Blick von unten in den Raum zwischen zwei Hochhäusern mit vielen grünen Balkonen.
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Die Grenzen der Energieeffizienz

Vorschriften zum Bauen gibt es in Deutschland wie in kaum einem anderen Land, zum schonenden Umgang mit Ressourcen dagegen kaum. Die Energieeinsparverordnung, kurz EnEV, führt jedenfalls nicht dazu. Der Kampf für Energieeffizienz hat Grenzen.

Ein Standpunkt von Klaus Dosch

Große Teile seines Lebens verbringt der Mensch in Gebäuden. Zehn Stunden in den eigenen vier Wänden, acht Stunden am Arbeitsplatz. Es ist daher kaum verwunderlich, dass auf das Konto Bauen und Wohnen ein erheblicher Anteil des deutschen Rohstoff- und Energieverbrauchs geht. Auch bei den Treibhausgasemissionen sind Bauen und Wohnen neben Mobilität und Stromerzeugung führend. 

Noch vor rund 50 Jahren waren Gebäude üblich, deren Hülle derart wärmedurchlässig war, dass sie jährlich bis zu 400 Kilowatt Heizenergie pro Quadratmeter verbrauchten. Der erste Ölschock in den frühen 1970er Jahren brachte nicht nur Sonntagsfahrverbote, sondern auch Verordnungen zur Begrenzung dieses Energieverbrauchs: Die erste Wärmeschutzverordnung trat am 1.11.1977 in Kraft. Im Laufe der Jahre wurde die Verordnung immer weiter verschärft, die zulässige Wärmemenge zur Beheizung immer weiter abgesenkt. Heute haben wir mit der EnEV 2016, der aktuellen Energieeinsparverordnung, beinahe 90 Prozent der Wärmemenge eingespart, die noch in den 1960er und 70er Jahren durch die Wände entfleuchte. Eine beispiellose Erfolgsgeschichte – oder etwa nicht?

Spätestens seit der neuen EnEV 2016 zeigen sich jedoch die Schattenseiten der Effizienzverbesserung. Die Einsparung von Energie beim Beheizen von Gebäuden erfolgt im Wesentlichen durch die Dämmung der Außenhülle. Die Dämmung wird immer dicker, die Gebäude werden immer dichter. 

Leider gilt beim Wärmedämmen, dass der erste Zentimeter Dämmung am wirksamsten ist. Er hält die meiste Energie zurück hält. Schon der zweite Zentimeter ist etwas weniger wirksam, der dritte noch weniger und so weiter. Der Herstellaufwand für jeden Zentimeter Dämmung bleibt jedoch gleich. Ökonomen kennen den Zusammenhang – das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen.

Weniger ist gut genug

Aber nicht nur Ökonomen. Ein anschauliches, garantiert populäres Beispiel ist das Aufräumen. Auch das größte Chaos ist in wenigen Stunden intensiver Arbeit deutlich geordnet. Flott ist Herumliegendes in Regale geräumt, einmal Staub gesaugt. 50 Prozent Ordnung in, sagen wir, 2 bis 3 Stunden. Soll es noch ordentlicher werden, ist mehr Arbeit angesagt: entscheiden, was vielleicht weggeworfen werden soll, Umräumen und anderes. 75 Prozent Ordnung beansprucht einen ganzen Tag. Auch das reicht nicht? 100 Prozent Ordnung sollen es sein! Wenn wir dann wirklich ALLES ordnen, abstauben, sortieren, putzen, polieren, trennen, entsorgen und katalogisieren vergeht vielleicht sogar eine Woche. Und ob wirklich 100 Prozent erreichbar sind, bleibt offen: Schließlich will niemand mit Wattestäbchen die Ecken säubern oder die Bücher im Regal der Größe nach sortieren, oder nach der Farbe, dem Autor, dem Titel. Auch hier gilt: Der Grenznutzen sinkt! Mit wachsender Ordnung steigt der Aufwand für ein Mehr an zusätzlicher Ordnung drastisch an.

