen dagegen auf dem derzeitigen Niveau von 36 Gigatonnen pro Jahr (Stand 2013), wird sich die Situation der Meere dramatisch verschärfen. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden die Veränderungen bis zum Ende dieses Jahrhunderts nahezu alle Ökosysteme der Ozeane betreffen und Meereslebewesen dauerhaft schädigen“, so Hans-Otto Pörtner. Dies wiederum hätte gravierende Auswirkungen auf alle Bereiche, in denen der Mensch den Ozean nutzt – sei es in der Fischerei, im Tourismus oder beim Küstenschutz. Schon jetzt gibt es massive Kämpfe um reduzierte Fischbestände an den afrikanischen und asiatischen Küsten, die bisher der Versorgung der Bevölkerung dienen, inzwischen aber von großen internationalen Flotten ausgebeutet werden.

Das Fenster schließt sich

Vor allem drängt die Zeit: Die Wissenschaftler geben zu bedenken, dass mit jedem weiteren Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre die Optionen zum Schutz, zur Anpassung und zur Regeneration der Meere geringer werden. „Der Zustand der Weltmeere liefert schon heute überzeugende Argumente für eine schnelle und umfassende Reduktion des weltweiten Kohlendioxidausstoßes. Jede neue politische Klimavereinbarung, welche das Schicksal der Ozeane außer Acht lässt, kann deshalb von vornherein nur unzureichend sein“, schreiben die Autoren im Schlusswort ihrer Studie.

Mit diesem Plädoyer zielen die Wissenschaftler auf die internationale UN-Klimakonferenz COP21 ab, die im Dezember 2015 in Paris stattfinden wird. In ihrer Studie geben sie den Verhandlungsführern und Entscheidungsträgern vier Kernaussagen mit auf den Weg:

Die Weltmeere beeinflussen maßgeblich das Klimasystem der Erde und nutzen dem Menschen auf vielerlei wichtige Weise.

Die Auswirkungen des vom Menschen gemachten Klimawandels auf Schlüsselarten im offenen Ozean und in Küstenregionen sind heute schon nachweisbar. Vielen dieser Tier- und Pflanzenarten drohen in den kommenden Jahrzehnten große Risiken, selbst wenn es gelingt, den Kohlendioxidausstoß zu begrenzen.

Eine sofortige und umfassende Reduktion des Kohlendioxidausstoßes ist dringend nötig, wenn wir großflächige und vor allem unumkehrbare Schäden am Lebensraum Meer und an seinen Dienstleistungen für den Menschen verhindern wollen.

Mit dem Anstieg der Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre sinken die Optionen zum Schutz und zur Regeneration der Meere sowie die Chancen der Lebewesen, sich an die schnell voranschreitenden Veränderungen anzupassen.

Die Wissenschaftler haben damit ihre Aufgabe zunächst erfüllt: Die Ocean 2015-Initiative war ins Leben gerufen worden, um Entscheidungsträgern der COP21-Verhandlungen umfassende Informationen zur Zukunft der Ozeane zur Verfügung zu stellen. Unterstützung erhielt das internationale Wissenschaftlerteam dabei auch von privater Seite: durch die Prince Albert II von Monaco Foundation, das Ocean Acidification International Coordination Center of the International Atomic Energy Agency, die BNP Paribas Foundation und die Monégasque Association for Ocean Acidification.?

Sina Löschke ist Pressereferentin am Alfred-Wegener-Institut, dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

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