Montag, 16. Oktober 2017

Welternährungstag 2017: Mehr Hunger trotz Industrie. Kleinbauern stärken, Konzernmacht begrenzen, Lebensmittelsystem beenden – das wollen die NGO

Die Bekämpfung des Hungers und die Ernährungssicherung stehen an zweiter Stelle  der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN. Trotz Rekordernten gibt es 2017 weltweit wieder fünf Prozent mehr hungernde Menschen. Das bisherige Lebensmittelsystem, das Kapitalgewinn über Menschenrechte stelle, müsse verändert werden, fordern Nichtregierungsorganisationen.

Die Bundesregierung muss sich für die Rechte von Kleinbauern einsetzen und die Macht des Agrobusiness einschränken – nur so kann Hunger nachhaltig bekämpft und eine Landwirtschaft betrieben werden, die die natürlichen Ressourcen des Planeten bewahrt. Darauf machen die Menschenrechtsorganisation FIAN und das katholische Hilfswerk Misereor in ihren Botschaften zum Welternährungstag am 16. Oktober aufmerksam, schreibt die Website Weltagarbericht.de.

FIAN prangert die anhaltenden systematischen Verletzungen der Menschenrechte von Kleinbauern und Kleinproduzenten im Lebensmittelsektor an, die bewirken, dass Kleinbauern besonders stark von Hunger betroffen sind, obwohl sie selbst den Großteil der Lebensmittel weltweit produzieren. „Dass sich trotz zunehmender Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln pro Kopf die Zahl der Hungernden seit Jahrzehnten kaum verringert hat, weist darauf hin, dass die wesentlichen Ursachen in systematischen Diskriminierungen beim Zugang zu Nahrung und Ressourcen zum Nahrungsmittelanbau liegen“, erklärt FIAN-Referentin Gertrud Falk. Erst kürzlich hatte die UN verkündet, dass die Zahl der unterernährten Menschen im letzten Jahr trotz Rekordernten und gefüllter Nahrungsmittelspeicher auf 815 Millionen Menschen gestiegen ist – 38 Millionen mehr als 2015.

Etwa 80 Prozent der Hungernden leben im ländlichen Raum. „Kleinbauern werden weltweit in fast allen Ländern von der Politik benachteiligt“, fügte Falk hinzu. Als Beispiel für die Diskriminierung von Kleinbauern nennt FIAN drei Beispiele: die EU-Agrarpolitik, von deren Förderung vor allem die Agrarindustrie profitiert sowie die internationalen Regeln für Saatgutrechte, welche Züchter gegenüber Kleinbauern bevorteilen.

Ein weiteres Problem ist die zunehmende Landnahme durch Regierungen und Agrarkonzerne. „Besonders schwerwiegend sind die Folgen von Diskriminierungen in Ländern des Globalen Südens, wo Kleinbauern oft keinen Zugang zu Medien und Justiz haben, um auf die Verletzungen ihres Rechts auf Nahrung hinzuweisen und Wiedergutmachung einzufordern“, erläutert Falk. FIAN fordert die Bundesregierung auf, national und international die Rechte von Kleinbauern zu stärken, unter anderem durch ein klares Bekenntnis zur geplanten „Internationalen Erklärung der Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die im ländlichen Raum arbeiten“, die aktuell vom UN-Menschenrechtsrat erarbeitet wird.

Auch Misereor sieht die wachsende Macht des Agrobusiness und seine negativen Folgen für Kleinbauern und die Umwelt mit großer Sorge. „Das Modell des Agrobusiness ist weder nachhaltig, noch leistet es einen zukunftsfähigen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt", unterstreicht MISEREOR-Chef Pirmin Spiegel.

Ein Agrarmodell, das auf dem großflächigen Einsatz von Pestiziden und teurem gentechnisch verändertem Saatgut beruht, gefährde die natürlichen Grundlagen für eine nachhaltige Landwirtschaft und die Gesundheit von Landarbeitern und Kleinbauernfamilien. Misereor verweist auf das Beispiel Südamerika, wo sich die Folgen der ressourcenintensiven industrialisierten Landwirtschaft deutlich zutage treten. Auf rund 57 Millionen Hektar - rund 1,5-mal die Fläche der Bundesrepublik – wird dort Soja für den Export nach China und in die EU angebaut. „Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte sich Paraguay selbst ernähren. Heute importiert das Land Nahrungsmittel im großen Maßstab. Der massive Einsatz von Agrarchemikalien auf den Feldern verseucht Wasser und Nahrung und kann zu schweren Vergiftungen führen“, berichtet Spiegel, der sich Anfang Oktober in Paraguay Betroffene besuchte. „Schwangere Frauen in den ländlichen Gebieten berichten von der Angst, dass ihre Kinder durch Pestizidbelastungen krank zur Welt kommen. Hinzu kommen Probleme wie Entwaldung, Landraub und die Zunahme von Gewalt durch Landkonflikte zwischen Kleinbauern und Großgrundbesitzern“, so Spiegel.