Zurück zur Dämmung, denn ein zusätzlicher Faktor bleibt dabei ebenfalls unberücksichtigt: Ab einer bestimmten Dämmstärke benötigt ein zusätzlicher Zentimeter mehr Energie für die Herstellung und seinen Transport auf die Baustelle, als er in seiner Lebenszeit an Energie einsparen kann. Das ist abhängig von der eingesparten Energie, beispielsweise, ob Gas für die Wärme sorgt oder ein Pelletofen. Und natürlich bestimmen Rohstoffe und Herkunft der Dämmung, wie viel Energie für ihre Produktion und Transport aufgewendet werden musste. 

Dennoch soll es auf dem Pfad der Verbesserung der Energieeffizienz weiter gehen. Die europäische Gebäuderichtlinie wird derzeit dahingehend interpretiert, dass Gebäude in Zukunft weitgehend energie- und klimaneutral sein müssen – während ihrer Nutzung. 

Doch es regt sich Widerstand. Weitere Einsparmaßnahmen beim Wärmebedarf erfordern immer aufwändigere Maßnahmen. Beispielsweise benötigen schon aktuelle EnEV-Gebäude eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, damit die erwärmte Luft ja nicht unkontrolliert durch Ritzen oder Fugen entweichen kann. Je dichter, desto besser. 

Dabei gäbe es beim Bauen und Wohnen genug Potenzial für weniger Ressourcen- und Energieverbrauch und damit für mehr Klimaschutz. Finden wir uns damit ab, dass die Nutzungsphase von Gebäuden weitgehend durchoptimiert ist, jedenfalls im Sinne des Gesetzes des abnehmenden Grenznutzens. Suchen wir stattdessen die Potenziale in anderen Bereichen des Lebenszyklus und der Wertschöpfungskette des Bauens. Und nicht nur da werden wir fündig: Tatsächlich könnten weitere und veränderte Normen, Richtlinien, Verordnungen bis hin zu Steuern und Abgaben in eine klima- und ressourcenschonende Richtung wirken – man muss es nur tun!

Gebäude leichter machen

Bis zum Einzug in ein Gebäude sind bereits große Mengen an Energie und Ressourcen verbraucht und Treibhausgase freigesetzt worden. Sie werden bei der Rohstoffgewinnung der Baustoffe, den Transporten während der Produktion und zur Baustelle, bei der eigentlichen Produktion und auch beim Einbau der Baustoffe benötigt bzw. emittiert. 

Je weniger ein Gebäude an diesen Ressourcen während der Nutzungsphase benötigt, desto wichtiger wird diese Phase vor der eigentlichen Gebäudenutzung. Je nach Energiestandard eines Gebäudes können die Baustoffe für den Ressourcenverbrauch wichtiger sein als seine Nutzungsphase. Weitere Potenziale schlummern in durchdachten und flexiblen Grundrissen, die sich Nutzungsänderungen im Lebenszyklus des Hauses anpassen können. Langlebigkeit und Reparierbarkeit sind ein wichtiges Thema, ebenso wie die Verwendung von Recyclingmaterial und recyclinggerechte Bauweisen. 

In den Nachhaltigkeitsbewertungssystemen der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) werden diese Aspekte teilweise abgebildet. Insgesamt sind deren Verfahren aber derzeit nicht so verbreitet, wie es für einen umfassenden Ressourcenschutz beim Bauen wünschenswert wäre. Daran ist möglicherweise der Aufwand zur Bearbeitung dieser Systeme nicht ganz unschuldig, müssen für eine Bewertung doch rund 50 Indikatoren ermittelt und verarbeitet werden. 

Doch auch ohne DGNB oder BBSR lässt sich einiges tun. Kommunen können bei der Neuausweisung von Baugebieten jetzt schon Vorgaben in Bezug auf den Ressourcenverbrauch der Gebäude machen. In Eschweiler und Inden im Rheinischen Braunkohlenrevier zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen erprobt die Entwicklungsgesellschaft indeland mit ihrer Faktor X Agentur in zwei Neubausiedlungen ein solches Verfahren: Alle Gebäude müssen über einen Lebenszyklus von 50 Jahren mit der Hälfte an nicht erneuerbarer Primärenergie, nicht nachwachsenden Rohstoffen und Treibhausgasemissionen im Vergleich zu einem ortsüblich errichteten KfW55 Haus auskommen. Beide Siedlungen waren in kurzer Zeit „ausverkauft“. In beiden Kommunen werden derzeit neue Baugebiete für dieses ganzheitlich ressourceneffiziente Bauen erschlossen.

