• Weltkarte des Energiewende Index

    Bild: World Economic Forum

Donnerstag, 15. März 2018

Energiewende: Deutschland im internationalen Vergleich hinten

Ein internationales Ranking, wie weit die Staaten beim Wandel von der fossilen zur regenerativen Energiewirtschaft sind, zeigt, dass Deutschland seine internationale Vorreiterrolle bei der Energiewende längst verloren hat. Selbst in Europa sind inzwischen elf Länder besser als der Pionier, der wegen seines hohen Kohlestromanteils nicht voran kommt. Während Privathaushalte und Mittelstand hohe Strompreise zahlen, bleiben die Emissionen auf hohem Niveau. Vorbilder sind nun die Kohleausstiegsländer Dänemark und Großbritanninen, das mit einem CO2-Preis den Wandel voranbringt.

Energiewende ist als deutsches Wort auch international ein Begriff. Seine Erfinder werden im bevölkerungsreichsten Land Europas verortet, in den 1980er Jahren entstanden mit privater Initiative und garantierten staatlichen Einspeisevergütungen die Vorläufer des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes, dem EEG. Sie förderten Solar- und Windstromanlagen, Biogas und Solarthermie und den Anteil des regenerativ erzeugten Stroms auf 36 Prozent. Weltweit galt Deutschland lange Jahre als Musterland der regenerativen Energiepolitik, das EEG wurde vielfach kopiert.

Inzwischen hat Deutschland seine Vorreiterrolle verloren. Aus dem Spitzenreiter ist ein mittelmäßiger Mitläufer geworden. Das Rennen, auch bei Preisen, Innovationen und Wirtschaftstransformation, machen heute andere. Trotz stabiler politischer Rahmenbedingungen und hoher Wirtschaftskraft verfehlt der Wende-Erfinder sein zentrales Klimaziel, den CO2-Austoß bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu reduzieren. Gleichzeitig liegen die Strompreise für Haushalte und Industrie in Deutschland um rund 50 Prozent über dem Durchschnitt von 114 untersuchten Ländern. Zu diesem Ergebnis kommt der neue globale Energiewende-Index (Energy Transition Index, ETI), der am Mittwoch beim Weltwirtschaftsforum (WEF on Latin America) in São Paulo (Brasilien) vorgestellt wurde. Die Unternehmensberatung McKinsey & Company hat dafür in Zusammenarbeit mit dem WEF den Status der Energiewende in 114 Ländern anhand von 40 Indikatoren ermittelt.

Im ETI-Gesamtranking belegt die Bundesrepublik Platz 16. Allerdings schneiden im europäischen Vergleich gleich elf Länder besser ab als Deutschland, darunter der weltweite Spitzenreiter Schweden, Norwegen, die Schweiz, Finnland, Dänemark, Österreich sowie Großbritannien und Frankreich. Der Index zeigt: Deutschland steht vor größeren energiewirtschaftlichen Herausforderungen als viele andere Länder. Besonders deutlich wird dies mit Blick auf den Indikator "Struktur des Energiesystems". Hier belegt Deutschland Platz 110 von 114. Das liegt vor allem an Deutschlands Abhängigkeit vom Kohlestrom: Dessen Anteil beträgt immer noch 42 Prozent - auch weil er seit der Entscheidung zum Kernenergieausstieg einen hohen Beitrag zur Grundlastversorgung leistet. In der Kategorie "Umwelt- und Klimaschutz" kommt Deutschland weltweit nur auf Platz 61 - hauptsächlich wegen seines hohen CO2-Ausstoßes. Die Emissionen in Deutschland betrugen zuletzt 906 Megatonnen. Damit stagniert der Wert seit 2014 auf unverändert hohem Niveau.

Gute Versorgungssicherheit bei hohen Preisen

Bei der "System Performance", die den Fortschritt der Energiewende in den Dimensionen Umwelt- und Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit misst, landet Deutschland nur auf Platz 44 - noch hinter Ländern wie Paraguay, der Slowakei oder Indonesien. Verantwortlich hierfür sind unter anderem die hohen Strompreise für Privathaushalte (Platz 82) und kleinere Industriekunden mit einem Verbrauch von weniger als 500 Megawattstunden pro Jahr (Platz 110). Deutsche Privathaushalte zahlen aktuell 30,8 Cent pro Kilowattstunde und damit 46,6 Prozent mehr als ihre europäischen Nachbarn. Industriestrompreise stiegen in Deutschland zuletzt um 0,7 Prozent, während in Europa die Preise um 0,5 Prozent sanken. Das hiesige Preisniveau von 9,72 ct/kWh liegt nun 14,8 Prozent über dem europäischen Durchschnitt. In der Dimension "Versorgungssicherheit" zählt Deutschland mit Platz 14 weiterhin zu den besten Ländern der Welt.

Dänemark und Großbritannien als Vorbilder

Länder wie Dänemark (Platz 5 im ETI) oder Großbritannien (Platz 7) haben ihre Kohleabhängigkeit in den vergangenen Jahrzehnten mit großem Erfolg reduziert: Dänemark von 91 auf 28 Prozent und Großbritannien von 65 auf 9 Prozent. Gleichzeitig erhöhten sie die Anteile flexibler Erzeugung durch Gas und Wasserkraft. Dänemark ist es gelungen, seine CO2-Emissionen pro Kopf innerhalb von zehn Jahren um fast 44 Prozent zu senken - Deutschland um 6,5 Prozent. Dänemark hat dies ohne Kernenergie oder den Rückgriff auf substanzielle Wasserkraftressourcen erreicht. Großbritannien punktet insbesondere beim Indikator "Umwelt und Nachhaltigkeit" und hat zudem ein flexibles Stromsystem aufgebaut. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählt seit 2013 ein nationaler CO2-Mindestpreis, der auf Emissionen in der Stromerzeugung erhoben wird und bis heute über dem Preis des Europäischen Emissionshandels liegt, sowie der im Jahr darauf eingeführte Kapazitätsmarkt, der den Erhalt und Ausbau von flexiblen Kraftwerken unterstützt. Beide Maßnahmen ergänzen sich gegenseitig und stützen den 2015 beschlossenen Kohleausstieg bis 2025.

Der Energy Transition Index (ETI) wurde 2018 von McKinsey in Zusammenarbeit mit dem Weltwirtschaftsforum zum ersten Mal für 114 Länder erhoben. Ähnlich dem Energiewende-Index Deutschland misst er anhand von 40 Indikatoren den jeweiligen Status der Energiewende ("System Performance") sowie die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung ("Transition Readiness").



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