Von der neuen Bundesregierung erwartet Misereor, dass sie sich wie auch Frankreich gegen die Neuzulassung von Glyphosat ausspricht. „Die Unbedenklichkeit des Einsatzes ist nach wie vor nicht geklärt“, gibt Spiegel zu bedenken. Generell fordert Misereor die EU und die Bundesregierung auf, eine Politik zu stärken, die Bauernfamilien fördert und ihr Potenzial erkennt, statt einseitig ein Agrarmodell zu begünstigen, das die Macht weniger Konzerne ausbaut. „Nur so können wir den Hunger in der Welt nachhaltig bekämpfen und Ernährung in ihrer ganzen Breite begreifen“, betont Spiegel. 

Slow Food Deutschland e. V. richtet am Welternährungstag die Forderung an die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sowie an die Verbraucher, dem hoch industrialisierten Lebensmittelsystem ein Ende zu setzen.

"Es kann nur noch gut für alle weitergehen mit einer biologisch nachhaltigen Landwirtschaft, welche kleinbäuerliche Strukturen fördert, lokale Produktionsstätten wiederaufbaut und die Sorten- und Geschmacksvielfalt erhält. Das sichert den Menschen Zugang zu Nahrung sowie Arbeitsplätze in ihrer Region," so Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland e. V. 

Ein solcher Systemwechsel in der Lebensmittelproduktion gelinge nur mit einem entsprechenden politischen Willen und konsequentem Handeln. Enkeltauglichkeit müsse auf der politischen Agenda an erster Stelle stehen. Die drängenden Ernährungsfragen müssten ganzheitlich und Ministerien übergreifend gelöst werden. Dem Einsatz von Pestiziden, Herbiziden sowie Insektiziden muss durch effektive Richtlinien deutliche Grenzen gesetzt werden und fehlgeleitete Subventionen gilt es umzuschichten.

Allein in Europa ist Landwirtschaft der größte subventionierte Sektor. Die Finanzspritzen aber fließen nicht in die Ökologisierung der Landwirtschaft, sondern in flächenstarke Ackerbaubetriebe sowie zu außerlandwirtschaftlichen Investoren mit viel Bodenbesitz. "Solange die Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung in den Händen dieser Akteure liegt, gerät die Ernährungssicherheit immer stärker ins Wanken. Es ruiniert Kleinbauern, schädigt Umwelt und Tier und produziert Überschüsse, die in der Tonne landen oder in andere Länder exportiert werden. Dort zerstören sie die lokalen Märkte," erklärt Hudson und weist insbesondere auf den Skandal der Lebensmittelverschwendung hin.

Rund ein Drittel der weltweit hergestellten Produkte werden überhaupt nie verzehrt, während über 800 Millionen Menschen unter- und mangelernährt sind. Für diesen ökologischen und ethischen Skandal trägt jeder Verbraucher Mitverantwortung. Denn mit unseren täglichen Kaufentscheidungen nehmen wir Einfluss darauf, welche Kultur des Essens und der Lebensmittelproduktion aufrechterhalten wird.

Um die Debatte zur Reformation des Lebensmittelsystems zu unterstützen, haben Slow Food Deutschland und Misereor im Reformationsjubiläumsjahr 2017 das Thesenpapier 95 Thesen für Kopf und Bauch veröffentlicht. International läuft seit Oktober die Slow-Food-Kampagne Menu for change: Mit Genuss und Verantwortung gegen den Klimawandel. Verbrauchern werden hier konkrete Lösungen für einen täglich nachhaltigeren Konsum aufgezeigt.

Mehr zu den Möglichkeiten der Bekämpfung des Hungers durch ökologische Landwirtschaft in unserer Meldung zum Welternährungstag 2015.

Quelle: Weltagrarbericht, Slow Food Deutschland
Bild: Windräder, Christian Reimer, Flickr.com







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