Siedlungen besser gestalten

Schaut man in die Statistik, erscheint der Trend zum freistehenden Einfamilienhaus ungebrochen:  65 Prozent der 2015 neu errichteten Gebäude hatten nur eine Wohnung, davon waren 62,5 Prozent freistehende Einfamilienhäuser, 15 Prozent Doppelhaushälften, 19,6 Prozent Reihenhäuser. Nur 2,9 Prozent entfielen auf andere Siedlungsformen, die eine höhere Verdichtung erlauben – freilich bei mindestens gleicher Wohnqualität für deren Nutzer.

Vom Ressourcenstandpunkt ist das freistehende Einfamilienhaus eine der ungünstigsten Siedlungsformen. Rundherum braucht es mindestens drei Meter Abstand zum Nachbarn – besser mehr. Die notwendige Grundstückgröße erfordert daher große Baugebiete und hohe Ausgaben für Bau und Unterhalt der Infrastruktur. Andere Plankonzepte bringen auf weniger Raum mehr Familien unter – bei gleicher oder besserer Freiraumqualität. Hier müssen sich Kommunen trauen, eingetretene Pfade zu verlassen. Auch vor dem Hintergrund immer weiter steigender Grundstücks- und Baupreise sind stadtplanerische Innovationen erforderlich. Gute Beispiele gibt es reichlich, Beispiele, die auch den kommunalen oder privaten Grundstücksverkäufern zeigen, dass ressourceneffiziente Siedlungsformen kein Ladenhüter sind.

Optimierungsvorschriften optimieren

Größtes Hindernis für die Ressourceneffizienz beim Bauen ist sicher die aktuelle EnEV. Sie ist DIE Optimierungsvorschrift beim Bauen. Wie wichtig diese Vorschriften sind, sehen wir beim Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) bei den PKW. Es ist diese Norm, nach der Fahrzeugentwickler Schadstoffausstoß und Kraftstoffverbrauch ihrer Produkte verbessern. Wie weit sich die Realität von den auf Prüfständen ermittelten Laborwerten entfernt hat, spiegeln die aktuellen Skandale um Stickoxide mehr als deutlich wieder.  

Eine neue Ressourcen-Einspar-Verordnung „ReEV“ könnte die Kreativität aller am Bau Beteiligten herausfordern, neue Lösungen zu denken, um lebenszyklusweit Energie, Treibhausgase und nicht-nachwachsende Rohstoffe einzusparen. Und würde dann noch aus dem bisherigen m2/m3-Bezug eine pro-Kopf-Bemessung, würde dies automatisch zu einer Renaissance raumsparender Siedlungs- und Wohnungskonzepte führen. 

Auch über kontraproduktive Baunormen ließe sich tagelang referieren. Überbordender Brandschutz, statische (Über-)Sicherheit – böse Zungen sprechen von Angststatik – und noch viel mehr bedingen einen hohen Ressourceneinsatz, dem kaum zählbarer Nutzengewinn gegenüber steht. 

Man muss sich also der Herausforderung stellen, derartige Vorschriftsrevolutionen im Dickicht der am Absatzwachstum interessierten Lobbyverbände in Deutschland und Europa durchzusetzen.

Klaus Dosch ist Geologe und Wirtschaftsingenieur und leitet die Faktor X Agentur der indeland-Entwicklungsgesellschaft.

Mehr Beiträge zum Thema Nachhaltiges, ressourceneffizientes Bauen im factory-Magazin Besser Bauen. Das steht kostenlos zum Download, ist schön illustriert und mit sämtlichen Beiträgen, Zahlen und Zitaten angenehm lesbar auf Tablets und Bildschirmen. Online im Themenbereich sind zunächst nur einige Beiträge verfügbar – dafür lassen sie sich dort auch kommentieren und bewerten.

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